Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wie der junge Stoelping durch Ilse die Wahrheit erfuhr.

Am Vormittag des nächsten Tages ließ Ilse den jungen Stoelping durch ein Briefchen, das ein Bote in Schotts Auto brachte, um eine Unterredung bitten.

»Lieber Herr von Stoelping,« schrieb sie, »ich muß Sie sobald wie möglich sprechen. Sie werden vermutlich noch heute Besuch erhalten, den Sie bitte nicht empfangen wollen. Am besten: Sie setzen sich gleich in mein Auto und fahren zu mir. Mit freundlichem Gruß

Ilse Schott.«

Stoelping war vor dem Boten auf der Treppe, stürzte durch den Park in den Wagen und rief dem Boten, der lief, so gut er konnte, aber kürzere Beine hatte, zu:

»So kommen Sie doch endlich!«

Der Weg zu Schotts erschien ihm eine Ewigkeit. Mußte das Auto des Verkehrs wegen an einer Straßenecke stoppen, so war er ungeduldig, beugte sich aus dem Wagen und redete auf Chauffeur und Polizisten ein.

Er hatte die ganze Nacht über wach gelegen und nachgedacht, ohne zu einem Entschluß zu kommen. Jetzt, fühlte er, kam die Entscheidung. Er sah sie voraus: Ilse würde ihm sagen, daß sie das Opfer doch nicht bringen könne und nicht die Kraft habe, so gegen ihr Gefühl zu handeln. Und er würde es mit anhören und schweigen, obschon er wußte, daß es sein Todesurteil war.

Das Auto hielt. Stoelping sprang aus dem Wagen, riß die Gartentür auf, stürzte die Treppe hinauf und rief, noch bevor er oben war, dem Diener zu, der die Flurtür öffnete:

»Das gnädige Fräulein bitte!«

Mantel und Hut warf er dem Diener in den Arm und stand vor Ilses Tür, klopfte, öffnete und trat, ohne gemeldet zu sein, ein.

Ilse stand mitten im Zimmer, trat ruhig und bestimmt auf ihn zu:

»Das ging aber schnell!« sagte sie und reichte ihm die Hand.

Schon das war freundlicher, als er erwartet hatte.

»Störe ich?« fragte er.

»Aber nein! im Gegenteil! mir lag daran, Sie sobald wie möglich zu sprechen.« – Sie sah ihn an. – »Ich sehe, Sie sind sehr erregt! Wissen Sie etwa schon . . .?«

»Nichts weiß ich!« erwiderte er lebhaft, »als daß ich ohne Sie . . .«

»Lassen wir das!« unterbrach ihn Ilse und schnitt ihm nicht nur das Wort ab, sondern sprach und trat, ohne unfreundlich zu sein, so bestimmt auf, daß Stoelping, dessen Entschlußkraft durch das tagelange Hin und Her seiner Gefühle gelitten hatte, nicht mehr zu sagen wagte, was er auf dem Herzen hatte.

»Bitte, nehmen Sie Platz!« sagte sie und setzte sich auf die Chaiselongue, während er auf einem Sessel Platz nahm, der in der Nähe stand.

»Nun, Herr von Stoelping, wie weit stehen wir?«

Er sah sie an.

»Sie meinen . . .?« fragte er erstaunt.

»Ja! Kennen Sie unsere Abmachungen nicht mehr? Ich war der Ansicht, daß Sie ein Interesse an der Beschleunigung haben – oder habe ich mich darin geirrt?«

»Durchaus nicht!« erwiderte Stoelping und lebte förmlich auf; denn er sah, daß er sich geirrt hatte, und Ilse gar nicht an einen Rücktritt dachte. Aber auch der Eindruck, den das Verhalten seiner Mutter auf ihn gemacht hatte, war jetzt, wo er Ilse vor sich sah, beinahe vergessen.

