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4. Durch die Indischen Meere.

Missionsfest auf hoher See. – Auf der Perleninsel. – Im paradiesischen Gartenhospital Colombos. – Die Hochburg des Buddhismus. – In den Inselgärten von Singapore.


Die Eintönigkeit des Indischen Ozeans versüßten uns zwei schöne Feste. Am 3. Oktober feierten alle Missionäre an Bord erstklassig die Missionspatronin, die liebliche kleine Theresia. Wäre ihr dem Heiland so großmütig angebotenes Opfer angenommen worden, sie wäre vor 35 Jahren auf ihrem Wege nach Hanoï sicherlich auf einem Dampfer derselben Kompagnie auf dieser gleichen Strecke gefahren.

Heute prangte ihre Statue auf dem improvisierten Festaltar, umgeben von Kerzen und Wachsblumen. Wie muß sie vom Himmel aus gelächelt, welch reichen Gnadensegen ausgestreut haben über die glückliche Schar von Missionären, die dem Lande ihrer einstigen Sehnsucht entgegenfuhren. –

Dieses allgemeine Missionsfest war ein würdiger Auftakt zu der Familienfeier, die alle Franziskuskinder tags darauf zu Füßen des Seraphischen Vaters vereinigte. Nein, nicht nur die Franziskuskinder, sondern sämtliche Missionäre feierten herzlich mit, wohnten im abgedunkelten Salon der ergreifenden Sterbezeremonie (Transitus) mit Gesang und Reliquienverehrung bei. Am Festtage selber wurden zwei hl. Messen speziell für uns gelesen.

Es war zum erstenmal auf unserer Fahrt, daß uns das brüderliche Verhältnis sämtlicher Missionäre, ohne Unterschied des Ordens und des Stammes, so auffiel. Wir sollten in der Folge in den Missionsländern diese dort so treu und natürlich geübte «Gemeinschaft der Heiligen», die Freud und Leid aufrichtig miteinander teilen und sich durch das gemeinsame Ideal des Apostolates so innig verbunden fühlen, zu unserer großen Erbauung noch öfter, ja auf jeder Missionsstation, gewahr werden. Und das schon gleich bei unserer nächsten Landung:

Auf der Perleninsel Ceylon!

Am 7. Oktober taucht am Horizont eine Küste auf. Stolzragende Palmen dringen vor bis zum Meeresstrand, Hie und da erscheinen auf tief dunklem Hintergrunde weiße und rote Gebäude, die immer deutlicher und zahlreicher werden. Endlich ein sanft ansteigender Wald mit gewaltigen Wipfeln, zwischen denen farbenprächtige Türme, Villen und Paläste hervorschimmern: es ist Colombo.

Was wir als Kinder in Märchenbüchern gelesen und geschaut, was unsere jugendliche Phantasie sich vom Paradiese träumte, hier liegt es vor uns in seiner bezaubernden Wirklichkeit: wir sind in der Wunderpracht der Tropenwelt.

Wer nur kann, geht heut an Land. Das Hafenviertel ist europäisch gebaut, mit breiten, schattigen Asphaltstraßen und großen Geschäftshäusern. Der Verkehr ist gemischt. Zwischen modernen Kraftfahrzeugen wimmelt es überall von sog. Rickschas (französ. pousse-pousse), leichten, zweirädrigen, überdachten Wägelchen für je einen Reisenden, die von einem Einheimischen im Laufschritt gezogen werden. Hier sehen wir sie zum erstenmal; sie sind aber im ganzen Fernost das gewöhnlichste Beförderungsmittel, das man trotz anfänglichen Widerstrebens gegen solch menschenunwürdiges Gewerbe vorläufig nicht entbehren kann.

Während unserer Fahrt auf der Elektrischen konnten wir das Leben und Treiben in den Straßen beobachten. In den einheimischen Vierteln sieht man häufig den originellen indischen, mit einem Blätterdach überwölbten Karren, gezogen von flinken gehöckerten Zebu-Oechslein (eine Büffelart). –

Die Läden sind vorne ganz offen. Hinter den aufgestapelten Waren, kopfgroßen Palmnüssen, goldenen Bananendolden, großen grünlichen Orangen, bunten Stoffen usw. liegt der Krämer und erwartet seine Kunden.

Die Bewohner, Singalesen, Tamulen und Hindus, sind von tiefbrauner Hautfarbe mit kohlschwarzem, glänzendem Haar, – doch sind auch hier die Greise weißhaarig! – und schneeweißen Zähnen. Es sind durchweg schlanke, edelgeformte Gestalten. In weiten, weißen Hosen oder in helle und bunte Tücher gehüllt bis fast hinab auf die bloßen Füße, schreiten sie stolz und behende einher. Die Haartracht und andere Abzeichen unterscheiden die verschiedenen Kasten von einander.

Im General-Hospital werden wir von den weißen Franziskanerinnen aufs herzlichste empfangen und überall herumgeführt. Es umfaßt einen riesigen Park mit grünem Rasenteppich, Bananenbüschen, Kokos- und Palmyrapalmen, an deren schuppigen Schäften halbzahme Eichhörnchen und Chamäleons spielend auf- und abhuschen, dieweil ganze Schwärme in den grellsten Farben schillernder Papageien und Kolibris, wie lebendige Blumen, kreischend und zwitschernd, durch das dunkle Blätterwerk schwirren.

