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Vierundzwanzigstes Kapitel

Nachdem ich früh am nächsten Morgen festgestellt hatte, daß die Ladung der »Hardinge« reibungslos gelöscht wurde, ging ich an Land zu Scheik Jussuf. Ich fand ihn dabei beschäftigt, mit Hilfe seiner Bischa-Polizisten, mit den erschreckten Dorfbewohnern und Leuten unseres braven Maulud in aller Hast eine Barrikade am Ende der Hauptstraße zu errichten. Fünfzig wildgewordene Maultiere wären, erzählte er mir, am Morgen ohne Halfter, Zügel oder Sättel von einem Schiff losgelassen worden. Mehr dem Glück als der Geschicklichkeit wäre es zu danken, daß man sie schließlich auf den Marktplatz hätte treiben können; jetzt wären alle Ausgänge sicher verrammelt, und dort müßten sie nun bleiben und zwischen den Ständen herumtoben, bis Maulud, für den sie bestimmt wären, das nötige Sattelzeug aus dem Nichts herbeigezaubert hätte. Es war die zweite Sendung von fünfzig Maultieren für die berittene Abteilung; und dank unserer Befürchtungen in bezug auf Janbo hatten wir glücklicherweise Stricke und Zaumzeug genügend für sie an Bord der »Hardinge«. So waren gegen Mittag die Verkaufsstände wieder offen und die Schäden wieder gutgemacht.

Ich begab mich zu Faisals Lager, wo es geschäftig zuging. Einige von den Stämmen erhielten ihren Monatslohn ausgezahlt; alle bekamen für eine Woche Lebensmittel; Zelte und schweres Gepäck wurden verwahrt und die letzten Vorbereitungen für den Marsch getroffen. Ich hatte mich zu dem Stab gesetzt und hörte ihren Reden zu: Fais el Ghusein, Beduinenscheik, türkischer Beamter, Chronist der Armeniermassaker, jetzt Sekretär; Nesib el Bekri, Grundbesitzer bei Damaskus, Faisals Gastgeber in Syrien, nun aus seiner Heimat vertrieben und zum Tode verurteilt; Sami, Nesibs Bruder, Graduierter der Rechtsschule, jetzt Hilfszahlmeister; Schefik el Eyr, ehemaliger Journalist, jetzt zweiter Sekretär, ein kleiner scheuer Mensch mit blassem Gesicht und flüsternder Sprechweise, ehrlicher Patriot, aber pervers in seinem Privatleben und daher kein sehr angenehmer Gefährte.

Hassan Scharaf, Arzt des Hauptquartiers, ein Prachtmensch, der nicht nur sein Leben, sondern auch seine Börse in den Dienst der arabischen Sache gestellt hatte, beklagte sich mit großem Gejammer darüber, daß in seinem Medizinkasten die Flaschen zerbrochen wären und der Inhalt sich über den Boden ergossen hätte. Schefik zog ihn auf und meinte: »Glaubst du denn, ein Aufstand wäre eine Vergnügungsreise?« und der Kontrast zwischen ihrer witzigen Art und der blassen Verzweiflung belustigte uns. In schwierigen Lagen wiegt ein Quentchen Alltagshumor eine ganze Welt von Geist auf.

Am Abend sprachen wir mit Faisal über den bevorstehenden Marsch. Die erste Etappe war kurz: bis Semna, wo es Palmpflanzungen und Brunnen mit reichlichem Wasser gab. Hinter Semna standen verschiedene Wege zur Wahl; darüber sollte erst entschieden werden, wenn unsere vorgeschickten Aufklärer Meldung zurückbrachten, wo sich Regenwasser angesammelt hatte. Auf dem direkten Wege an der Küste entlang waren es sechzig Meilen bis zum nächsten Brunnen, und das würde wohl zu weit sein für die große Zahl unserer Fußgänger.