»Mir liegt gewiß sehr viel daran,« sagte er. »Ich habe alles vorbereitet. Ich habe in einem ausführlichen Exposé an den Minister . . .«

»Bitte!« wehrte Ilse ab, »wie Sie das machen, das muß ich Ihnen überlassen. Ich wünsche von Herzen, daß Sie einen geraden Weg finden und nicht mit Ihren Pflichten in Konflikt geraten – aber wie gesagt, das ist Ihre Sache, davon verstehe ich nichts.«

»Ich bin weit entfernt, die Verantwortung von mir abzuwälzen, geschweige denn Ihnen einen Vorwurf zu machen.«

»Lassen wir auch das unerörtert,« bat Ilse. »Nur das eine will ich sagen, daß ich mich durchaus nicht frei fühle. Ich weiß genau, wo meine Verantwortung für das, was Sie tun, anfängt und wo sie aufhört. Aber das habe ich – wie so manches andere – mit mir selbst abzumachen.«

»Warum« – fragte Stoelping teilnahmsvoll –, »tragen Sie das alles allein mit sich herum? Warum vertrauen Sie mir nicht an, was Sie drückt. Glauben Sie nicht, daß ich so viel Verständnis für Sie aufbringe, um mit Ihnen zu fühlen und Ihnen tragen zu helfen?«

»Herr von Stoelping,« erwiderte Ilse erregt, stand auf und trat vor ihn hin. »Fühlen Sie denn wirklich nicht, wie ganz unmöglich das ist? Soll ich dem Manne, dessen Frau ich eines Tages sein werde, von meinen Schmerzen sprechen, die ich um einen anderen leide? Soll ich ihm sagen, daß ich Tag und Nacht nur einen Gedanken habe: ihn! Und wenn ich es der ganzen Welt in die Ohren brüllen wollte, was ich leide, einem müßte ich es verschweigen, einem einzigen – und das sind Sie!«

Stoelping wich ihrem Blick aus und senkte den Kopf.

»Vielleicht, daß die Zeit das ändert,« sagte er kleinlaut.

»Ich will Ihnen den Glauben nicht nehmen,« erwiderte Ilse, – »Sie haben es ja auch nicht leicht! – Aber was mich betrifft,« sagte sie resigniert, »so kann ich es mir nicht einmal wünschen, daß es jemals anders in mir aussieht. Denn wenn ich mir vorstellen sollte, daß die Zeit das ändert, daß mein Gefühl sich mit den Jahren etwa abgestumpft, und daß ich eines Tages anders an ihn denke als heute – ja, fühlen Sie denn wirklich nicht, daß das treulos, klein, miserabel von mir wäre, daß ich mich dann verachten müßte! –« Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn – »Aber wozu die Gedanken! Dahin wird es nicht kommen. Dazu müßte ich selbst erst eine andere werden – und das werden selbst Sie nicht wünschen.«

Eine Pause entstand, dann sagte Stoelping, der noch immer nicht wagte, aufzusehen:

»Ist es das, was Sie mir sagen wollten?«

»Nein!« erwiderte Ilse und trat ans Fenster. »Gerade das wollte ich Ihnen ersparen. – Und es tut mir leid, daß ich Ihnen weh getan habe« – sie wandte sich zu ihm um und streckte ihm die Hand hin –, »Verzeihen Sie mir! Wirklich, es war nicht in meiner Absicht, Sie zu kränken.«

Stoelping stand auf und schlug ein.

»Ich weiß, wie gut Sie sind!« sagte er.

»Ich habe den Eindruck, als wären auch Sie mitfühlender, weicher geworden,« erwiderte Ilse.

Stoelping strahlte.

»Wenn das der Fall ist, dann durch Sie!« sagte er lebhaft und fügte nachdenklich hinzu: »Das ist es ja, weshalb ich nicht von Ihnen los kann – weil ich das fühle. –«

»Mir wäre fast lieber, Sie wären härter, Herr von Stoelping, denn ich muß Ihnen etwas sagen, was Sie schwer kränken wird.«

Beide setzten sich wieder.

»Geht es Sie an?« fragte Stoelping.

