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2. Stromabwärts.

Der Mutter Fest. – Schmerzlicher Abschied. – In Räuberhänden. – St. Josephs wunderbare Hilfe. – Wieder auf der Dschunke. – Die geprellten Zöllner. – Unter militärischem Schutz. – Pashui: Die entschwundene Martyrerkrone. – Hengchow: Auf blutgetränktem Martyrerboden. – Changsha: «Stille Weihnacht». – Auf dem Tungting-See. – Chinesisches Freilichttheater. – Dem Meere zu.


In demselben Maße, in dem wir mit unserer Waldfamilie verwachsen, im Garten der Samen sproßte, der Geflügelhof sich bevölkerte und mit der steigenden Sonne des Lenzes die innere Sonne der Freude ihren belebenden Zauber über «Glücksheim» ergoß, bemächtigte sich unseres Herzens eine stille Wehmut, ein steigender Schmerz ob der unausbleiblichen Trennung.

Der 8. März war noch ein Tag voll seliger Freude: In unserem armen Hauskapellchen wurde die erste heilige Messe gefeiert, und von da an jeden Morgen, ausgenommen die Sonn- und Festtage, an denen wir in die gemeinsame Pfarrkirche gehen.

«Mutter,» sagte mir eine junge Schwester in kindlicher Einfalt, «liebe Mutter, hinfort brauchen Sie sich unsertwegen keine Sorgen mehr zu machen, denn der liebe Gott ist jetzt bei uns unter demselben Dache.»

Gott mit uns! Emmanuel! – –

Der Mutter Fest.

Am Vorabend und Frühmorgen des 12. März hallten Böllerschüsse durch den Wald. Die guten Kinder, groß und klein, wollten das Fest ihrer armen Mutter feiern ...

Sogar der Hochwürdigste P. Administrator war abends spät, schweißtriefend und todmüde, herübergekommen, nachdem er sich unterwegs auf Seitenwegen verirrt hatte.

Allerliebst waren die auf rotem Papier geschriebenen Gedichtchen und Sprüchlein der Kinder. Ihre zutraulich blitzenden Augen sagten uns indes mehr, als die für chinesische Literatenohren berechneten rhythmischen Laute.

Natürlich gab es dann auch Geschenke unsererseits.

Ueberall herzliche Freude.

Nie hätte ich geglaubt, daß in so kurzer Zeit solch feste Bande aufrichtiger Liebe rassenfremde Menschen zusammenbinden könnten. Ein wahrhaft herzliches Verhältnis zwischen den Missionären und ihren geistigen Kindern.

Wäre diese himmlisch helle Lichtseite des Missionslebens besser bekannt, ich bin überzeugt, es gäbe mehr Missionäre, und viel, viel mehr Missionsschwestern! – –

Diese Feststellung war allerdings nur halb geeignet, unsern Abschiedsschmerz zu mildern. Wir wußten, daß unsere Missionärinnen glücklich, recht glücklich, ja glücklicher sein würden als in irgend einem unserer heimischen Häuser.

Anderseits aber fühlten wir den Trennungsschmerz doppelt. Wir mußten uns losreißen von einem lieben trauten Heim, zurück nach dem alten Europa! ...

Am 17. März herrschte allgemeine Trauer.

Die Bleibenden und die Scheidenden bemühten sich, das unvermeidliche Opfer mit tapferm Mut zu bringen.

Wir beteten noch zusammen in der Kirche.

Als wir heraustraten, knieten Schwestern und Kinder im Hof, in weitem Halbkreis.

Der Pater segnete sie und uns.

Das mühsam verhaltene Schluchzen brach sich trotzdem Bahn.

Wehmütiges, immer lauteres Weinen – nicht nur bei den Kindern! ...

Kindestränen!

Aber – ich schäme mich nicht, es zu bekennen – auch Muttertränen! ...

Drum verschwanden wir rasch in den Sänften ...

«Glücksheim», lebe wohl!

Schwestern, Kinder, lebet wohl!

Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! – droben, wo's kein Scheiden gibt, im ewigen «Glücksheim» ...

Wir sprachen's nicht, wir dachten, fühlten es – und weinten ...


Genau vor 30 Tagen waren wir eingezogen, auf denselben Pfaden, ein langer Zug, nicht ohne ein geheimes Bangen vor dem Ungewissen, Unbekannten.

Welche Wandlung in einem Monat! Gott allein die Ehre und demutvoller Dank! – –

Heute war unsere Karawane kleiner.

