Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Zehntes Kapitel

Wie sich der alte Stoelping zu Miß Harrison stellte

Stoelping stürzte sich jetzt förmlich in die Arbeit. Frühmorgens fuhr er nach Moabit, ließ sich kaum Zeit für seinen täglichen Sport und nahm, um den Weg zu sparen, seine Mahlzeiten in der Stadt. Und wenn er sich auch immer wieder mit seinen Gedanken bei Miß Harrison ertappte, so brachte er es jetzt doch fertig, stundenlang zu arbeiten, ohne an sie zu denken. Und wenn sein Wunsch, sie wiederzusehen, auch unverändert fortbestand, so war es doch nicht mehr jene Sehnsucht, die ihn anfangs quälte, und die ihn Tag und Nacht nicht hatte zur Ruhe kommen lassen. Auch zählte er nicht mehr die Tage bis zu dem Kölner Rennen, erwog vielmehr ernstlich schon die Möglichkeit, dem Rennen fernzubleiben und sich nach einem Ersatz für den Ritt auf Harrisons »Lori« umzusehen.

Da erhielt er eines Morgens zwischen Briefen, Zeitungen und anderen Drucksachen eine Karte aus Schottland.

Auf der Vorderseite stand:

»Lieber Baron! Seit drei Tagen liege ich mit Freunden auf dem Wasser und jage Enten! Hätten Sie nicht Lust, dabei zu sein? Papa würde sich sicher freuen! Auf Wiedersehen in Köln! Und vergessen Sie nicht – Sie wissen ja! –«

Auf der Rückseite war eine Amateurphotographie: Sie stellte eine Schloßterrasse dar, auf der in bunter Reihe vier junge Engländer Arm in Arm mit drei jungen Mädchen standen; in der Mitte Miß Harrison. Jeder hatte unter sein Bild seinen Namen geschrieben. Unter dem Bild der Miß Harrison stand: »Das bin ich. Gefalle ich Ihnen?« Sie trugen sämtlich Sportanzüge. Die Damen kurze schottische Röcke mit hohen Ledergamaschen, schottische Mützen, und in der Hand hielten sie ihre Flinten. Die jungen Männer waren alle bartlos, auffallend hübsch und gut gewachsen.

Und mehr, als ihn der Anblick der Miß Harrison erfreute, verstimmten ihn auf dem Bilde die hübsch gewachsenen jungen Leute, mit denen er sich immer wieder verglich. Daß sie seine Figur und wie es schien, auch seine scharfen und bestimmten Züge hatten, störte ihn, und der Gedanke, daß sie tagelang, von früh bis spät mit ihr zusammen waren, erregte ihn maßlos.

Haben die jungen Leute der Gesellschaft in England denn nichts anderes zu tun, als mit den jungen Mädchen tagelang auf dem Wasser herumzuliegen und Enten zu schießen! – dachte er. Lieber hätte er es freilich auf seine Antwortkarte geschrieben; aber davon hielten ihn Klugheit und Takt zurück.

Die Freude aber, daß sie sogar im Kreise dieser jungen Leute an ihn dachte, überwog. Sie machte also vor ihnen gar keinen Hehl daraus, daß sie ihn kannte und zwang sie sogar, ihre Namen darunter zu setzen. War das nicht ein Zeichen, daß sie ihn bevorzugte? Ihm hatte sie das nicht zugemutet; dabei hatten auch sie sich damals im Flugzeug photographieren lassen!

Stoelping war heute sehr glücklich. Und als sein Vater ihn fragte:

»Na, Junge, du bist ja heute so aufgeräumt. Die Sache steht wohl gut?« da sah er ihn ganz verträumt an und erwiderte:

»Ausgezeichnet, Vater!«

»Dann wirst du also bald zur Verhaftung schreiten?«

»Verhaftung?« fragte Stoelping erstaunt; er war mit seinen Gedanken ganz wo anders.

»Selbstverständlich! wenn du da den richtigen Augenblick versäumst, und der ist bei dieser Sorte von Verbrechern meist sehr kurz bemessen, dann geht er dir durch die Lappen. Du weißt, für einen Anarchisten gibt es keine Landesgrenze, der schlüpft überall unter.«

Jetzt erst begriff Stoelping.

»Gewiß! ich weiß! im übrigen ist dieser Hempel so gut wie überführt.«

»Um so mehr!« erwiderte der Alte, »aber du wirst ja schon wissen, wa du tust. – Übrigens noch eins: Ich weiß nicht, ob du schon die ›Sportwelt‹ gelesen hast; da steht heute eine Notiz . . .« und er entfaltete das Blatt, das neben ihm auf dem Tische lag, ». . . da steht irgendwo von deinem Ritt in Köln für Mr. Harrisons Stall. – Und es werden allerlei unfreundliche Bemerkungen daran geknüpft, daß ein deutscher Offizier und Beamter für einen englischen Stall gegen deutsche Kameraden reitet. – Da hast du das Blatt; ich kann die Stelle nicht finden, du kennst dich besser aus« – und er reichte ihm die Zeitung, – »du mußt das natürlich sofort berichtigen.«

Der junge Stoelping nahm das Blatt, fand auch gleich die Stelle und las sie; er gab die Zeitung dem Vater zurück.

»Nun?« fragte der Alte.

»Die Notiz hat ihre Richtigkeit,« erwiderte Stoelping.

