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4. Die Feuertaufe.

Am Blauen Fluß. – Eine Schreckensnachricht. – Marschbereitschaft. – Verfrühte Siegesmeldung. – Auf der Flucht. – Das Nachtgebet auf dem Yangtze. – Des roten Fuchses Hühnerpredigt. – Der wachsame japanische Hahn. – Wirkung japanischer Musik auf rote Helden. – Die Wäscherinnen des lieben Gottes. – Portiunkulaszene. – Vollkommene Franziskusfreude. – Neues Leben blüht aus den Ruinen.


Am Blauen Fluß.

«Als Jonas aufs Meer ging, kam ein heftiger Sturm,» so hatte in einem Briefe vom Dezember 1929 Msgr. Espelage von Wuchang geschrieben und uns scherzend als Unglücksraben bezeichnet.

Tatsächlich hatte nach dem bolschewistischen Putsch von 1927 im mittleren China leidliche Ruhe geherrscht. Der Brand war allerdings nicht ausgelöscht; die zerstobenen Funken glimmten weiter und loderten bald hier, bald dort, zu neuen Feuerbrünsten auf.

Wir haben eingangs von einem solchen Brandherde, der das westliche Hupeh verheerte (September 1929), berichtet, und späterhin in unserm ersten chinesischen Heim wahre Katakombentage und -wochen miterlebt. Vgl. Katakombenstunden, II, 5.

Unsere Rückfahrt an die Küste erfolgte im Zeichen einer doppelten Mobilmachung. Es braute und brodelte wieder etwas Unheilvolles im innerpolitischen Hexenkessel: ein neuer Konflikt zwischen Nord und Süd.

Anderseits hatte der Lenz die bekannte 5. Division aus ihren Verstecken herausgelockt. Die roten Recken streckten sich und reckten sich wie der Uralbär, der nach langem Winterschlaf Hunger fühlt nach Fett und Honig.

Als wir in Europa landeten, war der Bürgerkrieg bereits im Gange.

Bald sollte sich auch die zweite Mobilmachung, die der Roten, zu einem Banditenkrieg auswirken.

Eine Schreckensnachricht.

Die Freude des Wiedersehens auf heimischem Boden, im Kreise lieber Mitschwestern, war zwar eine große, aber unser Herz weilte noch mit wahrem Heimweh an der sonnigen Lagune des Yangtzetales, im wohligen Schatten des Hunanwaldes.

Man stellte viele Fragen, ließ sich erzählen, besprach die letzten Nachrichten vom fernen Osten ....

Als wir genügend vorbereitet schienen, wie jene Friesenmutter im vorigen Kapitel, übergab man uns ein Telegramm, das schon tagelang auf uns gewartet:

« Hwangshihkang von Kommunisten zerstört – Patres, Schwestern, Kinder gerettet.» – –


«Wann? – wo? – wie? – –

Wo sind sie, die armen Mitschwestern? – Wie geht es ihnen?» – – – –

Wer konnte diese beängstigenden Fragen beantworten?

Die Botschaft war zu kurz – und dennoch vielsagend und – noch mehr verschweigend! – –

Jene finstern Wolkenbälle, die an Hupehs Himmel hingen, hatten sich also entladen, als ein Hagelwetter.

Jählings zerschmettert liegt unsere blühende Mission am Boden.

Die armen Schwestern sind plötzlich heimatlos, verbannt, gehetzt, im fernen, fremden Land.

Wohin?? – –

Das war der erste Eindruck dieser Hiobspost.

Jonas war auf festem Land – und der Sturm tost dennoch fort, bedroht das Schiff wie nie zuvor ....

Doch mitten in der Wetternacht glänzt ungetrübt der Meeresstern. Er wird auch sie, die Schwergeprüften, zum sichern Port geleiten.

Wir blickten betend auf zum Sterne und sprachen unser Fiat, voll Hoffnung und Vertrauen. ...

Nach langem, bangem Warten kamen endlich nähere Nachrichten, die es uns ermöglichen, eine ausführliche Darstellung zu geben von den tragischen Vorgängen, die aber tröstlich enden, wie jede Heimsuchung aus Gottes Vaterhänden.

Wir stützen uns auf die Briefe unserer Schwestern, sowie auf den Bericht des mitbeteiligten P. Leo Ferrary. Erschienen in der Zeitschrift Franciscans in China, Wuchang, Vol. VIII. Nr. 11, S. 328 ff. (8°). Unsere frühere Beschreibung der Lage von Hwangshihkang erleichtert es auch dem Leser, das Drama vom 13. Juni 1930, an dem unsere ersten Missionärinnen die Feuertaufe empfingen, genau zu verfolgen.

