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6. Ausklang.

Die Pseudo-Pessimisten. – Jung-China am Scheidewege. – Belialskinder. – Ernte-Aussichten. – Die zähe gelbe Rasse. – Der christliche Sauerteig.


Unsere Reisebeschreibung ist zu Ende. Das letzte Kapitel gehörte schon nicht mehr streng dazu, war aber die Entladung und Auswirkung von Ursachen, die wir selber noch geschaut und so gleichsam miterlebten.

Während der Verarbeitung unseres Reisetagebuches haben die Ereignisse ihren Lauf genommen, dem wir noch tunlichst Rechnung trugen bis zum Jahresende 1930.

Viel Neues war es nicht, und erst recht nichts Ueberraschendes, was uns in dem Bewußtsein bestärkte, daß unsere gesammelten Erkundigungen aus zuverlässigen Quellen geschöpft waren.

Im Rahmen unserer persönlichen Reiseerlebnisse gaben wir die Anschauungen, Urteile, Belehrungen weiser Männer und kluger Frauen wieder, von erfahrenen Missionären, die die besten Jahrzehnte ihres Lebens in China zugebracht, das Volk lieben und verstehen.

Unsere Reise fiel in eine verworrene Zeit, die selbst alten Kennern des Landes Rätsel aufgab und noch aufgibt.

Die Urteile waren durchweg zurückhaltend, nüchtern. Es wäre auch gewagt, über einen in voller Gärung sich befindenden Wein ein abschließendes Urteil zu fällen; niemand weiß mit Sicherheit, wie er sein wird.

Wenn der Sturm einen ruhigen See aufwühlt, so kommen manche Dinge zu Tage und schwimmen an der Oberfläche, die besser unten im Morast geblieben wären.

So ist's bei jeder Revolution.

Die Pseudo-Pessimisten.

Kein Wunder, daß manche Missionäre, die sich lange Jahre einer gewissen Ruhe erfreuten, nun mit Kummer die gegenwärtigen Wirren betrachten und mit Besorgnis in die Zukunft schauen.

Doch ihr Pessimismus ist nur scheinbar.

Als wir einst die Bemerkung wagten, wenn die Aussichten so schlecht seien, so lohnte es sich doch kaum, soviel Kapital an Menschenkraft und Geld in die chinesische Mission zu stecken, und es sei besser, in andern Missionen zu arbeiten, da schlugen die vermeintlichen Pessimisten einen ganz andern Ton an:

«So schlecht ist es nun doch nicht! Bedenken Sie, daß jährlich Zehntausende von Kindern getauft und in den Himmel geschickt werden Im Laufe des Jahres 1930 wurden sogar über 400 000 (vierhunderttausend!) Kinder von den verschiedenen katholischen Missionsanstalten Chinas aufgenommen. (Vgl. Franciscans in China, Wuchang, Vol. IX. Nr. 6, S. 198).. Dann gibt es in ruhigen Provinzen – und es sind die Mehrzahl – ganz schöne Erfolge unter den Erwachsenen. Ueberall trifft man blühende Pfarreien, in denen das Christentum sich herrlich entfaltet, zahlreiche Priester- und Ordensberufe hervorbringt. Wir haben doch schon 1369 einheimische Priester, 2641 Ordensfrauen nebst vielen Tausenden gottgeweihter Jungfrauen, die im Laienapostolat der Kirche unschätzbare Dienste leisten. Dazu kommen zwölf chinesische Prälaten, Bischöfe und Apostolische Präfekten. Solche Früchte weist kein anderes Missionsfeld auf. China ist und bleibt doch der hoffnungsvollste Weinberg der Kirche .....»

Wenn auch die Liebe zu ihren geistlichen Kindern in diesem Lobe mitspricht, so ist es doch der Wahrheit näher als der wegwerfende Pessimismus.

Nachstehend geben wir das Urteil über die Lage Chinas, wie wir es von weitausschauenden Missionaren, namentlich solchen in leitender Stellung, vernommen haben, und das ziemlich übereinstimmend lautet.

Jung-China am Scheidewege.

Was China jetzt braucht, ist Friede und Einigkeit unter einer starken, gerechten Regierung, einerlei welche Form und welchen Wohnsitz sie wählt.

