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Viertes Kapitel

Der erste große Vorstoß in das Gebiet um das Mittelmeer bewies der Welt die Wucht des Arabers, der in der Entflammung für kurzen Zeitraum eine ganz ungewöhnliche Kraft entfalten kann. Sobald aber die Spannung nachließ, offenbarte sich der Mangel an Ausdauer und Gründlichkeit im Charakter der Semiten. Die Provinzen, die sie erobert hatten, ließen sie rein aus Abneigung vor systematischer Arbeit verkommen und waren bei der Verwaltung ihres schlechtgefügten und unzusammenhängenden Reichs auf die Hilfe ihrer neuen Untertanen oder tatkräftigerer Fremden angewiesen. So konnten schon im frühen Mittelalter die Türken in den arabischen Staaten festen Fuß fassen, zuerst als Diener, dann als Gehilfen und schließlich als übermächtig gewordene Parasiten, die das Leben des alten Reichskörpers erstickten. Zuletzt kam eine Phase des Einreißens, als ein Hulagu oder Timur ihren Blutdurst stillten und alles niederbrannten und zerstörten, was durch einen Anspruch auf Überlegenheit ihren Zorn reizte.

Die arabische Zivilisation war abstrakter Art, mehr moralisch und intellektuell als physisch, und ihr Mangel an Gemeinsinn machte ihre ausgezeichneten individuellen Eigenschaften wertlos. Aber in ihrer Epoche waren sie vom Glück begünstigt: Europa war der Barbarei verfallen, die Erinnerung an griechische und lateinische Bildung schwand aus dem Gedächtnis der Menschen. Aus diesem Gegensatz heraus erschien das Nachahmungstalent der Araber schöpferisch und ihr Staat blühend: Aber sie erwarben auch wirkliches Verdienst dadurch, daß sie klassische Vergangenheit für die Zukunft des abendländischen Mittelalters bewahrten.

Mit dem Auftreten der Türken wurde diese Blütezeit zu einem entschwundenen Traum. Nacheinander gerieten alle Semiten Asiens unter ihr Joch und starben darunter langsam dahin. Ihrer Besitztümer wurden sie beraubt; ihr Geist schrumpfte ein unter dem erstarrenden Hauch eines Militärregiments. Türkische Herrschaft hieß Polizeigewalt; die politischen Theorien der Türken waren so roh wie ihre Praxis. Sie brachten den Arabern bei, daß die Interessen einer Sekte höher ständen als die des Vaterlands und daß die Nebensächlichkeiten der Provinz wichtiger wären als die Nation. Die säten Uneinigkeit unter sie und brachten sie dahin, einander zu mißtrauen. Sogar die arabische Sprache wurde aus Gerichten und Ämtern, aus Verwaltung und höheren Schulen verbannt. Araber konnten nur dem Staate dienen, wenn sie ihre rassische Eigenart aufopferten. Diese Maßnahmen wurden nicht ruhig hingenommen. Die Beharrlichkeit der Semiten zeigte sich in den zahlreichen Aufständen in Syrien, Mesopotamien und Ägypten gegen die groben Formen türkischer Durchdringung; und ebenso erhob sich Widerstand gegen ihre hinterhältigeren Versuche der Aufsaugung. Die Araber dachten nicht daran, ihre reiche und schmiegsame Sprache gegen das rohe Türkisch einzutauschen; statt dessen durchsetzten sie das Türkische mit arabischen Worten und hielten sich an die Schätze ihrer eigenen Literatur.

Sie verloren den Sinn für ihr Land, für ihre völkischen, politischen und historischen Erinnerungen. Aber um so fester hingen sie an ihrer Sprache und machten sie fast zu einem Vaterland für sie. Die oberste Pflicht jedes Moslem war, den Koran zu studieren, das heilige Buch des Islams, nebenbei auch das größte arabische Literaturdenkmal. Das Wissen darum, daß diese Religion die seinige und nur er allein imstande war, sie vollkommen zu verstehen und auszuüben, gab jedem Araber einen erhöhten Standort, von dem aus er auf die kläglichen Leistungen der Türken herabblickte.