Marschbereitschaft.

Am Yangtzekiang hatten allmählich die wilden Gerüchte, die seit Wochen umherschwirrten, ihren gruselnden Charakter verloren und das Angstgefühl abgestumpft.

Am 1. Juni, einem trüben Regentag, sprach der Bezirkspolizeichef aus Tayeh persönlich vor und meldete, die Roten rüsteten gegen Hwangshihkang, und diesmal sei es ernst.

«Was sollen wir denn tun?» fragte P. Leo.

«Das beste wäre, wenn der Pater ein amerikanisches Kriegsschiff kommen ließe, denn unsere Abwehrkräfte sind zu schwach.»

Also, eine chinesische Behörde erbittet fremde Polizeihilfe! Es mußte schon etwas dahinter sein. Aber auch ein Marineoffizier kann nicht zwei Herren dienen.

Trotzdem kam nach einigen Tagen ein Kanonenboot mit dem Sternenbanner vorbei, fand die Lage «allright», und dampfte weiter. ...

Es hatten sich bereits einige Patres von ihren gefährdeten Außenposten auf unsere Station zurückziehen müssen, während andere sich noch auf Nachbarstationen hielten.

Das ganze Missionspersonal mit Schwestern und Kindern zählte 80 Personen.

Daher stellte P. Leo schon gleich einen Mobilisierungsplan auf: Ständige Marschbereitschaft; nur Wertsachen und die allernotwendigste Ausrüstung sollen in handlichen Bündeln verpackt und mitgenommen werden.

Die Patres hielten abwechselnd Nachtwache, die Kinder schliefen, die Schwestern beteten.

Bei Tag alles wie gewöhnlich.

Draußen allerdings sah es anders aus. In der Ferne lagen Regierungstruppen und Milizen in weitem Umkreis.

Eines Tages kam eine Abordnung in die Stadt. Sie brauchten Geld, erhandelten von den Stadtvätern und Kaufleuten einige Tausend Dollar und kehrten auf ihre Posten zurück.

Maueranschläge verkündeten amtlich: «Soldaten und Polizei beherrschen die Lage. Also nichts zu fürchten!»

Aber das Volk war doch nicht ruhig. Im Gegenteil: auf einem Erkundigungsgange gewahrte P. Leo, daß die Leute in immer größeren Scharen aus dem Innern herausströmten, um mit ihren Habseligkeiten übers Wasser zu gelangen.

Nächtlich zeigten sich an den Bergeshängen immer mehr lichte Punkte: Wachtfeuer oder Patrouillen? Freund oder Feind? –

In der Stadt stockte jedes Leben, die geschäftigsten Straßen waren wie ausgestorben, die Häuser verschlossen.

Verfrühte Siegesmeldung.

In der Ferne soll es schon Scharmützel gegeben haben, wobei sich herausstellte, daß die Roten gute Waffen – sogar Maschinengewehre – hatten, und vor allem bessere Führer besaßen.

Täglich wuchs ihr Anhang, während die Reihen der Regulären sich lichteten.

Man munkelte von einer Entscheidungsschlacht!

Am 11. Juni ließ der Pater alles zur sofortigen Flucht bereit machen. Es ging zu wie am 7. und 8. Dezember, nur mit mehr Geschmeidigkeit, infolge des langen Drills.

Diesmal sollte es aber keine bloße Manöverübung bleiben.

Der 12. Juni verlief noch ruhig.

Am Vormittag des 13. hörte man in der Ferne heftiges Gewehrfeuer, das wieder verstummte.

Um Mittag kam die frohe Kunde, die Banditen seien zurückgeschlagen. Alles jubelte auf: Heil uns im Siegerkranz!

Doch folgte bald der Hexentanz! – Viele Soldaten kehrten zurück durch die Stadt und setzten herdenweise über den Strom, um am jenseitigen Ufer sicherer auf ihren Lorbeeren auszuruhen.

Der ganze «Sieg» war nur eine List der Roten, die nach einem Scheinrückzug in großer Zahl – über 3000 Mann – vormarschierten und die Stadt umzingelten.

Auf der Flucht.

Als der chinesische Pater Wang die roten Fähnlein von den Hügeln niedersteigen sah, erkannte er sofort, worum es sich handle und lief quer durch die Gärten zum Schwesternhaus mit dem Schreckensruf: «Sie kommen, sie sind nah! Schnell fort!» –

Jede Schwester nahm eilends zwei Kinder unter den Arm, und lief flugs hinab zum Fluß, wo drei von wackern Christen bemannte Boote bereitlagen.