Daß Jungchina mit manchem veralteten Plunder aufräumt, ist zu begrüßen.

So ist die ehedem tonangebende Gelehrtenzunft der Konfuzianer, die die chinesische Kultur versteinerte und durch ihren Stolz und ihre Fassadenmoral ein großes Hindernis für das Christentum bildete, wohl endgültig verschwunden.

Daß mit den schädigenden Auswüchsen des Aberglaubens und Volksbetruges aufgeräumt werde, liegt ebenfalls auf der Linie eines gesunden Fortschritts.

Aber nicht alles Alte ist schlecht, manches sogar sehr gut, und es wäre zu bedauern, wenn man alles Alte unterschiedslos abschaffen und durch Neues, das nicht immer empfehlenswert, ersetzen wollte.

So wäre es entschieden verkehrt, wenn allen altbewährten Volkssitten der Krieg erklärt würde, jeder Glaube ans Uebersinnliche und ans Jenseits verhöhnt, verpönt und mit Stumpf und Stil ausgerottet werden sollte.

Solche Experimente haben allerdings manche moderne Staaten versucht und sich damit auf eine schiefe schlüpfrige Ebene begeben, auf der sie unaufhaltsam hinabrutschen in Sumpf und Chaos. «Denn der Laizismus ist eine Pest für die Völker,» schrieb kein Geringerer als Pius XI., dessen weltüberragenden Weitblick selbst die Lenker der chinesischen Republik nicht abstreiten können.

Gegen umstürzlerische Neuerungen bildet übrigens der konservative Charakter des Volkes ein gutes Bollwerk, an dem die schärfsten Erlasse einzelner Machthaber abprallen.

Belialskinder.

In manchen Kreisen zeigen sich hie und da laizistische Tendenzen, die auf Säkularisierung des Missionseigentums, allgemeine Einführung der «neutralen» Schule drängen, obwohl sie ihren Schöpfern und Gönnern bisher wenig Trost brachte. Aber man handelte ja nach berühmten Vorbildern in Ost und West.

Amtlich ist zwar nach altbekannten Schlagern der Laienstaaten Gewissensfreiheit gewährleistet. Aber auch hier kommt, wie anderswo, der Bockfuß der religionsfeindlichen Loge nur zu oft zum Vorschein.

Die Hauptverantwortung tragen die vom großkapitalistischen Logengeist geleiteten auswärtigen «Helfer und Berater» des jungen Staatswesens. –

Andererseits pocht der Bolschewismus mit seiner «Freiheit» an Chinas Tore und versucht ein Vordringen auf breiter Front.

Glücklicherweise ist der nordchinesische Bauer auf seiner Scholle dem Kommunismus wenig hold; aber bei den heutigen Verkehrsmitteln fliegen die Ideen rasch über weite Länderstrecken hinweg.

In Süd- und Mittelchina ist der Boden günstiger, und manche sog. nationalistische Freiheitshelden sind auf den Kommunismus eingeschworen. Und wie er sich betätigt, haben wir im Laufe unseres Reiseberichtes verschiedentlich hervorgehoben.

Wenn auch die Geldmächte der Loge und der Bolschewismus prinzipiell sich feindlich gegenüberstehen, in ihrem Endziel gehen sie beide einig: Kampf gegen Christus und seine Kirche.

Es ist die ewig alte Geschichte vom Ansturm vereinter Höllenmächte gegen die Stadt Gottes, und der Kampf wird dauern, in dieser und in jener Form, bis zur Niederwerfung des Antichristen bei der Wiederkunft des göttlichen Weltenkönigs.

Auch in China wogt dieser Geisteskampf, von dem der Bürgerkrieg nur eine vorübergehende Teilerscheinung ist. Letzterer schädigt das Missionswerk nur indirekt.

Weniger gefährlich ist auch der brutale Bolschewismus, der mit Feuer und Folter gegen jede Religion wütet. Er gibt der Kirche Märtyrer und neue Kraft zu neuen Siegen.

Am gefährlichsten ist der Laizismus der Loge, der «Humanität, Freiheit, Fortschritt» predigt – in seinem Sinne! – und die Jugend religiös und moralisch verdirbt.

