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4. Wuchang

Das Herz des gelben Riesen – Das chinesische Pulverfaß. – Die heidnische Zwingburg. – Kulikniffe. – Im christlichen Heerlager. – Im Gänsemarsch durch Schneegestöber. – Auf der chinesischen Eisenbahn.


Wenn die Yangtzelinie den Lebensnerv, die Aorta darstellt, so ist hier das Herz des Riesenleibes China, von wo das kommerzielle Leben pulsiert, die Brücke zwischen Nord und Süd, Ost und West. Diese bevorzugte Schlüsselstellung machte sie zu allen Zeiten zum strategischen und politischen Ziele aller innern Kriege.

Auf dem Strom wehte ein scharfer Wind. Große Eisschollen trieben zwischen den Schiffen hin, eine seit Menschengedenken nie gesehene Erscheinung, was umso verwunderlicher ist, wenn man bedenkt, daß wir hier auf derselben Breite sind wie etwa der Suezkanal oder das Nildelta.

Wuchang hat trotz der immer häufigern Berührung mit westlicher Kultur das Gepräge einer chinesischen Großstadt aus grauer Vorzeit gut bewahrt. Davon zeugen noch die zinnengekrönten Mauern, die riesigen Wälle und Torbauten, die an eine große Vergangenheit erinnern und trotz ihrer Unzulänglichkeit gegen moderne Kriegstechnik noch immer einen trutzigen feudalen Anblick gewähren, wie etwa die stolzen Burgruinen unseres Mittelalters.

Das chinesische Pulverfaß.

Bis in die neueste Zeit war Wuchang ein militärisches Bollwerk, um das mehr als einmal die Geschicke des Reiches entschieden wurden. Bis 1911 beherbergte es eine starke tartarische Garnison, welche die stärkste Stütze des Mandschuthrones in Zentralchina war. Dort brach am 9. Oktober 1911 auch die Revolution aus, die das Kaisertum stürzte und die Republik der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausrief, die aber seither noch nach ihrem Gleichgewicht sucht. Ist ihre Schwäche eine Folge ihrer Frühgeburt? Tatsächlich waren die Väter der Republik noch fest am Plänemachen und Vorbereiten, in aller Heimlichkeit, als ein Funke zufällig eine ihrer Bombenwerkstätten zur Explosion brachte und so die Verschwörung vorzeitig aufdeckte. Jetzt blieb nur noch die Wahl zu siegen oder zu sterben. Das stählte ihren Mut, und der Sieg fiel ihnen zu, schneller als sie hofften und ihn ausnützen konnten.

Dieser berühmte Explosionstag von Wuchang ist nachher zum Nationalfeiertag und zum Ausgangspunkt einer neuen republikanischen Aera erhoben worden.

Noch ist Wuchang als Provinzhauptstadt und strategisches Zentrum reich an Arsenalen, Militär- und Bürgerschulen aller Grade und hat eine ziemlich rege Industrie.

Die heidnische Zwingburg.

Weil es ein Stützpunkt der christenfeindlichen Tsingdynastie war, so schmachtete mehr denn ein Bekenner in seinen dunkeln Kerkerhöhlen oder blutete unter den Folterqualen der grausamen Justiz, die in seinen Mauern tagte, oder wurde vor seinen Wällen zu Tode gemartert, wie der selige Gabriel Perboyre (✝︎ 1840).

Wie oft mögen die Glaubensboten noch im letzten Jahrhundert auf denselben Gewässern gefahren sein, verkleidet, vermummt, in steter Angst, von den Häschern erkannt und dem Tode überliefert zu werden? Es war ein diokletianisches Zeitalter für die Hirten sowohl als für ihre treuen Schäflein.

Zwar thront auch jetzt noch nicht das Kreuz auf den Pagodentürmen und den protzigen Tempelbauten, und die Kirchen und Kapellen sind in dem Häusermeer so gering an Zahl und Raum, daß Uneingeweihte sie kaum beachten. Aber trotzdem ist es schon entschieden besser als vor 100 Jahren. Der Name des Himmelsherrn ist nicht mehr so unbekannt und geächtet; seine Anbeter sind nicht mehr vogelfrei, sondern dürfen sich zeigen und können mit berechtigtem Stolz auf ihre Werke hinweisen. Aber gefährlicher als offene Verfolgung droht ihnen die dunkle Wühlarbeit der Loge.

Kulikniffe!

Endlich legten wir an und arbeiteten uns auf den steinigen Stufen zum Strandweg empor. Die Rickschazieher erwarteten uns oben und stürmten zu dreien und vieren auf uns ein, ihre Dienste aufdrängend mit dem einladendsten Lächeln der Welt. Der Zug setzt sich in Bewegung, und unter beständigem Schreien und Schimpfen und Stoßen unserer Pferdchen ging's durch das lärmende Gewimmel der engen Gassen. Wir wurden zwar viel begafft, aber weiter nicht belästigt.

Nur als wir vor dem Haus der amerikanischen Sisters of Charity (Barmherzigen Schwestern) abstiegen, entstand eine typisch chinesische, wenn auch nicht ungewöhnliche Szene.

Unsere Wagenzieher hatten ihre frühere Freundlichkeit abgestreift und umringten uns mit frechem Rufen und drohenden Gebärden, um einen Auflauf zu verursachen und Geld zu erpressen, weit über den vereinbarten Tarif hinaus.

Der sonst lammfromme P. Ulrich wußte aber, wie man mit diesem Volke umgehen muß und griff zum Regenschirm. Die Schreier wurden stutzig, und wir verschwanden rasch hinter dem Tor.

