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Dreiunddreißigstes Kapitel

In diesem Zelt nun lag ich fast zehn Tage, so schwach und elend, daß mein körperliches Ich sich veranlaßt sah, davonzukriechen und sich zu verbergen, bis die Schmach vorüber war. Wie meist in solchem Zustand wurde mein Geist klarer, meine Sinne schärften sich; und so begann ich denn zuletzt, methodisch über den arabischen Aufstand nachzudenken, eine gewohnte Pflicht, die trotz aller Schmerzen zu erfüllen war. Er hätte schon längst durchdacht werden müssen; aber bei meiner ersten Landung im Hedschas war unmittelbares Handeln die dringendste Notwendigkeit gewesen, und wir hatten getan, was uns instinktiv das Beste schien, ohne das Warum zu erforschen, noch uns darüber klar zu werden, worauf wir eigentlich als Letztes hinauswollten. Der Instinkt, ohne den sicheren Unterbau erworbener Kenntnis und Überlegung angewandt, war so zu etwas rein Intuitivem, Weiblichem geworden und ließ nun meine Zuversicht dahinschwinden. Während dieser erzwungenen Muße begann ich daher, nach einem Ausgleich zwischen meinem theoretischen Wissen und meinem praktischen Verhalten zu suchen, und verbrachte die Pausen zwischen unruhigem Schlaf und Träumen damit, an der Wirrnis unserer Gegenwart herumzuzupfen.

Wie gesagt, war ich ebenso unglücklich als Leiter eines Feldzugs, wie ich Gefallen daran fand, und ich war ungeübt. In der Theorie des Krieges war ich leidlich belesen, und meine Oxforder Wißbegier hat mich von Napoleon zu Clausewitz und seiner Schule, zu Cämerer und Moltke und den neueren Franzosen geführt. Sie waren mir alle einseitig erschienen, und nachdem ich Jomini und Willisen eingesehen hatte, war ich schließlich bei den Schriftstellern des achtzehnten Jahrhunderts, dem Marschall von Sachsen und Guibert, auf umfassendere Grundsätze gestoßen. Indessen war Clausewitz ihnen allen geistig so überlegen und sein Buch so logisch und mitreißend, daß ich mir unbewußt seine Schlußfolgerungen zu eigen machte; bis ein Vergleich zwischen Kühne und Foch mir alle Militärs verleidete, mich all ihr beglaubigter Ruhm langweilte und ich mißtrauisch wurde gegen alle Erleuchtung, die von ihnen ausging. Jedenfalls aber war mein Interesse abstrakt geblieben, hatte sich mit der Theorie und Philosophie der Kriegführung, im besonderen nach der metaphysischen Seite hin, befaßt.

Jetzt im Felde aber war alles konkret, namentlich das lästige Problem Medina. Um mich abzulenken, begann ich, mir die auf den Fall anwendbaren Lehrsätze der modernen wissenschaftlichen Kriegführung ins Gedächtnis zu rufen. Aber sie paßten zu meinem Leidwesen nicht. Bisher war Medina ein uns alle faszinierendes Objekt gewesen; aber nun, da ich krank lag, war mir seine Erscheinung nicht mehr klar, sei es, daß wir zu nahe daran waren (denn man schätzt selten das Erreichbare) oder daß meine Augen durch allzu beharrliches Starren auf das Ziel getrübt waren. Eines Nachmittags erwachte ich aus fiebrigem Schlaf, in Schweiß gebadet und von Fliegen gefoltert, und da fragte ich mich, was in aller Welt Medina eigentlich für einen Wert für uns habe. Seine Gefährlichkeit war offenkundig, als wir in Janbo standen und die Türken von Medina aus gegen Mekka vordrangen; aber das hatte sich alles geändert durch unseren Marsch auf Wedsch. Heute blockierten wir die Bahn, und die Türken suchten sie zu verteidigen. Die Besatzung von Medina, nun zur Passivität verurteilt, lag in ihren Gräben und beraubte sich selbst ihrer Bewegungsmöglichkeit dadurch, daß sie ihre Transporttiere verzehrte, die sie nicht mehr ernähren konnte. Wir hatten ihr die Macht genommen, uns zu schaden, und trotzdem wollten wir ihnen durchaus Medina nehmen. Es war weder eine Operationsbasis für uns wie Wedsch, noch eine Bedrohung wie das Wadi Ajis. Wozu in aller Welt brauchten wir es also?

