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3. Auf dem Yangtzekiang.

Chinas große Lebensader. – Die Wasserstadt auf dem Yangtze und ihre Bewohner. – Der «Sohn des Segens» inmitten seines großen Wassernetzes.


Auf einer Dampffähre setzten wir hierauf schräg nach Wuchang über, was fast eine halbe Stunde dauerte. Aber es war beileibe keine langweilige Fahrt, sondern trotz ihrer Kürze wohl die lehrreichste Strecke der ganzen langen Reise.

Chinas große Lebensader.

Wir waren mitten im Strom, mitten zwischen drei Großstädten, die das eigentliche Herz des Reiches bilden, ein einzig günstiger Punkt für einen geographischen Umblick, ohne Karte zwar, aber dafür aus unmittelbarer Anschauung, unterstützt von einem Kenner des Landes und seiner Geschichte.

Warum die Europäer den Yangtzekiang, trotz seiner gelben schmutzigen Fluten, «blau» nennen, ist nicht zu erraten. Der reine Gegensatz zu seinem ganz anders gearteten unbändigen Bruder, dem Hwangho oder Gelben Flusse, der ungleich mehr Sand und Löß mitschleppt und wegen seiner tollen Launen von alters her der Schrecken und Schmerz von Nord-China ist, erklärt die falsche Farbenbezeichnung nicht. Denn Blau ist noch immer nicht das Gegenteil von Gelb.

Daß man Yangtzekiang mit «Sohn des Ozeans» übersetzt, erregt das Entsetzen jedes Schriftgelehrten. Nur ein in den chinesischen Hieroglyphen weltfremder Stümper konnte eine solche literarische Ketzerei zutage fördern. Yangtze ist einfach sein Name, und kiang (oder ho) bedeutet Strom. Doch die Europäer werden nach wie vor weiter durch die «blaue» Brille den stolzen «Sohn des Ozeans» anstaunen.

Die Wasserstadt auf dem Yangtze und ihre Bewohner.

Darum kümmern sich schließlich weder die Anwohner noch auch die Bewohner des Stromes. Ja, Bewohner: denn Tausende und aber Tausende sind auf seinen Wogen zuhause. Sie werden auf ihm geboren, wachsen auf, arbeiten und sterben auf ihm, nicht selten in einem vorzeitigen nassen Grab.

Tausende von Barken und Nachen und Dschunken aller Größen und Typen beleben seine Wellen jahraus jahrein. Die Barke mit dem niedern Mattendach ist nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihr Werkzeug zum Broterwerb, ihr alles. Mit ihr rudert der Vater Waren und Reisende hin und her, während die Mutter, das Kleinste auf dem Rücken, das Steuer hält, und nebenbei auf die Kochpfanne achtet. Dazwischen wird gefischt: Fische zum Essen und Verkaufen und Schwemmholz oder Schilf zum Feuern. Es gibt gute und schlechte Tage, aber alle Tage, alle Nächte Kampf ums Dasein, bitterer Kampf ums Leben.

Wer diese Wassermenschen beobachtet, der versteht erst, was Armut ist. Und das Schlimmste sieht er überhaupt nicht: die Kranken und Siechen und Krüppel liegen unten, auf dem dunklen, muffig feuchten Boden.

Weite Flächen des Wasserspiegels sind bedeckt mit Flößen aus Baumstämmen und Bambusstangen. Darauf sind kleine Mattenzelte für die Männer, die mit langen eisengespitzten Stangen ihre schwimmende Insel durch die Schiffe und Sandbänke hindurchsteuern und seewärts treiben, tage- und wochenlang.

So mag es schon seit Jahrtausenden auf dem Riesenstrome auf- und abwogen.

Jetzt beherrscht mehr und mehr der flinke Dampfer das Verkehrsleben, angefangen vom plumpen, schweren Schlepper bis zu der feinsten schmucken Jacht und dem gepanzerten Stahlkolosse.

Der «Sohn des Segens» inmitten seines großen Wassernetzes.

Wir sind tausend Kilometer vom Meere entfernt; aber Ozeanschiffe fahren ungehindert bis hier ins Herz von China. Kleinere Dampfer besorgen täglich den Dienst noch bis Ichang, 500 km weiter, und dringen sogar trotz einiger Stromschnellen bis Suifu vor, 2500 km vom Meere entfernt. Weiterhinaus sind einstweilen nur Teilstrecken, doch nur bei günstigem Wasserstand befahrbar.

Zum Vergleiche bedenke man, daß der Rhein von der Quelle bis zur Mündung nur 1240 km lang ist, während die Gesamtlänge des Yangtzekiang über 5 000 km beträgt.

Dazu kommen noch eine große Zahl schiffbarer Seen, Kanäle und Flüsse, die rechts und links tief ins Land hineinreichen, auf denen unermeßliche Reichtümer schwimmen.

Es gibt in der Welt kein anderes Stromgebiet, das ein so vorteilhaftes dichtes Netz von Wasserstraßen aufweist und ein so riesiges, hochkultiviertes und reiches Binnenland mit dem Ozean und Weltverkehr in Verbindung brächte, wie das des Yangtzekiang, den die Historiker und Dichter schon seit Jahrtausenden als «Sohn des Segens» preisen.

Wir sind im regsten Mittelpunkt dieses wundersamen Netzes, gegenüber der Einmündung des schiffbaren Hanflusses, an dessen beiden Ufern die Städte Hankow und Hanyang liegen. Auf der rechten Seite türmt sich stolz die dritte, größte und älteste dieser einzigartigen Tripolis, nämlich Wuchang.


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