Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Dreizehntes Kapitel.

Was Dr. Hempels erste Sorge nach seiner Verhaftung war.

Hempel hatte nach seiner Verhaftung keinen Augenblick an sich gedacht. Er saß kaum im Untersuchungsgefängnis, als er sich hinsetzte und an seine Mutter schrieb:

»Mutter!

Wenn Du morgen hörst, daß Dein Junge in Haft genommen wurde, wird für Augenblicke Dein Herz stillstehen. Arme Mutter! Dann wirst Du in Deinem kleinen Betstuhl niederknien, die steifen Arme in die Höhe recken, mit Deinen guten Händen das Kreuz umfassen und aus bedrücktem Herzen rufen: ›Herr, was bedeutet das?!‹ – Aber Dir wird keine Antwort werden; und ich höre dich weiter beten: ›Was es auch sein mag, laß meinen Jungen nicht zu Schaden kommen.‹

Und darum sollst Du wissen, Mutter, daß allein mein Glaube an Dein Gebet es ist, der mich alles, was nun kommt, ertragen läßt. Nicht daß ich an eine Erhörung glaube. Daran liegt nichts. Aber das Bewußtsein, daß Du da bist, an mich glaubst und für mich betest, gibt mir die Kraft, mich mit meinem Schicksal abzufinden.

Und darin suche Deinen Trost, beste, selbstloseste aller Mütter. Sage Dir, sage Dir immer wieder, daß der Gedanke an Dich es ist, der mir über die schwerste Stunde meines Lebens hinweghilft.

Darauf, daß Du 70 wurdest, ohne zu wissen, wie einer Mutter zumute ist, die um ihr Kind zittert, war ich stolz. Mein Wunsch und Wille war es, daß Du es nie erfahren solltest. Und ich glaube, es ist nicht meine Schuld, wenn es jetzt anders kommt.

Wie mir sonst ums Herz ist, Mutter, kann ich Dir nicht schreiben, da der Brief durch die Hände der Beamten muß. Auch zur Sache selbst darf ich nichts sagen. Leider! Aber Du weißt, daß meine Gesinnung jede Handlung ausschließt, deretwegen Du Dich meiner zu schämen brauchtest.

Man setzt mir hart zu, und es ist möglich, daß der Schein mich verurteilt. Aber wie es auch kommt, trage den Kopf hoch! Weiche niemandem aus. Wer mich verurteilt, dem erwidere stolz: Was wissen denn Sie von meinem Jungen! Die Tat an sich besagt nichts, nur auf die Gesinnung kommt es an.

Und wie es mir widerstrebt, meine Gefühle hier niederzuschreiben, um sie nicht fremden Menschen preiszugeben, so kann es geschehen, daß sich im entscheidenden Augenblick in mir etwas sträubt, zu meiner Rechtfertigung meine Gesinnung ins Feld zu führen; selbst wenn mich das retten könnte.

Schreibe mir nur das Wort, auf das ich warte. Keinen Trost und keine Klagen!

In Liebe

Dein Junge.«

Und die alte Mutter schrieb an ihren Sohn:

»Mein Junge!

Sorge Dich nicht um mich. Ich bin stark; denn ich weiß, daß Du einer schlechten Handlung nicht fähig bist. Du warst bis heute mein Stolz und bleibst es für immer. Daran können die Menschen nichts ändern.

In Liebe

Deine Mutter.«

Und an Ilse Schott schrieb er:

»Meine Liebe!

Nun, wo ich Dir, derentwegen ich das Leben liebe, Schmerz bereite und zum ersten Male erfahre, was es heißt, denen wehe tun müssen, die man liebhat, frage ich mich – und hinter dieser Frage tritt im Augenblick alles andere zurück – hatte ich ein Recht, Dein Schicksal an meins zu ketten. Ich quäle mich sehr damit. Denn leidenschaftlich unsere Liebe bejahen, heißt noch nicht, jede Verantwortung verneinen. Ich kenne Dein tapferes Herz und Deinen Glauben an mich, beide sind stark genug, um jeder Prüfung standzuhalten. Ich weiß auch, daß es Dich und Deine Liebe nur kränken würde, suchte ich mich vor Dir zu rechtfertigen und Dir zu beweisen, daß ich Deiner Liebe wert bin. Das weißt Du, und kein Mensch und kein Richterspruch der Welt kann Dir diesen Glauben nehmen. Gefaßt könnten wir also – handelte es sich nur um unsere Liebe – die Dinge sich entwickeln lassen.