Unser treuer Raphael, P. Basil, war längst nach Wuchang zurückgekehrt.

P. Gilbert vertrat ihn auf dem Heimweg bis hinab nach Changsha. Natürlich waren unsere alten Weggenossen, Wang und Malija, wieder dabei.

An diesem Nachmittag marschierten wir nur bis «Kaltenwasser», wo die beiden Patres, die vorausgeeilt, unsere Siebensachen bereits auf einer Dschunke verladen hatten, mit der wir am nächsten Morgen früh flußabwärts fuhren.

Um 7 Uhr waren wir schon in unserer Kajüte «erster» Klasse. Durch eine Oeltuchwand getrennt war die von P. Gilbert und Herrn Wang bewohnte «zweite» Klasse, und Malija machte sich zwischen Kisten eine dritte «Küchenklasse» zurecht, worin noch ein paar befreundete Christen Platz nahmen.

Trotz der vielen Kochgehilfen wurde die Suppe nicht versalzen. In China ist nämlich das Salz als Staatsmonopolartikel sehr hoch besteuert und daher teuer.

Es regnete draußen, und wir konnten uns von der Aufregung der letzten Tage etwas ausruhen.

Meine wackere Begleiterin, Schwester Emmanuel, führte mutig ihr Tagebuch weiter. Es war so vieles nachzutragen! –

Abends 7 Uhr legten wir in Kiyang an und zogen durch die Tore des im vorigen Monat von uns eroberten «Jericho» ein.

In Räuberhänden.

Im Hofe der Mission waren eine Menge Leute, die wegen des morgigen Patronsfestes des hl. Joseph zusammengeströmt waren.

Es herrschte wilder Wirrwarr.

Die Christen diskutierten lebhaft durcheinander mit kummervoller Miene.

Es mußte etwas Außergewöhnliches im Gange sein.

Man hörte nur von «Räubern» und dazwischen den Namen des P. Vinzenz.

Erst meinten wir, die Kommunisten hätten das Haus besetzt.

Endlich kommt der alte Lehrer und klärt uns die Sache auf.

P. Vinzenz war zu einem Kranken beschieden worden, 70 Li (= 42 km) weit. Auf halbem Weg packten ihn plötzlich sechs Banditen, beraubten ihn seines Reisegeldes und seiner Decke und sperrten ihn in ein abgelegenes Haus. Dort waren schon ein Dutzend andere Gefangene eingepfercht, die voll Entsetzen ihr Schicksal besprachen.

Die Banditen wollten sie in der Nacht weiterführen in geheime Schlupfwinkel, um Lösegelder zu erpressen oder sie zu morden.

St. Josephs wunderbare Hilfe.

Die Lage war nichts weniger als rosig. Der Pater betete zum hl. Joseph, schon um des armen Sterbenden willen.

Plötzlich bemächtigte sich der Wächter eine große Bestürzung.

Was war es?

Am Horizont zeigte sich eine Anzahl Männer. Die Räuber glaubten, es seien Soldaten oder andere ihnen feindlich gesinnte Banden.

Sie rafften eiligst einige Beutestücke zusammen und suchten das Weite.

Ihre Geiseln waren frei! –

P. Vinzenz sandte sofort einen Boten mit einem Brief nach Kiyang, um den Vorfall zu melden. Dann setzte er seinen Versehgang fort.

Weil er in jener Gegend noch einige kleine Christengemeinden besuchen wollte, so konnte er vor drei Tagen nicht zurück sein.

P. Gilbert vertrat ihn also und war am Abend und am Morgen vollauf beschäftigt mit den Christen, vor und nach dem Hochamt.

Am Nachmittag war einstündige Aussetzung des Allerheiligsten mit feierlichem Segen.

Wir schenkten den Lateinschülern, die durch ihren Gesang den Gottesdienst verschönerten, Medaillen und Devotionalien, die sie überglücklich machten.

Wieder auf der Dschunke. Die geprellten Zöllner.

Am frühen Morgen des 20. März ging's hinab auf den kleinen Dampfer, wo unser Wang die Reisekisten treu gehütet.

Es wimmelte überall von Soldaten, von denen viele auf unserm Dampfer sich festsetzten.

Auf einmal entstand ein heftiger Streit um unsere Kisten. Es waren Zollbeamte, die sie untersuchen und natürlich auch besteuern wollten. Der Kapitän drängte anderseits auf eilige Abfahrt.

P. Gilbert versprach den Zöllnern, an der nächsten Station das Nötige zu zahlen, worauf sie knurrend nachgaben.

Unter militärischem Schutz.

