Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Kurz vor dem jenseitigen Uferrand öffnete sich das Dickicht, und lehmiger Boden erschien, in dem ein tiefer, brauner Wasserpfuhl lag, achtzig Fuß lang und etwa fünfzehn breit. Das war das Flutwasser von Abu Serebat, unserm Ziel. Wir rückten noch einige Yards weiter, vorbei an den letzten Büschen, und erreichten das offene Nordufer, wo Faisal den Lagerplatz bestimmt hatte. Es war eine ungeheure Ebene aus Sand und Kies, die sich bis an den Fuß des Raal erstreckte und genügend Platz für alle Armeen Arabiens bot. Wir hielten die Kamele an, die Sklaven entsattelten sie und schlugen die Zelte auf, während wir hingingen, um den Maultieren zuzuschauen, die, ausgedürstet vom langen Tagesmarsch, sich samt der Begleitmannschaft in den Weiher stürzten und hier vergnügt bockend im Wasser herumplantschten. Der Überfluß an Brennholz war eine weitere Annehmlichkeit, und überall, wo sich eine Gruppe Lagergefährten ihren Platz gewählt hatte, brannte ein fauchendes Feuer – allen sehr willkommen, denn der Abendnebel lagerte acht Fuß dick über dem Tal, und die feuchte Kühle steifte unsere wollenen Mäntel und setzte sich in silbernen Tröpfchen auf dem rauhen Gewebe ab.

Die Nacht war schwarz und mondlos, doch über der Nebelschicht funkelnd von Sternen. Wir standen auf einem Hügel in der Nähe unserer Zelte beisammen und blickten über das Gewoge des weißen Nebelmeeres. Zeltspitzen ragten daraus hervor, und zerfließende Rauchsäulen entstiegen ihm, die von unten her beleuchtet wurden, wenn die Wachtfeuer höher aufflammten, gleichsam emporgetrieben vom wechselnden Lärm der unsichtbaren Armee. Als ich mich in diesem Sinne äußerte, verbesserte mich der alte Audi ibn Suweid, indem er sagte: »Nicht eine Armee, sondern ein ganzes Volk rückt hier gegen Wedsch vor.« Ich freute mich über dieses Wort, denn um der Erweckung eben dieses Gefühls willen hatten wir uns ja die ganze Zeit auf einem so schwierigen Marsch mit einer ungelenken Männerhorde abgemüht.

An diesem Abend begannen die Billi verschüchtert sich bei uns einzufinden und schworen Treue, denn das Tal des Hamdh bildete ihre Grenze. Auch Hamid el Rifada von den Billi kam mit zahlreicher Gefolgschaft angeritten, um Faisal seine Ergebenheit zu bezeugen. Er erzählte, daß sein Vetter Suleiman-Pascha, der Oberste des Stammes, sich in Abu Adschadsch, fünfzehn Meilen nördlich von uns, aufhalte und sich verzweifelt bemühe, ausnahmsweise zu einem klaren Entschluß zu kommen, nachdem er ein Leben lang ganz einträglich gewankt und geschwankt hatte.

Später trat, ohne Ankündigung oder Gepränge, der Scherif Nasir von Medina ins Zelt. Faisal sprang auf, umarmte ihn und führte ihn zu uns. Nasir machte einen hervorragenden Eindruck, ganz so, wie es nach allem, was wir von ihm gehört hatten, unserer Erwartung entsprach. Er war der Wegbereiter, der Vorläufer von Faisals Erhebung, der Mann, der in Medina den ersten Schuß abgefeuert hatte und der unseren letzten Schuß in Muslimijeh jenseits Aleppo abfeuern sollte, an dem Tage, als die Türkei um Waffenstillstand bat. Und von Beginn bis Schluß des Feldzuges war nur Rühmendes von ihm zu sagen.

Er war ein Bruder Schehads, des Emirs von Medina. Die Familie leitete ihre Abstammung von Hussein ab, dem jüngeren von Alis Söhnen; und sie waren die einzigen Nachkommen Husseins, die als Aschraf, nicht als Saada anerkannt waren. Sie waren Schiiten schon seit den Tagen von Kerbela, und gegenüber den Emirs von Mekka spielten sie im Hedschas nur eine zweite Rolle. Nasir selbst war eigentlich ein Liebhaber friedlichen Gartenbaus, aber wider seinen Willen war seit der Knabenzeit sein Schicksal Krieg gewesen. Er mochte jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sein. Seine breite, niedere Stirn fügte sich gut zu den sinnenden Augen, und der weiche, gefällige Mund und das schmale Kinn traten deutlich hervor unter seinem gestutzten schwarzen Bart.