Faisals Armee bei Bir el Waheda belief sich auf fünftausend Kamelreiter und fünftausenddreihundert Mann zu Fuß, mit vier Krupp-Gebirgskanonen und zehn Maschinengewehren; zum Transport hatten wir dreihundert Lastkamele. Alles Gepäck war auf das äußerste Maß beschränkt und blieb weit hinter dem zurück, was die Türken mit sich zu führen pflegten. Unser Aufbruch war für den 18. Januar gleich nach Mittag festgesetzt, und pünktlich zur Essenszeit hatte Faisal alle Vorbereitungen beendet. Wir waren eine heitere Runde: Faisal selbst, nun entspannt nach all der Verantwortung, Abd el Kerim, der nie sehr ernsthaft war, Scherif Dschabar, Nesib und Sami, Schefik, Hassan Scharaf und meine Wenigkeit. Nach Tisch wurde das Zelt abgebrochen; wir gingen zu unsern Kamelen, die gesattelt und beladen rings im Kreise lagen, von je einem Sklaven niedergehalten, den Fuß auf ihr untergeschlagenes Vorderbein gestellt. Der Paukenschläger, neben Ibn Dakhil, dem Kommandanten der Leibgarde, stehend, ließ sieben oder acht Paukenschläge ertönen, worauf alles still wurde. Wir blickten auf Faisal. Er erhob sich von seinem Teppich, wo er eben noch ein paar Worte zu Abd el Kerim gesprochen hatte, ergriff beide Sattelknöpfe, stemmte das Knie gegen die Flanke des Tieres und rief laut: »Laßt Gott für euch walten.« Der Sklave ließ das Kamel los und es sprang auf. Sobald es auf den Füßen stand, schwang Faisal das andere Bein über den Rücken, zog mit einer Armbewegung Kleid und Mantel unter sich und setzte sich im Sattel zurecht.

Als sein Kamel anritt, schwangen auch wir uns in den Sattel, und sämtliche Tiere richteten sich hoch, einige mit Gebrüll, die meisten aber ruhig, wie es sich für wohlabgerichtete Kamelstuten gehört. Nur junge Tiere, Hengste oder Schlechtrassige pflegten auf dem Marsch zu röhren, aber echte Beduinen ritten solche Tiere nicht, da das Geräusch sie bei Nacht oder bei überraschenden Angriffen hätte verraten können. Die Kamele trabten ziemlich heftig an, und wir Reiter mußten die Schenkel um die Vorderpauschen des Sattels klemmen und das Kopfhalfter aufgreifen, um das Tempo zu zügeln. Dann sahen wir uns nach Faisal um, klopften leicht den Kopf unseres Reittieres und drückten ihm die nackten Füße gegen die Schultern, bis wir in gleicher Linie mit Faisal waren. Ibn Dakhil kam heran, und nach einem raschen Blick über Gelände und Marschrichtung gab er den Ageyl einen kurzen Befehl, die daraufhin in zwei Flügel, rechts und links von uns, aufmarschierten. Das Manöver wurde sauber ausgeführt.

Die Ageyl waren Städter des Nedschd, Jugend aus Anaseh, Boreideh oder Ras, die zum Dienst im regulären Kamelreiterkorps sich für eine Reihe von Jahren verpflichtet hatte. Sie waren noch jung, zwischen sechzehn und fünfundzwanzig, großäugig, heiter, etwas gebildet, vorurteilslos, intelligent und gute Kameraden auf dem Marsch. Selten, daß einer unter ihnen stumpf oder träge war. Selbst in der Ruhe (wo die meisten Gesichter des Ostens leer sind vom Leben) boten sie noch einen ausdrucksvollen und anziehenden Anblick. Sie sprachen ein sehr feines und schmiegsames Arabisch und waren manierlich, oft etwas geziert im Auftreten. Da sie als Stadtkinder lenksam und verständig waren, achteten sie auf sich und ihre Vorgesetzten, ohne daß es immer erneuter Ermahnungen bedurfte. Ihre Väter betrieben den Kamelhandel, und sie selbst widmeten sich von Jugend an diesem Gewerbe. Daher waren sie das Wanderleben gewöhnt, gleich den Beduinen, während die dekadente Weichheit ihres Wesens sie fügsam machte und sie leicht die Härten und die körperlichen Strafen ertragen ließ, die im Osten als äußerliche Prüfsteine der Disziplin gelten. Im ganzen waren sie unterwürfige Naturen, hatten dabei aber doch das Zeug zu guten Soldaten und kämpften überlegt und tapfer, wenn sie mit Verständnis geführt wurden.

Da sie keinen Stammesverband bildeten, hatten sie auch keine Blutfeinde und konnten sich frei in der Wüste bewegen. Der ganze Zwischenhandel des Innern lag in ihren Händen. Der Gewinn war freilich nur mager in der Wüste, aber doch hoch genug, um sie hinauszulocken, da in ihrem Zuhause die Lebensbedingungen unerquicklich waren. Die Wahhabiten, Anhänger einer fanatischen Sekte des Islams, hatten auch der einst so heiteren Stadt Kasim ihre strengen Vorschriften auferlegt. In Kasim gab es wenig Kaffeegeselligkeit, viel Gebet und Fasten, keinen Tabak, kein poetisches Liebesspiel mit Frauen, keine Seidenkleider, keine goldenen oder silbernen Kopfschnüre oder Stickereien. Überall herrschte erzwungene Frömmigkeit oder erzwungener Puritanismus.