Alles drein in wilder Hast, Bündel, Körbe, Kinder, und rasch vom Lande ab!

Zwei Patres übernahmen die Führung. Mit einem Seufzer der Erleichterung sah P. Leo sie den Strom hinabgleiten gen Sehujao, wohin ein japanisches Kanonenboot sie eingeladen:

Wenigstens die Herde war vorläufig in Sicherheit.

Er selber kehrte in die Mission zurück, die Lage zu überschauen, die Türen zu verschließen und zu retten, was noch zu retten war.

Es war wenig, kaum das nackte Leben.

Die Verteidiger der Ordnung zerstoben in wilder Auflösung. Hinter ihnen rannte das geängstigte Volk. Im Nu waren alle Fahrzeuge vom diesseitigen Stromufer verschwunden. –

Selbst auf den Strandsee hatten sich die Bewohner geflüchtet, was die Nachen nur tragen konnten.

P. Leo half noch einige Verwundete verbinden, welche man auf Tragbahren zum Dispensarium gebracht.

Die Roten hatten schon die Stadt besetzt und nahten der Mission.

Weil ihre Lieblingsbeute Kapitalisten und Ausländer, namentlich Amerikaner sind – die ja beides in einer Person vereinigen! – so mischte sich der Pater kurz entschlossen unter einen Haufen fliehender Chinesen und entkam unbemerkt.

Aber erst nach einer halben Stunde erreichte er, vom Priester Wang und drei Seminaristen begleitet einen Fischerkahn. Der Eigentümer weigerte sich, sie über den Fluß zu setzen, selbst gegen hohe Bezahlung. Er wollte ein ganzes Vermögen erpressen!

Pater Wang, der seine Landsleute besser kannte, riet einzusteigen. Als die vier Fahrgäste sich anschickten, auch ohne den Schiffsherrn davonzurudern, wurde letzterer plötzlich folgsam, sogar freundlich, und steuerte auf den Strom hinaus.

Im Vorbeifahren sah der Pater mit dem Fernrohr, wie dichte Scharen unter rotem Banner, Reiter und Fußvolk, die Mission besetzten. ...

Nach einstündiger Fahrt war er um 5 Uhr vor Sehujao, wohin die Panik einen großen Teil der Bevölkerung getrieben hatte.

Bald vernahm er bekannte Laute und sah freundlich winkende Taschentücher: es waren die Flüchtlinge der Mission, die den treuen Hirten freudig grüßten und willkommen hießen.

Der japanische Kommandant hatte ihnen ein größeres Schiff angewiesen, aber durch ein Versehen hatte man sie auf einen eisernen Frachtkahn gebracht, worauf schon viele Chinesen waren.

Indes waren alle herzlich froh, wenigstens das Leben gerettet zu haben und dankten Gott, daß die Flucht nicht zur Winters- oder Nachtzeit geschehen mußte! – – –

Der Raum auf dem Leichter war knapp, sodaß die Schwestern sich mit Stehplätzen behelfen und die Kleinsten aufs Gepäck betten mußten.

Bei Einbruch der Dunkelheit wurde vom Land her Feuer eröffnet, sodaß ihnen die Kugeln über die Köpfe pfiffen.

Die Japaner bestrichen sofort das Ufergelände mit Maschinengewehren, und es wurde plötzlich stille. Die roten Schützen hatten genug.

Das Nachtgebet auf dem Yangtze.

Kein Dampfer kam, die Missionskinder aufzunehmen. Man mußte also übernachten, wo und wie man war.

Aus den mitgenommenen Vorräten speisten die Schwestern und die Kinder.

Nun geschah etwas Rührendes, das selbst die alten Yangtzewellen, die rastlos hin zum Meere wallen, auf ihren langen Wanderfahrten wohl kaum je zuvor gesehen.

Es war zwar nichts Besonderes, im Gegenteil: etwas Gewöhnliches, aber in ganz außergewöhnlichen Umständen.

Ganz spontan knieten die Kinder nieder, groß und klein, und verrichteten im Chore laut ihr Nachtgebet, wie allabendlich in der Mission. ...

Weithin hallte es über den Strom und über die zahllosen schaukelnden Schifflein ringsumher.

Mit welcher Glut und Innigkeit sandten sie heute ihren Dank zu Gott empor und erflehten seinen Vaterschutz! – – –

Verwundert schauten die Heiden herüber und lauschten mit Ehrfurcht den ergreifenden Gesängen. Sie fühlten wohl, es war etwas Heiliges und galt Dem, den sie wohl ahnten, aber noch nicht kannten. ...

