Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wie der alte Schott dem jungen Stoelping ins Gewissen redete

Geheimrat Schott beriet sich mit seinem Freunde, dem bekannten Strafrechtslehrer Klotz, einem Schüler Liszts, in seinem Arbeitszimmer über Maßnahmen zugunsten Hempels und sprach über die Rolle, die er und seine Tochter voraussichtlich in dem Prozesse spielen würden.

»Ich an deiner Stelle,« sagte Klotz, »nähme mir mein Kind und machte mit ihm eine Reise um die Welt und häufte Eindruck auf Eindruck und blieb so lange fort, bis sie diesen Hempel vergessen hat.«

»Du kennst mein Kind nicht,« erwiderte Schott, »ich aber kenne es und weiß, daß, es gewaltsam in Zerstreuungen stürzen, ihren Schmerz vertiefen heißt. Je größer der Kontrast ist, um so deutlicher wird ihr ihr Unglück vor Augen treten. Hier aber, wo sie sich ihm und seinem Schicksal nahe fühlt, wird sie sich am ehesten zurechtfinden. Tiefer Schmerz muß sich ausleben; nur oberflächliche Naturen können sich ihm entziehen. Und oberflächlich ist jeder Schmerz, den Eindrücke ablenken, die von außen kommen.«

»Dann steht es freilich schlimm um sie,« sagte Klotz.

»Und doch ist es mir lieber, sie ist so,« erwiderte der Geheimrat, »als wenn die bunten Feste in den Gärten von Tokio oder die Karnevalsspäße von Nizza ein wirksames Gegengift für ihre Gefühle wären.«

In diesem Augenblick wurde, ohne vorheriges Klopfen, die Tür aufgerissen – der Geheimrat und der Professor sprangen auf –, und Ilse, der der Wind während der Autofahrt Haar und Schleier zerzaust hatte, stürzte ins Zimmer.

»Jetzt ist alles verloren!« rief sie ihrem Vater zu, »und zwar durch mich!«

Schott, der täglich von neuem bewunderte, wie Ilse gegen ihren Schmerz anging und sich beherrschte, und der wußte, daß sie gerade in Dingen, bei denen es um das Gefühl ging, große Worte haßte, sah sofort, daß hier Besonderes sich geeignet hatte. Er ging auf sie zu, legte den Arm um sie, mühte sich ruhig zu scheinen und sagte:

»Du bist ja ganz außer Atem, Kind; so komm doch erst zu dir.«

Er schob einen Sessel heran, und als Ilse sich gesetzt hatte, nahm er ihre Hand, streichelte sie und sagte:

»Was es auch ist, mein Kind, du hast mich, und wir werden alles miteinander tragen, auch das Schwerste.«

»Also denke,« begann Ilse, »Günther hat mir alles erzählt, was außer ihm und . . .« sie besann sich und sah zu Professor Klotz hinüber. Der stand auf.

»Sie nehmen es mir nicht übel?« fragte Ilse.

Klotz schüttelte teilnahmsvoll den Kopf, trat an Ilse heran und drückte ihr die Hand.

»Ich bin immer für Sie da,« sagte er, nickte Schott zu und ging.

»Du weißt also alles?« fragte der Geheimrat, als Klotz draußen war.

»Ja, Vater, aber ich gebe dir mein Wort, Günther ist der Mensch, für den du und ich ihn immer gehalten haben.«

»Ich habe keinen Augenblick daran gezweifelt.«

»Auch wenn er jetzt verurteilt wird?«

»Du fürchtest . . .?«

»Ja!« sagte Ilse, »und zwar durch mich

»Was soll das heißen?«

»Also nicht wahr, ich wußte nun alles! Günther hat nichts getan, was nicht alle Welt billigen und bewundern muß; – aber nach dem Gesetz, da wird es bestraft, – auch wenn es an sich eher Lohn verdiente.«

Der Geheimrat begann zu begreifen.