Nach der Erstarrung in den Mittagsstunden kam wieder Leben in das Lager, und die Geräusche der Außenwelt begannen durch das gelbe Futter des Zelttuches zu mir hereinzudringen, wo durch jede Ritze und jeden Riß das Sonnenlicht wie lange spitze Dolche stach. Ich hörte das Stampfen und Schnauben der Pferde, gepeinigt von Fliegen auf ihrem Stand draußen unter dem Schatten der Bäume, das Stöhnen der Kamele, den hellen Klang der Kaffeemörser, entfernte Schüsse. Gewissermaßen als Begleitung dazu begann ich, das Problem von dem Ziel im Kriege von allen Seiten zu beklopfen. In Büchern stand es klipp und klar: Vernichtung der feindlichen Streitkräfte durch das eine Mittel: die Schlacht. Sieg konnte nur durch Blut erkauft werden. Ein harter Spruch für uns. Da die Araber keine organisierten Streitkräfte besaßen, würde also ein türkischer Foch eines Ziels entbehren? Die Araber würden Verluste nicht aushalten. Wie demnach würde unser Clausewitz seinen Sieg erkaufen? Von der Goltz schien mir tiefer zu gehen, wenn er sagt, es sei nicht nötig, den Feind zu vernichten, sondern seinen Mut zu brechen. Nur zeigte sich für uns keinerlei Aussicht, jemals jemandes Mut zu brechen.

Mit Goltz war es also auch nichts; und jene klugen Männer müssen offenbar in Metaphern geredet haben. Denn zweifellos waren wir im Begriff, unseren Krieg zu gewinnen; und indes ich bedächtig überlegte, dämmerte mir, daß wir den Hedschaskrieg bereits gewonnen hatten. Von jedem Tausend Quadratmeilen des Hedschas waren jetzt neunhundertneunundneunzig vom Feinde frei. Sollte sich meine spöttische Bemerkung zu Vickery, daß Aufstand seinem Wesen nach mehr das Element des Friedens als des Krieges enthielt, so rasch bewahrheiten? Im Kriege mochte das Absolute herrschend sein, aber im Frieden genügte eine Mehrheit. Wenn wir nur das ganze übrige in der Hand hatten, mochten die Türken ruhig auf dem kleinen Reststück bleiben, das sie jetzt besetzt hielten, bis ihnen dann bei Friedensschluß oder meinetwegen am Jüngsten Tage die Zwecklosigkeit deutlich wurde, sich an irgendeiner Dachecke unseres Hauses anzuklammern.

Geduldig wischte ich immer wieder die gleichen Fliegen von meinem Gesicht, zufrieden in dem Gedanken, daß der Krieg im Hedschas gewonnen und damit erledigt war, gewonnen an dem Tag, als wir in Wedsch einrückten, falls wir klug genug waren, das zu erkennen. Dann ließ ich den Faden meiner Schlußfolgerungen wieder fallen, um zu hören, was draußen vorging. Das entfernte Schießen hatte zugenommen und sich zu langen unregelmäßigen Salven verstärkt. Dann hörte es auf. Ich lauschte aufmerksam auf die weiteren Geräusche, die nun, wie ich wußte, folgen würden. Wie erwartet, klang durch die Stille ein Rascheln wie das Schleppen von Kleidern über die Steine rings um die dünnen Wände meines Zeltes. Eine Pause nun, die Kamelreiter kamen heran, und dann das dumpfe Klopfen der Stöcke auf die Hälse der Tiere, um sie zum Niedergehen zu veranlassen.

Sie knieten geräuschlos nieder, und in Gedanken verfolgte ich die einzelnen Phasen: zuerst ein Zögern, wobei die Kamele, den Blick gesenkt, mit einem Fuß den Boden nach einer weichen Stelle abtasten; dann ein dumpfer Aufprall und das plötzliche tiefe Ausatmen der Tiere, wenn sie auf die Vorderbeine niedergingen, denn sie waren weit fort gewesen und nun ermüdet; darauf das Schurren, wenn sie die Hinterbeine nachzogen, und das Schaukeln, wenn sie sich hin und her warfen und mit den Knien nach auswärts scharrten, um sich in den kühleren Boden unter den brennendheißen Steinen einzugraben, während die Reiter mit einem raschen leichten Tappen der bloßen Füße – es klang wie das Laufen von Vögeln – schweigend davongingen, entweder zum Kaffeefeuer oder zu Abdullas Zelt, je nachdem, wohin ihre Angelegenheiten sie führten. Die Kamele blieben an Ort und Stelle, unruhig mit den Schwänzen den Kies fegend, bis ihre Herren wieder zurückkamen und für ihre Unterbringung sorgten.