Das periodische Aufkommen asketischer Glaubenslehren in Zwischenräumen von weniger als einem Jahrhundert war für Zentralarabien ein natürliches Phänomen. Stets fanden die dem neuen Bund Geweihten, daß der Glaube ihrer Nachbarn von Nebensächlichkeiten überwuchert war, was in der hitzigen Phantasie ihrer Verkünder zu einem Abfall von Gott wurde. Immer wieder sind solche Bewegungen entstanden, haben die Stämme mit Leib und Seele gewonnen und sind dann regelmäßig zerschellt an den semitischen Städtern, den Kaufleuten und den lebensfrohen Kindern dieser Welt. Von ihrem heimischen Kerngebiet aus sind diese neuen Glaubensbewegungen über die Lande geflutet und wieder zurückgeebbt, wie der Wechsel der Gezeiten, und jede von ihnen trug durch das Übermaß an Selbstgerechtigkeit den Keim des Todes in sich. Zweifellos müssen sie immer wiederkehren, solange die Ursachen dauern: Sonne, Mond und Wind, die in der Leere der weiten offenen Räume ihre Gewalt ausüben und denen die unbeschwerten und unabgelenkten Gemüter der Wüstenbewohner ohne Gegengewicht ausgesetzt sind.

Aber an diesem Nachmittag dachten die Ageyl nicht an Gott, sondern an uns; und als Ibn Dakhil sie nach rechts und links ordnete, schwenkten sie voller Eifer ein. Dann kam ein auffordernder Trommelwirbel; und der Dichter des rechten Flügels stimmte einen schrillen Gesang an, einen frei erfundenen Zweizeiler zum Ruhm Faisals und der Herrlichkeiten, die er uns in Wedsch verschaffen würde. Der rechte Flügel horchte gespannt auf den Vers, nahm ihn auf und sang ihn gemeinsam einmal, zweimal, dreimal, stolz, selbstzufrieden und herausfordernd. Aber ehe sie zum vierten Male ansetzen konnten, stimmte der Dichter des linken Flügels eine Entgegnung aus dem Stegreif an, in gleichem Vers und Rhythmus, aber noch leidenschaftlicher im Gefühl. Der linke Flügel brach in Beifallstriumph aus, die Trommeln rasselten von neuem, die Bannerträger entrollten die großen, leuchtend roten Fahnen, und alles, rechts, links und in der Mitte, stimmte im Chor den brausenden Gesang der Leibgarde an, nach der alten Melodie:

»Britannien hab ich und Gallien verloren
Und Rom und die Schwüre, die sie geschworen,
Und verloren Lalage« –

nur sangen sie statt dessen von Nedsch, das sie verloren hatten, und den Frauen von Maabda und Dschidda und Suez. Es war ein schönes Lied im rhythmischen Takt, den die Kamele liebten, so daß sie die Köpfe senkten, die Hälse vorstreckten und mit weitausgreifenden Schritten träumerisch dahinschwankten.

Der Weg war heute nicht beschwerlich, denn er ging über feste Sandhänge, lange, sanft ansteigende Dünenwellen, kahl auf den Rücken, aber in den Mulden mit Gesträuch bewachsen und mit vereinzelten dürftigen Palmen in den feuchten Niederungen. Später, als wir gerade eine Senkung passierten, kamen von links zwei Reiter angaloppiert, um Faisal zu begrüßen. Den einen kannte ich, es war der alte, schmutzige, triefäugige Mohammed Ali el Beidawi, der Emir der Dschuheina; aber der andere schien mir fremd. Beim Näherkommen sah ich, daß er Khakiuniform trug, mit arabischem Mantel darüber, nebst seidener Schnur und Kopftuch, das reichlich schief saß. Er sah auf, und ich erkannte Oberst Newcombes sonnenverbranntes Gesicht mit den zwingenden Augen und dem heftigen Mund, ein breites gutmütiges Lachen zwischen den kräftigen Kinnbacken. Er war am gleichen Morgen in Um Ledschj angekommen, und als er hörte, daß wir gerade erst aufgebrochen waren, hatte er Scheik Jussufs schnellstes Pferd genommen und war uns nachgeritten.

Ich bot ihm mein zweites Kamel an und stellte ihn Faisal vor, der ihn gleich einem Jugendfreund begrüßte. Und sofort stürzten sie sich mitten in die Ereignisse, berieten, debattierten, entwarfen Pläne im Handumdrehen. Newcombes rasch zupackendes Ungestüm war hinreißend; und die Frische des Tages, die freudige Bewegtheit des Heeres gaben dem Marsch begeisterten Schwung und weckten eine Fülle froher Zukunftshoffnungen in uns.

