Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Neuntes Kapitel

Wie die Untersuchung gegen Dr. Hempel ihren Fortgang nahm

Vom Hotel aus fuhr Stoelping nach Moabit.

Schon unterwegs war er bemüht, sich gedanklich wieder in seine Arbeit hineinzufinden. Vornan stand der Fall Hempel, der einer Eskapade wegen drei Tage lang geruht hatte.

»Eskapade!« wiederholte er sich – sann nach und schüttelte den Kopf. Nein! das war es nicht. Es war auch keine Laune; es war mehr. Und wenn es auch gerade keine Leidenschaft war, so war es doch ein Gefühl innerer Ungebundenheit, der Möglichkeit, sich zwanglos, ohne Konvention, so zu geben, wie man wirklich war. Daß das aber gleichbedeutend mit einem Zusammenstimmen und Gleichempfinden, letzten Endes also nicht mehr oder weniger als das gleiche innere Verhältnis zur Welt und zu den Dingen war, sagte er sich nicht. Ahnte es nicht einmal! Ihm lag im Augenblick ja nur daran, zu wissen, daß das, was er für diese Frau empfand, nicht Liebe war!

Als Stoelping sein Amtszimmer betrat und den Referendar nach wichtigen Eingängen fragte, wies der auf einen hohen Stoß von Akten und sagte:

»Die Haftsachen liegen obenauf.«

Dann holte er aus dem Schubfach einen Aktendeckel und reichte ihn Stoelping.

»Vor allem ist der Bericht der Polizeibehörde, die Sie mit der Beobachtung Dr. Hempels beauftragt haben, eingegangen.«

»So,« sagte Stoelping voller Interesse und fiel förmlich über die Akten her und hatte im selben Augenblick auch schon keinen Gedanken mehr für Miß Harrison; »da bin ich aber gespannt.«

Obenauf lag der Bericht des Kriminalkommissars Dr. Schütze, den Stoelping mit den Recherchen über die Personalien des Literaturhistorikers Dr. Hempel beauftragt hatte.

»Der Literaturhistoriker Dr. phil. Günther Hempel, geboren am 21. Dezember 1912, ist der Sohn des verstorbenen Universitätsprofessors Hempel. Er bewohnt in der zweiten Etage des Hauses Charlottenburger Chaussee 24 eine Fünfzimmerwohnung für den jährlichen Mietszins von 5200 Mark. Es heißt, daß er mit der Tochter des Universitätsprofessors Geheimrat Schott heimlich verlobt ist. Sein väterliches Erbteil in Höhe von über einer Million Mark soll intakt und mündelsicher angelegt sein. Kredit nimmt er nicht in Anspruch. Er hat auf der Berliner Universität summa cum laude promoviert und steht im Begriff, sich auf Grund einer Arbeit über die Brüder Hauptmann als Privatdozent an der Berliner Universität zu habilitieren. In seinem Fach gilt er als hervorragend befähigt. Er ist Mitglied mehrerer literarischer Vereine und Vorstandsmitglied des Internationalen Friedensbundes. Hempel ist eine in Musikkreisen bekannte Persönlichkeit und spielt künstlerisch Cello. Zurzeit werden mehrere junge Musikschüler des hiesigen Konservatoriums auf seine Kosten ausgebildet. In seinem militärischen Verhältnis ist er zurzeit Oberleutnant der Reserve im Oldenburgischen Dragonerregiment Nr. 19.«

Stoelping war von dem Bericht wenig befriedigt. Nicht daß er oberflächlich oder nicht erschöpfend schien. Der Kommissar hatte seine Schuldigkeit getan; ihn traf kein Vorwurf. Nur hätte er ihn sich für seine Zwecke anders gewünscht. Daß so die Personalien eines Anarchisten aussahen, wollte ihm nicht in den Kopf. Wenn dieser Hempel – und die Korrespondenz ließ darüber gar keinen Zweifel – wirklich ein gemeingefährlicher Verbrecher war, dann war man ja nicht einmal mehr auf den Parketts der Tiergartensalons sicher, sagte er sich. Mit solchen Leuten sitzt man womöglich, ohne eine Ahnung von ihrem wahren Charakter zu haben, an einem Tisch und unterhält sich von Staats- und Gelehrtensachen. Gräßlich! dachte er und schüttelte sich vor Unbehagen. Dann las er den Bericht noch einmal, schüttelte den Kopf, wandte sich an den Referendar und fragte:

»Bietet Ihnen das irgendwelche Anhaltspunkte?«

»Nicht den geringsten,« erwiderte der Referendar. »Ich habe den Bericht daraufhin auch schon mehrmals durchgesehen.«

»Höchstens der Friedensbund. Aber das ist ja wohl 'ne allgemein bekannte Organisation, die über die ganze Welt verbreitet ist, und der, soviel ich weiß, sogar konservativ gesinnte Elemente angehören. – Frieden und Anarchie – an sich sind das ja wohl zwei grundverschiedene Dinge; immerhin, wer kann wissen, wie sich das so in dem Kopf eines jungen Gelehrten spiegelt. Es wär' vielleicht ganz lehrreich, mal die Reden, die er da zum besten gibt, kennen zu lernen!«

»Die findet man ja meist in den Zeitungen abgedruckt,« sagte der Referendar.

