Artur Landsberger
Haß
Artur Landsberger

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Drittes Kapitel.

Wie der kleine William Smith zu Frau von Stoelping kam.

In Jouy bei Reims wurde gegen Franktireurs verhandelt.

Das Arbeitszimmer des Bürgermeisters war schnell in einen Gerichtssaal verwandelt. Das Feldgericht bestand aus fünf Richtern im Hauptmannsrange; den Vorsitz führte Major von Stoelping.

Von Amts wegen war ein junger Offizier zum Verteidiger bestellt.

Auf der Anklagebank saßen fünf Bürger und Bürgerinnen aus Combray, die beschuldigt waren, drei deutsche verwundete Soldaten, die in einem Hause der Rue Lépic untergebracht waren, im Schütze der Nacht ermordet zu haben. Sie waren, von einer Patrouille überrascht, geflohen und hatten in einem der umliegenden Häuser Zuflucht gefunden. In dem Hause des Engländers Smith, das in der Rue Tourlaque lag, wurden sie am nächsten Morgen in einer Kammer, die von innen verriegelt war, entdeckt und abgeführt. Mit ihnen das Ehepaar Smith, das die Verbrecher aufgenommen, versteckt und ihre Auslieferung verweigert hatte.

Das war der Inhalt des schriftlichen Berichts, den der Patrouillenführer seinem Dienstvorgesetzten am folgenden Tage eingereicht hatte.

Das englische Ehepaar vervollständigte die Anklagebank.

Die Beweisaufnahme nahm wenig Zeit in Anspruch.

Zwei Soldaten, die zusammen mit den Ermordeten in der Rue Lépic gelegen hatten, und die nur die Wachsamkeit der Patrouille vor dem gleichen Geschick bewahrt hatte, konnten genaue Angaben über die Täter und ihre Schandtaten machen, die sich mit dem Befunde vollkommen deckten.

Etwas länger gestaltete sich die Vernehmung des Ehepaares Smith. Smith war ein reicher Agent, der für Millionen jährlich Champagner nach England vermittelte, in Reims seine Bureaus und in Jouy seine Villa hatte.

Nach Aufnahme seiner Personalien nahm die Vernehmung folgenden Verlauf:

Stoelping: »Stand die Tür Ihres Hauses in der fraglichen Nacht offen?«

Smith: »Ja.«

Stoelping: »Aus welchem Grunde?«

Smith: »Aus Zufall. In solcher Zeit versäumt man manches.«

Stoelping: »Das klingt wenig wahrscheinlich; denn gerade in solcher Zeit achtet man doppelt darauf und hält Tür und Fenster womöglich auch tagsüber verschlossen.«

Smith (nach kurzer Überlegung): »Außerdem fürchtete ich, die Stadt könnte in Brand geschossen werden; um mich und meine Familie im Notfall schnell retten zu können, ließ ich das Tor nachts offen.«

Stoelping: »Also absichtlich. Warum haben Sie anfangs behauptet, aus Zufall?«

Smith (nach einer Weile): »Weil mir das für meine Verteidigung besser schien.«

Stoelping: »Wenn Sie ein Interesse an der Verschleierung der Wahrheit haben, so spricht das gegen Sie.«

Smith: »Um mich zu verurteilen, wird man mich überführen müssen.«

Stoelping: »Und wohin dachten Sie sich für den Fall einer Beschießung mit Ihrer Familie in Sicherheit zu bringen? Man läuft in solchem Fall von der Straße ins Haus, aber nicht vom Haus auf die Straße.«

Smith: »Man überlegt in solcher Lage nicht. Man denkt eben nur daran, daß man fort kommt.«

Stoelping: »Wo befanden Sie sich, als die Angeklagten in Ihr Haus flohen?«

Smith: »Falls es Nacht war, im Bett.«

Stoelping: »Schliefen Sie?«

Smith: »Vermutlich, sonst hätte ich sie wohl kommen hören.«

Stoelping: »Sie haben also weder etwas gehört, noch sind Sie aufgewacht. Sie müssen einen festen Schlaf haben.«