Als wir aber ankamen, verteidigten die Soldaten den Dampfer mit Waffengewalt und ließen keinen Beamten an Bord.

So verfuhren sie auch später bis hinab nach Hankow. War ihre Gesellschaft für arme fremde Nonnen auch nicht gerade angenehm, so genossen wir doch unter ihrem Schutz militärische Zollfreiheit, was uns manchen Dollar ersparte.

Uebrigens müssen wir auch gestehen, daß sie uns gegenüber sich korrekt benahmen, ja mit gewisser Scheu uns respektierten.

Und weil sie, was wir bei Reiseantritt nicht gewußt, in großer Anzahl nordwärts fuhren und alle Fahrzeuge besetzten und zur Eile zwangen, so kamen wir, vom Strome mitgerissen, auch rascher und billiger ans Ziel.

Pashui:
Die entschwundene Martyrerkrone.

Als wir am Nachmittag an Pashui, der Hauptstation des P. Gilbert, vorbeifuhren, unterbrach dieser die Lektüre der hl. Theresia. Drüben am Ufer grüßten uns durch lebhaftes Winken und Zurufen seine Schüler.

Nun zeigte er uns seine Mission, die ihm fast die Martyrerkrone eingebracht.

Es war vor zwei Jahren.

Die Gebäude waren noch nicht ganz fertig, als eines Tages vier Soldaten kamen, um das Haus zu besichtigen.

Da sie wenig vertrauenerweckend waren, und tatsächlich nichts zu sehen war, wollte der Pater sie höflich heimschicken.

Sie gingen aber nicht. Da schob er einen sachte zur Tür hinaus. Das war gefehlt.

Sie eilten unter Schreien und Drohungen fort, und kamen bald mit einer Truppe Kameraden wieder.

Das Tor ward eingeschlagen, die Haustüre erbrochen.

Der Pater war in die Kirche geflüchtet.

Einige Bürger der Nachbarschaft suchten zu vermitteln, die Rasenden zu beschwichtigen.

Vergebens! Die Meuterer zertrümmerten die Kirchentür, schrieen, schossen, hieben wütend auf den Pater ein, bis er halbtot zusammenbrach.

Dann wurde im Gotteshaus noch alles kurz und klein geschlagen.

Später entfloh er im Schutz der Dunkelheit mit Hilfe eines Christen über die Gartenmauer und gelangte heimlich auf einer Dschunke nach Kiyang, wo er, noch blutüberströmt, dem Mandarin den Vorfall meldete.

Derselbe war gerecht, gerechter als die Stützen des Gesetzes, die sog. regulären Soldaten.

Ein militärisches Geleite führte den Pater mit allen Ehren in seine Residenz zurück, und auch der materielle Schaden wurde wieder gutgemacht.

Am Fluß entlang sahen wir noch manche Nebenstationen aus dem Pfarrbereich des Paters.

Hengchow:
Auf blutgetränktem Martyrerboden.

Obwohl es schon 9 Uhr war, als wir in Hengchow landeten, so machte auf unser beharrliches Klopfen der gute P. Penn uns doch noch auf und führte uns zur Kirche.

Kaum eine Viertelstunde später war unser alter Freund, P. Innozenz, da und hieß uns in seiner gewohnten Herzlichkeit willkommen.

Wir waren zu fünf, für die ein Nachtquartier bereitet werden mußte, und waren arg beschämt ob der unbequemen Stunde.

Er lachte nur, und lud uns zur Strafe sogar zu einem Gläschen Weine ein, ein seltener Luxus in diesem Lande und bei diesen Zeiten.

Bald war die ganze Gesellschaft untergebracht und ruhte sich von den Strapazen aus.

Am nächsten Morgen waren wir erfreut, die weißen Franziskanerinnen, die mittlerweile ihre neue Niederlassung bezogen hatten, schon in der Kirche zu finden.

Sie nahmen uns mit zum Frühstück und erzählten uns das Mißgeschick, das ihre Provinzialoberin getroffen, die auf ihrer Flußfahrt sechs lange Tage auf dem Schiff gefangen war, das wegen niedern Wasserstandes sich festgefahren und nun hilflos auf den nächsten Regentag warten mußte.

Da konnten wir, bei all unsern Abenteuern, doch noch von Glück reden.

P. Innozenz kam uns bald holen, um uns ins Kleine Seminar zu führen, wo Msgr. Palazzi an jenem Morgen Unterricht erteilte.