In diesem immergrünen, immerblühenden Garten liegen, in ziemlichen Abständen von einander, nicht weniger als 25 Pavillons mit je etwa 50 Betten für unbemittelte Kranke aller Art. Es sind luftige Hallen, rings von offener Veranda umgeben, sodaß kein direkter Sonnenstrahl eindringen kann. Trotz des großen Elends, das hier zusammengedrängt ist, herrscht überall Ordnung, Sauberkeit, Friede. Dreißig einheimische, modern geschulte Aerzte sind mit der Behandlung der Kranken betraut. Die Schwestern, 68 an der Zahl, überwachen deren Verpflegung, verabreichen die Arzneien und besorgen die Instandhaltung des ganzen Betriebes, wozu ihnen ein zahlreiches Hilfspersonal zur Verfügung steht. Alles ist auf Kosten der Regierung.

In religiöser Hinsicht erfreuen sich die Missionärinnen der größten Freiheit und können viele Taufen spenden. Behörden und Volk, ob Heiden, Mohammedaner oder Protestanten, bringen ihnen die größte Hochachtung, das weitgehendste Vertrauen entgegen. Man muß es den Briten lassen, sie verstehen es, praktische Kolonial- und Kulturarbeit zu leisten. –

Das Hausauto brachte uns noch zu einer zweiten Niederlassung der Schwestern, wo in einem mehrteiligen Ouvroir einheimische Frauen und Mädchen mit der Anfertigung und Ausbesserung von Paramenten, Kirchenwäsche und andern Kultusarbeiten beschäftigt sind und so ihr Brot verdienen. Auch werden von hier aus 68 Kirchen mit Hostien versorgt.

Die Zahl der Katholiken auf Ceylon, namentlich in dem von den Oblatenpatres betrauten Erzbistum Colombo, ist verhältnismäßig groß.

Der nahende Sonnenuntergang ermahnte uns zur Rückkehr, die per Auto erfolgte. Nur vier Stunden hatten wir zubringen dürfen in diesem indischen Paradies – wo freilich die Erbsünde tieftraurige Spuren zeigt, ist doch Ceylon eine Hochburg des Buddhismus – aber diese Stunden werden uns unvergeßlich bleiben.

Andere Sehenswürdigkeiten der Insel, so das märchenhafte Kandy im Zentrum, wo in einem Waldtempel Buddhas heiliger Zahn verehrt wird – ein Prachtstück von einem Zahn, der wohl eher im Maule eines Mammut gewachsen ist! – ferner den berühmten Adamspick, wohin der Islam das irdische Paradies verlegt, lernten wir bloß von Ansichtskarten und vom Hörensagen kennen. –

 

In den Inselgärten von Singapore. Aus Furcht, wir möchten trotz der knappen Wiedergabe unseres Ausfluges auf Ceylon die Leser ermüdet haben, wollen wir jetzt sechs Ruhetage einschalten, an Sumatra und den vorgelagerten Eilanden mit ihrem verlockenden Grün achtlos vorbeifahren und erst wieder an der Südspitze der Halbinsel Malakka, just zwei Grad vom Aequator, ein wenig an Land gehen.

Am Sonntag morgen, den 13. Oktober, steuerte unser Dampfer langsam durch ein Labyrinth von malerischen Inselchen hindurch in den Hafen von Singapore. Unser Blick wurde gefesselt durch ein ins Meer vorspringendes Pfahldorf mit etwa 40-50 aus Reisig und Blättern gebauten Hütten. Unten liegt ein Kahn, von wo eine Hühnerleiter in die luftige Behausung führt. Es ist wohl ein Fischerdorf, dessen Bewohner die meiste Zeit auf dem Wasser zubringen.

Schon gleich beim Betreten der Stadt merkt man, daß Singapore ein Knotenpunkt des Weltverkehrs und -handels ist. Da begegnet man den verschiedensten Typen von Malayen, Indern, Negern, Eurasiern, Mischlingen, Weißen und besonders Chinesen, welch letztere mit etwa 300 000 Seelen am stärksten vertreten sind und einen großen Teil des Handels in Händen haben.

Wie die Missionäre versichern, stellen sie auch unter allen Rassen den besten und stärksten Kern von Katholiken, mindestens 7 000, die auf drei eigene Pfarreien verteilt sind. Wir waren natürlich ordentlich stolz auf «unsere Landsleute».

Durch ihren zähen Fleiß und ihre unvergleichliche Genügsamkeit und nicht zuletzt ihren überlegenen praktischen Sinn sind sie hier und auf der ganzen australasischen Inselflur die gefürchtetsten Konkurrenten. Wie mancher ist aus einem armen Rickscha-Sklaven Eigentümer seines Wägelchens, dann Wanderkrämer, Ladenbesitzer, Geschäftsmann und schließlich Großfarmer und Großkaufmann geworden.

Wir lenken unsere Schritte zu den Anstalten der Dames de S. Maur und beten längere Zeit in der schönen gothischen Kirche, bis die Kommunität aus dem Hochamt in der Kathedrale zurückkehrt. Die Oberin zeigte uns die weitausgedehnten Werke und berichtete, wie sie sich im Laufe von 75 Jahren aus kleinen Anfängen unter vielen Hemmnissen und Prüfungen entfaltet hätten. Heute unterrichten die Schwestern über tausend Kinder der verschiedensten Rassen und Stände und unterhalten damit ihre zahlreichen Armen und Waisenkinder, worunter wir viele Chineslein wahrnahmen.

Leider mußten wir schon bald zurück an Bord und setzten um 2 Uhr unsere Reise fort – nordwärts.


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