Smith: »Ein guter Schlaf ist ja wohl das Zeichen eines guten Gewissens.«

Stoelping: »Der Schlupfwinkel, in dem die Gesellschaft sich verborgen hielt, liegt so versteckt, daß nur jemand, der genau in Ihrem Hause Bescheid weiß, ihn finden konnte.«

Smith: »Die deutschen Soldaten haben ihn gefunden, ohne in meinem Hause Bescheid zu wissen.«

Stoelping: »Nach stundenlangem Suchen und bei Tageslicht, während die Patrouille, die den Tätern dicht auf den Fersen war und kurz nach ihnen das Haus betrat, es vollkommen ruhig und dunkel fand. Die Täter, die im Dunkeln, und zwar so leise, daß Sie nicht einmal im Schlaf gestört wurden, in das Haus schlichen, müssen das Versteck demnach genau gekannt haben.«

Smith: »Oder sie haben abgewartet, bis die Patrouille das Haus durchsucht hatte und sind dann erst bei Tageslicht aus einem anderen Versteck in mein Haus geflüchtet.«

Stoelping: »Da ein Posten zur Bewachung vor Ihrem Hause blieb, so ist das ausgeschlossen.«

Smith: »Die Aufmerksamkeit eines Postens kann, zumal in der Dunkelheit, leicht durch ein zufälliges oder auch durch ein absichtliches Geräusch auf Augenblicke abgelenkt werden.«

Stoelping: »Dann bliebe für Sie immer noch belastend, daß Sie dem Patrouillenführer, trotz seiner wiederholten Warnungen, gerade die Kammer, in der die Gesellschaft steckte, nicht gezeigt haben.«

Smith: »Wir hatten bereits festgestellt, daß ich einen sehr festen Schlaf habe. Daß man in einem derart verschlafenen Zustande nicht an eine alte Rumpelkammer denkt, die man das ganze Jahr über nicht benutzt, ist, glaube ich, entschuldbar.«

Stoelping wandte sich verzweifelt zu seinen Kollegen und sagte:

»Dann wollen wir mal sehen, ob wir aus der Frau mehr herausbekommen. Treten Sie mal vor, Frau Smith!«

Eine hübsche, schlanke, blonde Frau trat vor den Richtertisch. An der Hand führte sie einen kleinen Knaben, der furchtlos neben ihr herschritt und mit großen Augen zu den Offizieren aufsah.

Stoelping: »Sie haben die Bekundungen Ihres Mannes gehört?«

Frau Smith (mit fester Stimme): »Ja.«

Stoelping: »Wollen Sie diese offensichtlich unwahren Bekundungen Ihres Mannes auch zu den Ihrigen machen, oder wollen Sie meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten?«

Frau Smith: »Ich werde dieselben Antworten geben, die mein Mann gegeben hat.«

Die verbissenen Lippen des Smith zogen sich auseinander. Wenngleich ihm seine Frau den Rücken zuwandte, so ließ er doch kein Auge von ihr. Er umklammerte sie mit seinen Blicken, und Stoelping sah deutlich an dem Ausdruck seiner Frau, wie sie die Gegenwart ihres Mannes fühlte und völlig unter seiner Gewalt stand.

»Führen Sie den Smith hinaus!« befahl er einem der Soldaten, die neben der Anklagebank saßen.

Ein wütender Blick war die Antwort des Smith, während seine Frau, wie ein Kind, das Gehen lernt, und dem man die Hand entzieht, ein paar Sekunden lang zitterte und schwankte, dann aber, als sich die Tür hinter Smith und den Soldaten schloß, ihre Haltung wiederfand. Der kleine Junge riß groß die Augen auf und wandte sich nach dem Vater um.

»So, und nun,« sagte Stoelping in einem Ton, der nichts Militärisches mehr hatte, zu Frau Smith, »frage ich Sie noch einmal: Wollen Sie die Lügen Ihres Mannes aufrechterhalten?«

Sie schwieg und überlegte einen Augenblick, sagte dann aber mit fester Stimme:

»Ja.«

Und als Stoelping den Kopf schüttelte, sah sie weg und wiederholte:

»Es ist so, wie mein Mann es geschildert hat.«

»Ich sehe, es fällt Ihnen nicht leicht, die Unwahrheit zu sagen. Ich will Sie daher nicht mit vielen Fragen quälen.«

In ihrem dankbaren Blick lag die Bestätigung.