Gegen Mitternacht setzte ein schwerer, anhaltender Regen ein. Vergebens suchten die Schwestern mit Gummitüchern und Oelpapier ihre Pfleglinge zu schützen. Es war bald alles durchnäßt, und die in ihrem Schlummer gestörten Kinder schrieen zum Herzzerreißen.

Man suchte Schutz im Unterraum des Schiffes.

Auf einer steilen Hühnerleiter stiegen die Schwestern hinab, und ein Kind nach dem andern wurde ihnen durch die Deckluke gereicht, bis alle unten waren.

Aber bald mußten die Missionäre feststellen, daß sie aus dem Regen nicht nur in die Traufe, sondern obendrein noch in den Schlamm geraten waren.

Das Wasser sickerte nämlich durch die Fugen und bildete mit der Kupfererde eine rötliche Brühe.

Wohl oder übel mußten die Schwestern ihr Gepäck in diesen Morast abstellen und sich drauf setzen, jede ein paar weinende Kinder auf dem Schoße. ...

Zwei der armen Würmchen starben während der Nacht. In den nächsten Tagen erlagen noch vier andere. Während die Engelein sich jubelnd zum Throne Gottes emporschwangen, wurden die kleinen Leichen eilig im Ufersand verscharrt.

Was ist das für so viele?

Der Morgen brachte neue Sorgen, denn der Hunger machte sich fühlbar.

Die Kleinsten schrieen, die Größeren schwiegen, schauten aber trüb und traurig drein.

Die Schwestern dachten nicht an sich, sondern nur an ihre Kinder, um die sie sich beständig abmühten. Bericht P. Leos a. a. O. S, 334. Die arme Schwester X. durchwühlte ihren Küchenkorb. Sie fand noch zwei Brote.

Traurig und mit feuchten Augen hielt sie sie in Händen und schaute stumm die andern an: «Was ist das für so viele?!» (Joh. 5, 9).

Nach vergeblichem Bemühen der Patres, auf den Schiffen Reis zu kaufen, faßte P. Leo den Entschluß, trotz der drohenden Gefahr an Land zu gehen und Lebensmittel zu beschaffen.

Er mischte sich unter einen Haufen Chinesen und ließ sich mit ans Ufer schleppen.

Hier gewahrte er, daß Banditen und Bevölkerung friedlich miteinander verkehrten.

Des roten Fuchses Hühnerpredigt. Der wachsame japanische Hahn.

Kaum waren die Leute gelandet, so hielt ihnen ein Leninjünger vom Uferdamm herab eine Ansprache, etwa das Umgekehrte von des Heilands Bergpredigt.

«Wir sind die wahren Freunde des Volkes,» rief er zum Schlusse aus, «wir sind gekommen, euch zu befreien, nicht zu verderben! Uns müßt ihr trauen!»

So hat in der Fabel der Fuchs ja auch den Hennen gepredigt, bis der Hahn den Kopf emporgereckt. – Auch hier stand, zum Glück für P. Leo und die ganze Mission, ein wachsamer Hahn im Hintergrund: der japanische Kapitän. –

Einige der Flüchtlinge trauten dem Friedensboten nur halb, andere stiegen aus.

Unter die letzteren hatte sich P. Leo gemischt, nicht weil er «glaubte», sondern weil er für seine hungrige Familie zu sorgen hatte, für «das arme Volk», dessen Wohl den Kommunisten so sehr am Herzen lag!!! – –

Plötzlich steht ein frecher Kerl vor ihm, hält ihm den Revolver auf die Brust und fährt ihn grinsend an: «Wer bist du? Warte hier!»

Der Missionar bleibt ruhig und flüstert seinem Diener, der als einfacher Volksmann unbeachtet neben ihm stand, zu, den Japaner aufmerksam zu machen.

Der Bandit rief von rechts und links ein paar verkappte Kameraden herbei, die den Gefangenen durchsuchten und ausplünderten.

Dann führten sie ihn dem Deich entgegen, wo andere Spießgesellen warteten.

«Hier bringen wir einen Imperialisten,» sagte der erste Räuber.

«Nieder mit dem Imperialismus! Das ist unsere Losung!» brüllten die andern im Chore, und der Pater sah sich von bewaffneten Banditen umringt, wehrlos. Er flehte innig zu Gott.

«Laß ihn laufen!» rief jetzt von der Böschung herab ein Häuptling, der den Vorfall mitangesehen.

Welch liebliche Musik für die Ohren des Paters!

Aber der erste Räuber erwiderte trotzig: «Ich habe Befehl, ihn zu packen.»

«Wo ist denn der Leutnant?»

«Auf der Barke; es sind noch eine Anzahl Ausländer drüben.»