»Ich war sehr lange bei ihm,« fuhr Ilse fort, »wohl eine Stunde. Es war ja das letztemal. Ich habe alles mit angehört, Vater, und mich gehalten, obschon mir schwarz vor den Augen war. Dann bin ich hinausgewankt, ohne daß ich noch recht wußte, was eigentlich geschehen war, so hatte das alles auf mich gewirkt; denn denken konnte ich nicht. Ich weiß nur, im Gange irgendwo, da stand plötzlich Stoelping vor mir und sprach mich an. Was er sagte, weiß ich nicht. Ich schob ihn, glaube ich, zur Seite und ging weiter. – Und dann saß ich im Auto und wollte nach Haus. Unterwegs schrie plötzlich jemand, und mein Wagen hielt, und vor mir stand wieder dieser Stoelping. Ich bat ihn, mich allein zu lassen; aber er redete auf mich ein – und dann gingen wir, ohne daß ich mich erinnere, warum ich aus dem Wagen stieg, miteinander. Und er redete mir zu, Günther zu vergessen und an ihn zu denken. Ich war, glaube ich, sehr schroff und sagte nein. Da fing er an, Günther schlecht zu machen. Das reizte mich. Ich widersprach. Wir kamen in Streit. Wenigstens schien es mir so. Schließlich schmähte er Günther und schalt ihn feige und nannte seine Tat gemein und verächtlich. – Und ich, noch voll von dem, was ich wußte, trat für ihn ein und erzählte ihm alles

So ein Lump! lag es dem Geheimrat, der Stoelping zu durchschauen glaubte, auf der Zunge, aber er sprach es nicht aus, sondern sagte:

»Ich fahre sofort zu ihm. Er wird keinen Gebrauch davon machen. – Es sei denn, er muß es nach dem Gesetz.«

»Dann ist alles verloren! nicht nur Günther. Auch andere. Und die Idee, für die er gelebt hat!«

Schott stellte sich mit Rücksicht auf seine Tochter zuversichtlicher als er war. Er sorgte dafür, daß Ilse etwas aß, sich niederlegte und ihm versprach, nichts zu unternehmen, bevor er von Stoelping zurückkehrte.

*

Stoelping kannte sich nicht wieder. Wie hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt! Was hätte er nicht alles für den Erfolg dieses Prozesses, an dem seine Karriere hing, geopfert. Auf den Sport, ohne den er geglaubt hatte, niemals leben zu können, auf alle Frauen der Welt hätte er, ohne Überwindung, zeitlebens verzichtet – wenn es ihm den Erfolg dieses Prozesses verbürgte.

Nun war er da, der Erfolg! Lückenloser in der Form und größer in Wirkung und Bedeutung, als er und sicherlich auch der Minister es erwartet hatten. Er hatte den Nachweis seiner Befähigung erbracht. Besser als jetzt konnte er sich nie für den diplomatischen Dienst qualifizieren. Seine Übernahme ins Auswärtige Amt war nicht mehr zweifelhaft. Er hatte allen Grund, mit sich zufrieden zu sein.

Und doch wurde er des Erfolges nicht froh; war verstimmt und bedrückt. Nicht daß er sich über die Mittel, die er in Anwendung gebracht hatte, Gedanken machte. Danach zu fragen wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Der Erfolg entschied. Und der war bei ihm. Das Natürliche und Nächstliegende wäre gewesen, daß er auf dem nächsten Wege zum Minister gefahren und ihm Vortrag über das Ergebnis seiner Tätigkeit gehalten hätte!

Aber was ihn zurückhielt und ihn um die Freude seines Erfolges brachte, war die Gewißheit, daß in demselben Augenblick Ilse für immer für ihn verloren war. Das hätte er sich nicht träumen lassen, daß er einer Frau wegen seinen Aufstieg auch nur um einen Tag verzögern würde. Und nun fehlte ihm Ilse wegen Lust und Initiative, eine Gelegenheit zu nutzen, die ihm ermöglichte, sich mit einem Schlage durchzusetzen.

