Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Elftes Kapitel

Wie der junge Stoelping zum ersten Male Dr. Hempel vernahm

So!« sagte Stoelping, als er die wichtigsten Eingänge durchgesehen hatte, zu seinem Referendar, »nun hätten wir also die erste Etappe des Falles Hempel hinter uns. Sie sind ja über alles orientiert, Kollege, bitte fertigen Sie mir bis morgen einen kurzen Bericht für den Herrn Staatsminister an, den ich ihm dann persönlich überreichen werde. Sie wissen ja wie,« und da der verlegene Gesichtsausdruck des Referendars das nicht gerade zu bestätigen schien, so erläuterte Stoelping: »Den Erfolg stark äußerlich hervortreten lassen, mich selbst aber auffallend bescheiden im Hintergrunde halten.« Auf diese Weise wirkt beides, der Erfolg sowohl wie meine Leistung, doppelt. Dies letzte dachte er, sprach's aber nicht aus.

Dann sagte Stoelping leise:

»So! Und nun schreiten wir zur Verhaftung des Dr. Hempel.«

»Hat der Herr Staatsanwalt neues Belastungsmaterial?« fragte der Referendar erstaunt.

»Nein!« erwiderte Stoelping kurz. »Gerade um das zu schaffen, werde ich ihn verhaften. Ich habe ihn als Zeugen in einem Plagiatprozeß, mit dem er übrigens nichts zu tun hat, herzitiert. Er ist also völlig ahnungslos. Um so sicherer werden wir ihn zur Strecke bringen. Ich habe desgleichen noch gestern abend telephonisch den mir bekannten Direktor des Hotels »Regina« aus Paris gebeten, nach Berlin zu kommen. Er war erst renitent; die Aussicht auf einen Sensationsprozeß, in dem sein Hotel eine Rolle spielt, hat ihn schließlich bestimmt, noch gestern nacht zu reisen. Ich werde ihn mit Dr. Hempel konfrontieren.« – Er sah nach der Uhr: »Beide müßten längst hier sein. Dr. Hempel hat« – und dabei wies er auf eine Karte, die vor ihm lag – »allerdings wichtiger Kollegs wegen gebeten, eine halbe Stunde später kommen zu dürfen.«

Im selben Augenblick meldete der Diener:

»Mossiö Püß!«

Und ein affektierter und gespreizter Herr in geschlossenem Gehrock, den Zylinder in der Hand, trippelte unter Verbeugungen herein und stellte sich als Gaston Henri Pousset, Chef de Réception de l'Hôtel Régina à la Place Jeanne d'Arc, vor. Da er gewohnt war, seine Gäste zu unterhalten, seit mehr als vierzehn Stunden aber mit niemandem mehr hatte reden können, so entwickelte er einen fabelhaften Redefluß, begann mit der Mordnacht und endete bei der Schlacht von Belle-Alliance.

Stoelping, der den Zweck verfolgte, ihn bis zum Eintreffen Dr. Hempels festzuhalten, machte keinerlei Versuche, seinen Redefluß einzudämmen. Erst als der hinter ihm sitzende Schreiber, der im Hinblick auf Hempels Vernehmung angewiesen war, alle Aussagen wortgetreu aufzunehmen, erschöpft zusammenbrach, und der Diener gleichzeitig Dr. Hempel meldete, stand Stoelping auf und bat Monsieur Gaston Henri Pousset, seinen Vortrag für ein paar Minuten ins Nebenzimmer zu verlegen. Und Monsieur Gaston Henri Pousset setzte seine Unterhaltung nebenan mit einem Verbrecher, der gefesselt auf einer Bank saß und auf seine Vorführung wartete und kein Wort Französisch verstand, fort.

Erst wurde für den Schreiber Ersatz geschafft, dann gab Stoelping das Zeichen.

Die Tür ging auf, und Hempel trat ein.

Während der Referendar im ersten Augenblick den Eindruck hatte: Das soll ein Mörder sein! war der erste Gedanke Stoelpings: Dem also werde ich meinen Aufstieg verdanken!

Daher kam es wohl auch, daß er in ungewöhnlich freundlichem Tone zu ihm sagte:

»Bitte, nehmen Sie Platz!«

Hempel, der mit einer leichten Verbeugung dankte, setzte sich.