Unterwegs verweilten wir ein wenig an der Stätte, wo P. Cesidio im Jahre 1900 den Martertod erlitten. Es waren heilige, unvergeßliche Minuten.

Der Bischof empfing uns väterlich und schenkte uns zum Andenken Reliquien des Sel. Johannes von Triora, der einst als Apostel in Hunan wirkte und als Märtyrer starb im Jahre 1816.

Auf die Kunde von unserer Anwesenheit kamen auch unsere chinesischen Freundinnen, die Jungfrauen des Waisenhauses, und brachten uns Geschenke: Reiseproviant und Stickwaren ihrer Kunstwerkstätten.

Also hier im fremden Land, in einem italienischen Vikariat, nur lauter Freunde, wahre Freunde: auch wieder eine Bestätigung des Glaubenssatzes von der Gemeinschaft der Heiligen.

Mit dem Segen des Bischofs und einem nachdrücklichen «Auf Wiedersehen!» eilten wir zum Fluß hinab, zwängten uns durch die Barken hindurch und erkletterten unsern schwarzen, dampfenden Kasten, der sich um 11 Uhr in Bewegung setzte.

Wir hatten eine tiefe Kabine mit zwei Sitzen. Auf Deck bauten P. Gilbert und die andern Gefährten aus den Reisekisten eine viereckige Festung, wo sie hausten und kochten, dieweil dichtgedrängte Soldatenhaufen außerhalb der «hölzernen Mauern» lagerten und sie bewachten ...

Malija schlief seelenruhig auf einer Decke in unserer «Kasematte».

In aller Morgenfrühe, als ringsum noch alles schlummerte, wurde unser Verlies zu einem kleinen Bethlehem: P. Gilbert feierte die heilige Messe ...

Dann konnten wir uns etwas erholen auf dem Verdeck, bis die Garnison wieder ihre Posten bezog und wir in unsern «Unterstand» verschwinden mußten.

Frühstück und Mittagstisch spendete Malijas schwimmende Feldküche.

Am Mittag erreichten wir schon «Langensand» (Changsha), und während P. Gilbert mit Wang unser Gepäck auf einem nach Hankow bestimmten Dampfer unterbrachte und Plätze belegte, geleitete uns Malija zu unserm alten Quartier bei den weißen Franziskanerinnen, die uns aufs herzlichste begrüßten und in das früher bewohnte Zimmer führten. Wir waren wieder daheim!

Erst hieß es, der Dampfer fahre schon am Abend ab, weshalb wir in Begleitung zweier chinesischer Schwestern noch rasch einige Landeskuriositäten für unser Museum einkauften, vor allem billige «Silber»-Waren, für eine Brautausstattung.

P. Gilbert kam mit P. Prokurator Baima, und seinem Mitbruder P. Athanasius zu unserer Begrüßung. Letzterer hatte uns schöne Bambusschnitzereien mitgebracht.

Weil der Dampfer seine Abfahrt verschieben mußte, blieben wir zwei Tage hier.

Changsha: «Stille Weihnacht».

Schön war die Nacht vom 24. auf den 25. März, das Fest Maria Verkündigung, die «stille Weihnacht».

Die Schwestern pflegen diese Nacht und den folgenden Tag vor dem feierlich ausgesetzten Hochwürdigsten Gute zuzubringen.

Wir waren glücklich, an der stillen Anbetung teilzunehmen. Versteht man doch nirgends besser als im Heidenland das große Glück des Glaubens, die unendliche Gnade der Erlösung durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes.

Wer hätte bei dieser schönen Feier gedacht, daß schon nach vier Monaten drei Rote Divisionen Changsha besetzen und mit ihrem kommunistischen Evangelium beglücken würden!

Auch P. Baima fiel in ihre Hände und erwartete das Schlimmste, als zu seinem Heile der «General» der 8. Division, der in Belgien studiert hatte, ihn freundlich in Schutz nahm und rettete.

Die Führer waren Kommunisten, aber nicht ohne Ideale. Sie wollten nur die an die Kapitalisten verkaufte Regierung stürzen, erklärte er, und hätten Befehl gegeben, das Eigentum der armen Leute und auch der katholischen Mission, die keinen Gewinn suche, sondern alles nur zu guten Werken verwende, zu schonen.

Leider dachten die Mitläufer nicht alle so edel, und bald mußten die Offiziere einsehen, daß sie die gerufenen roten Geister nicht mehr loswürden. Der Mob ließ sich nicht bändigen, es gab Raub und Mord. Mit knapper Not konnten die europäischen Schwestern und P. Baima auf die Kanonenboote fliehen, die im Flußhafen ankerten und deren energisches Eingreifen die Roten zum Abzug zwang.