Immer wieder suchte er sich zu einem Entschluß aufzuraffen. Daß er ihn fassen, und wie er aussehen würde, wußte er. Er war dem Gesetz beinahe dankbar, daß es ihm keine Wahl ließ. Aber im nächsten Augenblick beherrschten ihn auch schon wieder seine Gefühle, und er verwünschte das Gesetz, das er gerade in bezug auf politische Verbrechen, deren Unterdrückung oft im Interesse des Staates liegen konnte, kurzsichtig und unklug fand.

Da klopfte der Diener und meldete, daß ein Herr draußen sei, der sich durchaus nicht abweisen ließe.

Stoelping warf einen Blick auf die Karte, sprang von der Chaiselongue auf und sagte:

»Ich lasse bitten!«

Geheimrat Schott trat ins Zimmer. Beide verbeugten sich.

»Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen?« fragte Stoelping.

»Danke!« erwiderte der Geheimrat und blieb nahe der Tür stehen. Den Mantel hatte er draußen abgelegt, den Hut hielt er in der Hand.

»Sie haben mir gestern Ihren Besuch gemacht, Herr von Stoelping. Die Verhältnisse zwingen mich, ihn heute zu erwidern. Der Grund Ihres gestrigen Besuches war das Geständnis, daß Sie mein Kind lieben. Der Grund meines Besuches ist, Ihnen zu sagen, daß mein Kind in Gefahr ist. In unmittelbarer Gefahr, Herr von Stoelping! Und wie ich hinzusetzen darf: durch Sie!«

Stoelping fuhr zusammen. Und Schott, der die Wirkung seiner Worte sah, hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr er fort:

»Ob Sie meinem Kinde das Geständnis nun fahrlässig oder wissentlich entlockt haben, bleibt sich gleich. Sie hätten die Wirkung voraussehen müssen. Was, frage ich Sie, gedenken Sie zur Rettung meines Kindes zu tun?«

Stoelping schwieg.

»Darf ich um Antwort bitten?« sagte der Geheimrat.

»So schlimm steht es um sie?« fragte Stoelping, »das habe ich allerdings nicht vorausgesehen.«

»Ein Beweis, daß Sie mein Kind nicht kennen. Sie hätten sich sonst sagen müssen, daß es unmöglich weiterleben kann, wenn dieser Hempel durch ihre Schuld verurteilt wird.«

»Sie glauben also nicht, daß es noch gelingt, sie von ihm abzubringen? – auch jetzt nicht, wo sie weiß, was ihn erwartet?«

»Abbringen?« erwiderte der Geheimrat, »ich kann mir denken, daß man jemand durch Argumentation von einer falschen Idee abbringt; aber ich weiß nicht, wie Sie es sich vorstellen, eine Frau, die Herz und Charakter hat, von ihrer Liebe abzubringen, weil über den Mann, den sie liebt, ein unglückliches Schicksal hereingebrochen ist. Oder wollen Sie sagen, daß er ihrer Liebe nicht mehr würdig ist? Wäre das der Fall, dann brauchte weder ich, noch ein Dritter sich zu bemühen; meine Tochter wüßte dann selbst, was sie zu tun hätte.«

»Früher hätte ich es so beurteilt,« erwiderte Stoelping. »Unbedenklich hätte ich ihn verurteilt und für unwürdig erklärt. Heute ist mir, als hätte ich zwei Augen mehr im Kopfe. Als sähe ich alles außer mit meinem Verstande auch durch den Ihrer Tochter. Oder besser wohl durch ihr Herz. Und sage mir oft: was würde sie in diesem oder jenem Falle wohl fühlen. Und ich weiß immer die Antwort. Mehr als einmal habe ich mich schon dabei ertappt, wie ich, ohne meinen Verstand zu fragen, einfach durch sie gefühlt habe. Das ist es ja, was mich zu ihr hinzieht: diese unmittelbare Einwirkung, die aus mir das macht, was mir fehlt. – Aber das sind Dinge, die Sie nicht fassen können, und die nur der fühlt, den sie angehen.«