Ich hatte den Anfang einer brauchbaren Theorie gefunden, mußte aber nun noch zu einer klaren Entscheidung über Sinn und Mittel des Krieges kommen. Der unsrige schien nicht mit den Lehren übereinzustimmen, deren Hauptvertreter Foch war, und ich rief ihn mir ins Gedächtnis zurück, um einen Wesensunterschied zwischen ihm und uns festzustellen. In seinem modernen Krieg – dem absoluten Krieg, wie er ihn nannte – stellten zwei Völker, die unvereinbare Weltanschauungen vertraten, die Entscheidung darüber der Probe der Gewalt anheim. Philosophisch gesehen war das ein Unsinn, denn, während man über Meinungen streiten konnte, sollten Überzeugungen mit Kanonen entschieden werden; und der Kampf konnte nur dann zu Ende kommen, wenn der eine Vertreter eines immateriellen Prinzips keine materiellen Verteidigungsmittel mehr gegen den Vertreter des anderen besaß. Das sah wie eine Erneuerung der Religionskriege im zwanzigsten Jahrhundert aus, deren logischer Ausgang die völlige Vernichtung des einen Bekenntnisses war, und deren Verkünder glaubten, daß Gottes Urteil den Ausschlag geben würde. Das mochte für Frankreich und Deutschland gelten, würde aber nicht der britischen Haltung entsprochen haben. Unsere Armee stand nicht zur Behauptung irgendeiner Weltanschauung in Flandern oder am Kanal. Versuche, unseren Leuten Haß gegen den Feind beizubringen, führten gewöhnlich dazu, daß sie den Krieg haßten. Übrigens hatte Foch seine eigne Beweisführung widerlegt durch die Behauptung, daß ein solcher Krieg das Aufgebot von Massen voraussetzte und unmöglich mit Berufsheeren zu führen war, während doch die alte Armee noch das britische Ideal war und ihre Kampfesweise Wunsch und Vorbild für unsere Offiziere und Mannschaften. Der Krieg Fochs schien mir nur eine die Vernichtung betonende Abart zu sein, im Grunde aber nicht absoluter als irgendein anderer. Man konnte ihn ebensogut als »Mordkrieg« definieren. Clausewitz hat alle Arten von Kriegen aufgezählt: persönliche Kriege, stellvertretende Massenduelle um dynastischer Zwecke willen, Verfolgungskriege aus parteipolitischen Gründen, Handelskriege für wirtschaftliche Ziele – selten, daß zwei Kriege einander glichen. Oft waren sich die Parteien nicht klar über ihr Ziel und gingen fehl, bis die Macht der Ereignisse die Oberhand gewann. Im allgemeinen neigte sich der Sieg dem Einsichtsvollen zu, wenn auch Zufall und überlegene Intelligenz das »unbeugsame« Naturgesetz in eine böse Wirrnis bringen konnte.

Ich fragte mich, warum Faisal die Türken zu bekämpfen wünschte, und warum ihm die Araber dabei halfen, und ich kam zu dem Schluß, daß ihr Kriegsziel geographischer Natur war: sie wollten die Türken aus allen arabischsprachigen Ländern vertreiben. Ihr friedliches Ideal der Freiheit war nur auf diese Weise erreichbar. Im Verfolg dieses Ideals konnte es geschehen, daß wir Türken töteten, denn wir waren ihnen von Herzen gram; aber das war eigentlich nur Nebensache. Wenn sie freiwillig gingen, wäre damit der Krieg zu Ende. Wenn nicht, würden wir sie dazu veranlassen oder versuchen, sie zu vertreiben. In diesem Falle würden wir zu dem äußersten Mittel des Blutvergießens und zu den Methoden des »Mordkriegs« gezwungen sein. Aber das mußte für uns so billig als irgend möglich geschehen, da die Araber für die Freiheit kämpften, eine Annehmlichkeit, der nur ein Lebender sich erfreuen konnte. Für die Nachwelt zu wirken, war eine recht frostige Angelegenheit, ganz gleich, wie sehr nun gerade einer seine eigenen oder anderer Leute Kinder lieben mochte.