»Nein, mich nicht.«

»Dann nehmen Sie keine Rücksicht! es wird mir nicht weh tun, was es auch ist.«

»Ich fürchte doch,« erwiderte Ilse. »Und wenn es nach mir ginge: Sie hätten es nie erfahren! Aber die Menschen sind schlecht! Und da Sie es nun einmal erfahren müssen, so habe ich mir gedacht: besser ich sage es Ihnen, als daß diese niederträchtigen Menschen es Ihnen in die Ohren brüllen.«

»Ja, was ist bloß?« fragte Stoelping und dachte nach, »ich habe nicht den geringsten Anhalt. –«

»Sie können nicht von selbst darauf kommen! Wenn Sie es bis heute nicht wußten, so danken Sie das der Liebe und Rücksicht Ihrer Eltern. Auch deren Wunsch war es, daß Sie es nie erfahren. – Und wenn ich es bedenke: Im Grunde ist es nicht einmal so ein großes Unglück! – Ein Mensch, und vor allem ein Mann, ist schließlich das wert, was er leistet und aus sich macht. Wenn Sie heute also – und leider durch mich – erfahren müssen, daß Sie nicht der natürliche Sohn Ihrer Eltern sind, so sind Sie darum in den Augen jedes vernünftigen Menschen nicht um einen Deut weniger wert! Ich für meine Person gebe Ihnen mein Wort darauf!«

Stoelping war aufgesprungen, verbarg sein Gesicht in den Händen und stand so ein paar Minuten lang, ohne sich zu bewegen. Dann ließ er die Arme fallen, sah Ilse groß an und fragte:

»Und Sie wissen, wer meine Eltern sind?«

»Ja! Ein paar schlechte Menschen, die Kapital daraus zu schlagen suchen, haben es mir verraten.«

»Furchtbar ist das!« stöhnte Stoelping und sah zur Erde.

»Und da sie bei mir waren und mir drohten, Ihnen die Augen zu öffnen, und ganz den Eindruck machten, als wenn sie fähig wann, ihre Drohung wahr zu machen, so habe ich mir gesagt, das darf nicht sein! das muß ich Ihnen ersparen! dann nehme ich es lieber auf mich . . . Das war der Grund, aus dem ich Ihnen schrieb und Sie zu mir bat.«

»Und das alles tun Sie, obschon ich auf Ihre Gefühle so gar keine Rücksicht nehme!« sagte Stoelping bewegt, – »so gut sind Sie!«

»Ich täte es für jeden! um wieviel mehr für jemanden, dem ich Dank schulde.«

Stoelping reichte ihr die Hand.

»Sie wissen noch nicht alles!« sagte Ilse. »Diese beiden Menschen, die nichts mit Ihnen gemein haben, auch wenn sie irgendwie verwandt mit Ihnen sind, haben durch den Notar Ihres Vaters von dem Plan unserer Ehe erfahren. Das gab ihnen den Anlaß, herüber zu kommen.«

»Sind das etwa meine . . .?« er brachte das Wort nicht über die Lippen, aber Ilse verstand ihn.

»Nein! nein!« sagte sie schnell und ergriff seine Hand: »Ihre Eltern leben nicht mehr! Schon als Kind, das kaum laufen konnte, haben Sie sie verloren.«

»Beide?«

»Ja! – Es war ein Unglück, dem sie zum Opfer fielen – großer Gott! es fällt mir so schwer! – aber Sie müssen Mann sein und es tragen, versprechen Sie mir das!«

Er nickte.

»Da ich es von Ihnen erfahre, so wirkt alles milde! und wenn mich etwas hält, dann ist es Ihr Mitleid.«

»Es war im Kriege – irgendwo in Frankreich. – Herr von Stoelping war Offizier, und da geschah es, daß er mit Ihren Eltern zu tun bekam. Geben Sie sich damit zufrieden! Wirklich! Sie müssen sich zwingen, daß das alles Ihnen innerlich fremd bleibt – Sie müssen sich sagen, daß das alles Dinge sind, die nichts mit ihnen zu tun haben, die weit ab von allem liegen, was Ihr Leben angeht; für Sie, da dürfen als Eltern nur die Stoelpings existieren, und Sie müssen vergessen, daß es jemals anders war. Und wenn Ihnen jemand davon sprechen will, – das können nur schlechte Menschen sein! – so hören Sie sie nicht an, sagen Sie, Sie wissen alles, durch mich! Und wenn sie es Ihnen vielleicht in einem Briefe mitteilen, bringen Sie die Kraft auf und lesen Sie nicht weiter, sobald Sie sehen, um was es sich handelt! Was kann Sie das heute noch kümmern, was vor dreißig Jahren einmal war! Es tritt schon ohne unser Zutun so viel Schweres im Leben an uns heran, daß wir uns nicht noch mühen sollen, Dinge zu erfahren, – auch wenn sie einen noch so sehr angehen, – von denen wir wissen, daß sie uns außer dem Wunsch, sie so schnell wie möglich wieder zu vergessen, nur Schmerz bereiten.«