»Sind Sie der Literarhistoriker Dr. Günther Hempel?«

»Der bin ich.«

»Sie haben Ihr Fernbleiben heute vormittag mit wichtigen Kollegs entschuldigt.«

»Jawohl.«

»Wollen Sie mir dann sagen, weshalb Sie trotz Ihres Ausbleibens diese Kollegs heute nicht besucht haben?«

Hempel zuckte leicht zusammen, gewann aber gleich seine Sicherheit zurück und sagte:

»Weil ich Dinge zu erledigen hatte, die mir wichtiger erschienen.«

»Und was für Dinge waren das?«

»Privater Natur.«

»Ich muß Sie trotzdem ersuchen, sie mir zu nennen.«

»Ich bedaure.«

»Wissen Sie, daß ich Mittel und Wege habe, Sie zu zwingen?«

»Ja.«

»Nun, dann will ich Ihnen sagen, daß ich von diesen Mitteln gegebenenfalls Gebrauch machen werde.«

Hempel schwieg.

Das reizte Stoelping.

»So reden Sie!« fuhr er ihn an.

»Ich habe nichts zu sagen.«

»Was haben Sie heute vormittag getrieben?«

»Nichts, was in irgendeinem Zusammenhange mit dem Prozeß steht, in dem ich als Zeuge geladen bin. – Im übrigen, ich könnte Ihnen auf Ihre Frage alles mögliche erwidern, ohne daß Sie imstande wären, mich zu widerlegen. Ich könnte zum Beispiel sagen: ich habe an meinem neuen Buch gearbeitet. Sie wären gezwungen, es mir zu glauben. Ich sage es nicht; denn ich lüge nicht; aber ich behalte für mich, was ich nicht sagen will. Das ist kein Trotz, sondern mein Recht. Ich weiß, Sie müssen als Beamter so handeln. Ich bin kein Beamter. Ich aber lege Wert auf persönliche Freiheit. Ich lasse mir keine Vorschriften über das machen, was ich tue; viel weniger kann mich irgendwer zwingen, etwas zu sagen, was ich für mich behalten will.«

Die Sicherheit dieses Menschen verwirrte Stoelping. Die Gegenüberstellung des Beamten und des unabhängigen Menschen empfand er als Kränkung. Seine feine Diplomatie, mit der er schon die verstocktesten Verbrecher zum Reden und damit zur Strecke gebracht hatte, versagte. Ihm lag im Augenblick nur daran, sich von diesem Menschen nicht ausstechen zu lassen, sich ihm unter allen Umständen überlegen zu zeigen. Das eigentliche Ziel verlor er dabei ganz aus dem Auge.

»Nun,« erwiderte Stoelping und richtete sich auf, »ich weiß auch ohne die Mittel, die mir mein Amt gibt, womit Sie sich heute vormittag beschäftigt haben.«

Der Eindruck auf Hempel, den Stoelping erwartet hatte, blieb aus.

Er verzog keine Miene.

»Soll ich es Ihnen sagen?«

Hempel schüttelte den Kopf:

»Wenn Sie es wissen,« erwiderte er, »ich weiß es gewiß.«

Stoelping faßte ihn scharf ins Auge, stand auf und schlug ihm die Worte ins Gesicht:

»Um die Spuren Ihrer Mordtat zu verwischen!«

Hempel blieb völlig ruhig.

»Darf man so etwas von einem unbescholtenen Menschen behaupten, ohne es beweisen zu können?« fragte er.

»Den Beweis werde ich erbringen. Lückenloser als es Ihnen erwünscht sein wird.«

»Ich muß es annehmen; denn Sie wären kein Ehrenmann, wenn Sie ohne zwingende Beweise derart ungeheuerliche Behauptungen aufstellen würden.«

»Wollen Sie mir zunächst folgende Frage beantworten« – Stoelping stand noch immer –, »wo waren Sie am 30. März vorigen Jahres?«

Hempel dachte einen Augenblick nach, dann sagte er:

»In Paris, und zwar im Hotel ›Regina‹ am Place Jeanne d'Arc. – Ich weiß es zufällig genau, da am Morgen des 30. März der russische Staatsminister Kowalski ums Leben kam.«

»Wa–a–a–s?« sagte Stoelping und sah ganz verdutzt in Hempels Gesicht, das nicht die geringste Veränderung zeigte. – »Und unter . . . welchem Namen . . . bitte . . . waren Sie . . . in dem Hotel?« fragte er.