Zu unserer freudigen Ueberraschung trafen wir dort eine Schwester Beata aus Luxemburg, mit der wir in der Muttersprache plaudern konnten.

Bald brachte P. Basil auch die zweite Gruppe, und wir mußten bei den guten Schwestern zu Mittag speisen. –

Im christlichen Heerlager.

Wuchang ist unsere Diözesanhauptstadt und hat seit seiner Abzweigung von der Muttermission Hankow trotz der ständigen Kriegswirren das Werk der Glaubensverbreitung bedeutend ausgebaut, dank der weitschauenden, zielsichern Tatkraft seines neuen Oberhirten und dessen Mitarbeiter.

Die Mission besitzt eine neue, vorbildlich eingerichtete Druckerei, «The Franciscan Press», wo außer chinesischen Propagandaschriften und Religionsbüchern die redaktionell und technisch fein ausgestatteten Monatshefte «Franciscans in China» hergestellt werden, die sich bei den englisch sprechenden Missionsfreunden großer Beliebtheit erfreuen.

Mehrere Schwesternkommunitäten leiten in Stadt und Vororten ähnliche Werke wie die unserigen in Hwangshihkang Siehe oben; In der Gelbsteinlagune, S. 67.. Außerdem fleht ein rein beschauliches Nonnenkloster (Klarissinnen) in büßendem und sühnendem Gebet vor dem Allerheiligsten Gottes Segen auf die Missionsarbeiten herab.

Eine einheimische im Aufblühen begriffene Frauenkongregation, «Helferinnen des hl. Joseph», befaßt sich mit dem Werke der Heiligen Kindheit und dem Laienapostolat in den Familien.

In seiner Residenz empfing uns Msgr. Espelage, ein stattlicher Mann mit feiner, umfassender Bildung, als alte Bekannte, in aller Schlichtheit und Gemütlichkeit. Da sah man nichts von Prunk und Zeremonien: der Hochwürdigste Prälat selbst trug den armen braunen Franziskanerhabit. Gerne gestattete er P. Basil, uns bis zur ersten Tiroler Station nach Hunan hineinzuführen.

Im Gänsemarsch durch Schneegestöber!

Mit seinen weisen Reiseratschlägen und seinem väterlichen Segen ausgerüstet, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, wieder auf den bekannten Wägelchen, als Vor- und Nachtrab je ein Pater, in der Mitte die sieben Schwestern, also ein ziemlich langer Zug, weil immer im Gänsemarsch. Es war naß und schneite beständig in dicken Flocken. So ging es eine Stunde durch die schmutzige Stadt, dann noch gut zwei Kilometer durch schneebedeckte Felder, auf aufgeweichten Pfaden, durch Pfützen und Schlamm. Unsere armen Pferdchen keuchten und schwitzten, freuten sich aber des recht guten Tagelohns, während wir froren. P. Basil meinte scherzend, unser Zug gleiche der Napoleonischen Armee auf den Schneefeldern Rußlands. Wir aber waren nicht geschlagen, sondern voll Mut und Siegeszuversicht.

Auf der chinesischen Eisenbahn.

An der Station hatten die Patres schon alles bereit. Es wimmelte von Soldaten, die stramme Ordnung hielten, militärisch salutierten und uns höflich zu unserm Abteil geleiteten, wo auch schon unser Gepäck verstaut war. Wir erhielten sogar für unsere sieben Fahrkarten fünfzehn Plätze, sodaß wir es uns für die Nacht etwas bequem machen konnten.

Jede Viertelstunde marschierte eine bewaffnete Wache durch die Gänge des Zuges. Diese Vorsichtsmaßregel schien uns etwas übertrieben, aber später sollten wir erfahren, daß der nächstfolgende Expreßzug, trotz der militärischen Besatzung, mitten auf freier Strecke von Banditen zum Halten gebracht und gründlich ausgeplündert wurde, was den Betrieb eine Zeitlang stilllegte.

Das Bahnmaterial – das rollende und das liegende – war ursprünglich sicher erstklassig aus amerikanischen oder englischen Werkstätten, ist aber seither verwahrlost und verlottert, was in einem ordentlichen Klirren und Klappern, Schleudern und Wackeln des Zuges sich bemerkbar macht.

Ein Wärter in sauberm weißen Anzug erscheint und bringt uns unter vielen schwankenden Verbeugungen auf einem Brett eine Kanne dampfenden Tee mit einer Tasse, die also die Runde machen muß, nicht nur bei uns, sondern wahrscheinlich noch bei andern Fahrgästen ...

Man sagt uns, daß in der heißen Zeit ebenso eine Schüssel mit heißem Wasser und einem Waschlappen den Reisenden angeboten würde, um Schweiß und Staub abzuwischen und sich zu erfrischen. Solche zarte Rücksichtnahme ist sicher nicht einmal in den Luxuszügen Pullman und Edelweiß zu treffen!

Zum eigentlichen Abendessen hatten wir eine warme Suppe bestellt. Zwei flotte Diener bereiteten den Tisch, ein quer durch das Abteil gelegtes Brett, mit einer Decke darüber, die früher einmal weiß gewesen. Zwar gab es echte Teller und Löffel, aber es gehörte doch viel Geschick und Glück dazu, aus der Brühe etwas Festes herauszufischen.

So rollte unser Zug dahin durch die mondhelle verschneite Landschaft nach Hunan hinein.

Ohne es zu merken, waren wir also mitten in der Nacht aus der Provinz Hupeh, d. h. «nördlich vom (Tungting-)See», in die Provinz Hunan, d. h. «südlich vom See», hineingedampft, waren somit über die Grenze des uns seit drei Jahren vorschwebenden gelobten Landes gelangt.


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