Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie der junge Stoelping abtrat

Als die alten Stoelpings spät in der Nacht das Licht in ihrem Zimmer löschten und sich wie gewöhnlich mit einem Händedruck Gute Nacht wünschten, sagte der Alte:

»Er hat es besser überstanden, als ich dachte. Er ist ruhig und gefaßt und findet sich damit ab.«

Frau Ella seufzte.

»Zu ruhig ist er mir, ganz unnatürlich ruhig. Mir wäre lieber, wenn er ein bißchen toben würde.«

»Du kannst ganz unbesorgt sein! die Ilse, die ist die richtige Frau für ihn, die gibt acht und läßt es gar nicht dazu kommen, daß er viel darüber nachdenkt. Man tut am besten, man spricht überhaupt nicht mehr mit ihm davon. Dann kommt er am schnellsten darüber hinweg.«

»Gott gebe, daß du recht hast!« sagte Frau Ella – und lag, ohne ein Auge zu schließen, die ganze Nacht über in schweren Gedanken. Der alte Stoelping aber legte sich auf die Seite und schlief ein. –

 

Der junge Stoelping war, als Arzt und Eltern ihn verlassen hatten, erst noch einen Augenblick liegen geblieben. Dann hatte er sich im Bett aufgesetzt und die Tritte der Eltern verfolgt – wie sie die Treppe hinuntergingen, die Tür zu ihrem Zimmer öffneten, eintraten, die Tür hinter sich schlossen –, dann war er eilig aus dem Bett gesprungen.

Er setzte sich an den Schreibtisch, öffnete den Umschlag, der seine Exposé über den Fall Hempel an den Minister enthielt, entfaltete es hastig und las es noch einmal. An vielen Stellen nickte er zustimmend mit dem Kopf – er war mit seiner Arbeit zufrieden.

Dann sah er nach der Uhr. Es war eben 11 Uhr vorbei. Er klingelte nach dem Diener.

»Legen Sie mir meinen Frack heraus, ich gehe noch eine Stunde in den Klub.«

Der Diener staunte, und als er einen Augenblick zögerte, klopfte ihn der sonst so förmliche Stoelping auf die Schultern und sagte heiter:

»Was, Johann, da staunen Sie! Aber mir geht's wieder ganz gut. Besser als je! und darum gehe ich noch eine Stunde in den Klub.«

Fünf Minuten später saß er im Pelz und Frack in seinem Auto. Er überzeugte sich, daß er das Exposé für den Minister bei sich hatte, zündete sich eine Zigarette an, streckte sich behaglich in seinem Wagen und sagte vor sich hin:

»Jetzt ist mir viel leichter! viel leichter ist mir jetzt!«

Er stürzte die Treppen zum Klub hinauf, fragte den Diener: »Ist Exzellenz Möller oben?« zog sich, als der erwiderte: »Bereits seit einer halben Stunde,« seinen Pelz aus und betrat, als wenn er von einem Diner oder aus dem Theater kam und im Vorübergehen noch ein paar Freunde begrüßen wollte, die Klubräume.

Wie zufällig kam er an den Ekartétisch des Ministers, sah erst zu, sprang dann, als sein Partner ging, für ihn ein, spielte eine Stunde lang angeregt und in bester Stimmung und trank dann im Vorraum mit dem Minister noch eine Tasse Mokka.

»Warum machen Sie sich so selten?« fragte der Minister.

»Arbeit, Exzellenz! In den letzten Wochen hat mich der Prozeß Hempel völlig in Anspruch genommen.«

»Richtig! wie steht's denn? was ist daraus geworden?«

»Ich wollte mir dieser Tage erlauben, Exzellenz zu bitten, mir eine halbe Stunde in der Angelegenheit zu opfern.«

»Aber gern! Sie wissen, ich bin für Sie immer da . . . Na, haben Sie was erreicht?«

»Sind Exzellenz jetzt in der Stimmung? Diesen Abend habe ich mein Exposé beendet. Ich glaube« – er tat, als wenn er überlegte –, »aber natürlich! ich habe es in meinem Mantel. Ich könnte, wenn Exzellenz gestatten . . .«

»Selbstredend! ich bin sowieso die nächsten Tage stark beschäftigt.«

Und Stoelping holte das Exposé und las es dem Minister vor.