Er hatte sich zwei Monate hier und in der Gegend von Wedsch aufgehalten und brachte uns die Nachricht, daß die bisher an unserer Straße stehenden Vorposten des türkischen Kamelreiterkorps heute früh auf die Hauptverteidigungsstellung zurückgezogen worden wären.

Am nächsten Morgen schliefen wir lange, um uns für die notwendigen Audienzstunden zu stärken. Ihre Hauptlast trug Faisal selbst. Nasir, als zweiter im Kommando, unterstützte ihn, und die beiden Brüder Beidawi setzten sich auch dazu und halfen. Der Tag war klar und warm und drohte heiß zu werden. Newcombe und ich schlenderten umher, sahen uns die Mannschaften an und das Tränken an der Wasserstelle und beobachteten den Zustrom Neuankommender. Als die Sonne hoch stand, kündigte eine große Staubwolke im Osten das Nahen eines größeren Trupps an. Wir gingen zu den Zelten zurück und sahen Mirsuk el Tikheimi, Faisals forschen mausgesichtigen Haushofmeister, ins Lager einreiten. Er führte seine Stammverwandten von den Dschuheina im Galopp wie zur Parade am Emir vorbei. Der aufwirbelnde Staub benahm uns den Atem; denn der Vortrab, ein Dutzend Scheiks, die eine große rote und eine große weiße Fahne führten, zogen ihre Säbel und jagten immer wieder um unsere Zelte herum. Uns imponierten weder ihre Reitkünste noch ihre Streitrösser – vielleicht weil sie eine Plage für uns waren.

Gegen Mittag trafen die Wuld Mohammed Harb und die Berittenen des Ibn Schefia-Bataillons ein, dreihundert Mann unter Scheik Salih und Mohammed ibn Schefia. Mohammed war ein rundlicher, etwas grob aussehender kleiner Mann von fünfundfünfzig Jahren, energisch und verständig. Er sollte sich bald einen besonderen Ruhm im arabischen Heer erwerben, denn er ließ sich alle grobe Arbeit übertragen. Seine Leute waren der Abhub des Wadi Janbo, ohne Besitz und Anhang, oder städtische Arbeiter aus Janbo, durch keinerlei angestammte Würde gehemmt. Sie waren gefügiger als alle unsere anderen Truppen, mit Ausnahme der weißhändigen Ageyl, die aber zu schön waren, um sie zu groben Diensten zu verwenden.

Wir waren bereits zwei Tage hinter der mit der Flotte vereinbarten Zeit zurück, und Newcombe entschloß sich, noch am selben Abend nach Habban vorauszureiten. Dort wollte er Boyle treffen, um ihm mitzuteilen, daß wir die Verabredung mit der »Hardinge« nicht einhalten könnten, daß wir aber sehr froh wären, wenn das Schiff am 24. Januar nochmals in Habban sein könnte, zu welcher Zeit wir dort eintreffen und dringenden Bedarf an Wasser haben würden. Auch wollte er zusehen, ob der Angriff von See sich nicht auf den fünfundzwanzigsten verschieben ließe, damit der verabredete Plan eingehalten bliebe.

Nach Dunkelwerden kam ein Bote von Suleiman Rifada mit einem Kamel als Geschenk, das Faisal behalten sollte, wenn er freundlich, und zurückschicken, wenn er feindlich gesinnt sei. Faisal, voller Unmut, erklärte sich außerstande, für einen so schwächlichen Menschen Verständnis aufzubringen. Nasir versicherte: »Ja, das kommt daher, weil er Fisch ißt. Der Fisch steigt ihm zu Kopf, und die Folge ist dann solches Betragen.« Die Syrier und Mesopotamier und die Leute aus Dschidda und Janbo lachten laut, um zu zeigen, daß sie den Glauben der Hochlandaraber nicht teilten, daß einer von ihnen eine Sünde beginge, wenn er von den drei verächtlichen Speisen koste – Hühner, Eier, Fisch. Faisal sagte mit spöttischem Ernst: »Du beleidigst die Anwesenden, wir essen gern Fisch.« Andere widersprachen: »Wir unterlassen es und nehmen unsere Zuflucht zu Gott«, und Mirsuk meinte, um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben: »Suleiman ist eben etwas Unnatürliches, weder Fisch noch Vogel.«