Die einheimischen Schwestern blieben zurück, vermochten aber nicht, den beträchtlichen materiellen Schaden zu hindern.

Nebenbei gesagt, war auch die uns schon bekannte 5. Division, die seinerzeit den P. Ulrich Siehe oben: Drei Wochen Ferien beim «Bruder Räuber». unter ihren «Schutz» genommen, an der Erstürmung und Plünderung von Changsha beteiligt. –

Gegen Einbruch der Nacht geleiteten uns die beiden Patres «unserer» Mission auf den Dampfer und nahmen dann Abschied, – wohl auf Nimmerwiedersehen in diesem Leben.

Es machte einen tiefen Eindruck auf uns, als wir ihnen nachschauten, diesen Männern, die für die Ausbreitung des hl. Glaubens schon soviel gearbeitet und gelitten hatten und glorreiche Narben trugen.

Wir waren jetzt allein auf dem Schiffe in einer kleinen Kajüte, deren Tür wir offen ließen auf den Rat des klugen Wang, der von unserer Reisegesellschaft noch allein übrig geblieben war.

Wir sollten bald verstehen, wie weise diese Maßregel war. Denn der Dampfer ward vom Militär gestürmt und besetzt.

Die Soldaten erbrachen alle Türen und richteten sich ein, sobald sie aber der fremden Nonnen in ihrer behaglichen Zelle ansichtig wurden, gingen sie vorbei und ließen uns ruhig.

Die Behaglichkeit war allerdings eine sehr relative, mehr äußerlich als innerlich.

Zur weitern Vorsicht legte sich unser treuer Michel die ganze Nacht quer vor den Eingang der Kajüte. Wir verrichteten ein inniges Nachtgebet und überließen uns Gottes wachender Vorsehung.

Er zeigte seine Allmacht in einem furchtbaren Gewitter, wie einst auf Sinai, mit zuckenden Blitzen und grollendem Donner.

Und merkwürdig! während man sonst vor der Wut der Elemente erschauert, fühlten wir uns heute sicher, geborgen und gehoben.

Mitten in der Nacht ging's stromabwärts.

Auf dem Tungting-See.

In der Morgenfrühe fuhren wir durch den Tungting-See.

Dieser See, nach dem die beiden Provinzen Hupeh und Hunan Hu = See, peh = Norden, nan = Süden, also Hupeh, Hunan = die Provinzen «nördlich», bezw. «südlich» vom See. benannt werden, hat einen Flächenraum von 6 000 Quadratkilometer, mehr als doppelt so viel wie Luxemburg und stellt auch wieder ein ganz eigenes Naturwunder dar, das man eben nur im Märchenlande China antrifft.

Er nimmt alle Flüsse der weiten wasserreichen Provinz Hunan in sich auf, und läuft doch nicht über! ...

Durch einen großen Abfluß steht er nämlich mit dem 10 km entfernten Yangtzekiang in Verbindung. Da nun der Pegel dieses Riesenstromes im Lauf des Jahres ganz erheblichen Schwankungen – bis zu zwanzig Meter – unterworfen ist, so erfüllt dieser See je nach Bedarf eine zweifache Rolle: bei Tiefstand in den drei Wintermonaten füllt sein Zufluß das Strombett auf, während in der Sommerregenzeit riesige Wassermassen vom Yangtzekiang in den See hinüberfluten, sodaß er also ein natürliches, großzügig angelegtes Staubecken bildet, wodurch das Stromtal vor Ueberschwemmungen bewahrt wird.

Dabei dehnt und verengert sich selbstverständlich die Spiegelfläche des Sees ganz bedeutend.

Eine ähnliche Rolle spielt der weiter abwärts, in Kiangsi gelegene Poyang-See.

Infolgedessen ist der Yangtzekiang das ganze Jahr hindurch bis hier herauf für Meerschiffe befahrbar.

Der Tungting-See ist übrigens selber sehr belebt, nicht nur von Schiffen aller Art, sondern von zahlreichen Flößen, welche das kostbare Holz der Hunanwälder auf die große Verkehrsstraße des Blauen Flusses bringen.

Andere Flöße, mitunter fast ein halbes Hektar groß, tragen schwimmende Dörfer, deren Bevölkerung je nachdem der Fischerei oder Schiffahrt obliegt und sogar die sumpfigen Seeufer anbaut.