Der Minister gab mehrmals seine Zustimmung zu erkennen und sagte schließlich:

»Sie haben mich vollkommen überzeugt! Dieser Prozeß darf unter gar keinen Umständen geführt werden!« – Er steckte das Exposé zu sich. – »Ich werde morgen sofort veranlassen, daß dieser Dr. Hempel auf schnellstem Wege außer Verfolgung gesetzt wird. Möglichst unter Umgehung der Beschlußkammer. Je weniger um die Sache wissen, um so besser. Und Dr. Hempel wird ja kein Interesse daran haben, sie breit zu treten.«

Gleich darauf sprachen sie schon wieder von anderen Dingen, und als sie auseinandergingen, sagte der Minister:

»Ich möchte Ihnen nochmals sagen, lieber Stoelping, wie sehr mich Ihr Exposé befriedigt hat. Ich wünschte, ich hätte in meinem Ressort viele solcher Beamten. Jedenfalls werde ich dafür sorgen, daß Sie nun bald von uns übernommen werden.«

»Verzeihung, Exzellenz,« erwiderte Stoelping, – »ich wollte morgen gerade um einen zweijährigen Urlaub einkommen.«

»Was?« rief der Minister – »auf zwei Jahre wollen Sie sich beurlauben lassen? Was bedeutet denn das? Was haben Sie vor?«

»Mir die Welt ansehen! ich war nie draußen und fühle, daß ich es nötig habe.«

»Dazu kann ich nichts sagen!« erwiderte der Minister. »Aber ich nehme an, Sie werden Ihre Gründe haben.«

»Allerdings!« bestätigte Stoelping.

»Und nach dem Urlaub? – wird man da von Ihnen hören?«

»Exzellenz ersparen mir die Antwort,« bat Stoelping.

Der Minister drückte ihm die Hand.

»Leben Sie wohl, junger Freund!« sagte er und stieg mit ernster Miene in seinen Wagen.

*

Als Stoelping am nächsten Morgen, wenn möglich heiterer als sonst, seine Eltern begrüßte, sahen die sich an und wußten es nicht zu deuten. Und als er ihnen bestimmt und ruhig erklärte, daß er die Absicht habe, auf zwei Jahre Urlaub zu nehmen und sich die Welt anzusehen, da sperrten sie vor Schreck und Staunen Mund und Augen auf und sagten gar nichts.

Stoelping aber sprach fröhlich von tausend Dingen, sagte der Mutter, die verängstigt dasaß, zärtliche Worte und ließ sie fühlen, wie stark und dankbar er empfand, was sie in ihrer Liebe alles für ihn getan hatte.

Und als der Alte sich ein Herz nahm und mitten während der Erzählung seines Sohnes, der erinnerungsfroh von tausend längst vergangenen Dingen sprach, unvermittelt fragte:

»Und wann gedenkst du deine Reise anzutreten?« – und Frau Ella erschreckt zusammenfuhr, sah er den Vater frei und offen an und sagte:

»Heute noch.«

Da griff Frau Ella mit zitternden Händen nach dem Arm ihres Sohnes. Wollte sie den Sohn festhalten, oder suchte sie einen Stützpunkt, da sie fürchtete, zusammenzubrechen?

»Und Ilse?« fragte der Alte.

Da strahlte Stoelping über das ganze Gesicht.

»Zu der gehe ich jetzt!« sagte er freudig. »Nie bin ich froher und freier zu ihr gegangen als heute!«

Dann stand er auf, küßte die Mutter auf die Stirn und drückte dem Alten die Hand.