Hempel sah ihn erstaunt an:

»Was soll das heißen?« fragte er. »Das verstehe ich nicht. Ich heiße Hempel, Günther Hempel. Solange ich denken kann, heiße ich so.«

»Und unter diesem Namen waren Sie in Paris?«

»Ja, glauben Sie denn, ich habe für jede Stadt einen besonderen Namen?« Und das erstemal erregt, fügte er hinzu: »Für was halten Sie mich denn! ich bin doch kein Hochstapler!«

In diesem Augenblick hörte man nebenan heftigen Lärm. Der gefesselte Einbrecher ertrug den Redeschwall Gaston Henri Poussets nicht länger und verlangte wütend, in seine Zelle abgeführt zu werden.

Pousset kam aus dem Nebenzimmer und beschwerte sich heftig bei Stoelping.

»Unhöflich sind Ihre Einbrecher, das muß ich sagen!« rief er empört. »Da sollen Sie mal zu uns kommen . . .« In diesem Augenblick fiel sein Blick auf Hempel:

»Sieh da!« rief er und, stürzte auf ihn zu, »das ist er! natürlich! ich erkenne ihn wieder! Chambre 49/50 im dritten Stock auf den Hof hinaus. 12 Frank 50 pro Tag mit Heizung und Bedienung! Oh, ich täusche mich nicht! Ich kenne meine Gäste! Ich will Ihnen auch sagen, unter welchem Namen dieser . . . dieser . . . Mörder?« sagte er mit einem Blick auf Stoelping, »bei uns gewohnt hat. Einen Augenblick!« – er dachte nach – »richtig! jetzt fällt's mir ein! Hampél hat er sich genannt. Monsieur Hampél! und jeden Morgen bekam er das Frühstück aufs Zimmer: ein Tee, Zitrone, 2 oeufs bouillis, eine kalte Platte – stimmt's?« und mit der stereotypen Rückenkrümmung schloß er: »Ich hoffe, Sie waren bei uns gut aufgehoben und beehren uns wieder, wenn Sie mal wieder nach Paris kommen sollten.«

Dieser Franzose verdarb Stoelping völlig das Konzept. Er gab dem Referendar Anweisungen, nahm den Franzosen unter den Arm und geleitete ihn hinaus. Draußen bedankte er sich bei ihm und sagte, daß man ihn voraussichtlich erst zur Hauptverhandlung wieder benötigen würde.

Als Stoelping draußen war, sagte Hempel zu dem Referendar:

»Ich hoffe, daß Sie diesen Herrn nicht meinetwegen bemüht haben.«

»Darüber kann ich leider nichts sagen,« erwiderte der Referendar.

Nach ein paar Augenblicken zog Hempel ein Buch aus der Tasche, schlug's auf, stützte die Arme auf den Tisch und las.

»Von Flaubert zu Mann,« las der Referendar auf dem Rücken des Buches.

Als Stoelping den Franzosen verabschiedet hatte und wieder ins Zimmer trat, war Hempel derart in die Lektüre seines Buches vertieft, daß er ihn weder sah, noch hörte.

Erst als Stoelping ihn fragte:

»Ja, was treiben Sie denn da?« fuhr er auf, klappte das Buch zu, nicht ohne sich vorher die Seitenzahl gemerkt zu haben, und sagte:

»Ich bitte um Entschuldigung. Ich sitze nicht gern untätig.«

»Sehr unzeitgemäß!« erwiderte Stoelping. Dabei empfand er immer deutlicher, wie unsicher ihn der Gleichmut und die Ruhe dieses Menschen machten.

»Wollen Sie mir nun sagen, wie lange und aus welchem Grunde Sie in Paris waren?«

»Damals, während der Kowalski-Affäre?« fragte Hempel.

»Ja! nur die interessiert uns.«

»Das ist lange her, aber,« und er griff in die Tasche, zog einen Kalender heraus und blätterte darin, »ach so, das war ja im vorigen Jahr, – hm, dann muß ich es aus dem Gedächtnis versuchen,« er dachte nach – »am 30. sagen Sie, war der Fall Kowalski?«

»Ja,« erwiderte Stoelping kurz und hatte das Gefühl, als treibe dieser Hempel sein Spiel mit ihm.