Stoelping geriet ganz unter den Eindruck von Ilses Worten. Die Mühe, die sie sich mit ihm gab, das Bewußtsein, daß sie mit ihm fühlte, wirkten so stark, daß er die Eröffnung hinnahm wie eine Prüfung, die an seinem Schicksal nichts mehr andern konnte.

»Ihre Teilnahme, die ich nicht verdiene,« erwiderte Stoelping, »bewegt mich so, daß ich schon Ihnen zuliebe versuchen will, mich damit abzufinden.«

»Nicht mir zuliebe,« erwiderte Ilse wehleidig, – »um Ihrer selbst willen bitte ich Sie, daß Sie es tun!«

Und Stoelping mußte an das Wort seiner Mutter denken, das er unbewußt gebraucht hatte: einen Menschen lieben, heißt, ihm alles zuliebe zu tun – das also lehnte sie ab; es tat ihm weh, wenn er auch wußte, daß sie einen anderen liebte.

»Und ich soll nichts weiter erfahren?«

»Später vielleicht, wenn Sie dann noch den Wunsch haben. Nicht jetzt! Ich möchte Sie sogar noch um etwas anderes bitten.«

Stoelping lag es zentnerschwer auf der Brust, wenn er sich vorstellte, daß Stoelpings nicht seine Eltern waren, daß womöglich irgendwelche . . . nein! nein! Ilse hatte schon recht: nur nicht denken! – Er wandte sich ihr wieder zu und sagte:

»Um was wollen Sie mich bitten?«

»Schreiben Sie diesen Menschen, daß Sie auf ihre Enthüllungen verzichten! Daß sie Ihnen nichts Neues sagen könnten, daß Sie alles wüßten, und zwar durch mich. Und daß Sie sie nicht empfangen würden. – Wollen Sie das tun?«

»Wünschen Sie, daß ich mich jetzt entscheide?« fragte Stoelping.

»Wenn überhaupt, dann auf der Stelle! Später, da wird es Sie womöglich treiben, mehr zu erfahren. Bringen Sie die Überwindung auf! Tun Sie's!«

Sie ging an den Schreibtisch, nahm Briefbogen und Kuvert heraus und sagte:

»Kommen Sie! ich habe zwar nur Briefpapier mit meinem Namen. Aber um so besser! Daran sieht man dann gleich, daß Sie bei mir waren!«

Stoelping überlegte nicht mehr, er ging zum Schreibtisch, setzte sich, nahm den Halter und fragte:

»Also an wen?«

»An Mister Edward Smith, Hotel . . .«

Weiter kam sie nicht.

Stoelping fiel der Halter aus der Hand, er sprang auf, und am ganzen Körper zitternd, wiederholte er entsetzt:

»Smith!«

Sein Mund blieb offen – seine Augen standen still. – Hatte er nicht irgendwann diesen Namen schon gehört? – Wie eine weite, ferne Erinnerung stieg es in ihm auf – er hielt sich krampfhaft an den Ecken des Schreibtisches fest –, sah eine bleiche schlanke Frau mit blondem Haar, die sich über eine Wiege beugte und ein Kind emporhob – Soldaten kamen, nahmen ihr das Kind und rissen sie fort; sie warf die Arme hoch und schrie verzweifelt: William!

Ihm wurde schwarz vor den Augen.

»William Smith!« wiederholte er leise, dann verlor er das Bewußtsein und brach zusammen.

 


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