Dann kam die türkische Revolution, der Fall Abdul Hamids und der Sieg der Jungtürken. Sofort lichtete sich der Horizont für die Araber. Die jungtürkische Bewegung war eine Auflehnung gegen den hierarchischen Aufbau des Islams und gegen die panislamischen Theorien des alten Sultans, der den Anspruch erhoben hatte, als geistlicher Leiter aller Moslemin zugleich ihr alleiniger und absoluter weltlicher Herrscher zu sein. Unter dem Antrieb konstitutioneller Theorien vom souveränen Staat erhoben sich die jungen Politiker und warfen den Sultan ins Gefängnis. Zu einer Zeit also, da Westeuropa gerade anfing, die Nationalität um der Internationale willen aufzugeben und an Kriege dachte, die nichts mehr mit Rassenproblemen zu tun hatten, fing Westasien an, die Katholizität gegen eine nationalistische Politik einzutauschen und von Kriegen zu träumen, die nicht mehr für Glauben und Dogma, sondern für die nationale Selbständigkeit geführt wurden. Diese Bestrebungen hatten zuerst und am stärksten im Nahen Osten eingesetzt, in den kleinen Balkanstaaten, und hatten sie durch fast beispielloses Märtyrertum zu ihrem Ziel geführt: der Loslösung von der Türkei. Später hatte es nationalistische Bewegungen in Ägypten, Indien, Persien und schließlich in Konstantinopel gegeben, wo sie von den neuen amerikanischen Erziehungsideen noch unterstützt und verschärft worden waren, Ideen, die, auf den alten Orient losgelassen, als gefährlicher Explosivstoff wirkten. Die amerikanischen Schulen, die nach den Grundsätzen freier Forschung unterrichteten, traten für Unabhängigkeit der Wissenschaft und unbeschränkte Meinungsäußerung ein. Ohne es zu wollen, lehrten sie die Revolution, denn es war für den Einzelnen in der Türkei unmöglich, zugleich ein moderner Mensch und ein treuer Untertan zu sein, wenn er einem der unterworfenen Völker angehörte – den Griechen, Arabern, Kurden, Armeniern oder Albanern –, über welche die Türken so lange zu herrschen vermocht hatten.

Im Vertrauen auf ihren ersten Erfolg ließen sich die Jungtürken von der Logik der von ihnen vertretenen Prinzipien weitertreiben und predigten als Protest gegen die panislamischen Bestrebungen die allgemeine Verbrüderung der Osmanen. Die unterworfenen Völker – weit zahlreicher als die Türken selbst – glaubten nur allzugern, daß man sie zur Mitarbeit am Bau des neuen Ostens aufgerufen habe. Erfüllt von den Lehren Herbert Spencers und Alexander Hamiltons, stellten sie eiligst ein Programm sehr weitgreifender Reformen auf und begrüßten die Türken als ihre Gesinnungsgenossen. Erschrocken über die Kräfte, die sie entfesselt hatten, erstickten die Türken das Feuer so schnell, wie sie es geschürt hatten. Die Türkei den Türken – Yeni-Turan – wurde ihre Parole. Späterhin richtete sich diese ihre Politik naturgemäß auf die Befreiung ihrer Irredenta – die von Rußland unterworfenen Türkvölker in Zentralassen. Aber zuvor mußten sie ihr eigenes Reich von den störenden fremden Volkselementen säubern, die sich der Türkisierung widersetzten. Die Araber, als der stärkste fremde Volksteil in der Türkei, mußten zuerst an die Reihe kommen. So wurden die arabischen Abgeordneten fortgejagt, die arabischen Bünde verboten, die arabischen Notabeln geächtet. Arabische Kundgebungen und die arabische Sprache wurden von Enver-Pascha noch rücksichtsloser unterdrückt als früher von Abdul Hamid.