Früh am nächsten Morgen marschierten wir in aufgelösten Reihen drei Stunden das Wadi Hamdh hinunter. Dann bog das Tal nach links, wir kamen über eine trostlose, einförmige Niederung. Es war kalt heute; ein harscher Nordwind, die graue Küste entlang, fuhr uns ins Gesicht. Während des Marsches hörten wir von Zeit zu Zeit Artilleriefeuer aus der Gegend von Wedsch, und wir mußten fürchten, daß die Flotte die Geduld verloren und ohne uns den Angriff begonnen hatte. Doch konnten wir ja die verlorenen Tage nicht wieder einholen; und so marschierten wir denn unser langweiliges Pensum ab, einen Nebenfluß des Hamdh nach dem andern überquerend. Die ganze Ebene war von diesen Wadis durchzogen, alle schmal, steil und steinig, so zahlreich und verworren wie Adern in einem Blatt. Schließlich stiegen wir bei Kurna wieder zum Hamdh hinab, und obgleich der lehmige Boden nur Schlamm hielt, wurde hier das Lager aufgeschlagen.

Während wir uns einrichteten, gab es plötzlich Lärm. Nach Osten zu hatte man weidende Kamele gesehen, und die Unternehmungslustigen unter den Dschuheina machten sich auf, fingen die Tiere und trieben sie ins Lager. Faisal war wütend und schrie ihnen zu, haltzumachen; aber sie waren zu aufgeregt, um zu hören. Er ergriff sein Gewehr und schoß auf den Vordersten: dieser purzelte vor Schreck aus dem Sattel, so daß die anderen stoppten. Faisal ließ die Gesellschaft vor sich kommen, hieb mit seinem Reitstock auf die Anführer ein, beschlagnahmte die Kamele und, zur gerechten Strafe, auch die der Diebe. Dann ließ er die Tiere ihren Eigentümern, den Billi, wieder zustellen. Hätte er nicht so gehandelt, so würde der Vorfall wahrscheinlich einen Sonderkrieg mit den ortsangesessenen Stämmen – unseren Verbündeten von morgen – entfacht und ein weiteres Vorrücken über Wedsch hinaus vereitelt haben. Von solchen Kleinigkeiten konnte unser Enderfolg abhängig sein.

Am nächsten Morgen marschierten wir bis an die Küste und erreichten um vier Uhr Habban. Die »Hardinge« lag wirklich draußen, zu unserer großen Erleichterung, und landete Wasser; aber die schmale Bucht gab nur geringen Schutz, und in der schwer rollenden See war das Ankommen für die Boote gefährlich. Die erste Ladung reservierten wir für die Maultiere und gaben, was an Wasser übrig blieb, den erschöpften Fußgängern. Es wurde eine unruhige Nacht. In dichten Haufen drängten sich die Durstigen um die Tanks im Licht der Scheinwerfer und hofften auf einen Trunk, wenn die Boote nochmals die Landung wagen würden.

Ich ging an Bord und erfuhr, daß die Flotte den Angriff, ohne die Landarmee abzuwarten, begonnen hätte; denn Boyle hatte gefürchtet, daß bei längerem Zögern die Türken davonlaufen würden. Tatsächlich hatte der türkische Kommandant, Ahmed Tewfik-Bej, am gleichen Tage, als wir Abu Serebat erreichten, eine Ansprache an die Garnison gehalten und dabei erklärt, Wedsch müßte bis zum letzten Blutstropfen gehalten werden. Dann, bei Dunkelheit, hatte er sich mit wenigen gut berittenen Begleitern nach der Eisenbahn davongemacht. Die zweihundert Mann Infanterie beschlossen ihrerseits, die Pflicht, die er versäumt hatte, gegenüber dem Landungskorps zu erfüllen; doch standen sie einer gegen drei und das schwere Feuer der Schiffsgeschütze hinderte sie daran, ihre Stellungen richtig auszunutzen. Soweit auf der »Hardinge« bekannt war, hatte der Kampf noch nicht geendet, aber die Stadt Wedsch war bereits von Marinesoldaten und Salehs Arabern besetzt.


 << zurück weiter >>