An dieser Stelle hob ein Sklave meine Zeltklappe und fragte, ob der Emir mich zu sich bitten dürfte. Ich vervollständigte also, so gut es ging, meine Kleidung und schleppte mich zu dem großen Zelt hinüber, um die Tiefe seiner Beweggründe zu ermitteln. Es war ein behaglicher Raum, gut gegen das Sonnenlicht geschützt und dick mit schreiend bunten Teppichen belegt, die anilinfarbene Beute aus Hussein Mabeirigs Hause in Rabegh. Abdulla verbrachte dort den größten Teil des Tages, scherzte mit seinen Freunden oder vertrieb sich die Zeit durch irgendwelche Spiele mit Mohammed Hassan, dem Hofnarren. Ich brachte die mir erwünschte Unterhaltung in Gang zwischen Abdulla und Schakir und den gerade anwesenden Scheiks, unter denen auch der feurige Ferhan el Aida war, der Sohn von Doughtys Motlog; und ich wurde belohnt, denn Abdullas Worte waren klar und bestimmt. Er stellte die gegenwärtige Unabhängigkeit seiner Zuhörer in Gegensatz zu ihrer früheren Knechtschaft durch die Türken und erklärte rund heraus, daß alles Gerede über das Ketzertum der Türken, ihre falsche Lehre vom »Yeni-Turan« und der Illegitimität des Kalifats nicht zur Sache gehörten. Das Land gehöre den Arabern, und die Türken wären drin, darum allein handele es sich. Meine Überlegungen fanden also schlagende Bestätigung.

Am nächsten Tage zeigte sich eine starke Verschlimmerung meines Ausschlags, was zwar das Fieber abschwächte, aber mich noch länger untätig auf mein Lager in dem stickigen Zelt fesselte. Als es zu heiß wurde zum traumlosen Dahindämmern, nahm ich mein Knäuel wieder auf und fuhr fort, es auseinanderzufitzen. Ich betrachtete nun das ganze Gebäude des Krieges in seiner gesamten Struktur: was Strategie war in seinem Aufbau, was Taktik war, und wie es mit der Gesinnung seiner Bewohner stand, was zur Psychologie gehörte; denn meine persönliche Pflicht war Befehlen, und der Befehlshaber ist, gleich dem leitenden Architekten, für das Ganze verantwortlich.

Die erste Schwierigkeit bot die unrichtige Antithese zwischen Strategie, dem Zweck der Kriegführung, der Gesamtbetrachtung, die jeden Teil in seiner Beziehung zum Ganzen sah, und Taktik, dem Mittel zu einem strategischen Ziel, den einzelnen Stufen der Treppe. Sie schienen aber nur verschiedene Standpunkte zu sein, von denen aus man die Elemente des Krieges abschätzte: das rechnerische Element des Sachlichen, das biologische Element des Lebendigen und das psychologische Element des Ideellen.

Das rechnerische Element schien mir reine Wissenschaft zu sein, den mathematischen Gesetzen unterworfen, rein dinghaft. Es befaßte sich mit bekannten Größen, festen Beziehungen, wie Raum und Zeit und Unorganischem, wie Gebirgen, Klimata und Eisenbahnen, mit den Menschen rein als Masse ohne Rücksicht auf individuelle Verschiedenheiten, mit all den künstlichen Hilfsmitteln und der Erweiterung menschlicher Fähigkeiten durch mechanische Erfindungen. Das war im wesentlichen formelhaft.