Doch die Araber hatten einen Vorgeschmack der Freiheit bekommen. Sie konnten ihre Anschauungen nicht so rasch wechseln wie Kleider; und die stärksten Geister unter ihnen waren nicht so leicht niedergeworfen. Wenn sie türkische Zeitungen lasen, ersetzten sie in den nationalen Auslassungen das Wort »Türkisch« durch »Arabisch«. Unterdrückung trieb sie zur Gegenwehr. Da ihnen gesetzmäßige Auswege versperrt waren, wurden sie Revolutionäre. Die arabischen Gesellschaften bestanden unterirdisch weiter; aus liberalen Vereinen wurden Verschwörungsherde. Die »Akhua«, die arabische Muttergesellschaft, wurde offiziell aufgelöst. Sie wurde in Mesopotamien durch die gefährliche »Ahad« ersetzt, eine streng geheime Bruderschaft, die fast nur aus arabischen Offizieren der türkischen Armee bestand. Die Mitglieder schwuren, sich die militärischen Kenntnisse ihrer Herren anzueignen und sie gegen diese im Dienste des arabischen Volkes zu gebrauchen, wenn der Augenblick des Aufstandes gekommen war.

Es war eine weit verbreitete Gesellschaft; sie besaß eine sichere Basis in den schwer zugänglichen Gegenden des südlichen Irak, wo Sayid Taleb, der junge John Wilkes Oppositioneller Heißsporn zur Regierungszeit des Königs Georg III. von England (A. d. Ü.). der arabischen Bewegung, die Macht in seinen gewalttätigen Händen hielt. Siebzig vom Hundert aller aus Mesopotamien stammenden Offiziere gehörten ihr an; ihre Zusammenkünfte wurden so geheimgehalten, daß die Mitglieder bis zuletzt die höchsten Stellen im türkischen Heer bekleideten. Als der letzte Zusammenstoß kam, Allenby zuschlug und die Türkei zusammenbrach, befehligte ein Vizepräsident der Gesellschaft die Trümmer der Palästinaarmeen auf dem Rückzug, und ein anderer führte die türkischen Streitkräfte über den Jordan in die Gegend von Amman. Selbst später, nach dem Waffenstillstand, waren hohe Stellungen der türkischen Verwaltung mit Männern besetzt, die bereit waren, sich auf ein Wort ihrer arabischen Führer hin gegen ihre Herren zu wenden. Den meisten von ihnen wurde ein solcher Befehl niemals erteilt; denn diese Gesellschaften waren nur proarabisch und gewillt, für nichts anderes als die arabische Unabhängigkeit zu kämpfen. Sie sahen keinen Vorteil darin, die Alliierten an Stelle der Türken zu unterstützen, und schenkten unseren Versicherungen keinen Glauben, daß wir sie frei machen wollten. Viele von ihnen gaben auch einem durch die Türkei geeinten, wenn auch in elender Unterwerfung gehaltenen Arabien den Vorzug vor einem unter mehreren europäischen Mächten in Einflußsphären aufgeteilten und unter einer leichteren Herrschaft träge dahinlebenden Arabien.

Umfangreicher als die »Ahad« war die »Fetah«, der syrische Freiheitsbund. Die großen Grundbesitzer, Gelehrten, Schriftsteller vereinigten sich in dieser Gesellschaft mit gemeinsamem Eid, mit Losungsworten, Abzeichen, einer Presse und einem Bundesschatz zum Sturz des Türkischen Reichs. Die geräuschvolle Gewandtheit der Syrier – eines affenähnlichen Volkes, das viel von der japanischen Lebhaftigkeit hat, aber schwach ist – schuf in kurzer Zeit eine gewaltige Organisation. Sie sahen sich nach auswärtiger Hilfe um und wollten die Freiheit nicht durch Opfer, sondern Verhandlungen erringen. Sie knüpften Verbindungen an mit Ägypten, mit der Ahad (deren Mitglieder mit echt mesopotamischer Unbeugsamkeit jene ziemlich verachteten), mit dem Scherif von Mekka und mit Großbritannien, überall Bundesgenossen für ihre Sache suchend. Auch die Fetah wahrte streng das Geheimnis; und wenn auch die Regierung eine Ahnung von ihrem Bestehen hatte, gelangte sie doch nicht in den Besitz sicherer Beweisstücke über die Führer oder Mitglieder des Bundes. Sie mußte mit dem Zugriff warten, bis sie ausreichende Beweise gegenüber den englischen und französischen Diplomaten in der Hand hatte, die in der Türkei gewissermaßen die Funktion der öffentlichen Meinung ausübten. Der Kriegsausbruch 1914 rief die fremden Geschäftsträger ab und gab der türkischen Regierung Freiheit, zuzuschlagen.