Er drückte die Hand an die Stirn und fuhr sich über die Augen, als wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, dann fuhr er fort:

»Sehen Sie, darum kann ich diesen Dr. Hempel heute innerlich auch freisprechen, – ich kann ihn sogar bewundern. Eine Größe liegt darin und eine Selbstentsagung, die ich nicht aufbringe – nie aufbringen werde –, es sei denn, daß Ihre Tochter –« er hielt inne, schüttelte den Kopf und schloß die Augen –, »aber davon wollen wir nun nicht mehr sprechen.«

»Das also sind Sie?« sagte der Geheimrat. Und der veränderte Ton, in dem er es sagte, und der Ausdruck seines Gesichts verrieten seine Teilnahme. Er ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

»Herr von Stoelping,« sagte er, »ich habe Sie verkannt. Ich glaube jetzt zu ahnen, was in Ihnen vorgeht. Ich erkenne die unbewußte Einwirkung meines Kindes. Was bei Ihnen jetzt in Fluß kommt, wie das lebendige, warme Gefühl gegen starre Vorurteile des Verstandes ankämpft, Ihre ganze innerliche Bewegung, alles das zeigt mir, was in Ihnen vorgeht. Und ich glaube Ihnen nun auch, daß Ihr Gefühl für mein Kind, mag Sie anfangs auch das Interesse an dem Prozeß geleitet haben, wahr und aufrichtig ist.«

»Ich bin sehr froh, daß Sie das erkennen,« erwiderte Stoelping, »ich selbst staune ja über die Wandlung, die mit mir vorgeht oder sich doch zum mindesten vorbereitet. Sie sehen, ich gebe mich Ihnen, wie ich bin. Das tat ich noch niemandem gegenüber. Aber jetzt, wo es sich, wie Sie sagen, um das Leben Ihres Kindes handelt, da muß jede andere Rücksicht schweigen.«

»Sehen Sie einen Ausweg?« fragte der Geheimrat und setzte sich.

Stoelping ging im Zimmer umher und überlegte.

»Ich weiß nicht, ob Sie die gesetzlichen Bestimmungen kennen? Da ist nicht herumzukommen.«

«Ich kenne sie,« erwiderte der Geheimrat.

»Wenn Ihr Fräulein Tochter widerriefe! Es wäre ja immerhin möglich, daß sie in einem Zustande der Überreizung gehandelt und in ihrer Erregung mehr gesagt hat, als sie vertreten kann. Dann wäre, wenn sie in aller Form erklärte, daß das alles nur so eine Idee von ihr gewesen sei, zum mindesten doch ihr Verantwortungsgefühl nicht das gleiche, – wennschon natürlich die Wirkung . . .«

». . . dieselbe wäre,« ergänzte der Geheimrat. »Und damit wäre natürlich wenig geholfen.«

»Was ich weiß oder nach dem Widerrufe Ihrer Tochter zum mindesten vermute, darf ich natürlich, ohne mich strafbar zu machen, nicht fallen lassen, bin vielmehr gezwungen, gesetzlich gezwungen, ihm nachzugehen. Aber das könnte man ihr sagen – und auch vertreten –, daß auch ohne ihre Äußerungen der Fall in allernächster Zeit seine völlige Klärung gefunden hätte. Und das Verfahren abgekürzt zu haben – der einzige Vorwurf, den sie sich machen kann –, heißt in solchem Falle ja nur, dem Beteiligten die Qualen verkürzen. Wenn Ihre Tochter diesen Erwägungen zugänglich wäre . . .«

»Es gäbe nur einen Ausweg, die Tat meiner Tochter ungeschehen zu machen,« erklärte der Geheimrat. »Dieser Ausweg setzt freilich voraus, daß Sie bereit sind, ein großes Opfer zu bringen. – Ihre Liebe zu meiner Tochter müßte also schon groß, ja selbstlos sein, wenn Sie sich dazu bereitfinden würden.«

»Das wäre?« fragte Stoelping.