«So laß diesen los!» –

Der Kerl gehorchte jedoch nicht, sondern stieg auf die Böschung und besprach sich dort mit andern Offizieren.

Unterdessen blieb P. Leo auf dem Strande stehen und schaute sich um. Der Japaner winkte ihm, zurückzukommen.

Aber rechts und links waren Revolver auf ihn gerichtet.

Der rote Kriegsrat war rasch zu Ende.

«Komm herauf!» befahl eine rauhe Stimme ...

Der Pater hatte es natürlich nicht eilig, denn er wußte, was das bedeutete, von seinem Mitbruder P. Ulrich her.

Er zauderte, überlegte ...

Da packten ihn ein paar rohe Fäuste, ihn fortzuzerren und als kostbare Beute über den Damm zu bringen.

Wirkung japanischer Musik auf rote Helden.

Plötzlich ein Trompetensignal!

Auf dem Kriegsschiff wurde es lebendig, die blanken Geschützläufe reckten sich. Auf Deck rasselten Gewehre und zielten auf die Böschung, auf das Strandplateau ...

Geschossen wurde nicht, brauchte nicht zu werden ...

Denn kaum hatten die roten Helden die japanische Musik gehört, verloren sie den Kopf und den Mut und vergaßen alles, selbst die Wut gegen den Imperialisten und sogar die Sorge «für das arme Volk».

Sie schienen nur noch Beine zu haben, zwei und sogar vier, um über die Böschung zu kommen.

Ihre einzige Losung war jetzt: «Fort! fort! und immer fort! ...»

Und hinter ihnen stürmte das zum roten Evangelium bekehrte arme Volk!

Der Strand war menschenleer wie eine frischgefegte Tenne.

P. Leo stand allein auf sandiger Flur. Doch einen Augenblick nur.

Er eilte zum Kanonenboot und drückte seinem Retter dankbar die Hand.

Auf dem Missionsschiff herrschte nicht geringes Staunen, daß er schon zurück sei, nach kaum einer Viertelstunde.

Vom Ankerplatz aus hatte niemand den Vorfall am Gestade bemerkt und keine Ahnung von den schrecklichen Minuten, die der Pater durchlebt ...


Da jetzt das Ufer sauber war, zogen die Flüchtlinge ab und die Schwestern konnten mit ihren Kindern wieder auf Deck an die Luft und an die Sonne.

Am Mittag brachte der alte Koch der Mission die erste Kunde von den kommunistischen Greueln. Patres und Schwestern hatten nun nichts mehr, als die durchnäßten Kleider, die sie am Leibe trugen; doch dankten alle Gott für den gnädigen Schutz vor Feindeshand.

In der Stadt waren zwei Beamte erschossen, zwanzig wohlhabende Bürger als Geiseln entführt und alle Geschäftshäuser geplündert worden. Und noch immer waren die roten «Volksfreunde» an der Arbeit.

Der Vater einer unserer Schülerinnen brachte gegen Abend einen Korb voll Brot, Reis, Tee und besorgte noch andere Einkäufe.

Gleichzeitig sandte der japanische Kapitän eine Kiste mit Zwieback, Büchsenfleisch, Milch und Obst herüber, sodaß endlich auch Patres und Schwestern nach 40stündigem Fasten wieder einmal den Hunger stillen konnten.

Bisher waren die spärlichen Vorräte nur den Kindern verabreicht worden. –


Die zweite Nacht wurde auf einem Dampfboot verbracht, das leider auch keinen genügenden Schutz bot gegen den neu einsetzenden Regen. Bei jedem Tropfen, der sie traf, schrieen die kleinen Schläfer laut auf.

Für die Schwestern war auch diese Nacht meist schlaflos.

Die Wäscherinnen des lieben Gottes.

Am 15. Juni war Dreifaltigkeitsfest, im Himmel und auf Erden, ein sonnenheller, goldener Morgen.

Aber für die armen Verbannten gab es nichts Sonntägliches. Es wurde im Gegenteil große Kinderwäsche gehalten mitten im Strome, wobei die größeren Mädchen die Schwestern eifrig unterstützten.

Dachten sie daran, die braunen klösterlichen Wäscherinnen?

Es war vor 50 Jahren, da legten sich zur letzten Ruhe die arbeitsmüden Hände einer andern Wäscherin, die einst als adelige Dame nächtlich an der Alzette kniete und demutsvoll die Kleider wusch, der Aermsten und Verlassensten? ...