»Aber Mensch!« erwiderte Stoelping, »die mein' ich natürlich nicht; sondern die so bei verschlossenen Türen im engeren Ausschuß gehalten werden, und von denen nichts in die Öffentlichkeit dringt. Aber da hineinzukommen ist schwer. Sie sollen sehr exklusiv sein.«

»Dann könnte man ja unter irgendeinem baupolizeilichen Vorwande Schallplatten in die Wände einsetzen. Auf die Weise haben wir im letzten Bankprozeß stundenlange Debatten der Direktoren Wort für Wort aufgefangen.«

Stoelping schüttelte den Kopf.

»Das nimmt alles zuviel Zeit in Anspruch. Ich habe persönliche Gründe, die Untersuchung zu einem schnellen Abschluß zu bringen. Und dann sind die Leute am Ende selbst so schlau und wissen, daß Wände heutzutage Ohren haben, und machen's wie die Angeklagten neulich in dem großen Wechselprozeß, die auf großen Schiefertafeln, die an der Wand hingen, diskutierten.«

»Auch dagegen kommt man an,« erwiderte der Referendar, »indem man selbsttätige photographische Apparate in die gegenüberliegende Wand fügt.«

»Und wenn sie eine selbständige, eigens von ihnen erfundene Stenographie haben, die in der ganzen Welt außer ihnen kein Mensch kennt, was dann?«

Der Referendar war geschlagen und schwieg.

»Ne, ne,« fuhr Stoelping fort, »das alles dauert, wie gesagt, auch viel zu lange. Jedenfalls aber werde ich mir ihren Vertrauensmann mal ansehen. Ich entsinne mich, sie haben da so'n alten Invaliden als Verwalter, den könnten wir mal laden. Am besten, man tut's gleich. Setzen Sie sich unten in ein Auto, Kollege, und holen Sie'n her; unter irgendeinem Vorwand, am besten: Sie sagen, daß es sich um einen alten Kriegskameraden handelt, über den er Auskunft geben soll.«

Der Referendar stand auf und ging zur Tür.

»Also nicht wahr, lieber Kollege, nicht einschüchtern! Freunden Sie sich unterwegs mit dem Alten an.«

»Ich will mein möglichstes tun,« erwiderte der Referendar und ging.

Es dauerte kaum eine Viertelstunde, da erschien der Referendar und mit ihm der Veteran Linke.

»Da sind Sie ja!« empfing ihn Stoelping so jovial wie möglich, und zu dem Referendar gewandt, sagte er:

»Na, dann rücken Sie man dem alten Krieger 'nen Stuhl ran, Herr Kollege, – so – mir gegenüber. – Zigarre gefällig?« er reichte ihm sein Etui, und Linke erwiderte:

»Bin so frei, Herr Präsident,« und nahm sich, indem er sich setzte, eine Zigarre.

»Darf man denn hier aufs Jericht . . .?« fragte Linke, mit einem Blick auf die Zigarre; biß im selben Augenblick aber auch schon die Spitze ab und spuckte sie in weitem Bogen ins Zimmer.

»Eigentlich ja nich!« erwiderte Stoelping, »– aber, was wir vorhaben, das ist ja nicht amtlich – das sind vielmehr« – und er steckte sich selbst eine Zigarre in den Mund –, »rein private Angelegenheiten.«

»Ja, ja,« sagte Linke und wies auf den Referendar, »der Herr Kollege hat mir unterwegs schon angedeutet.«

»Ja, sehen Sie,« fiel ihm Stoelping ins Wort, »nicht wahr, Sie haben ja wohl den europäischen Krieg mitgem . . .«

Und nun kam der Veteran ins Reden! Wohl ein dutzendmal ging ihm die Zigarre aus; diensteifrig zog Stoelping ein dutzendmal sein Feuerzeug aus der Tasche und regte durch Zwischenrufe und Fragen den begeisterten Krieger immer zu weiterer Erzählung an. Und als er endlich beim Friedensschluß war, atmete der Referendar erleichtert auf; Stoelping und Linke aber waren Freunde.

»Ein Held also sind Sie!« sagte Stoelping und schüttelte ihm die Hand.

Linke, der einen roten Kopf hatte und außer Atem war, zog sein Schnupftuch aus der Hosentasche und trocknete den Schweiß.

»Man hat nur eben seine Pflicht getan,« erwiderte er.