»Andererseits,« fuhr er fort, »steht für uns der Tatbestand fest. Und wenn das Auftreten Ihres Mannes überhaupt eine Wirkung hatte, so ist es die, daß es uns in unserer Auffassung bestärkt hat.«

Frau Smith stöhnte und sagte:

»Ich kann daran nichts ändern.«

»Ich meine doch,« erwiderte Stoelping. »Wenn Sie uns nicht Rede und Antwort stehen wollen, denken Sie daran, daß es noch eine höhere Verantwortung gibt.«

»Ich weiß es,« sagte sie gequält.

»Darum erleichtern Sie sich. Es ist nicht gut, so beladen vor Gott zu treten.«

Frau Smith senkte den Kopf.

»Für mich steht es fest, daß Sie die Angeklagten tagelang bei sich beherbergt haben. Tagsüber saßen sie in der Kammer, und nachts gingen sie auf Menschenjagd. Und zwar hat aller Wahrscheinlichkeit nach Ihr Mann, der sich als Engländer nicht gern persönlich in Gefahr begibt, tagsüber die Gelegenheiten ausgekundschaftet, wofür er dann nachts zu Hause bleiben durfte.«

Frau Smith zitterte am ganzen Körper; ihr war die Kehle wie zugeschnürt.

»Sehen Sie, daß Sie uns Deutsche hassen, nehmen wir hin. Daß Sie sich in Ihrem Haß verleiten lassen, Ihre Soldaten in offener Feldschlacht mit eigener Gefahr zu unterstützen, – es ist völkerrechtswidrig, gewiß, aber es ist menschlich, und wenn wir es auch mit dem Tode bestrafen müssen, so ist es doch im Grunde nichts anderes, als eine Verirrung des Patriotismus.«

Frau Smith hörte gespannt. Sie bewegte den Mund, sah ihn an und nickte, als wäre sie dankbar für dieses Verständnis.

»Aber Bürger, die herumschleichen und sich verstecken und dann nachts über wehrlose verwundete Menschen herfallen, sind niederträchtige, feige Bestien, in deren Mund das Wort Vaterland zur Grimasse wird.«

Die junge Frau zitterte jetzt am ganzen Körper und drückte die Hand ihres Jungen, der zu ihr aufsah.

»Ist es nicht so?« fragte Stoelping.

»Ich – habe – keine – Furcht – vor – dem – Erschießen,« stieß sie mühsam hervor, drückte den Jungen an sich und schloß die Augen. »Nur – ein – Ende –«

»Reinigen Sie Ihr Gewissen vor Ihrem Jungen! Haben Sie den Mut zur Wahrheit!« drang Stoelping jetzt in sie, ohne sich noch des Dolmetschers zu bedienen, – und stand auf.

»Und der Junge?!« rief sie mit einer Stimme, die allen ins Herz schnitt.

»Bleibt leben,« erwiderte Stoelping, ging auf sie zu und gelobte es ihr in die Hand.

Da ließ sie den Kopf sinken und sagte leise:

»Es ist so –« Und nach einer Weile:

»Seit einer Woche. Seit die Deutschen hier sind. Er hatte den Einfluß auf seine Leute. Und sie mußten tun, was er wollte. Wenn sie zögerten, drohte er. Er fand immer neue Mittel, sie aufzustacheln. Mir sagte er: ›Die deutschen Hunde haben meine Bureaus in Reims zerschossen! Sie sollen's mir heimzahlen!‹ – Ich selbst bin mitschuldig. Ich habe sie verborgen gehalten und beköstigt. Und als ein deutscher Offizier fragte, ob Leute im Hause sind, habe ich nein gesagt. Aber die Leute selbst sind unschuldig und haben unter einem Zwange gehandelt. Die Leute müssen Sie schonen. Ich – und mein Mann, wir tragen alles.«

Dann richtete sie sich auf, sah Stoelping fest in die Augen und sagte erleichtert:

»So, nun wissen Sie's.«

»Sie sind eine tapfere Frau,« sagte Stoelping, legte dem Jungen, als wollte er damit zum Ausdruck bringen, daß ihm nichts geschehe, die Hand aufs Haupt und nahm dann wieder zwischen den vier Hauptleuten Platz.

