Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Siebentes Kapitel

Wie der junge Stoelping mit Miß Harrison über den Rhein flog

Stoelping hatte von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub erbeten und erhalten.

Am ersten Tage war er mit Miß Harrison morgens um 6 Uhr über Hamburg nach Norderney geflogen, wo sie niedergegangen waren und das Frühstück eingenommen hatten. Von Norderney nach Köln, dann den Rhein entlang, über Mainz nach Heidelberg. Hier kamen sie programmäßig gegen Abend an. Die Zofe, die morgens mit der Bahn von Berlin abgefahren war, empfing Miß Harrison verabredungsgemäß im »Europäischen Hof«. Dort erwartete sie auch die telephonisch von Köln aus verständigte Tante Robinson, die in Frankfurt am Main lebte. Der gesellschaftlichen Form war also Genüge geschehen, und Stoelping war von dieser mustergültigen Regie Miß Harrisons so belustigt, daß er im Namen des heiligen Cant Tante Robinson scherzhaft fragte, ob es nicht schicklicher wäre, wenn er in einem anderen Hotel abstiege. Und Tante Robinson fand das gentlemanlike und war von so viel Takt und Zartgefühl derart entzückt, daß sie es sich trotz ihrer fünfzig Jahre nicht nehmen ließ, sich zu einer Stunde, zu der man alles eher als alte Tanten zu empfangen pflegt, persönlich in dem benachbarten Hotel Viktoria davon zu überzeugen, daß Stoelping auch gut untergebracht war. Da dieser Besuch aber durchaus nicht ihren Erwartungen entsprach, so fuhr sie am anderen Morgen, ohne sich zu verabschieden, mit dem ersten Frühzug nach Frankfurt zurück.

Miß Harrison und Stoelping flogen am nächsten Tage über Stuttgart nach München, gingen in Bayreuth nieder, wo sie im Hotel Schön ein paar unvergeßliche Stunden verlebten; sie stiegen in dem Gefühl, daß sie nun zueinander gehörten, am Mittag wieder auf und waren spät abends in Johannisthal.

Von Johannisthal aus fuhren sie im Auto in die Stadt. Während der Fahrt warf sich Miß Harrison Stoelping an den Hals, schmiegte sich an ihn und küßte ihn auf den Mund.

Er drückte sie zärtlich an sich, sah ihr in die Augen und sagte aus vollem Herzen:

»Mein liebes Weib!«

Sie lächelte, fuhr ihm mit der Hand durchs Haar, streichelte ihn und fragte:

»Nicht wahr, du wirst ›Lori‹ reiten in Köln?«

»Du willst es, also tue ich es!« gab er zur Antwort.

Sie lächelte wieder; wieder schlang sie die Arme um seinen Hals; wieder küßte sie ihn. – Und er war glücklich; denn nun endlich glaubte er zu wissen, was Liebe war.

Plötzlich riß sie sich los.

»Wo sind wir?« fragte sie ängstlich.

Er wandte sich zum Fenster und sagte:

»In der Schönhauser Straße. – Aber was ist dir?« – und er streckte die Arme wieder nach ihr aus.

»Wo fängt Berlin an?« fragte sie in verängstigtem Tone.

»Wir sind mitten drin,« gab er zur Antwort.

»Großer Gott!« schrie sie entsetzt und flüchtete in den äußersten Winkel des großen Wagens.

Stoelping, der noch immer nicht begriff, sprang auf.

»Was ist dir?« fragte er ängstlich und wollte zärtlich werden.

»Sie sind von Sinnen!« rief sie ihm zu und stieß ihn zurück. »Wir sind in Berlin. Ja, begreifen Sie denn nicht? Noch ein Wort, und ich springe aus dem Wagen . . .!« und sie machte sich allen Ernstes an der Tür zu schaffen.

Stoelping begriff.

»Cant!« flüsterte er leise vor sich hin und setzte sich so förmlich wie möglich auf seinen Sitz zurück. Cant war die Zauberformel, die dies Rätsel löste. Er gedachte der glücklichen Stunden mittags, in Bayreuth, wo sie sein war. »Mein liebes Mädel!« hatte er sie genannt, und zärtlich hatte sie zu ihm aufgesehen und erwidert: »Mein guter, dummer Junge!« Und nun saß neben ihm wieder die steife Miß, und wer sie so sah, mußte denken, man hätte sie vor einer Viertelstunde irgendwo in einem Salon miteinander bekannt gemacht.

»Wissen Sie im Kaiser-Friedrich-Museum Bescheid?« fragte sie, und diese Förmlichkeit hatte durchaus nichts Gezwungenes.

»Ja!« erwiderte er kurz.

»Würden Sie mich morgen auf eine Stunde begleiten? Ich möchte vor meiner Reise . . .«

»Wie? Sie wollen wirklich schon fort?« fragte er und war betroffen.

»Aber ja! das wissen Sie doch! Das war doch mit Papa vereinbart, bevor wir unseren Ausflug antraten.«

»Gewiß!« erwiderte Stoelping, »bevor wir ihn antraten. Aber inzwischen, denke ich, hat sich doch manches geändert . . .« Und da sie durchaus nicht begriff, so setzte er hinzu: »Ich meine, wir kommen doch anders zurück, als wie wir fortgeflogen sind.«

Sie sah ihn erstaunt an und tat noch immer, als begriffe sie ihn nicht.

»Ich respektiere ja gewiß jede Form, – aber solange wir unter uns sind, nicht wahr, da dürfen wir es uns doch sagen: zwischen dir und mir . . .«

Sie streckte blitzartig den Arm nach der Tür; hielt den Riegel schon in der Hand – zu beiden Seiten des Dammes rasten lärmend die Autos und Omnibusse, – auf den Bürgersteigen schoben sich die Menschen vorwärts – –

»Noch ein Wort, und ich springe hinaus!« schrie sie; und er sah deutlich, daß es ihr Ernst war, daß sie sich nicht verstellte, sondern sich – so ganz unglaublich es schien – durch seine Worte gekränkt und verletzt fühlte.

Da sagte er nichts mehr.

Ein paar Minuten später hielten sie vor dem Hotel.

»Sagen Sie meinem Vater noch guten Abend, Baron?« fragte sie höflich.

»Ich muß wohl, – so gern ich jetzt allein wäre,« gab er zur Antwort.

»Aber nein, Sie müssen durchaus nicht!« Während sie das sagte, stiegen sie aus. »Aber begleiten Sie mich wenigstens bis ins Vestibül. Ich lasse die Zofe herunterrufen, da ich es nicht schicklich finde, abends allein hinaufzufahren.« Sie gab dem Portier eine Weisung, dann wandte sie sich wieder an Stoelping:

»Es war sehr, sehr interessant, und ich danke Ihnen vielmals,« dabei reichte sie ihm die Fingerspitzen und nickte ihm freundlich zu. – »Da ist die Zofe. – Also, wie ist es mit morgen? Werden Sie um 12 Uhr vor dem Museum sein? Ich habe nur 40 Minuten; aber man hat mir in London gesagt, das genügt im Notfall, das andere lese ich nach.«

»Ich komme,« erwiderte Stoelping und verbeugte sich.

Einen Augenblick später saß sie im Fahrstuhl und begann in dem Roman, den ihr die Zofe besorgt hatte, zu lesen.

 


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