»Daß Sie aus einem Grunde, der sich leicht finden ließe, die Weiterführung des Prozesses in dem Stadium, in dem er sich heute früh befand – also vor Ihrer Unterredung mit meiner Tochter –, einem Ihrer Kollegen überließen.«

Diese Forderung Schotts führte ihm noch einmal mit aller Deutlichkeit vor Augen, was für ihn auf dem Spiele stand. Der Preis war reichlich teuer, wenn er bedachte, daß damit noch nicht einmal sein Zusammenschluß mit Ilse vollzogen war. Gewiß brachte ihn der Verzicht der Erfüllung näher, und die Wahrscheinlichkeit war groß, daß sich Ilse, wenn er dies Opfer brachte, ihm verpflichtet fühlen und vielleicht im Laufe der Zeit auch ihre Gefühle ihm zuwenden würde. Sicher aber war das nicht.

Andererseits aber gab er eine Chance auf, wie sie in diesem Leben gewiß nie wiederkehrte. Das wollte zum mindesten bedacht sein. Auch war es ja nicht ausgeschlossen, daß es noch einen anderen Ausweg gab, als gerade diesen, und so sagte er denn:

»Ich will natürlich alles tun, Herr Geheimrat, was zur Beruhigung Ihres Fräulein Tochter führen kann. Ohne Rücksicht auf meine Person. Wie weit das auch für mein Amt zutrifft, vermag ich im Augenblick nicht zu entscheiden. Aber auch da bin ich zu jeder nur denkbaren Konzession bereit, die ich vor meinem Gewissen verantworten kann. Das will natürlich überlegt sein. Ich kann also, was Ihren Vorschlag anbelangt, im Augenblick weder ja noch nein sagen. Es ist ja auch möglich, daß sich ein anderer Ausweg findet, der, ohne so radikal zu sein, die gleiche Wirkung tut.«

»Sie werden keinen anderen finden,« erwiderte der Geheimrat. »Und da Sie wissen, was für mich auf dem Spiele steht, so begreifen Sie auch, wenn ich Sie bitte, Ihre Entscheidung jetzt zu treffen. Ich kann nicht zu meinem Kinde zurück ohne eine bestimmte Antwort von Ihnen.«

»Sie sollten mir nicht derart die Pistole auf die Brust setzen,« erwiderte Stoelping. »So sehr ich mich in Ihre Lage versetzen kann, – ein wenig Rücksicht auf meine Situation sollten Sie auch nehmen.«

»Sie haben diese Situation selbst geschaffen, Herr von Stoelping. In der Verfassung, in der Sie meine Tochter antrafen, hätten Sie sie nicht einmal dann anhören dürfen, wenn sie aus eigener Initiative, ohne jede Einwirkung von Ihrer Seite, die ja doch zweifellos vorlag, gesprochen hätte.«

In diesem Augenblick ging die Tür, und der Diener meldete:

»Fräulein Ilse Schott.«

Stoelping und der Geheimrat sprangen auf.

Ilse trat ein; festen Schrittes ging sie auf Stoelping zu, sah ihm in die Augen und sagte:

»Ich muß mit Ihnen sprechen, Herr von Stoelping.«

Stoelping verbeugte sich und erwiderte:

»Bitte.«

Der Geheimrat war an Ilse herangetreten.

»Ich glaube, du darfst Vertrauen zu Herrn von Stoelping haben,« sagte er, – »er meint es aufrichtig mit dir und wird alles tun, um den Vorgang von heute mittag ungeschehen zu machen.«

Es schien, als ob diese Worte auf Ilse ohne Eindruck blieben. – Sie nahm die Hand ihres Vaters und sagte:

»Bitte, laß mich und Herrn von Stoelping ein paar Augenblicke allein.«

»Was hast du nur?« fragte der Geheimrat.