Smith wurde in den Saal geführt.

»William!« schrie seine Frau und stürzte ihm zu Füßen.

Er stand kerzengerade, verzog keine Miene und fragte kalt:

»Du hast doch nicht . . .?«

»Ja!« rief Frau Smith und wies auf den Jungen. – »Seinetwegen habe ich . . .« und sie brach ab und sagte nur noch: »Was liegt an uns.«

Sein Ausdruck wurde zu Stein. Er sah zu Stoelping herüber und sagte verächtlich:

»Mein Herr, Sie haben das Geständnis einer Frau erpreßt. Das tut kein Gentleman.«

Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, sagte Stoelping zu seinen Kameraden:

»Für den Banditen ist die Kugel eines deutschen Soldaten zu schade. Dem gebührt der Strick!«

Die blonde Frau war aufgestanden. Sie wollte die Arme um den Hals ihres Mannes schlingen; er stieß sie brutal zurück.

Stoelping erteilte den Angeklagten das letzte Wort. Sie verzichteten sämtlich.

Der Anklagevertreter beantragte für alle die Todesstrafe; der Verteidiger schloß sich an; nur Frau Smith empfahl er der Gnade der Richter.

Die entschieden nach dem Antrage der Verteidigung; verurteilten Smith und die ganze Bande zum Tode. Frau Smith sprachen sie frei.

Spöttisch rief ihr Smith zu: »Ich gratuliere!«

Die blonde Frau war völlig gebrochen. Sie stand da, als verstände sie von allem, was hier vorging, nichts mehr.

Da der Etappenkommandant in nächster Nähe war, so konnte das Urteil sofort bestätigt und vollstreckt werden.

Ehe Stoelping den Befehl gab, die Verurteilten abzuführen, versuchte er, Smith zu bewegen, seiner Frau ein paar gute Worte zum Abschied zu geben.

»Danke,« erwiderte Smith, »Sie brauchen mir keine Lehren über den guten Ton zu geben. Ich bin Engländer und weiß, was sich schickt.«

Dann ließ er sich, ohne einen Blick auf Frau und Kind zu werfen, hinausführen.

Die verzweifelte Frau streckte die Arme hinter ihm her, lief zur Tür und schrie laut:

»William! ich gehe mit dir!«

Stoelping trat ihr in den Weg. Er wies auf den ahnungslosen Knaben, der sich nach allen Seiten hin umsah:

»Da gehören Sie hin!« sagte er.

Frau Smith schwankte – einen Augenblick schien es, als wollte sie umkehren – sie trat einen Schritt ins Zimmer zurück – auf den Jungen zu – er warf die kleinen Arme hoch und rief:

»Mutter!«

Draußen an der Gartenmauer nahmen die Verurteilten Aufstellung. Ihnen gegenüber die Soldaten.

Eine Stimme rief: »Feuer!«

Da richtete sich Frau Smith auf. – Der erste Schuß fiel; – sie schrie laut auf und stürzte hinaus – warf sich vor die Gewehre und brach, von drei Kugeln getroffen, zusammen.

Stoelping war ihr nachgestürzt und hatte sie, als sie eben den Garten erreichte, auch eingeholt. Er hatte sie beim Arm gefaßt, aber sie hatte sich mit so starker Bewegung losgerissen, daß er ein paar Schritte nach vorn getaumelt und beinahe auch vor die Gewehre geraten wäre.

Als Stoelping wieder in das Sitzungszimmer kam, war es leer, wenigstens auf den ersten Blick. Stärker als alle bisherigen Erlebnisse des Krieges hatte diese Verhandlung und ihr tragischer Abschluß auf ihn gewirkt. Wie er sich stets über seine Handlungen Rechenschaft gab, so auch jetzt. Und es schien ihm, als hätte er in die Frau, die in jedem öffentlichen Verfahren ihre Aussage verweigern durfte, nicht so weit dringen dürfen, daß sie Zeugnis gegen ihren Mann ablegte und so in einen Konflikt geriet, aus dem es für sie nur einen Ausweg gab – den Tod.