Hier bot sich ein reiches Tummelfeld für Theoretiker. Da aber mein Denken dem Abstrakten abhold war, so wandte ich mich wieder Arabien zu. Übersetzt ins Arabische, würde sich der rechnerische Faktor praktisch zunächst mit dem Umfang des zu befreienden Gebiets zu befassen haben, und ich begann auszurechnen, wieviel Quadratmeilen das etwa sein mochten: sechzig-, achtzig-, einhundert- – vielleicht einhundertvierzigtausend Quadratmeilen. Und wie würden die Türken nun das alles verteidigen? Zweifellos durch eine Schützengrabenlinie quer über das Land, wenn wir wie eine richtige Armee mit fliegenden Fahnen angerückt kämen. Aber gesetzt, wir waren (wie wir es sein wollten) ein Einfluß, eine Idee, etwas Ungreifbares, Unverwundbares, ohne Front oder Rücken, umherströmend wie ein Gas? Armeen waren wie Pflanzen, unbeweglich, im Boden wurzelnd und ernährt durch lange nach oben führende Stiele. Wir konnten wie ein Dunst sein, der wehte, wohin es uns gelüstete. Unser Königreich lag in der Seele jedes einzelnen; und da wir nichts Materielles brauchten zum Leben, mochten wir auch nichts Materielles zum Töten darbieten. Der reguläre Soldat erschien hilflos ohne eine Zielscheibe; er besaß nur, was er besetzt hielt, und konnte sich nur unterwerfen, worauf er das Gewehr richten konnte.

Dann rechnete ich mir aus, wieviel Mann der Feind brauchen würde, um all dies Land besetzt zu halten und es vor unserem weiträumigen Angriff zu schützen, wobei auf jeder einzelnen nicht besetzten Quadratmeile von den Hunderttausend die Empörung aufflammen würde. Ich kannte die türkische Armee genau; und selbst wenn ich die neueste Erweiterung ihrer Wirkungsmöglichkeiten durch Flugzeuge, weittragende Geschütze und Panzerzüge (die das Schlachtfeld verkleinern) in Rechnung setzte, so würden sie voraussichtlich immer noch einen befestigten Posten für je vier Quadratmeilen nötig haben, und ein Posten konnte nicht schwächer sein als zwanzig Mann. Wenn das so war, würden sie sechshunderttausend Mann brauchen, um dem geheimen Widerstand des gesamten arabischen Volkes in Verbindung mit der aktiven Feindschaft einer geringen Zahl von Fanatikern zu begegnen.

Mit wieviel solcher Fanatiker konnten wir rechnen? Zur Zeit hatten wir ungefähr fünfzigtausend; das mochte vorläufig genügen. Bei diesem Element des Krieges jedenfalls schienen wir die Aktiva auf unserer Seite zu haben. Wenn wir unsere Rohstoffe ausnutzten und geschickt damit umgingen, dann konnten auch Klima, Eisenbahn, Wüste und technische Mittel zu unseren Vorteilen gerechnet werden. Die Türken waren stumpfsinnig und die Deutschen, die hinter ihnen standen, dogmatisch. Sie würden denken, daß Aufstand genau dasselbe wäre wie Krieg, und ihm nach Analogie des Krieges zu begegnen suchen. Aber Analogien in menschlichen Dingen führen immer in die Irre; und gegen Rebellion Krieg führen, das war eine mißliche und langwierige Sache, so als wollte man Suppe mit dem Messer auslöffeln.

Das mochte genug sein des Konkreten; so verließ ich die ἐπιστήμη das mathematische Element, und vertiefte mich in das Wesen des biologischen Faktors in bezug auf die Führung. In dieser Frage schien der springende Punkt zu liegen, eine Sache von Leben und Tod oder, weniger abschließend ausgedrückt, von Verbrauch und Verschleiß. Die Kriegsphilosophen hatten eine ganze Kunst daraus gemacht und einen Begleitumstand, »Blutvergießen«, zum Range einer Hauptsache erhoben, ein Vorgang, der unser ganzes körperliches Sein in Mitleidenschaft zog, und zwar in sehr hohem Maße. Eine veränderliche Größe, der Mensch, durchzog wie ein Sauerteig alle diese Berechnungen und machte sie unbestimmt. Diese Komponente gehörte in das Bereich des Fühlens und war unwägbar; und die Generäle schützten sich davor durch Ausscheiden von Reserven – das wichtigste Hilfsmittel ihrer Kunst. Goltz hat gesagt, daß man eine Reserve entbehren könnte, wenn die Stärke des Feindes bekannt und er voll entwickelt sei; aber das war niemals der Fall. Der General rechnete stets mit einem Zufall oder irgendeinem Versagen des Materials und begegnete dem schon ganz unbewußt durch Bereitstellung einer Reserve.