»Am 30.,« wiederholte Hempel noch einmal, »hm, dann hielt ich also am 31. meinen Vortrag; denn ich entsinne mich noch genau, daß man damals ganz unter dem Eindruck des Falles Kowalski stand. Am Tage zuvor, also am 30., war ich, soweit ich mich erinnere, in der Großen Oper, richtig! zu Debussy, die Gallois sang die Mélisande, ich habe sie nie besser gehört. Am 29. war Einweihung des Denkmals für Anatole France, das war am Tage meiner Ankunft,« – das alles sprach er leise und mehr zu sich, aber doch so, daß Stoelping und der Referendar es hören konnten. – Jetzt wandte er sich zu Stoelping und sagte laut:

»Demnach war ich vom 29. März bis 1. April in Paris.«

»Und zu welchem Zweck?«

»Ich hatte am 31. März im Deutsch-Französischen Literaturverein einen Vortrag zu halten.«

»So!« sagte Stoelping.

»Wenn es Sie interessiert: Über Max Reinhardts Einfluß auf das deutsche Theater.«

»Haben Sie dafür Beweise?« fragte Stoelping ungeduldig.

»Beweise! Nun, ich glaube wohl, daß es mir gelungen ist, den Nachweis zu erbringen, daß gerade Reinhardts Einfluß . . .«

»Sie irren!« unterbrach ihn Stoelping grob. »Hier ist kein literarisches Kollegium. Sie stehen hier unter der Anklage des Mordes!«

»Sie sagten das schon einmal,« erwiderte Hempel in einem Tone, dessen Ruhe neben der Erregtheit Stoelpings doppelt wirkte. »Ich bat Sie bereits vorhin, Ihre Behauptung zu begründen. Ich bestehe nunmehr darauf, daß das geschieht!«

»Ihnen scheint noch immer nicht recht zum Bewußtsein gekommen zu sein, in welcher Situation Sie sich eigentlich befinden. Wenn Sie aber glauben, daß Sie durch Ihre scheinbare Sicherheit hier irgendwelchen Eindruck machen, dann irren Sie sich gewaltig.«

Das klang sehr »beamtenmäßig«, so empfand es nicht nur Hempel, sondern Stoelping selbst, der das gerade vermeiden wollte. Um so mehr, als Hempel nicht die geringste Veränderung zeigte, sondern in aller Ruhe erwiderte:

»Herr Staatsanwalt, ich bin mir der Würde Ihres Amtes und des Ernstes meiner Situation durchaus bewußt. Nur bitte ich zu bedenken: ich bin innerlich darauf eingestellt, als Zeuge in irgendeinem Plagiatsverfahren verhört zu werden und werde statt dessen als Mörder vernommen. Für Sie, Herr Staatsanwalt, der Sie berufsmäßig tagtäglich mit diesen Dingen zu tun haben, mag der Unterschied lediglich in der Verschiedenheit der Paragraphenziffer liegen. Sie sind Jurist. Ich Mensch. Die Reaktion bei mir ist demnach eine wesentlich andere. Mich trifft's zunächst mal als Menschen. Und da hatte ich denn die Wahl, entweder innerlich nachzugeben, das heißt mich von der Ungeheuerlichkeit jener Anklage erschüttern zu lassen und je nach meinen Nerven zusammenzuklappen oder mich zu empören; oder ich hatte die Möglichkeit, mich der Wirkung Ihrer Anklage innerlich zu widersetzen, indem ich außen blieb, mich mit der Anklage nicht identifizierte, sie nicht gefühlsmäßig in mir aufnahm, sie vielmehr als etwas, was außerhalb meiner Person stand, faßte. Das letzte war mir, wenn es auch Disziplin aller Nerven forderte, als das Richtige erschienen. Sie sehen, wie offenherzig ich bin. Jedenfalls wissen Sie nun, weshalb ich meine Haltung bewahre und auf Ihre Anklage anders reagiere, als Sie erwartet haben.«

Tatsächlich hatte Hempels Haltung aber noch eine andere Wirkung. Sie zwang Stoelping, der sich des Erfolges schon sicher glaubte, aus seiner Bahn und nötigte ihm ein Verfahren auf, das ganz und gar nicht in seiner Absicht lag.

Das freilich war auch ihm nicht entgangen, daß es Hempels Bestreben war, sich »draußen« zu halten; außerhalb des Netzes, in dem er ihn fangen wollte. Und es nützte ihm nichts, daß er immer neue Argumente brachte, da sich jedesmal, wenn er das Netz fester zog, herausstellte, daß es leer war. Seine Taktik war gut, aber die des Gegners war besser.