Der stille Mond allein war Zeuge und Jener, der die Sterne lenket, dem allein sie in den Armen diente, und den sie andre lieben lehrte, – – andre: ihre Töchter, die heute in den Yangtzefluten waschen für die Armen Christi, treu dem Vorbild ihrer Stifterin Franziska, der Seraphsseele an der Luxemburger Alzette.

Gäb' es eine schönere Gedächtnisfeier für die Mutter hoch im Himmel und ihre Töchter hier auf Erden? –

Gegen Mittag sandte P. Wang einen Missionsdiener mit Proviant und einem kurzen Briefchen: «Kommet und sehet!»

Die Banditen waren abgezogen. Das Dampfboot fuhr deshalb zur Mission, wo viele Leute den Missionären entgegenkamen und ihnen freundlich beistanden, die Kinder zu landen.

Von weitem schon sah man die Umfassungsmauern mit kommunistischen Inschriften bedeckt: «Nieder mit den Imperialisten! Es lebe der Bolschewismus! Die V. Rote Armee!»

Dasselbe Gesudel war auch noch an andern Wänden zu lesen.

Also wehrlose luxemburgische Staatsbürgerinnen werden des Imperialismus bezichtigt.

Das ist wohl die größte Ungerechtigkeit der Weltgeschichte!!

Voll banger Erwartung betraten die Schwestern das Innere der Mission.

Die Verwüstungen übertrafen ihre schlimmsten Befürchtungen.

Alle Türen und Schränke waren erbrochen und geleert, Koffer und Möbel zerschlagen, die Heiligenbilder zerrissen, die Statuen geschändet, verstümmelt, zertrümmert.

Das Herz-Jesu-Monument war in den Fluß geworfen worden, wurde aber nachher unversehrt herausgefischt und von den regulären Soldaten wieder an seinen Ort gestellt.

Sämtliche Kirchenwäsche war verschwunden, sogar die im Klösterlein verwahrten besseren Meßgewänder. Andere waren zerrissen oder zerschnitten, wie auch die Habite der Schwestern, und lagen in Fetzen umhergestreut.

Wohl auf der Suche nach geheimen Schätzen oder Waffen hatten die Plünderer sogar die Zimmerdecke durchlöchert.

Ueberhaupt war alles, was sie nicht mitnehmen konnten oder mochten, zerschlagen und zerstört, ein wüster Mischmasch von Scherben, Lappen, Uniformstücken, Ruinen. Sogar Nähmaschinenteile waren darunter.

Merkwürdigerweise ließen sie sowohl das Oratorium im Schwesternhause als auch die Kirche, wo nur die Altartücher fehlten und die Gebetbücher verstreut waren, unberührt, obwohl sie auf den Kirchenbänken ihr Nachtlager eingerichtet hatten.

Unversehrt blieb auch ein großes Kruzifix im Speisesaal, vielleicht weil sie die darunter angebrachten roten Pfingstflammen als Symbole des Kommunismus ansahen?? –

Offenbar lagen in den Missionsgebäuden die Häuptlinge selbst in Quartier, denn die Herren hatten viele Pferde bei sich, die sie mit den Reisvorräten des Waisenhauses fütterten.

Ueberall lag Mist, Unrat, Schmutz.

Und draußen auf dem Wasser weinen und winseln, sterben und verderben, vor Hunger, Angst und Blöße, die Kinder «des armen Volkes» verscheucht aus ihrem Heim, das ihnen jener öffnete, der einst gesprochen: «Wer eines dieser Kleinen aufnimmt, der nimmt mich auf» (Matth. 18, 5), der vom Kommunismus teuflisch gehaßte und geschmähte wahre Menschenfreund.

Die Bolschewisten mästen sich und ihre Rosse mit dem Brot und Reis hungernder Proletarierkinder und tummeln sich kalt auf deren zertrümmerter Habe.

Hier die blutig-rote «Freiheit», die in krassem Egoismus den Armen, Schwachen herzlos niedertrampelt – dort das sanfte Gesetz opferwilliger Nächstenliebe, die aus Schmutz und Elend erhebt den Dürftigen (Ps. 112, 7) und ihm seine Menschenwürde und fürstliche Gotteskindschaft gegen rohe Gewalt garantiert. (Vgl. Ps. 34, 10).

An der Frucht erkennt man den Baum, – sollte wenigstens ihn erkennen! ....

Auf die Kirchenwände hatten die roten Herren geschrieben, sie seien unschuldig an diesen Verwüstungen, andere hätten es getan.

Ja, der Banditenführer schrieb nachher einen Brief an die Mission, worin er für das genommene Quartier dankt, den angerichteten Schaden bedauert, und um die Rechnung bittet, die er bezahlen wolle ...

War es Hohn oder Höflichkeit? – Beides ist möglich!