»Was?« fragte der Alte, »du willst . . .?«

»Ich habe mich verpflichtet, ich habe also keine Wahl: ich muß!«

»Das konntest du tun?« rief der Alte empört, »das bringst du fertig?«

»Er hat mich damals am Tage des Rennens, das ihm durch meine Schuld verloren ging, darum gebeten,« erwiderte Stoelping, »ich konnte damals nicht anders.«

»Du konntest schon, wenn du nur wolltest. Was da geschehen ist, das haben wir ausgeglichen. Es genügte, diesen Gentleman materiell zu entschädigen. – Daß er dir auch noch an die Ehre will . . . das ist echt englisch!«

»Aber, Vater!« fiel ihm Stoelping ins Wort, »damit vergebe ich doch meiner Ehre nichts.«

»Noch vor einem Monat hättest du das anders beurteilt. Wenn dir da jemand zugemutet hätte, für englische Farben und noch dazu gegen deutsche zu reiten – ich glaube, du wärst ihm an den Hals gegangen.«

»Sport hat mit politischer Überzeugung nichts zu tun.«

»Die Liebe auch nicht?« fragte der Alte.

Stoelping sah zur Erde und schwieg.

»Oder glaubst du, ich bin blind und weiß nicht längst, was mit dir vorgeht? Du bist verliebt; oder redest dir vielmehr ein, es zu sein, und tust, als hänge von dieser Liebe deine ganze Glückseligkeit ab. Du wirst dich noch oft im Leben verlieben; das an sich beunruhigt mich nicht; einmal ist das für dein Alter keine ungewöhnliche Erscheinung, und dann bin ich überzeugt: es wird nicht lange anhalten. Daß du dich als Deutscher aber überhaupt so weit vergessen und dich derart intensiv mit einer Engländerin beschäftigen konntest, das will mir nicht in den Kopf.«

»Es ist doch nun einmal so,« sagte Stoelping, »und wenn du auch recht haben magst, daß es nicht gerade eine große Liebe ist, so ist es doch immerhin stark genug, daß ich nicht dagegen an kann.«

»Du mußt ganz einfach!« sagte der Alte, »man kann, was man will. Und ein Mensch, wie du, der durfte es gar nicht erst so weit kommen lassen! Von der ersten Stunde an hättest du dir sagen müssen: das geht nicht. Und hättest dich zurückziehen müssen, statt die Sache laufen zu lassen, wie sie ging, nur weil sie dir gefiel, wie gewiß tausend andere auch.«

»Es wäre doch auch anders möglich,« sagte Stoelping.

»Und wie?« fragte der Alte.

»Daß sie Deutsche würde,« erwiderte Stoelping, und als sein Vater ihn ansah, erstaunt, als verstünde er nicht, fügte er hinzu:

»Durch mich!«

Da schwieg der Alte – hatte einen bitteren Zug um den Mund – bewegte leicht den Kopf – und ging aus dem Zimmer.

Stoelping war die Freude ein wenig verdorben. Aber der Gedanke, Miß Harrison zu heiraten und eine deutsche Frau aus ihr zu machen, verließ ihn nicht mehr.

Als er eine Stunde später mit seinem Vater nach Moabit fuhr, sprachen beide kein Wort. Und doch wußten beide, daß sie an dasselbe dachten. Erst als das Auto in die Turmstraße bog, und sie eben vom Rücksitz ihre Mappen nahmen, sagte der Alte so nebenbei – obschon es der einzige Gedanke war, der ihn beschäftigte:

»Übrigens, was deine Angelegenheit mit dieser Miß Harrison betrifft, so verliere ich nun darüber kein Wort mehr. Nur das eine will ich dir sagen: Den Gedanken, aus einer Engländerin eine deutsche Frau zu machen, den gib auf! das gibt's nicht! wird's nie geben! in dem Alter nicht mehr. Vor allem aber bedenke, daß es sich dabei, auch für dich, um eine Nationalitätsfrage handelt!« – Und da Stoelping seinen Vater nicht verstand, wohl auch nicht verstehen konnte, fügte der Alte bestimmt und feierlich hinzu: »Glaube mir, es handelt sich auch für dich um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage, ob du Deutscher bleiben oder Engländer werden willst.«

»Vater!« rief Stoelping entsetzt, »wie kannst du das glauben! Keine Macht der Welt bringt mich dazu!«

»Das kommt ganz von selbst. Ohne daß du es merkst. Mit einer englischen Frau fängt es an; dann kommen die Kinder. Was willst du tun, wenn sie fühlen wie die Mutter? Willst du sie strafen? – sie können nichts dafür; es ist das Blut.«

»Sie werden nach dem Vater schlagen!« rief Stoelping. »Sie werden so deutsch fühlen wie ich, und alles, was englisch ist, genau so hassen wie ihr Vater.«

»Alles?« fragte der Alte.

»Alles! Dafür will ich sorgen!« erwiderte Stoelping.

»Also auch die eigene Mutter?«

Da schwieg der junge Stoelping.

Beiden war das Herz schwer, als sie die breiten Treppen des Kriminalgerichts hinaufstiegen.

Als sie vor dem Amtszimmer des Alten waren, blieben sie stehen. Der alte Stoelping gab seinem Sohne die Hand, nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Also nicht wahr, mein Junge, das überlegst du dir noch mal?«

Der sah ihn an und nickte, ohne etwas zu erwidern.

Dann trennten sie sich, und jeder ging an seine Arbeit.

 


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