Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Wie sich der junge Stoelping für Ilse entschied

Stoelping ging in sein Zimmer zurück, schloß sich ein und setzte sich an den Schreibtisch, stützte den Kopf in die Hände und dachte nach.

Es war mitten in der Nacht, als er einen Briefbogen aus dem Schreibtisch nahm, zur Feder griff und schrieb:

»Mein sehr verehrtes und gnädiges Fräulein!

In dem Konflikt, in dem in dieser Stunde mein Herz mit meinem Gewissen liegt, ist die Entscheidung gefallen. Um es vorweg zu sagen: weder die Aussicht auf eine große Karriere, noch die Pflicht meines Amtes, das mir ohne Rücksicht auf Sentiments einfach gebot, zu handeln, haben gegenüber dem Gefühl, das mich in Gedanken an Sie bewegt, etwas auszurichten vermocht.

Ich versichere Sie, daß es bis zum heutigen Tage Pflicht und Ehrgeiz waren, die allein mein Denken und Handeln bestimmten. Wie stark muß ein Gefühl sein, das die Kraft hat, beide auszuschalten!

Ich erfülle also Ihren Wunsch und schlage das Verfahren nieder.

Ernster und schwerer war die zweite Frage. Würde ich die Größe aufbringen, um Verzicht zu leisten? Ich empfand die Notwendigkeit, es zu tun, denn ich fühlte, daß auf den Preis bestehen, mich Ihnen verächtlich machen mußte. Kreuzigen Sie mich: aber ich bringe die Kraft nicht auf!

Um das zu verstehen, müßten Sie mich besser kennen. Weder ist es Berechnung, die nur Logik kennt, noch Verliebtheit, die sich der Vernunft verschließt, noch gar Eigensinn, der keine Gegengründe duldet, – es ist vielmehr die unerschütterliche Erkenntnis, durch Sie ein anderer zu werden!

Wenn Sie das doch verstehen könnten! Sie würden dann zum mindesten nicht verächtlich von mir denken. Sie würden über das Verständnis hinaus mir vielleicht sogar Ihre Sorgfalt und Ihr Interesse zuwenden!

Ich hatte es beinahe aufgegeben, gegen Regungen anzukämpfen, die instinktiv in mir zum Ausbruch kamen und mich fühlen und oft auch handeln ließen, daß ich mich vor mir selber schämen mußte, ohne daß ich die Kraft hatte, es zu ändern. Doch wozu brauche ich Ihnen das zu erzählen? Ihnen gerade, die Sie die Wirkungen davon an sich selbst zu spüren bekamen? Dabei wußte und sah ich genau, wie andere handelten und dachten und mühte mich, solange ich denken kann, ihnen nachzustreben. Aber ich brachte es nicht fertig, meine Person hintanzustellen und eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Ich verfiel immer wieder meinen Instinkten, und so sehr mich bei anderen Unwahrhaftigkeit, Neid, Selbstsucht und Heuchelei abstieß und verletzte, – immer von neuem ertappte ich mich selbst dabei und fühlte, daß es mir gegen die Natur ging, wenn ich mich hin und wieder zwang, anders zu handeln, als ich es meinem Gefühl nach mußte.

Da traten Sie in mein Leben. Und, um was ich andere beneidete, das fand ich in Ihnen zehnfach gesteigert. Und da geschah das Sonderbare! Ich empfand es so stark, daß sich die Wirkung nicht wie bisher in Form von Neid und Zorn äußerte, daß ich vielmehr deutlich spürte, wie in mir ein Gefühl sich regte, das auf eigenem Boden wuchs! Die erste unmittelbare Wirkung ging von Ihnen aus! Ich brauchte mir nun nicht mehr mittels des Verstandes vorzustellen, wie dem zumute war, der fühlte wie Sie! Ich begann, es selbst zu fühlen! Wenn auch mehr im Unterbewußtsein und noch kaum bemerkbar, so doch deutlich genug, um zu wissen, daß, wenn überhaupt ein Mensch die Kraft hat, mich zu wandeln und zu dem zu machen, was Selbstzucht und Erziehung nicht zuwege brachten, daß dann Sie es sind!

Das, Fräulein Ilse, ist der Grund, aus dem ich um meiner selbst willen, auf die Bedingung, deren Erfüllung Sie in Aussicht stellten, nicht verzichten kann.

Ich werde Ihnen mit aller Rücksicht begegnen und Ihnen mit meiner Liebe nicht zur Last fallen. Erst wenn ich weiß, daß ich Sie damit nicht kränke, will ich Ihnen sagen, was Sie mir bedeuten.

In Aufrichtigkeit Ihr

Willi von Stoelping.«

*

»Sehr geehrter Herr Doktor!

Auch ich will Ihr Opfer nicht mit meinem verquicken.

Daß Sie sich entschlossen haben, mir zuliebe zu handeln, ist, was Dr. Hempel und daher auch mich betrifft, in seiner Wirkung so bedeutsam, daß ich Ihnen von Herzen dafür danken muß.

Dankbar aber bin ich Ihnen auch, daß Sie mir die Gründe nennen, aus denen Sie auf mein Opfer nicht verzichten können. Die Gründe leuchten mir ein, und so schwer ich unter Ihrer Entschließung leide, so würdige ich doch die Gesinnung, der sie entspringt und bin weit entfernt, Sie Ihres Entschlusses wegen zu verachten. Vielmehr geben mir Ihre Gründe die Gewähr, daß Sie die Rücksicht, zu der Sie sich verpflichten, auch wirklich auf mich nehmen werden.