»Ich will ihn um etwas bitten. Du erfährst es später. – Ich bitte dich, geh!«

»Was hast du vor, Ilse? Übereile nichts! Du bist augenblicklich nicht in der Verfassung, um ruhig zu erwägen. Du solltest daher mit mir sprechen, ehe du handelst.«

»Mach' dir keine Gedanken, Vater. Ich bin wieder vollkommen ruhig, wirklich! Ich bin mir ganz klar über alles.«

Der Geheimrat wandte sich an Stoelping.

»Dann rechne ich auf Sie, Herr von Stoelping. Sie werden der Stimmung meiner Tochter Rechnung tragen. Sie sind der einzige, der ihr helfen kann.«

»Und helfen wird!« ergänzte er die Worte des Geheimrats.

Sie gaben sich die Hand; der Geheimrat küßte Ilse auf die Stirn, dann ging er hinaus. Stoelping begleitete ihn zur Tür.

Auf der Diele sagte der Geheimrat:

»Lassen Sie sich nicht durch ihre Ruhe täuschen. Schonen Sie mein Kind! Ich will weder drohen, noch bitten: aber über Sie kommen die Folgen, Herr von Stoelping, wenn sich mein Kind etwas zuleide tut. Sie allein tragen die Verantwortung.«

»Beruhigt es Sie, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit meinem Leben für das Ihres Kindes einstehe?« fragte Stoelping. »Hätten Sie mich in Gegenwart Ihrer Tochter gebeten, den Prozeß abzugeben, ich glaube, ich hätte nicht gezögert, ja zu sagen.«

»Wirklich?« sagte der Geheimrat erfreut, »wenn ich also meine Bitte wiederhole?«

»Dazu bleibt noch immer Zeit; lassen Sie mich erst den Vorschlag Ihrer Tochter hören.«

Er führte den Geheimrat in die Bibliothek, die im ersten Stockwerk lag und eilte dann zu Ilse zurück, die noch immer an demselben Fleck stand, zur Tür sah und seine Rückkehr erwartete.

»So, gnädiges Fräulein, da bin ich wieder. Und damit Sie es gleich wissen: Bin ich in der Lage, Ihre Bitte zu erfüllen, so wird es geschehen. Ihnen zuliebe tue ich alles!«

Ilse sah ihn an.

»Wollen Sie mir das versprechen?« sagte sie.

Und ohne zu überlegen, gab er ihr die Hand und sagte:

»Ja!«

»Können Sie das Verfahren gegen Dr. Hempel niederschlagen?« fragte sie.

Stoelping stutzte.

»Es wäre eine . . .«

»Ich will nicht wissen, was es wäre,« unterbrach sie ihn. »Nur ob Sie – rein technisch oder juristisch oder sonstwie – in der Lage dazu wären, möchte ich wissen.«

»An sich schon. Ich müßte den Antrag auf Einstellung des Verfahrens stellen und begründen; und die Beschlußkammer würde nach meinem Antrage beschließen, sie tut es immer!«

»Und Sie könnten es ihr in diesem Falle besonders leicht machen, wenn Sie aus der Rechtsfrage eine Frage des Gewissens machten.«

»Das ist leider nicht meines Amtes,« erwiderte Stoelping, »wir müssen uns an den Buchstaben des Gesetzes halten.«

»Als Staatsanwalt schon, aber nicht als Mensch! Mir zu Gefallen seien Sie in diesem einen Falle einmal Mensch, auch wenn Sie es nicht sein dürfen.«

»Ihr Herr Vater hatte einen anderen Ausweg; er meinte, wenn ich die Weiterführung des Prozesses einem Kollegen übertrüge – und zwar in seinem gestrigen Stadium –, daß dann die Vorgänge des heutigen Tages nicht bekannt zu werden brauchten.«

Ilse schüttelte den Kopf.