Alles, was Stoelping auf Hempels letzte Worte zu erwidern wußte, war:

»Wahrhaftig, Sie verteidigen sich ausgezeichnet!«

»Verzeihung, Herr Staatsanwalt!« erwiderte Hempel, »ich glaube, daß Sie sich irren. Ich hatte bisher noch keine Veranlassung, mich zu verteidigen. Zum mindesten müßte ich dazu einen Vorwurf haben, gegen den ich mich verteidigen könnte. Die Tatsache, daß ich mit 500 anderen Personen am 30. März im Hotel Regina war, scheint mir denn doch zu belanglos.«

»An sich schon,« erwiderte Stoelping, »das gebe ich zu.«

»Also!« sagte Hempel. »Noch dazu, wenn man bedenkt, daß gewiß nicht einmal die Hälfte dieser 500 einen so glaubhaften Grund für ihren Aufenthalt in Paris angeben könnten wie ich. Die meisten würden vermutlich sagen: man ist eben im Frühjahr in Paris, auch wenn man nicht gerade einen politischen Mord vorhat. Auch ob sich von den 500 alle unter ihrem richtigen Namen eingetragen haben, erscheint mir – ohne das Renommee des Hotels schädigen zu wollen – zum mindesten zweifelhaft. Nach alledem glaube ich also, daß ich unter den 500 Verdächtigen nicht gerade übel abschneiden würde. Und dann: wer sagt denn, daß überhaupt einer der Hotelbewohner als Täter in Frage kommt. Ich kenne allerdings die Ergebnisse der Untersuchung nicht.«

»Ich aber kenne diese Ergebnisse!« erwiderte Stoelping, der mit Vergnügen wahrnahm, daß Hempel, der ins Reden kam, nicht mehr so behutsam wie anfangs um die Sache herumging. »Und ich will Ihnen auch sagen, weshalb von allen Hotelbewohnern gerade auf Sie in erster Linie der Verdacht fällt. Weil es sich um einen« – und er zog die Worte breit und dehnte sie – »politischen Mord handelt!«

Diesmal glaubte er wahrzunehmen, daß Hempel zusammenzuckte; er schloß für einen Augenblick die Augen und beugte sich nach vorn, wohl um ein nervöses Zucken um den Mund, das er selbst deutlich spürte, zu verbergen. Er hatte sich aber schnell wieder in der Gewalt, richtete sich auf und sagte lächelnd:

»Das ist immerhin eine Nuance harmloser.«

»Wieso?« fragte Stoelping.

»Ich meine, daß man mir wenigstens keinen Raubmord zutraut.«

»Um so mehr Ursache aber hat man, Sie eines politischen Mordes für fähig zu halten.«

»Und darf ich fragen, worauf sich diese Überzeugung stützt?«

»Auf Ihr eigenes Geständnis.«

»Und wann und wem gegenüber hätte ich das abgelegt?«

»Ich bitte doch, das Stellen von Fragen mir zu überlassen.«

»Bitte!« erwiderte Hempel und verbeugte sich leicht, und Stoelping sagte:

»Im übrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie mir alle Antworten verweigern können, mit denen Sie sich zu belasten glauben.«

»Ich habe diese Unterredung zwar nicht gesucht,« erwiderte Hempel, »da ich aber infolge meiner guten Kinderstube gewohnt bin, auf Fragen zu antworten, so werde ich auch Ihnen Rede und Antwort stehen.«

»Wenn ich Sie also fragen würde, ob Sie Anarchist sind, was würden Sie antworten?«

»Ich würde Sie vermutlich bitten, sich zunächst mit mir über den Begriff, den Sie mit der Bezeichnung Anarchist verbinden, zu verständigen.«

»Das wäre sehr einfach. Denn Sie brauchten unter Anarchismus nur jede infolge Negierung jedweder Staatsform veranlaßte und gegen sie gerichtete, gesetzwidrige Handlung zu verstehen, um meine Frage zu beantworten.«

»Darauf habe ich zu erwidern, daß mir die Staatsform des Deutschen Reiches durchaus zweckmäßig erscheint, daß ich mich um die Staatsformen anderer Länder nicht bekümmere, und daß ich im übrigen politisch überhaupt uninteressiert bin.«

Mit dieser Antwort glaubte Stoelping, ihn – endlich! – bei der ersten Unwahrheit ertappt zu haben. Denn seine Briefe widerlegten ihn.