Das Gefühlselement der Truppe war nicht in Zahlen ausdrückbar, es mußte ertastet werden durch das, was Plato die δόξα nannte, und der größte Feldherr war der, dessen Intuition der Wirklichkeit am nächsten kam. Neun Zehntel der Taktik waren so fest umrissen, daß sie in Schulen gelehrt werden konnten; aber das letzte Zehntel war unerfaßbar, gleich dem Eisvogel, der über einen Teich dahinhuscht, und das gerade war der Prüfstein für einen Führer. Es konnte nur durch den Instinkt (geschärft durch Nachdenken bei der Durchführung des Unternehmens) erfaßt werden, bis es im Augenblick der Krise sich ganz von selbst einstellte – als ein Reflex. Es hat Führer gegeben, derenδόξα der Vollkommenheit so nahe kam, daß sie mittels ihrer zu der Bestimmtheit der ἐπιστήμη gelangten. Die Griechen würden eine solche Begabung zum Führertum νόησις genannt haben, wenn sie sich damit befaßt hätten, Aufstände theoretisch zu durchdenken.

Ich betrachtete nun die Möglichkeit, wieweit das auf uns selbst anwendbar war, und erkannte sofort, daß es nicht nur auf das Menschliche beschränkt blieb, sondern sich auch auf das Materielle erstreckte. In der Türkei war alles Material rar und kostbar, der Mensch wurde weniger hoch eingeschätzt als seine Ausrüstung. Für uns kam es darauf an, nicht die Armee der Türken, sondern ihre materiellen Hilfsmittel zu zerstören. Die Vernichtung einer türkischen Brücke oder Eisenbahn, einer Maschine oder Kanone oder eines Sprengstoffvorrats war für uns von größerem Nutzen als die Vernichtung eines Türken. Im arabischen Heer gingen wir zur Zeit sehr behutsam um mit Material wie mit Menschen. Die Regierungen pflegten die Menschen nur als Masse zu sehen; aber unsere Leute waren als Irreguläre keine festen Formationen, sondern Individuen. Der Tod eines einzelnen mochte, wie ein ins Wasser fallender Stein, nur eine kleine Beunruhigung verursachen, aber von ihr breiteten sich weite Kreise des Leids aus. Verluste konnten wir uns nicht leisten.

Material war leichter zu ersetzen. Es mußte unser klares Ziel sein, in irgendeiner Sorte Material merkbar überlegen zu werden, sei es in Sprengstoffen oder Maschinengewehren oder was sich sonst zum ausschlaggebenden Faktor machen ließ. Die orthodoxe Kriegslehre hatte den Grundsatz aufgestellt, daß man am entscheidenden Punkt oder im Augenblick des Angriffs an Menschenzahl überlegen sein müsse. Wir aber mußten an Material an dem entscheidenden Ort oder Zeitpunkt überlegen sein; und in bezug auf Menschen wie Dinge mußten wir aus Sparsamkeitsgründen jener Lehre eine Wendung nach der negativen Seite hin geben und überall schwächer sein als der Feind, ausgenommen an dem einen Punkt oder in der einen Sache. Die Entscheidung darüber, was als dieses wesentliche Moment anzusehen war, mußte immer bei uns liegen. Die meisten Kriege waren Begegnungskriege: beide Seiten strebten danach, miteinander in Berührung zu kommen, um taktische Überraschungen zu vermeiden. Unser Krieg mußte ein solcher des Ausweichens sein. Wir mußten den Feind in Schach halten durch die schweigende Drohung einer weiten, unbekannten Wüste und durften uns nur im Augenblick des Angriffs zeigen. Es durfte nur dem Namen nach ein Angriff sein, der sich nicht gegen den Feind selbst richtete, sondern gegen seine Hilfsmittel, nicht seine Stärke oder Schwäche aufsuchte, sondern sein am leichtesten zu treffendes Material. Die Bahnsprengungen zum Beispiel mußten an möglichst einsamen Teilen der Strecke erfolgen, und je verlassener sie waren, um so größer der taktische Erfolg. Wir mußten aus unserem Mangel ein herrschendes Prinzip machen (kein Gesetz, denn der Krieg ist antinomistisch) und eine richtige Kunst entwickeln, dem Feinde stets auszuweichen. Das stimmte mit der rechnerischen Forderung überein, niemals ein faßbares Ziel zu bieten. Eine große Anzahl Türken sind während des ganzen Krieges überhaupt gar nicht dazu gekommen, auf uns zu schießen; und dabei waren wir niemals in der Defensive, außer durch Zufall oder eine fehlerhafte Anordnung.