Frau Ella mühte sich auf, ging ans Fenster und sah ihm nach. Dann wandte sie sich zu ihrem Mann und sagte mit einer Stimme, die tot und leer klang:

»Wir werden ihn nie wiedersehen!«

Der Alte stand auf, legte seinen Arm um sie und erwiderte:

»Ich glaube es auch.«

»Dann haben wir am Ende doch nicht recht getan!« sagte Frau Ella und hing mit ihren Augen an dem Bild ihres verstorbenen Jungen, das zwischen den beiden Fenstern hing.

Und die alte Wunde brach wieder auf, so innerlich stark, wie am ersten Tage.

*

Ilse hatte sich schon früh am Morgen bei dem alten Diener nach dem Befinden des jungen Stoelping erkundigt. Als sie hörte, daß er des Nachts noch im Klub gewesen, heute morgen in aller Frühe aufgestanden und in bester Stimmung über eine Stunde lang im Park geritten sei, wußte sie nicht, was sie davon denken sollte.

Entweder glaubt er nicht, was er erfahren hat, oder er hat den Verstand verloren, entschied sie. Und während sie noch überlegte, was sie nun tun und wie sie sich verhalten sollte, kam die Zofe und meldete:

»Herr von Stoelping!«

Ilse stürzte ihm entgegen.

»Wie geht es Ihnen?« fragte sie ängstlich und reichte ihm die Hand.

»Gut!« erwiderte Stoelping, »gut durch Sie.«

Ilse verstand ihn nicht.

»Weil ich Ihnen gute Nachricht bringe, darum geht es mir gut liebe Ilse!«

Sie entzog ihm die Hand.

»Wir sind noch nicht ver . . .«

Stoelping sah sie gütig an.

»Und doch darf ich Sie so nennen. Meine Mutter hat mir gesagt, einen Menschen lieben, heißt, ihm zuliebe leben, selbstlos handeln und bereit zu jedem Opfer sein! Das konnte ich bisher nicht! Aber das war nicht meine Schuld; denn das setzte voraus: seine Person ausschalten und imstande sein, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun! das heißt: deutsch zu sein!«

»Und nun?« fragte Ilse bewegt, – »nun könnten Sie's?«

»Ja!« rief Stoelping strahlend, »für Sie kann ich es! Ihnen danke ich das Glück, daß ich einmal in meinem Leben deutsch empfinden und deutsch handeln konnte.«

»Ja, was bedeutet das bloß?«

»Oder ist es etwas anderes, daß ich mich jetzt mit Ihnen freue, wenn Sie nun mit Ihrem Dr. Hempel glücklich werden?«

»Wie ist das möglich?« fragte Ilse erregt, – »wie kann das geschehen?«

»Es ist geschehen!« erwiderte Stoelping, »ich habe heute nacht bewirkt, daß er frei kommt!«

»Ja! – und?«

»Und an mich sollen Sie wie an einen guten Freund denken – auch wenn Sie mich heute zum letzten Male sehen – und nie vergessen, daß ich glücklich war, als ich von Ihnen ging.«

Ilse war gerührt.

»Das hat die Liebe aus Ihnen gemacht?« sagte sie.

Stoelping nickte.

»Ja!« sagte er. »Einen Deutschen hat sie aus mir gemacht. – Und nun leben Sie wohl!«

Er nahm ihre Hand und küßte sie.

»Gott sei mit Ihnen, guter Mensch!« Und sie geleitete ihn auf den Flur und die Treppen hinunter, bis ans Gartentor.

Da reichten sie sich zum letztenmal die Hand.

Er ging aufrecht, den Hut in der Hand, ohne sich umzusehen.

Ilse stand und sah ihm nach, und es schien ihr, als wenn, je weiter er kam, sein Schritt immer schneller wurde. Bald war er nur noch ein Punkt, der sich von dem hellen Kies wie eine schwarze Kugel abhob, die unaufhaltsam rollte – bis sie ganz entschwand.

 


 


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