Unter dieser Voraussetzung wiederhole ich hiermit meine Bereitwilligkeit zur Ehe, bitte Sie aber, den formellen Schritt erst dann zu tun, wenn Dr. Hempel in Freiheit ist. Die Erledigung der Prozeßformalitäten werden ja wohl einige Zeit in Anspruch nehmen. Das Gebot der Vorsicht und Hempels seelische Verfassung werden ihn nach seiner Freilassung nicht einen Tag lang in Berlin dulden. Dann werde ich Mittel und Wege finden, das Band zu lockern und es allmählich ganz zu lösen: in einer Form, die weder ihn zur Verzweiflung treibt, noch mich der Verachtung preisgibt. Eins wie das andere wird für uns beide die Vorbedingung einer Annäherung sein.

Daß ich mit meinem Vater alles bespreche, wissen Sie. So kennt er auch Ihren Brief und meine Antwort. Anfangs hat er versucht, mich umzustimmen. Er hat es schließlich aufgegeben und sich damit abgefunden. Um so leichter, als ich mich in seiner Gegenwart so zusammen nehme, daß er – so fein er sonst alles fühlt, was mich angeht –, nicht merkt, wie schwer ich in dem Gedanken an die Zukunft leide. Diese Unaufrichtigkeit, die mich viel Überwindung kostet, ist notwendig, da ich weiß, daß Vater meinen Schritt sonst niemals billigen würde.

Wie weit es möglich und geboten sein wird, Ihre Eltern über die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären, kann ich nicht beurteilen. Sollten Sie ihnen – was ich vermute, und was wohl auch im Interesse aller das beste ist – nichts von den traurigen Begleitumständen unserer Ehe sagen, so dürfen Sie bei mir auf so viel Rücksicht rechnen, daß ich auch ohne Liebe im Herzen in jeder Situation die Korrektheit aufbringe, die Ihre Eltern von der Frau ihres Sohnes erwarten dürfen. Ich werde Tag und Nacht an mir arbeiten, um mich in eine Welt einzustellen, die so abseits von all den Gefühlen liegt, die mich in so starkem Maße bewegen, daß ich nur dann durchhalten kann, wenn ich von Ihnen Rücksicht und Zurückhaltung erfahre.

Ich werde mich Ihnen immer so geben, wie ich bin; wird dadurch Ihre innere Wandlung, die Sie ersehnen und über die Sie sich in Ihrem Briefe so wohltuend freimütig auslassen, gefördert, so werde auch ich darin sicherlich eine Befriedigung finden.

Ich erwidere Ihre Grüße, Herr von Stoelping, und bin Ihre ergebene

Ilse Schott.«

*

An einem der nächsten Tage besuchte Stoelping mit seinen Eltern den Geheimrat.

Alle wußten von dem bevorstehenden Schritt, der aber selbst in diesem engsten Kreise noch nicht als vollzogen galt. So wahrte jeder die Form, und man unterhielt sich über alles, nur über das, was außer Ilsen jedem auf der Zunge lag, schwieg man sich aus.

Als Stoelping wieder in ihrem Wagen saßen, strahlte der Alte und sagte:

»Wenn du mich gefragt hättest, Ella, wie wünscht du dir mal deine Schwiegertochter, dann hätte ich sie dir, ohne daß ich sie kannte, akkurat so beschrieben wie dieses Fräulein Schott.«

Und Frau Ella nickte und sagte:

»Fein und hübsch ist sie und gut erzogen und auch klug und zu ihrem Vater zärtlich und voller Sorgfalt; aber von einer großen Liebe zu unserem Jungen habe ich nichts gemerkt.«

»Ich bitt' dich,« widersprach Stoelping, »wo sie das erstemal mit uns zusammen war und doch alles noch geheim ist, woran willst du da sehen, daß sie ihn liebt.«

»Man hat das so im Gefühl – wir waren auch heimlich verlobt – nicht mal die Eltern wußten's, aber das hat uns nicht abgehalten, auch wenn sie dabei saßen, uns heimlich mal einen Blick zuzuwerfen oder uns sogar die Hände unterm Tisch zu reichen. Das Fräulein Ilse aber hat unseren Jungen die ganze Zeit über auch nicht ein einziges Mal angesehen; ich habe sie ganz genau beobachtet.«

»Andere Zeiten!« erwiderte der alte Stoelping. »Du bist altmodisch! So was gibt es heut nicht mehr. Das ist Romantik.«

»I was, verliebte Leute betragen sich heute genau so töricht wie vor hundert Jahren – und wenn irgendwo junge Menschen zusammen sind, die sich lieben, da mögen sie sich noch so gut verstellen, man merkt's doch.«

»Warum will sie ihn denn heiraten, wenn sie ihn nicht liebt. So ein Mädchen bekommt alle Tage einen Mann.«

Frau Ella nickte.

»Das sag' ich mir ja auch! – Und trotzdem . . .«

»I was!« unterbrach sie der Alte, »ich laß mir die Freude nicht verderben. Mir gefällt sie, und dann – ich möchte mal wissen, warum sollte sie unseren Jungen denn nicht lieben?«

»Da hast du recht!« sagte Frau Ella und gab ihm die Hand: »Warum sollte sie ihn nicht lieben. Ich will verständig sein und mich mit dir freuen.«

»Bravo!« sagte der Alte und drückte ihr kräftig die Hand. »Es soll zum Guten sein! –«

»Gott geb's!« sagte Frau Ella, aber es war, als wenn es ihr schwer von Herzen kam.

 


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