Und damit wurde der Eindruck, den Hempel auf Stoelping gemacht hatte, und der stark gewesen war und sich im Laufe der Vernehmung immer mehr vertieft hatte, abgeschwächt. Hatte Hempels Auftreten ihn bisher bedrückt, fast unsicher gemacht, so sah er jetzt in dem, was ihm bisher als der Ausdruck einer starken Persönlichkeit erschienen war, nun nur noch die Technik und Verschlagenheit eines intelligenten Verbrechers.

Und in scharfem Tone sagte er:

»Sie sollten auf unbequeme Fragen lieber die Aussage verweigern, statt der Wahrheit derart ins Gesicht zu schlagen.«

Hempel hatte das Gefühl, als müßte er aufspringen und sich gegen diese Kränkung verteidigen. Aber er erzwang seine Beherrschung, besann sich und sagte:

»Mir einen Mord vorzuwerfen, war lächerlich und konnte mich nicht kränken. Mir aber zu sagen, daß ich lüge, ist niederträchtig.«

»Unterlassen Sie derart ungehörige Bemerkungen. Ihre Situation mag schwierig sein. Gut! lügen Sie, wenn Sie sich davon Erfolg versprechen. Aber spielen Sie sich nicht auf! hier sind die Beweise!« Er schlug ein Aktenstück auf, das die ganze Korrespondenz Hempels an den Frankfurter Pseudogelehrten enthielt und reichte es ihm über den Tisch.

»Bekennen Sie sich zu diesen Briefen?« fragte er.

Hempel riß den Mund auf und fuhr leicht zurück.

»Wie kommen Sie zu dieser Korrespondenz?« fragte er.

Stoelping erwiderte:

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, Fragen zu stellen habe ich. Sie haben sich lediglich darauf zu beschränken, mir zu antworten oder, falls Ihnen das für Ihre Verteidigung vorteilhafter erscheint, die Aussage zu verweigern. Ich wiederhole: Bekennen Sie sich zu diesen Briefen?«

Hempel richtete seine Augen so scharf auf den Staatsanwalt, daß der unwillkürlich den Kopf bewegte und schließlich fragte:

»Warum sehen Sie mich so an?«

Hempel ließ ihn nicht aus den Augen. Scharf und bestimmt fragte er:

»Stammt – diese – Infamie – von Ihnen?«

Stoelping klopfte unmutig mit den Fingern auf den Tisch.

»Was erdreisten Sie sich!« rief er gereizt. »Wenn ich bisher mit Ihnen noch nicht verfahre, wie Sie's verdienen, so glauben Sie ja nicht, daß ich mich etwa durch Ihre Ruhe bluffen lasse. Das hat ganz andere Gründe.«

Hempel hörte gar nicht, was Stoelping sagte. Er starrte auf die Mappe, die vor ihm lag und, nach Tagen geordnet, alle Briefe enthielt, die er an den Privatgelehrten Gustav Fritz . . . ja, das eben war es, was ihn jetzt beschäftigte, ob dieser Privatgelehrte wohl wirklich der Empfänger dieser Briefe war, ob man die Briefe bei ihm beschlagnahmt hatte, oder ob der am Ende gar nicht existierte und nur eine Erfindung dieses verschlagenen Staatsanwalts war. Das beschäftigte ihn so stark, daß er gar nicht dazu kam, darüber nachzudenken, inwieweit der Inhalt dieser Briefe ihn belasten konnte.

»Wie ist es nur möglich, daß diese Briefe . . .« sagte er ganz versonnen vor sich hin.

»Wie sich die Staatsanwaltschaft in den Besitz dieser Briefe gesetzt hat, ist Nebensache. Worauf es ankommt, ist, daß aus den Briefen klar und deutlich hervorgeht, daß Sie ein Anarchist der Tat, also ein ganz gemeingefährlicher Verbrecher sind.«

Hempel schüttelte den Kopf.