Leider vergaß der Schreiber, seine Adresse anzugeben für die Rückantwort und machte auch die Bank nicht namhaft, wo die V. Rote Division ihre Spareinlagen deponierte, um dergleichen Schadenersatzansprüche zu befriedigen. –

Portiunkulaszene.

Die Schwestern suchten nun aus Schutt und Trümmern noch rasch alles irgendwie Brauchbare zusammen. Denn es war entschieden worden, daß sie die Stätte, die vollständig unwohnlich war, unverzüglich räumen müßten.

Gut zustatten kam ihnen ein großer Korb mit Kinderwäsche, den P. Wang noch im letzten Augenblick hatte in Sicherheit bringen können.

Da eine Rückkehr der Banditen zu befürchten war, so drängten die Patres auf eiligen Abzug.

Doch zuerst wurde auf den Ruinen noch ein echt franziskanisches Mahl gehalten, wie die Vorsehung es ihren schwergeprüften Kindern zuschickte.

Der Bäcker hatte eilends einen Korb Brote bereitgemacht, der chinesische Koch braute zusammen, was er eben auftreiben konnte.

Unter dem Scherbenhaufen wurde ein liegengebliebenes Küchenmesser und noch einiges Geschirr entdeckt, für die Tafel ....

Hunger und franziskanischer Humor lieferten eine vortreffliche Würze und sorgten für Feststimmung.

Die Patres hatten im Pfarrhaus überhaupt kein Eckchen mehr, wo sie sich hinsetzen konnten, und so speiste man im großen Saal zusammen, franziskanisch-chinesisch, mit Adamsbesteck oder Eßstäbchen, je nach Geschick und Geschmack.

Durch die offenen Fensterhöhlen zog vom Strom her eine erfrischende Brise und starrten staunend hundert Augen .....

Während dieses franziskanischen Abendmahles kamen unerwartet neue Gäste, die Freude vollzumachen, nämlich drei Patres, die den Räubern entronnen waren, abgehetzt, bettelarm und hungrig, aber überglücklich, die ganze Missionsfamilie unversehrt zusammenzufinden.

Am fröhlichsten war wohl P. Leo, der durch mehrere Boten seine Mitbrüder hatte warnen lassen, aber vergebens auf sie gewartet hatte und ernstlich um ihr Leben bangte.

P. Ulrich war dabei. Gerne verschmerzte er den linken Schuh, der ihm auf der Flucht entfallen, und weidete sich in Gedanken an dem Aerger seiner Brüder Räuber, welche diesmal nur des Schusters reiterlosen Rappen eingefangen, für dessen «Verpflegung» ihnen schwerlich ein «Trinkgeld» ausgehändigt würde, wie vor 7 Monaten für den «imperialistischen» Ehrengast.

Vollkommene Franziskusfreude.

Es begann zu nachten. Kein Licht erhellte mehr die Räume, die unheimlich offen standen.

In der Ferne hallten Schüsse.

Deshalb nahm man Abschied von dem trauten Heim, das jetzt so traurig dalag, in wehmutvollem Schweigen.

Doch es war kein Scheiden ohne Hoffnung.

Alle bezogen eine geräumige Barke, die der Schlepper mitten in das Strombett brachte.

Die Nacht war ruhig, helle; die Kinder schliefen, eingehüllt in warme Decken.

Ein Dampfer kam in Sicht.

«Der nimmt uns mit!» so hofften, wünschten, riefen alle. Doch er hörte nicht und huschte vorbei, als fürchte er sich vor Hwangshihkang.

In der Tat hatten die Schiffe Befehl, dort einstweilen nicht mehr zu halten.

Die Enttäuschung war groß – – – eine echt «vollkommene Franziskusfreude». Daher stimmten seine Söhne ein dreistimmiges Alleluja an.

Ob die Gewässer des Yangtzestromes schon einen ähnlichen nächtlichen Jubelgesang unter solchen Umständen vernommen hatten? – –

Als das goldene Morgenrot die kleinen Schläfer weckte und die Schwestern auf dem schwimmenden Kinderheim mit der Milchflasche von Bettchen zu Bettchen eilten, ängstlich die Portionen messend, da jauchzt auf einmal die Sirene: Der japanische Wächter hatte einen Dampfer erspäht.

Die Rettungsstunde war gekommen.

«Alles aufpacken für den Abzug!» lautete die Parole.

Das Schreien der Kinder klang jetzt wie ein frohes Wanderlied.

Die Pinasse sandte dem nahenden Dampfer ein zweites und drittes Signal entgegen.

Es war ein Engländer S. S. «Kutwo», der Antwort gab, und als er die Barke voll Europäer sah, sofort beidrehte.