Zwar sägt er den eigenen Ast ab, auf dem er sitzt, aber was liegt dem Großmeister daran, daß Völker absterben, Staaten auseinanderfallen, Nationen sich zerfleischen, wenn nur die dunklen Mächte gute Ernte machen.

Ernte-Aussichten.

Ernst sind die Zeiten, doch nicht hoffnungslos. Im Gegenteil! Der Endsieg wird auf Gottes Seite sein.

Zunächst ist es auffallend, daß gerade in den letzten Jahrzehnten, seitdem die Kirche dem riesigen Missionsfeld in Fernost mehr Beachtung schenkt, auch die Mächte der Finsternis aufschreckten und mobilmachten, wie kaum zu einer andern Zeit.

Der Einsatz ist groß.

Man bedenke die ungeheuere Völkermasse von 440 Millionen Seelen, also China allein um 100 Millionen stärker als die Gesamtzahl der Katholiken der ganzen Welt! Mehr als das Doppelte von ganz Afrika!

Welche Aussichten für die Kirche, die von Gott gesandt wurde, ihm alle Nationen und Völker zuzuführen!

Und das chinesische Volk ist auf einer Kulturstufe, die es ihm ermöglicht, sozusagen ebenen Weges in die Kirche einzugehen und das Christentum anzunehmen, ohne seinem Chinesentum etwas zu vergeben.

Gewiß hat es auch seine Schattenseiten, einen krassen Materialismus, Selbstsucht, Hartherzigkeit und andere Fehler und Laster, die uns anwidern, wie es aber nicht anders zu erwarten ist bei armen Menschenkindern, auf denen noch der ganze ungebrochene Fluch der Erbsünde lastet.

Aber es ist doch kaum schlimmer als bei unsern eigenen heidnischen Vorfahren. Denken wir an die Verkommenheit der griechisch-romanischen Heidenwelt, an die Greuel der Merovingerzeit, und China kann den Vergleich ruhig aushalten. –

Wir finden anderseits manche günstige Momente für die Evangelisierung, wie bei nur wenig Heidenvölkern der Gegenwart.

China bildet ein unabhängiges Staatswesen, in dem keine nationalen Machteingriffe von außen die rein geistige Missionsarbeit der Kirche trüben und verdächtigen können. –

Die zähe gelbe Rasse.

Keine andere Menschenrasse ist so zäh und ausdauernd und anpassungsfähig. Der Chinese gründet sich eine Heimstatt unter allen Himmelsbreiten, im eisigen Sibirien so gut wie unter der Sonne des Aequators, und überall erweist er sich nicht nur als lebenskräftig, sondern durch seine Genügsamkeit und Strebsamkeit als ein gefürchteter Konkurrent anderer Menschentypen.

Dazu kommt eine im Vergleich zu andern Heiden verhältnismäßig hohe Moral, äußere Sittsamkeit, feiner Anstand und gewinnende Höflichkeit.

Natürlich reden wir hier von dem auf seiner Heimaterde von verderblichen Einflüssen unberührten schlichten Volke, das noch treu nach dem Naturgesetz lebt.

Die patriarchalische Familie mit der Einehe als Regel, die frühen Heiraten mit Kinderreichtum, die zur Nationaltugend erhobene kindliche Pietät und die Hochachtung des Autoritätsprinzips: das alles bildet ein vortreffliches Fundament für den Aufbau eines christlichen Lebens. –

In religiöser Hinsicht hat das Volk viele Wahrheiten der Uroffenbarung erhalten. Es glaubt allgemein an ein höheres Wesen, an ein Fortleben im Jenseits und an eine Vergeltung des Guten und des Bösen.

Sind diese Vorstellungen auch dunkel und verschwommen, so kann der Missionar doch leicht daran anknüpfen und ohne allzuviele Mühe den reinen Offenbarungsglauben vermitteln.

Bei all ihren Fehlern und Schwächen sind die Chinesen also im ganzen doch ein liebes sympathisches Volk, und der Glaubensbote, der an sie herantritt, wie der Heiland, mit Takt und Liebe, Mitleid und Verstehen, nicht als Richter, sondern als Arzt, der wird auch schöne Erfolge erzielen, die Herzen gewinnen und sie mit dem Geiste Christi erfüllen.