»Ich glaube, Sie gingen heute noch mit, wenn es wieder losginge?«

»Wenn's nach mir jinge, und es jinge gegen England,« erwiderte Linke freudig, »ohne Besinnen; aber« – und dabei wies er resigniert auf sein Holzbein – »sie werden mich wohl nicht haben wollen.«

»Na,« erwiderte Stoelping, »wenn's mal so weit is, dann kommen Sie zu mir; ich werd' dann sehen, irgendwie, da werd' ich Sie schon anbringen.«

Linke strahlte.

»Wenn Sie das fertigbrächten, Herr Präsident!«

»Mein Wort darauf!« erwiderte Stoelping und streckte ihm die Hand hin.

Linke schlug ein.

Und nun hielt Stoelping die Zeit für gekommen und die Stimmung für genügend vorbereitet, um von anderen Dingen zu sprechen.

Was Linke von den Mitgliedern des Friedensbundes und ihren Sitzungen, vornehmlich denen des Ausschusses erzählte, die, wie Stoelping richtig vermutet hatte, hinter geschlossenen Türen stattfanden, war nicht viel. Daß es sehr still zugeht, daß sie weder trinken, noch rauchen, und daß man sie kaum reden hört.

»Daß sie mal irgendwie besonders aus sich herausgehen, in Stimmung kommen oder gar vergnügt sind, das geschieht wohl nie?« fragte Stoelping.

»Ne, in den zehn Jahren, in denen ich da bin, nich, oder doch nur sehr selten.«

»Wann denn zum Beispiel?« fragte Stoelping.

»Na, so zu besonderen Gelegenheiten.«

»Zu den Feiertagen also? zum Beispiel zu Neujahr?«

»Ja, auch. Oder wenn eins von den Mitgliedern seinen Geburtstag feiert.«

»Aha! sehen Sie mal an; das finde ich nett. Und was geschieht denn da? Werden da Reden geschwungen? Hochs ausgebracht?«

»Ne, ne! in der Sitzung nich. Das machen se wohl hinterher. Bei uns, da gibt's denn nur Blumen; und dann bekränzen se wohl auch den Stuhl von dem Herrn, den se nun gerade feiern wollen.«

»So, so! Und wessen Geburtstag haben sie denn zuletzt gefeiert?«

Linke nannte irgendeinen Namen.

»Und wer war vorher dran?« fragte Stoelping.

Linke dachte nach und nannte abermals den Namen eines Mitgliedes.

»Sehen Sie mal an, was Sie für ein Gedächtnis haben!« sagte Stoelping. »Sie können dem Staate noch viele Dienste leisten;« und Linke, der nun seinen Ehrgeiz darin sah und seinen Stolz darin fand, diesen Beweis möglichst zu erhärten, zählte von einer ganzen Reihe von Mitgliedern die Tage auf, deren Geburtstage man in dem Verein gefeiert hatte. Bei manchem konnte er den Tag nur noch ungefähr angeben. So wußte er, daß Geheimrat Schenk in den ersten Maitagen, Professor Kolb kurz nach Weihnachten, Doktor Hempel so um Ostern herum, also in den letzten Tagen des März, Doktor Lekoni an einem besonders heißen Augusttage zum letzten Male gefeiert worden waren.

»Alle Achtung!« sagte Stoelping, »das ist ja staunenswert! Eine wahre Freude ist das! – Also nicht wahr« – und er stand auf –, »wenn es soweit ist, dann denken Sie an mich! ich bringe Sie unter!«

Glückstrahlend reichte ihm Linke die Hand und humpelte aus dem Zimmer.

Als er draußen war, sagte Stoelping:

»Der Match wird immer amüsanter.«

Der Referendar, der gewöhnt war, einen einfachen Diebstahl genau so gewissenhaft zu behandeln wie einen Sensationsprozeß, war über diese Bezeichnung für einen Fall, bei dem das Leben eines Menschen auf dem Spiele stand, empört. Aber Stoelping ließ ihm nicht lange Zeit, darüber nachzudenken.

»Nun?« fragte er, »was sagen Sie zu diesem Erfolge?«

Der Referendar sah ihn erstaunt an.

»Erfolg?« fragte er.

»Etwa nicht?« erwiderte Stoelping, »ich bin zufrieden. Wann war doch gleich dieser Dr. Hempel geboren? – Richtig, da steht's ja, am 21. Dezember. So, und nun nehmen Sie mal das kriminalistische Jahrbuch zur Hand und schlagen Sie nach, wann dieser Kowalski ums Leben kam.«

Der Referendar blätterte und sagte:

»Am 30. März.«

»Nun? fällt es Ihnen nicht auf, daß man den Geburtstag Hempels statt am 21. Dezember, dem Tage, an dem er geboren ist, ausgerechnet am 30. März, dem Tage der Ermordung dieses Kowalski, feiert?«

Der Referendar riß den Mund auf.

»Ja, mein lieber Freund,« sagte Stoelping, »Sie sind nicht auf der Höhe! – Und nun, scheint mir, kann man zur Verhaftung schreiten.«

 


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