Überhaupt war das wichtigste bei einer solchen Kampfweise ein vollkommener Nachrichtendienst, damit wir unsere Entschlüsse in voller Sicherheit fassen konnten. Die Haupttriebfeder mußte der Kopf des Führers sein; und seine Kombinationen mußten fehlerlos sein, damit nichts dem Zufall überlassen blieb. Wenn wir vollständig und genau über den Feind Bescheid wußten, so würden wir in günstiger Lage sein. Wir mußten mehr Sorge auf unseren Nachrichtendienst verwenden, als irgendein Stab bei der regulären Truppe.

Ich kam zum Ende meiner Erwägungen. Der rechnerische Faktor war auf arabische Verhältnisse übertragen und ihnen wie ein Handschuh angepaßt. Er brachte uns nur Vorteile. Der biologische Faktor hatte uns die Linie eines taktischen Verhaltens vorgeschrieben, die der Art unserer Beduinen entsprach. Es blieb nur noch übrig, das psychologische Element in eine geeignete Form zu bringen. Ich griff auf Xenophon zurück und entnahm ihm, um eine zutreffende Bezeichnung zu gewinnen, das Wort »Diathetik«, eine von Kyros vor dem eigentlichen Zuschlagen geübte Kunst.

Von ihr war unsere »Propaganda« ein entstellter und wenig würdiger Nachfahre. Sie war das Pathos oder sogar auch das Ethos im Kriege. Zum Teil befaßte sie sich mit der Menge, war die Beeinflussung ihres Geistes bis zu dem Punkte hin, wo ihre Ausnutzung zur Tat nützlich erschien, und zugleich die vorausgehende Leitung dieses sich wandelnden Geistes auf ein bestimmtes Ziel hin. Zum Teil befaßte sie sich mit dem Individuum, und dann wurde sie eine seltene Kunst menschlicher Überzeugungskraft, die darin bestand, durch eine zweckvolle Erregung über die logische Stufenfolge des Denkens hinwegzutragen. Sie war feiner geartet als die Taktik und reizvoller zu handhaben, da sie es mit unberechenbaren Größen zu tun hatte, mit Menschen, die für den direkten Befehl unzugänglich waren. Sie betraf die Erforschung der Stimmung unserer Leute, ihrer Gefühlsrichtungen und Gemütsschwankungen und die Pflege alles dessen, was unseren Absichten zu nützen versprach. Wir mußten die Geister unserer Leute ebenso sorgfältig und regelrecht in Kampfordnung bringen, wie andere Offiziere ihre Soldaten zur Schlacht aufstellten. Und nicht nur die Gemüter unserer eigenen Leute, wenn auch die natürlich zuerst kamen. Wir mußten ebenso die Gemüter des Feindes beeinflussen, soweit sie uns erreichbar waren; dann auch die Gemüter der übrigen Teile des Volkes, die uns hinter der Feuerlinie unterstützten, da sich die Hälfte des Kampfes dort im Rücken abspielte; ferner auch die Gemüter des feindlichen Volks, das den Urteilsspruch erwartete; dann die der Neutralen, die beobachtend beiseite standen – also Kreis auf Kreis.

Es gab vielerlei unwillkommene materielle Schranken, aber moralisch gab es keine Unmöglichkeiten, und so würde die Reichweite unseres diathetischen Wirkens unbegrenzt sein. Für uns an der arabischen Front bestand darin das Hauptmittel zum Siege; und die Neuheit der Sache war unser Vorteil. Die Druckerpresse, wie jede neuentdeckte Methode der Nachrichtenübermittlung, begünstigte das Intellektuelle vor dem Physischen, wie die Zivilisation überhaupt stets den Geist auf Kosten des Körpers nährt. Wir Amateursoldaten begannen mit unserer Kriegskunst in der Atmosphäre des zwanzigsten Jahrhunderts, übernahmen Mittel und Waffen ohne jedes Vorurteil. Aber dem regulären Offizier, mit der Tradition von vierzig Generationen im aktiven Dienst Stehender hinter sich, galten die alten Waffen als die ehrenvollsten. Da wir uns selten damit zu befassen hatten, was unsere Leute taten, aber stets damit, was sie dachten, so würde für uns die Diathetik mehr als die Hälfte des Führertums ausmachen. In Europa wurde sie etwas nebensächlich behandelt und Leuten außerhalb des Generalstabs anvertraut. In Asien waren die regulären Elemente so schwach, daß die Irregulären die moralischen Waffen nicht ungenutzt verrosten lassen durften.