»Es gibt in diesem Stadium keine Kompromisse mehr. Ja, fühlen Sie denn nicht, daß alles Halbe hier zwecklos ist und nur die Qual verlängern heißt? Lieber trete ich, um ein Ende zu machen, schon morgen vor die Richter und wiederhole alles . . .«

»Sie haben als seine Braut das Recht, die Aussage zu verweigern!«

»Ich bin nicht mehr seine Braut!« erwiderte Ilse. »Wir haben das Verlöbnis gelöst. Ich bin frei – das ist es ja, was mir den Mut gibt, Sie zu bitten – das allein, daß ich über mich verfügen kann

Jetzt erst verstand Stoelping.

»Sie wollen . . .?« fragte er und trat auf sie zu.

Ilse schüttelte den Kopf.

»Nein!« sagte sie, »ich will nicht. – Aber Sie können mich zwingen. – Den Preis kennen Sie. – Überlegen Sie's! – Können Sie's so – ohne mein Opfer – bringen Sie so viel Größe auf – niemand wird froher sein als ich – vielleicht, daß ich's Ihnen dann doch noch einmal danke, wenngleich ich nicht glaube, daß meine Gefühle jemals andere werden.«

»Was Sie von mir fordern,« erwiderte Stoelping, »und was Sie mir bieten, das ist – jedes an sich – so ungeheuer viel – so einschneidend und so bestimmend für mein Leben, eins wie das andere, daß ich unmöglich gleich jetzt dazu Stellung nehmen oder mich gar entscheiden kann.«

»Gewiß,« erwiderte Ilse, »das sehe ich ein. Und es liegt mir fern, etwa auf Ihre Entschließung einzuwirken. – Das müssen Sie mit sich selbst abmachen. Genau wie ich es getan habe, bis ich zu dem Entschluß gekommen bin. Da kann einem kein Dritter, selbst wenn er es noch so gut meint, raten. Denn wie es in einem aussieht, das weiß man am Ende ja doch nur selbst.«

»Wenn ich wüßte, es wäre für Sie kein Opfer – ich glaube, daß der Entschluß mir leichter fiele; obschon mir der Gedanke eines Rechtsbruchs – und der bliebe es, auch wenn man vielleicht in diesem Falle mit seinem Gewissen nicht in Konflikt geriete . . .«

»Das alles erwägen Sie,« unterbrach ihn Ilse, »und sobald Sie sich entschieden haben – das wird ja wohl bis morgen möglich sein –, dann sagen Sie ›ja‹ oder ›nein‹; zu begründen brauchen Sie's nicht, das eine so wenig, wie das andere. – Wollen Sie das tun?«

»Ja!« versprach Stoelping. »Eins nur wüßte ich gern. Nehmen Sie an, ich sagte: nein. Was geschähe dann mit Ihnen? Was würden Sie tun?«

»Über das, was ich tue, falls Sie sich gegen mich entscheiden, schulde ich Ihnen keine Rechenschaft. Entscheiden Sie sich aber für mich, so würde ich es als die Aufgabe meines Lebens betrachten, Sie dem Manne ähnlich zu machen, für den ich mich opfere; und wenn ich sehe, daß sie mir gelingt, darin Befriedigung finden. – Sie sehen, ich täusche Ihnen keine Gefühle vor. Ich bin ganz offen. Ich fühle auch Ihnen gegenüber meine Verantwortung.«

»Ihm ähnlich,« wiederholte Stoelping halblaut vor sich hin, nickte mit dem Kopf und sagte:

»Morgen früh werden Sie meine Antwort haben.«

Sie gab ihm die Hand und sagte:

»Danke!«

Dann führte er sie hinaus und rief den Geheimrat, dem er auf seine erregte Frage: »Also – was ist?« zur Antwort gab: »Bis morgen wird sich alles klären.«

Der Geheimrat nahm Ilse unter den Arm und verließ mit ihr das Haus.

 


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