Er saß über den Tisch gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt, in schweren Gedanken, als irgendwer ihn am Arm zog und mit heller Stimme fragte:

»Wo ist Mutter?«

Er wandte sich um und sah neben sich den blonden Knaben, der aus blauen Augen treuherzig zu ihm aufsah und abermals fragte:

»Wo ist Mutter?«

Stoelping hatte das Gefühl, als bliebe sein Herz stehen. Er hielt den Blick des Jungen nicht aus. Viel weniger fand er den Mut, ihm die Wahrheit zu sagen, die der kleine Kerl ja doch nicht begriffen hätte.

Und was war natürlicher, als daß das Bild seines Jungen jetzt vor ihm aufstieg? Und daß er nun erst ganz die Schwere des Geschicks empfand, das nicht ohne sein Zutun über dieses unglückliche Kind hereingebrochen war.

Er hob den Jungen hoch und setzte ihn vor sich auf den Tisch; faßte ihn behutsam um die zarten Arme, beugte sich zu ihm vor und sagte:

»So! Und nun sieh mich einmal an.«

Der Kleine folgte und sah ihm unbefangen in die Augen.

»Wie heißt du?« fragte Stoelping.

»William,« erwiderte er, – »William Smith.«

»Nun, William, du bist doch ein mutiger Junge?«

Er nickte.

»Siehst du, ich wußte es ja, – und vor mir, nicht wahr, da fürchtest du dich nicht?«

Er schüttelte den Kopf.

»Weißt du denn auch, wie der Ort heißt, in dem du hier lebst?«

»Jouy.«

»Richtig! Sieh mal, was du nicht alles weißt. Bist du denn hier auch geboren?«

Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein.«

»Wo bist du denn geboren, William?«

»Zu Hause . . . drüben . . .« und er zeigte mit der Hand zum Fenster, »überm Wasser.«

»Warst du denn da schon einmal?«

»Noch nicht; aber wenn ich groß bin, dann fährt Mutter mit mir hinüber.«

»Und weißt du auch, wie das Land heißt?«

Der Kleine dachte nach:

»Ich hab's vergessen.«

Gottlob, dachte Stoelping.

»Aber von Deutschland hast du doch schon gehört?«

»Nein . . . was ist das?«

»Das ist auch ein Land, und eins, das noch viel größer und schöner ist als dies. Mit großen weiten Straßen und hohen Häusern, in denen viele, viele Menschen wohnen, die alle freundlich zu den Kindern sind. Und Kinder gibt es da überall, Jungen und Mädchen, viel mehr als hier. Die haben sich alle lieb und spielen miteinander . . . die Großen mit den Kleinen, und singen und laufen und tanzen den ganzen Tag bis zum Abend. Dann werden sie ins Bett gebracht und falten die kleinen Händchen und beten und schlafen ein. Und des Nachts träumen sie von den Engeln, die mit goldenen Flügeln vom Himmel kommen und über die Kinder wachen, damit niemand sie in ihrem Schlaf stört. Und am nächsten Morgen kommt die Sonne und weckt die Kinder auf . . .«

»Und sie dürfen wieder spielen?«

»Ja, das dürfen sie.«

»Und singen?«

»Ja, William, den ganzen Tag, bis es wieder Abend wird . . .«

»Und die Engelein kommen.«

Die Augen des Kleinen glänzten, er hob die kleinen Patschen hoch und strampelte mit den Beinen.

»So sieht es in Deutschland aus, William,« sagte Stoelping.

»Bitte, bitte!« rief William und streckte die Arme nach ihm aus: »Ich will nach Deutschland.«

»Willst du?« wiederholte Stoelping glücklich, sprang auf, hob den Jungen hoch und drückte ihn an sich. Der schlang die Arme um ihn und freute sich auf das Singen und Spielen; und Stoelping fühlte, während er ihn mit festen Schritten aus dem Hause trug, daß er seine Ruhe wieder hatte.

*

Am Abend desselben Tages ging ein Zug mit Verwundeten nach Berlin. Einer Oberin, die mit anderen Schwestern den Zug begleitete und etwas Englisch sprach, vertraute Stoelping den kleinen William an. Der hatte wohl noch ein paarmal nach seiner Mutter verlangt, dann aber immer von neuem darum gebeten, nach Deutschland zu kommen.