»Das also geht daraus hervor?« sagte er schwer und bedrückt, und indem er auf die Mappe wies, fügte er hinzu: »Freilich, wenn aus diesen Briefen der Geist eines gemeingefährlichen Verbrechers spricht, dann ist es schlimm um mich bestellt.«

»Sie werden nicht die Stirn haben, zu leugnen, daß Sie sich in diesen Briefen bedingungslos als Anarchist der Tat bekennen.«

»So wie ich es sehe – und das scheint mir denn doch etwas durchaus anderes zu sein, als was Ihnen vorschwebt –, ja! bedingungslos ja!«

»Eine weitere Frage: warum waren am 30. März dieses Jahres die Räume Ihres Vereins, über dessen wahren Charakter ich mich jetzt mit Ihnen nicht auseinandersetzen will, mit Blumen geschmückt, und zwar ganz besonders Ihr Platz?«

Hempel überlegte nicht lange:

»Weil dies die Wiederkehr des Tages war, an dem vor einem Jahre der russische Staatsminister Kowalski seine Verbrecherlaufbahn beendet hat.«

Stoelping hatte jede Antwort, nur die nicht erwartet.

»Und das wäre für einen literarischen Verein Ursache zu einer besonderen Feier?« fragte er.

»Das sollte für die ganze zivilisierte Welt ein Festtag erster Ordnung sein!« erwiderte Hempel.

»Sie haben demnach den traurigen Mut, die Mordtat gutzuheißen?«

»Das wenige, was über den Vorgang bekannt geworden ist, scheint nicht auszureichen, um sich ein Urteil zu bilden.«

»Nun, uns reicht es aus,« erwiderte Stoelping. Er stand auf und sagte in einem Tone, dem er etwas Feierliches zu geben suchte:

»Ich erkläre Sie hiermit, unter dem Verdacht, am 30. März vorigen Jahres im Hotel Regina in Paris den russischen Staatsminister Kowalski ermordet zu haben, für verhaftet,« und zu dem Referendar gewandt, fügte er hinzu:

»Herr Kollege, erledigen Sie die Formalitäten und veranlassen Sie die Überführung des Angeschuldigten in das Untersuchungsgefängnis.«

Hempel verzog keine Miene.

»Wie ist es mit dem Protokoll?« fragte der Referendar.

»Das war keine verantwortliche Vernehmung,« erwidert Stoelping. »Dazu hätten wir nach dem neuen Strafgesetzbuch dem Angeschuldigten die Möglichkeit geben müssen, einen Verteidiger hinzuzuziehen.«

»Machen Sie mit mir, was Sie wollen,« sagte Hempel. »Ich werde mich weder verteidigen, noch verteidigen lassen.«

*

Die im Anschluß an die Verhaftung vorgenommene Haussuchung förderte außer dem folgenden Briefe aus der Feder des Professors Schott nichts zutage, was in irgendeinem Zusammenhang stand mit der Dr. Hempel zur Last gelegten Tat.

Da schrieb Professor Schott im Juni 1939:

Lieber Günther!

Als ich meiner Tochter erlaubte, zu den Mozartspielen zu fahren, wußte ich, daß sie, außer der Musik, die Aussicht, Dich zu treffen, nach Salzburg zog.

Nur wenn ich Salzburg, das Herz dieser Musik und das Herz meines Kindes nicht kennen würde, hätte mich überraschen können, was Du mir schreibst. Da ich aber, lange bevor Ihr Euch über Eure Gefühle klar wart, sah, wie sich Euer Zusammenschluß vorbereitete, so wußte ich, als Ihr jetzt fortgingt, daß Ihr Euch finden würdet.

Hier wäret Ihr vielleicht noch ein paar Monate nebeneinander hergegangen. Dort aber, in der Helligkeit und Grazie Salzburgs, mußte, wenn Eure Gefühle füreinander echt und rein waren, Mozarts zarte Schwermut und heitere Leidenschaft Eure Herzen erschließen.

Ich wollte, daß Euch das Glück dieser Stunde in festlicher Freude und nicht in der Stimmung des Alltags fand. Darum habe ich gern eingewilligt, daß Ilse nach Salzburg ging. – Daß Ihr schon am ersten Abend während ›Figaros Hochzeit‹ Eure Hände ineinanderlegtet, zeigt mir, wie recht ich hatte.

Was Du mir schreibst – und wie Du es schreibst –, ist genau so, wie ich es von Dir erwartet hatte. Wenige, starke und klare Worte; kein Programm und keine Versprechungen. Und wenn Du nur eines besonders betonst, daß sich in dem Verhältnis zwischen meinem Kinde und mir durch Euren Zusammenschluß nichts ändern wird, so weiß ich, daß Du damit uns allen aus dem Herzen sprichst.