Diese Wasserdörfer haben den Vorteil, daß sie mit Haus und Hof umherwandern können und bald hier, bald dort sich festankern, wo es etwas zu verdienen und zu fischen gibt: wahre Wasserzigeuner!

Unser Dampfer fuhr sehr rasch, begünstigt von der Strömung, sodaß wir am selben Abend in Hankow eintrafen.

Es war schon Nacht. Wang ruderte ans Land, während diesmal wir das Gepäck hüteten.

Der Dampfer leerte sich, die Lichter wurden ausgelöscht, wir waren noch die einzigen Passagiere – hilflos, sprachlos.

Endlich nach einer Stunde kommt unser braver Mann und bringt uns auf das Spitalauto, das am Ufer wartete. Wir waren bald unter dem gastlichen Dache der weißen Franziskanerinnen.

Vor dem Tore draußen hatte Wang noch einen heftigen Strauß auszufechten, Es war die altbekannte gehässige Szene der schreienden Kulis, welche einen höheren Trägerlohn erpressen wollten.

Doch wir waren in einem zivilisierten Zentrum: die Polizei griff ein und stiftete Frieden nach allen Regeln des Tarifs und des Knüttels. – –

Hier hörten wir auch die neuesten Nachrichten von der Ermordung eines Salesianerbischofs und Missionärs in der Gegend von Canton.

Das Gerücht von dem gleichzeitigen Tode dreier einheimischer Schwestern hat sich nachträglich als irrig herausgestellt. Sie waren allerdings in den Händen der Banditen und mußten die Hinrichtung ihres Bischofs mitansehen, erlangten aber nachher die Freiheit.

Nachdem wir noch einige Geschäfte erledigt und den Bischof Massi von Hankow und unsern Oberhirten Msgr. Espelage in Wuchang besucht hatten, fuhren wir am Abend des 30. März per Dampfer hinab in unser Heim an der «Gelbstein-Lagune» (Hwangshihkang), wo wir am nächsten Mittag wieder im Kreise « unserer» Schwestern waren. – – –

Allüberall grünte und blühte es, voll Lenz und Leben, nicht nur in der schönen Natur, sondern auch drinnen im Missionsbetrieb.

Chinesisches Freilichttheater.

Am 10. April war das Namensfest des Pater Leo, eine allerliebste Familienfeier der ganzen Christenschar, besonders in der Mission, mit Schießen, Gratulieren, Theater und Geschenken.

Die, Karwoche wurde mit ihrer ganzen, ergreifenden Liturgie begangen wie in der christlichen Heimat: Palmenweihe, Anbetung des Allerheiligsten am Gründonnerstag, Kreuzverehrung am Freitag, Kerzen- und Wasserweihe mit jubelndem Oster-Alleluja am Samstag.

Am Nachmittag des Osterfestes führten unsere Schülerinnen sogar im Garten der Mission ein schönes Mysterienspiel auf, dem alle Christen beiwohnten: Freilichttheater auch in China! – – –

Die Osterwoche war trotz des täglichen Alleluja getrübt. Schon seit dem Erwachen der lauen Lüfte zeigten sich am Himmel düstere Wolken.

In den Bergen braute Unheil. Die Kommunisten schlüpften aus ihren Winterquartieren hervor voll Tatendrang und Beutelust.

Auf dem Strome kreuzten nicht weniger als acht Kriegsschiffe. Aber gerade diese Vorsichtsmaßregeln lösten ein unbehagliches Gefühl aus, denn sie bestätigten, daß im Hintergrund etwas im Gange war.

Dem Meere zu.

Osterdienstag war ein großer Trauertag, denn wir mußten auch dieses liebe Heim verlassen, verlassen auf Nimmerwiedersehen. Den Abschied will ich nicht beschreiben. Ein Glück war es, daß uns der Dampfer mitten im Strom aufnahm. – – –

Die Wellen glitzerten im goldenen Sonnenschein. In helles Licht getaucht lagen die Missionsgebäude, unser Klösterlein, am grünen Ufer.

Aber fern am Horizont um die Bergeskuppen schwebten dunkle Schatten. Waren es die Vorboten eines befruchtenden Frühlingsregens? Waren es die drohenden Zeichen eines vernichtenden Ungewitters?

Wir wußten es nicht.

Nur Einer wußte es: der Vater, der im Himmel thront, der Sonnenschein und Regen spendet, Wolken, Wetter, Welten lenket, und liebend seiner Kinder denket.

In seine Hand empfahlen wir uns samt all den Unsrigen.


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