Die Oberin, die sich liebevoll des kleinen William annahm und ihm während der Fahrt nach Möglichkeit den Anblick der Verwundeten ersparte, konnte ihn schon am Abend des nächsten Tages der ahnungslosen Frau von Stoelping in Berlin übergeben.

 

Der Begleitbrief Stoelpings enthielt nur wenige Zeilen; aber da eine Abschrift des Verhandlungsprotokolls beilag, und Frau Ella nicht nur ihren Mann genau kannte, sondern auch selbst ein fein empfindsamer Mensch war, so genügten diese wenigen Worte, um sie alles verstehen zu lassen.

Beste Frau!

Damit Du begreifst, weshalb ich Dir den Jungen schicke, und weshalb wir ihn bei uns aufnehmen und bei uns behalten müssen, brauchst Du außer dem, was in den Protokollen steht, nur zu wissen, daß auch seine Mutter von den auf ihren Mann gerichteten Gewehren getroffen und getötet wurde.

Sieh in dem Jungen ein Geschenk Gottes. Hüte ihn, aber verwöhne ihn nicht! Rühre nie an Vergangenem, sondern suche in ihm die Erinnerung an alles, was hinter ihm liegt, auszulöschen.

Von England sprich nie! viel von Deutschlands Größe. Lehre ihn deutsch denken und empfinden, unterdrücke schon jetzt in ihm Neid, Lüge und Heuchelei, und lehre ihn wahr, treu und furchtlos sein! Nenne ihn Willi und bringe es über Dich, Dich von ihm Mutter nennen zu lassen, wie er mich Vater nennen soll, wenn ich, so Gott will, zu Euch zurückkehre.

Dein Leben kennt nun wieder Zweck und Pflichten. Ich weiß, daß Du sie nicht nur erfüllen, sondern in ihnen aufgehen wirst. Um so leichter und lieber, als Dein seines Gefühl Dir sagt, daß dies Kind glücklich machen, mein Gewissen erleichtern heißt.

In Liebe

Dein Mann.

*

Mein Guter!

Ich habe ihn bei mir! In mir ist alles ganz ruhig, und es gibt Augenblicke, in denen mir zumute ist, als könnte ich noch einmal glücklich werden.

Ich habe ihm den kleinen Salon eingeräumt. Er ist heiter und ahnungslos. Nur manchmal scheint irgendein Bild oder eine Erinnerung in ihm aufsteigen. Dann läßt er, was er gerade in der Hand hat, fallen, reißt die blauen Augen auf und starrt in die Luft. Ich bringe ihn dann durch ein Spielzeug oder was mir grad' einfällt, schnell auf andere Gedanken. Gestern, als es wiederkam, und zwar so stark, daß ihm Tränen in die Augen traten, und ich, da ich selbst nicht gerade in Stimmung war, nicht schnell wußte, was ich mit ihm beginnen sollte, habe ich, denke Dir, aus unseres Jungen Zimmer ein Spielzeug geholt und es ihm gegeben. Er war sofort wieder vergnügt und ließ das Spielzeug den ganzen Nachmittag nicht mehr aus den Händen. Ich schickte Fritz zu Soehlke, und er brachte genau das gleiche Pferdchen wie das, mit dem er spielte. Abends, als er schlief, tauschte ich sie aus und stellte das neue Pferd vor sein Bett, das andere trug ich auf seinen alten Platz, in unseres Jungen Zimmer, zurück und wurde die ganze Nacht über das Gefühl nicht los, etwas Unrechtes getan zu haben.

Was Du über seine Erziehung schreibst, beherzige ich streng. Wenn in mir auch noch alles wund ist, und ich daher etwas weich bin und ihm dies und jenes nachsehe, – einen furchtlosen, aufrechten Menschen will ich schon aus ihm machen. Und unerbittlich streng will ich in der Bekämpfung jener Laster sein, die man durch eine deutsche Erziehung hoffentlich schon im Keime erstickt.

Mit guten Wünschen, bester Mann, bin ich

in treuer Liebe

Dein Weib.

 


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