Wir kamen durch Ghowaschia, eine dürftige Palmenpflanzung, und marschierten bequem über ein Lavafeld, dessen rauhe Oberfläche von Sand überdeckt war, gerade tief genug, um sie zu glätten, aber nicht so tief, daß man versank. Die Spitzen der höchsten Lavablöcke ragten heraus. Eine Stunde später kamen wir plötzlich auf einen Kamm, der über einen Sandhang ging, so steil, glatt und fest, daß man ihn fast eine Sandklippe nennen konnte, der zu einem breiten herrlichen Tal, mit runden Kieseln bedeckt, hinabführte. Das war Semna; unser Weg ging den Hang hinab und über Palmenterrassen hinweg.

Während des Marsches hatten wir den Wind im Rücken gehabt; so war es auf der Talsohle still und warm unter dem Schutz der großen Sandbank. Hier war unser Wasserplatz, wo wir warten wollten, bis unsere Aufklärer von der Suche nach Regenpfützen zurückkamen, wie es Abd el Kerim, unser Wegführer, bestimmt hatte. Wir ritten die vierhundert Yards durch das Tal den jenseitigen Hang hinauf, wo wir vor Überflutung sicher waren, und dort schlug Faisal leicht auf den Hals seines Kamels, bis es auf die Knie sank und sich niederließ. Hedschris breitete den Teppich für uns aus, und wir setzten uns mit den anderen Scherifs und scherzten, während der Kaffee heißgemacht wurde.

Ich rühmte Faisal gegenüber die Großartigkeit Ibrahim-Paschas, des Führers der Milli-Kurden im nördlichen Mesopotamien. Wenn er auf der Wanderung war, standen seine Frauen vor Morgengrauen auf, kletterten ganz leise auf das straff gespannte Zelttuch hinauf und lösten die Seile, während andere unten die Stangen hielten und dann fortnahmen, bis das ganze Zelt abgebrochen und im einzelnen auf die Kamele verladen war. Dann zogen sie davon, so daß der Pascha ganz allein auf seiner Lagerstätte unter freiem Himmel aufwachte, da, wo er sich zur Nacht in dem reichen Innengemach seines Palastzeltes niedergelegt hatte.

Dann stand er in aller Muße auf und trank Kaffee auf seinem Teppich; später wurden die Pferde gebracht, und man ritt dem neuen Lagerplatz zu. Wenn aber den Pascha unterwegs Durst ankam, winkte er seinen Dienern mit dem Finger, und der Kaffeekocher mit den schon bereitgehaltenen Töpfen auf dem brennenden Kohlenbecken, das mit eisernem Gestell am Sattel befestigt war, kam an seine Seite geritten, um den Trunk zu reichen, ohne daß der Marsch auch nur einen Augenblick unterbrochen zu werden brauchte. Und bei Sonnenuntergang fand man die Frauen vor dem aufgeschlagenen Zelt wartend, so wie es am Abend vorher gewesen war.

Heute war trübes Wetter, was nach der Überfülle an Sonnentagen uns so seltsam vorkam, daß Newcombe und ich uns immer wieder suchend auf dem Boden umblickten, wo denn unsere Schatten geblieben wären, indes wir uns über meine Hoffnungen und seine Wünsche unterhielten. Da beides völlig übereinstimmte, hatten wir Muße, uns Semna und seine schönen Pflanzungen sorgfältig gepflegter Palmen zwischen niedrigen Hecken aus Dornstrauch anzusehen. Hier und da stand eine Hütte aus Schilf und Palmrippen, als Obdach für die Eigentümer und ihre Familien in den Zeiten der Befruchtung und der Ernte. In den tiefer gelegenen Kulturen und dem Talbett gab es seichte, mit Holz eingefaßte Brunnen, deren Wasser, wie es hieß, schön süß und unerschöpflich sein sollte; aber es floß so langsam, daß wir die ganze Nacht brauchten, um die Masse unserer Kamele zu tränken.

Von Semna aus schrieb Faisal an fünfundzwanzig Führer der Billi, Howeitat und Beni Atijeh, um ihnen mitzuteilen, daß er mit seiner Armee bald in Wedsch sein würde und sie sich dort einfinden sollten. Mohammed Ali war eifrig tätig, und da fast alle unsere Leute seinem Stamm angehörten, erwies er sich sehr nützlich durch Formierung der Trupps und ihre Einteilung für den morgigen Marsch. Unsere Wasserspäher kamen zurück und meldeten, daß es auf dem Küstenwege seichte Tümpel an zwei gut gelegenen Stellen gebe. Nachdem wir sie noch genauer ausgefragt hatten, beschlossen wir, vier Abteilungen auf diesem Weg zu entsenden und die anderen fünf über die Berge; auf diese Weise hofften wir am schnellsten und sichersten nach Abu Serebat zu gelangen.