Und so lege ich ruhig und zuversichtlich Ilses Zukunft in Deine Hände; kenne ich Dich doch lange genug, um zu wissen, daß Du die Eigenschaften besitzt, die zu einem Glück, wie sie es nach Anlage und Erziehung braucht, nötig sind.

Als Dein väterlicher Freund und langjähriger Lehrer bin ich auch in der Lage, zu beurteilen, daß Du in Deinem Fach Außerordentliches leisten wirst, falls Du – und nun, mein Lieber, kommt die einzige Einschränkung in meine Zuversicht – Deine Begabung und Dein Interesse nicht zu leidenschaftlich Dingen zuwendest, die außerhalb Deines Faches liegen. –

Nun weiß ich aber, daß Du einer Idee nachhängst, die Dich stark und leidenschaftlich beschäftigt und Deiner literarischen Arbeit ein nicht unbedeutendes Maß von Zeit und Kraft entzieht. Das, lieber Günther, bedeutet eine Gefahr, auf die hinzuweisen ich mich heute für verpflichtet halte.

Du mußt, wo Du einmal stehst, ganze Arbeit tun! Wärest Du eine der hunderttausend Mittelmäßigkeiten, die sich in unserer schnellebigen Zeit, wo Bluff mehr gilt als Gründlichkeit, allenthalben breitmachen – ich würde kein Wort verlieren. Du aber bist ein Eigener und viel zu streng gegen Dich selbst, um nicht Dich und Deine Leistung jeden Augenblick richtig einzuschätzen. Und kein äußerer Erfolg wird Dich, der Du, genau wie Ilse, ganz nach Innen gestellt bist, jemals über eine innere Leere hinwegtäuschen.

Du bist ein ausgesprochen produktiver Geist und wirst daher nur in selbstschöpferischer Arbeit Befriedigung finden. Die wird Dir, wenn Du Dich zersplitterst, nie gelingen. Du würdest also unbefriedigt und mit Dir unzufrieden sein. Von da bis zum Unglück ist nur ein Schritt. Und da von nun ab Dein Schicksal auch das meines Kindes ist, so ist es meine Pflicht, dieser Gefahr, der einzigen, die, so weit menschliche Vorsehung reicht, Euer Glück gefährden kann, vorzubeugen.

Ich bin Germanist, Günther; auch Dein Vater war zehn Jahre lang eine Zierde unserer Fakultät; auch Du bringst von Haus aus alles mit, was der Beruf erfordert, – prüfe Dich also, ob Pietät, Anlage und Liebe zur Sache in Dir stark genug sind, um ihm Deine Idee zu opfern und in der ausschließlichen Betätigung Deines Berufes volle Befriedigung zu finden.

Daß ich mir wünsche, Du könntest diese Frage bejahen, brauche ich Dir nicht erst zu sagen.

Trotzdem darf weder Vernunft noch Zweckmäßigkeit entscheiden! Vielmehr ist es lediglich eine Frage des Gefühls und des Temperaments. Geht Dir der Gedanke, Deiner Idee ein für allemal Lebewohl zu sagen, wider das Gefühl, hältst Du es für eine Gewissenspflicht, Dich für Deine Idee einzusetzen und sie aufzugeben für einen Verrat, dann sage nein!

Dann aber gib die akademische Laufbahn auf und sei mit allen Deinen Kräften Pazifist!

Ich, der ich alles andere als Kosmopolit bin und in dem von Dir erträumten ewigen Frieden eine Schwächung der nationalen Idee erblicke, werde Dich – trotz der Verschiedenheit unserer Anschauungen – darum nicht weniger lieben. Aber denke daran, bevor Du Dich entscheidest, wie viele kluge Köpfe jahrhundertelang in dieser Richtung dachten und wirkten und – was sie erreicht haben! Ob hier nicht am Ende Naturgebote am Werke sind, demgegenüber alle menschliche Vernunft zuschanden wird. Und erwäge, was geschieht, wenn Dir diese Erkenntnis zu einer Zeit kommt, zu der es keine Umkehr mehr gibt!

Das alles überlege! zusammen mit Ilse, die es ja mit angeht, und die mich durch ihren feinen Instinkt schon häufig überrascht hat. – Du aber sei versichert, daß ich mit all meinen guten Gefühlen bei Dir und meinem Kinde bin.

Dein Erwin Schott.«

 


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