Der christliche Sauerteig.

Dafür zeugen so manche Christengemeinden, in denen das Gnadenleben blüht und die schönsten Tugendfrüchte hervorbringt, wie in den Tagen der Apostelkirche.

Einen andern Beweis, wie tief der Glaube in den Herzen der chinesischen Neophyten Wurzel fassen kann, und zugleich eine Bürgschaft für das Aufblühen dieser jungen Missionskirche, bietet das Martyrium.

In den letzten vierzig Jahren allein haben viele Tausende einheimischer Christen ihren Glauben mit dem Blute besiegelt.

Noch bis in unsere Tage hinein gibt es zahlreiche Bekenner, die Beraubung, Verfolgung, ja den Tod erleiden für Christus und seine Kirche.

Ihre Tränen und ihr Blut schreien zum Himmel herauf um Gnade, Erbarmung und Erleuchtung für ihre irrenden Brüder, und die Stimme dieser unschuldigen Opfer wird nicht ungehört verhallen.

Die Kirche Chinas steht noch in ihren Anfängen, in ihrer Katakombenzeit. Aber sie wird auch hier siegen, und über den Heldengräbern ihrer Söhne werden sich die Palmen wiegen. –

Die Zahl der Katholiken ist erst 2½ Millionen, kaum ein Katholik auf 180 Einwohner. Aber diese kleine Schar ist doch ein Sauerteig, der einst die ganze Völkermasse durchsäuern soll.

Wann?

Das ist Gottes Geheimnis und das Werk seiner Gnade.

Die Gnade muß erbetet werden, und zu dieser Art Missionsarbeit sind alle Kinder der Kirche berufen und befähigt.

Möge dem armen gequälten Volke, das unter den jahrzehntelangen Wirren schon soviel gelitten hat, endlich die Sonne der Erlösung aufgehen, daß es den einen Guten Hirten erkenne und ihm folge. Er allein kann es wirklich frei und glücklich machen.

Wer aber wird den Hunderten von Millionen die Frohbotschaft verkünden, ihnen den Weg zum Heile weisen?

Ungeheuer ist der Mangel an Missionären: nur einer auf rund tausend weithin zerstreute Christen, und auf 200 000 (zweihunderttausend) Heidenseelen, So sitzen Hunderte von Millionen noch in Finsternis und Todesschatten, und harren des Befreiers, der sie herausführt zur Sonne der Wahrheit, zur Quelle des Lebens.

Und diese Unglücklichen sind unsere Brüder; ihr Schicksal ist in unsere Hand gegeben. –

Im Heidenland, da fühlt man nicht bloß das große Glück des eigenen Glaubens, sondern auch die schwere Verantwortung, die auf jedem Kinde der Kirche ruht, nach Kräften an der Bekehrung der Ungläubigen mitzuarbeiten.

Wieviele ideale Priesterseelen, wieviele hochgesinnte Jungfrauen fänden dort auf dem fernen Missionsfelde eine hehre, heilige Lebensaufgabe zu ihrem eigenen zeitlichen und ewigen Glück, und könnten sich durch alle Ewigkeiten berauschen an dem Dankesjubel der durch ihre Apostelarbeit geretteten Seelen. –

Möchten diese Blätter die Aufmerksamkeit des christlichen Volkes auf seine Missionspflicht hinlenken, und sein Interesse wecken für das überreife Missionsfeld im fernen Osten, zum Beten, Opfern aneifern, ja einzelne auserwählte Seelen zur Selbsthingabe für dieses heilige Ziel entflammen.

Denn China ist des Schweißes der Edlen, ja des Blutes der Edelsten wert.

Mit diesem Wunsche, aber auch mit dem Gefühle des innigsten Dankes, daß Gott die kleinen Luxemburger Franziskanerinnen in seiner Barmherzigkeit auf dieses schöne Missionsfeld berufen, und mit der Bitte um ein frommes Gebet für China, für die Missionen und alle apostolischen Arbeiter schließen wir unsern Reisebericht,

Veni Sancte Spiritus!


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