Die Mobilmachung legte alle Macht in die Hände von Enver, Talaat und Dschemal – drei der rücksichtslosesten, konsequentesten und ehrgeizigsten Jungtürken. Sie zögerten nicht, alle nichttürkischen Strömungen im Staate auszumerzen, namentlich den arabischen und armenischen Nationalismus. Für den ersten Schritt wurde ihnen eine willkommene und brauchbare Waffe in den Geheimpapieren eines französischen Konsuls in Syrien geliefert, der in seinem Konsulat die Abschriften eines Briefwechsels (über die arabische Freiheitsbewegung) mit einem arabischen Bund zurückgelassen hatte. Dieser Bund, der nicht mit der Fetah in Verbindung stand, war von den Kreisen der schwatzhaften und wenig ernst zu nehmenden Intelligenz der syrischen Küstengebiete gegründet worden. Die Türken waren natürlich sehr froh darüber; denn gerade die Franzosen waren durch ihre koloniale Ausbreitung in Nordafrika bei den arabischsprachigen Teilen der Islamwelt sehr schlecht angeschrieben. Dschemal benutzte den Fund, um seinen Religionsgenossen zu beweisen, daß die arabischen Nationalisten ungläubig genug waren, das christliche Frankreich der mohammedanischen Türkei vorzuziehen.

Für Syrien brachten diese Enthüllungen natürlich wenig Neues; aber die Mitglieder des Bundes waren bekannte und geachtete, wenn auch etwas weltfremde Männer. Ihre Verhaftung und Verurteilung und die danach folgenden Verschickungen, Verbannungen und Hinrichtungen wühlten das Land im tiefsten auf und zeigten den Arabern des Fetah-Bundes, daß sie daraus eine Lehre ziehen müßten, wenn ihnen nicht das gleiche Schicksal wie den Armeniern bevorstehen sollte. Die Armenier waren gut bewaffnet und organisiert gewesen, aber ihre Führer hatten sie im Stich gelassen. Sie waren einzeln entwaffnet und aufgerieben worden; die Männer hatte man hingerichtet, die Frauen und Kinder mitten im Winter nackt und hungrig in die Wüste hinausgetrieben, jedem Vorüberkommenden zur Beute, bis der Tod sie erlöste. Die Jungtürken hatten die Armenier vernichtet, nicht weil sie Christen, sondern weil sie Armenier waren; aus eben dem Grunde sperrten sie arabische Moslemin und arabische Christen gemeinsam in das gleiche Gefängnis und knüpften sie nebeneinander an dem gleichen Galgen auf. So war es Dschemal-Pascha, der alle Klassen und Bekenntnisse Syriens unter dem Druck gemeinsamen Unglücks und gemeinsamer Gefahr einigte und damit die Vorbereitung des Aufstands ermöglichte.

Die Türken mißtrauten den arabischen Offizieren und Soldaten in ihrem Heer und hofften, sie nach den gleichen Methoden unschädlich machen zu können, die sie gegen die Armenier angewandt hatten. Anfangs standen dem Transportschwierigkeiten im Weg, und Anfang.1915 kam es in Nordsyrien zu einer bedenklichen Ansammlung arabischer Divisionen (fast ein Drittel der ursprünglichen türkischen Armee bestand aus Arabischsprechenden). Man verteilte sie, sobald es die Umstände gestatteten, schickte sie nach Europa, an die Dardanellen, nach dem Kaukasus, an den Kanal – überall hin, wo sie rasch in die Feuerlinie kamen und dem Gesichtskreis oder der Unterstützung ihrer Landsleute entzogen waren. Der »Heilige Krieg« wurde verkündet, der dem Banner »Einigkeit und Fortschritt« in den Augen der klerikalen Konservativen etwas von dem ehrwürdigen Heiligenschimmer der einstigen Kalifenheere verleihen sollte. Und der Scherif von Mekka wurde aufgefordert – oder es wurde ihm vielmehr befohlen –, dem Ruf Widerhall zu geben.


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