Was nur Hände hatte, half, die Flüchtlinge an Bord zu heben. Freundlich schaute die Morgensonne hinein in den fröhlichen Schwarm der Erlösten.

Die Wiegenkinder – besser Korbkinder – vollendeten den gestörten Frühschoppen, schwiegen und schliefen weiter. Die größeren erhielten einen kleinen Salon angewiesen, wo sie sich austummeln konnten, nachdem sie nun schon drei Tage auf engen Planken gehaust und ihr Quecksilbertemperament hatten zügeln müssen. Sie waren bald in heiterster Stimmung, als ginge es auf eine Kirmes.

Aber auch für die Missionäre wurde in zuvorkommender Weise gesorgt, sodaß sie sich auf der neunstündigen Fahrt etwas erholen und ausruhen konnten.

Am Abend war man endlich wieder daheim, in Wuchang, wo Msgr Espelage tiefgerührt den Flüchtlingen entgegenkam, sie mit väterlicher Güte aufnahm und sie beglückwünschte, daß sie würdig befunden, für Christus und seine Kirche zu leiden.

«Diese Prüfung ist ein Zeichen seiner besonderen Huld,» fügte der Prälat hinzu, «und eine sichere Gewähr, daß eure Arbeit im Weinberge des Herrn gesegnet sein wird.»

Es war schon alles vorgesehen für die Unterbringung der armen, heimatlosen Luxemburger Franziskanerinnen. Die guten amerikanischen Vinzentinerinnen wetteiferten miteinander, den Verbannten die herzlichste, edelmütigste Gastfreundschaft zu gewähren. Ja sie umhegten sie mit Ehrfurcht und einem gewissen heiligen Neid.

So konnten sich in wenigen Tagen unsere Schwestern von den Strapazen ihres Räuberabenteuers erholen.

Ihr Mut war ungebrochen. Nur eine Sehnsucht hatten sie: rasch zurück auf ihren Posten.

Neues Leben blüht aus den Ruinen.

Die überstandene Gefahr wirkte wie das Oel aufs Feuer: neu entflammte die Begeisterung für ihren heiligen Beruf.

Doch eine stille Herzenstrauer konnte Diese, Jene, kaum verbergen: es blieb bloß bei der Feuertaufe, trotz so manchem süßen Träumen – vom Wandeln unter Palmenbäumen. ...

O Herr, ich bin nicht würdig! ... Du aber mach mich würdig! ...

Nach etwa zehn Tagen gingen die Patres nach Hwangshihkang voraus und ließen die Missionsgebäude wieder notdürftig einrichten, worauf die Schwestern ihnen folgten, um, obschon arm und in äußerster Dürftigkeit, weiterzuwirken für Gott und die Seelen.

Groß war der materielle Schaden, größer der geistige Nutzen. Bald sah man aus Schutt und Scherben und Ruinen neue Erntehoffnung grünen. – –

Die roten Nachbarn im Gebirge liegen immer noch auf der Lauer, so lange nicht eine starke Regierung eingreift.

Infolgedessen steht die Mission ständig im Zeichen der Mobilmachung, was zwar manche Beschränkung auferlegt, aber alle inniger mit Gott vereint, der die Arbeit an den Seelen sichtlich segnet.

Denn Mut gibt Mut: die Heiden fühlen sich mehr angezogen, angesichts der Ueberzeugungstreue der Missionäre. – –


Mitte September 1930 kamen wieder einige Tausend Kommunisten herangezogen – wohl kaum, um der Mission die versprochene Entschädigung zu bringen! – –

Einige hundert Soldaten, verstärkt durch Ortsmilizen, stellten sich ihnen entgegen. Schon wollten die Regierungssöldner fliehen oder mit den roten Brüdern verhandeln. Aber die Milizen, die Haus und Hof verteidigten und ihre eigene Scholle schützten, hinderten den feigen Verrat und schlugen los.

In ihrem Uebermut hatten die Kommunisten auf ein vorbeifahrendes Kriegsschiff geschossen, das aber keinen Spaß verstand und ein paar gutgezielte Salven in den dichten Knäuel sandte, die ein furchtbares Blutbad anrichteten.

Daraufhin zogen sie sich zurück in ihre Verstecke und wagten sich nicht mehr vor.

P. Leo meint, das sei ein wahres Wunder, und schreibt es der immerwährenden Anbetung des Allerheiligsten zu, die seit der Wiederkehr der Schwestern in der Missionskirche gehalten wird. «Wenn Gott für uns ist, wer kann dann wider uns sein?» (Röm. 8, 31).


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