Aber es handelt sich um mehr. Auf beiden Seiten. Du weißt, ich bin nicht sentimental und gerade in Dingen des Gefühls, das nichts Lautes verträgt, ist mir nichts mehr zuwider als Pathos. Wenn ich Dir also sage, daß ich mich nicht gescheut hätte, Dich zu bitten: Halte zu mir, auch wenn es einen Kampf auf Tod und Leben gilt, dann wirst Du mir glauben, daß es Gründe ganz besonderer Art sein müssen, die mich jetzt zwingen, anders zu denken.

Ich kann mich ja leider Dir nicht erschließen, kann nicht einmal andeutungsweise sagen, um was es geht. Nur so viel darfst du wissen: Wenn unsere Liebe bisher für uns eine Bedeutung hatte, über die hinaus es nichts gab, so mußt Du nun umlernen, arme Ilse. Nur das Gefühl einer höheren Verantwortung, das über unsere Liebe hinaus die Liebe zu den Menschen ist, kann das Opfer berechtigen, das ich von Dir fordere: Gib mich frei.

Einsam wirst Du nun sein, Ilse, die Du seit Jahren alles Glück von unserer Gemeinsamkeit erhofft hast. Mir geht es nicht anders. Und wenn ich vielleicht auch Worte für die Schmerzen fände, an denen ich in Gedanken an Dich leide – sie fremden Menschen, durch deren Hände diese Zeilen gehen, preiszugeben, bringe ich nicht übers Herz. Du mußt zwischen den Zeilen lesen. Du wirst dann erkennen, daß ich in dem Kampf, den man mir jetzt aufzwingt, innerlich frei sein muß und nicht durch Rücksichten gehemmt sein darf, die in meiner Person und nicht in der Sache liegen, einer Sache, der ich mich, wenn es sein muß, ohne Bedenken opfern werde. Und das muß auch für Dich entscheidend sein. Ich schade der Sache, wenn ich mit Rücksicht auf Dich, auf die Wahrung meines Rufes in der Verteidigung bedacht sein muß.

Alles was nun folgt, muß ich, auch wenn es nach außen noch so häßlich wirkt, von nun an dem Zweck anpassen. Auch unserer Liebe müßte ich, würde sie in den Kampf hineingezogen, Gewalt antun. Löst jetzt aber jeder sein Schicksal von dem des anderen ohne einen bitteren Ton und in dem Bewußtsein, seiner Liebe damit das höchste Opfer zu bringen, so wird die Erinnerung meine Kraft verdoppeln und das Rückgrat meiner Verteidigung sein. Dein Heroismus wird also nicht darin liegen, daß Du, unbekümmert um das Urteil der Welt und allen Anfeindungen zum Trotz, zu mir hältst, vielmehr darin, daß Du Deine Liebe, also Dich selbst, überwindest. Damit wirst Du mir in der Sache den größten Liebesdienst erweisen.

Was in diesen Zeilen Dein Herz nicht faßt, wird Dir der Verstand Deines Vaters deuten. Sage ihm, daß ich ihn dankend ehre, weiß ich doch, daß er schützend seine Arme über Dich breiten, Dich trösten und Dir neuen Mut zum Leben geben wird. Daß ich mich in mein Schicksal finden werde, weißt Du. Ob es mich aber stolz und freudig finden wird, steht bei Dir. Glaube mir, daß ich unsere Liebe nicht ohne Zwang opfere und sage mir, daß Du mich verstehst.

Dein Günther.«

 


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