Schlachten in Arabien zu schlagen war ein Fehler, denn der einzige Vorteil für uns war dabei der, daß der Feind seine Munition verschoß. Napoleon hat gesagt, daß man selten Generäle findet, die bereit sind, Schlachten zu schlagen; aber der Fluch dieses Krieges war gerade, daß es so wenige gab, die etwas anderes tun wollten. Der Marschall von Sachsen hat erklärt, sinnwidrige Schlachten wären ein Ausweg für Stümper; aber sie schienen mir eher Notwendigkeiten der Seite zu sein, die sich für schwächer hielt – Unausweichbarkeiten, das Glück zu versuchen, entweder aus Mangel an Raum oder aus dem Zwang, einen materiellen Besitz zu verteidigen, der kostbarer erschien als das Leben der Soldaten. Wir hatten nichts Materielles zu verlieren, daher war unsere beste Taktik, nichts zu verteidigen und auf nichts zu schießen. Unsere Trümpfe waren Schnelligkeit und Zeit, nicht aber Vernichtungsfähigkeit. Die Erfindung der Fleischkonserve brachte uns mehr Vorteil als die Erfindung des Schießpulvers, gab uns aber eher strategische als taktische Stärke, denn in Arabien bedeutete Reichweite mehr als Truppenzahl, Raum mehr als die Schlagkraft von Armeen.

Ich hatte nun acht Tage in dem einsamen Zelt gelegen und meine Ideen auf einer allgemeinen Linie Wenn auch nicht ganz so erfolgreich, wie es hier erscheinen möchte. Ich durchdachte meine Probleme hauptsächlich im Hinblick auf den Hedschas, sie erläuternd durch das, was ich von seinen Bewohnern und seiner Geographie kannte. Aber das niederzuschreiben würde zu lang geworden sein; und die Beweisführung war auf das Abstrakte zusammengedrängt, wodurch sie mehr nach der Lampe als nach dem Kampffeld roch. Aber das ist ja leider bei fast allen Militärschriftstellern der Fall. gehalten, bis mein Gehirn, müde vom wesenlosen Denken, durch eine Anstrengung des Willens zu seiner Arbeit getrieben werden mußte und immer wieder ins Dahindösen verfiel, sobald der Antrieb nachließ. Das Fieber ging vorüber, meine Dysenterie besserte sich, und mit den zurückkehrenden Kräften trat auch die Gegenwart wieder für mich in den Vordergrund. Konkrete und bedeutungsvolle Tatsachen drängten sich in meine Träumereien, und mein unbeständiger Geist bog bereitwillig in all diese Auswege ein. Daher brachte ich meine schattenhaften Erkenntnisse rasch zu Papier, um sie klar festgelegt zu haben, bevor mir die Fähigkeit schwand, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Es schien mir erwiesen, daß unser Aufstand eine unantastbare Basis hatte, gesichert nicht nur vor einem Angriff selbst, sondern auch vor der Besorgnis vor einem Angriff. Er hatte als Gegner einen innerlich schwachen Feind fremden Bluts, als Okkupationsarmee auf ein Gebiet verteilt, das zu umfangreich war, um von befestigten Postierungen aus wirklich beherrscht werden zu können. Er hatte eine freundlich gesinnte Bevölkerung hinter sich, von der etwa zwei vom Hundert aktiv tätig waren, während der Rest der Sache im stillen so weit zugeneigt war, daß er die Bewegungen der Kämpfenden nicht verriet. Die tätigen Rebellen besaßen die Tugenden der Verschwiegenheit und Selbstbeherrschung und die Vorzüge der Schnelligkeit, Ausdauer und der Unabhängigkeit von Nachschublinien. Sie hatten eine zureichend technische Ausrüstung, um die rückwärtigen Verbindungen des Feindes lahmzulegen. Eine Provinz war gewonnen, wenn wir ihre Bewohner so weit hatten, daß sie für unser Ideal der Freiheit zu sterben bereit waren. Die Anwesenheit des Feindes war dabei nebensächlich. Der Endsieg schien gewiß, wenn der Krieg lange genug dauerte, daß unser Aufstand zur vollen Auswirkung kommen konnte.


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