Die Einteilung der Marschroute war einigermaßen schwierig bei der recht dürftigen Hilfe der Musa Dschuheina, unserer landeskundigen Führer. Sie schienen keine kleinere Zeiteinheit zu kennen als den Halbtag, und keine andere Entfernungseinheit als Handspanne oder Tagesmarsch; und bei ihnen konnte ein Tagesmarsch sechs oder auch sechzehn Stunden bedeuten, je nach dem guten Willen von Mann oder Kamel. Die Verständigung zwischen den weit auseinandergezogenen Abteilungen war schwierig, da es oft keinen bei ihnen gab, der lesen oder schreiben konnte. Die Folge war, daß Aufenthalte, Verwirrung, Hunger und Durst den Vormarsch beeinträchtigten. Das wäre zu vermeiden gewesen, wenn wir Zeit gehabt hätten, vorher den Weg genauer zu erkunden. Die Tiere blieben fast drei Tage lang ohne Futter, und die letzten fünfzig Meilen hatte die Truppe nichts mehr zu essen und verfügte nur noch über eine halbe Gallone Wasser pro Mann. Das tat ihrer guten Laune keinen Abbruch; sie trotteten leidlich frohgemut auf Wedsch zu und ergötzten sich an heiserem Gesang oder tummelten sich in kleinen Scheingefechten. Aber Faisal meinte: noch ein solcher heißer, dürrer Tag, und es wäre um ihr Tempo und ihre Spannkraft geschehen.

Nach beendetem Tagewerk zogen Newcombe und ich uns in das Schlafzelt zurück, das uns Faisal als besonderen Luxus zur Verfügung gestellt hatte. Die Transportmöglichkeiten waren so beschränkt und zugleich von so ausschlaggebender Bedeutung für uns, daß wir Offiziere unsern Stolz darein setzten, nicht mehr Gepäck mit uns zu führen als der Mann, der sich auf das Allernotwendigste beschränken mußte; daher hatte ich bislang niemals ein eigenes Zelt besessen. Heute wurde es hart am Rande eines Abgrunds in den Vorbergen aufgeschlagen; die Schlucht war kaum breiter als das Zelt selbst und scharf gerandet, so daß der Steilhang unmittelbar vor den Stangen der Zeltklappe jäh abfiel. Hier fanden wir Abd el Kerim, den jungen Bedawi Scherif, sitzen und auf uns warten, bis an die Augen in Mantel und Kopftuch gehüllt, denn der Abend war kühl und Regen drohte. Er war gekommen, um mich um ein Maultier samt Sattel und Zaumzeug zu bitten. Die schmucke Erscheinung von Mauluds kleiner Schwadron in Breeches und Gamaschen und die prächtigen jungen Tiere auf dem Marktplatz in Um Ledschj hatten es ihm angetan.

Ich hielt ihn ein wenig zum Narren mit seiner Begehrlichkeit und vertröstete ihn damit, er möge nach unserm siegreichen Einzug in Wedsch mit seinem Anliegen wieder zu mir kommen; und damit gab er sich zufrieden. Wir waren todmüde, und endlich stand er auf um zu gehen; dabei fiel sein Blick in das Tal, wo ringsum in den Niederungen die Wachtfeuer der einzelnen Heeresabteilungen weithin leuchteten. Er rief mich vor das Zelt und mit dem Arm darüber hinweisend sagte er mit leichter Trauer: »Wir sind jetzt keine Araber mehr, sondern ein Volk.«

Aber ein wenig war er doch stolz darauf, denn der Vormarsch auf Wedsch war ihr größtes Unternehmen; es geschah zum erstenmal seit Menschengedenken, daß die Männer eines Stammes mit Gepäck, Waffen und Lebensmitteln für zweihundert Meilen ihre Wohnsitze verlassen hatten und in ein fremdes Gebiet zogen ohne Hoffnung auf Beute oder den Anreiz einer Blutfehde. Abd el Kerim war froh über diesen neuen Geist seines Stammes, aber auch wieder betrübt; denn für ihn bildeten die Freuden des Lebens ein flottes Kamel, treffliche Waffen und ein frisch-fröhlicher Überfall auf die Herden der Nachbarn; und je stärker Faisals Streben sich durchsetzte, um so weniger leicht zugänglich wurden den Führenden solche Freuden.


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