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7. Im städtischen Findelhaus.

Ein heidnisches Liebeswerk. – Ein chinesisches Loblied auf Luxemburgs Größe. – Bemitleidenswerte Kindheit. – Die kleinen Himmelsdiebe.


Verschiedene Umstände, auf die wir später noch näher zurückkommen werden Unten IV, 1. Neue Reisehindernisse, S. 156. schoben unsere Abreise immer wieder hinaus. Unsere Gastgeberinnen bemühten sich redlich, uns die mißliche Mußezeit in eine nützliche Lehrzeit umzuwandeln.

Eines Tages machte uns die Oberin den Vorschlag, sie in ein heidnisches Liebeswerk zu begleiten. Wir waren darob nicht wenig überrascht. Ist doch nach allem, was wir bisher gehört und gesehen und auch aus der Geschichte wußten, die Karitas ein dem Heidentum wesensfremder Begriff. Was könnte auch einen Heiden bestimmen, sich um anderer Leid zu kümmern, oder gar für fremde Not Opfer zu bringen, wenn kein Gewinn für ihn herauskommt? Daher findet man unter den Ruinen des Altertums vom Orient über Hellas bis Rom zwar viele stolze Reste einer blühenden Kunst, hoher Technik und gewaltiger Staatsideen, nirgends aber Spuren von Karitas.

Wir waren also nicht wenig erstaunt, als wir von einem städtischen Findelhaus hörten.

Nach langer Fahrt machten unsere Wägelchen Halt vor einem langgestreckten Gebäude, dessen Eingang einem Scheunentor nicht unähnlich sah. Auf unser Klingeln erschien die Türhüterin und nahm von der Mutter Oberin die Visitenkarte und einige Päckchen (Geschenke) entgegen.

Wir wurden ins Sprechzimmer geleitet und nahmen auf den plumpen geschnitzten Holzsesseln Platz. Die Wände waren behangen von langen roten und weißen Papierstreifen mit chinesischen Inschriften; dazwischen waren bunte Bilder, meist die vier Jahreszeiten darstellend, mit malerischen Landschaften, Vögeln und Blumen, die einen feinen Sinn für die Schönheiten der Natur verrieten.

Chinesisches Loblied auf Luxemburgs Größe.

Bald erschien die Leiterin der Anstalt, eine gebildete Dame, die einen guten Eindruck machte. Wir wurden von der Mutter Oberin vorgestellt als Gäste aus fernen Landen, und es begann die zeremonien- und phrasenreiche chinesische Begrüßung, deren Inhalt uns die weißen Schwestern verdolmetschten. Darunter war auch die Frage nach unserm «großen teuren Vaterlande». Als sie hörte, wir seien aus « Lukwo» (Luxemburg), da mußte ihre geographische Weisheit sie wohl im Stiche gelassen haben; denn auf der Weltkarte, die in den chinesischen Schulen hängt, und auf der China mit goldgelben Grenzlinien einen ganz behäbigen Platz einnimmt, bildet «Lukwo» zwischen dem kleinmaschigen Grenznetz Europas nur einen blauen Klecks, den ein Schüler leicht übersieht. Trotzdem fuhr sie unbeirrt weiter, sie fühlte sich sehr geehrt, daß wir es nicht verschmäht, unser «gewaltiges herrliches Vaterland Lukow» zu verlassen, um ihrem «armseligen Ländchen China» einen Besuch abzustatten! ... Luxemburgs Größe, Herrlichkeit und Weltwichtigkeit ist wohl kaum je von einem chauvinistischen Inländer so herausgestrichen worden, wie hier von einer «unparteiischen» Vertreterin des volkreichsten Staates der Erde. Ich frage mich noch heute, ob ich damals nicht zu stolz geworden bin auf meine liebe Luxemburger Heimat!

Aber so will's die chinesische Höflichkeit: von sich und dem Seinen wird nur mit einem verächtlichen Diminutiv gesprochen, während sein Gegenüber im höchsten Superlativ gepriesen wird: die eingefleischte Demut, – wenn sie echt wäre! – –

Natürlich wurde uns gestattet, die Anstalt zu besichtigen. Die Schwestern, die hier gut Bescheid wissen, lehnten höflichst das Anerbieten der Matrone ab und übernahmen selbst die Führung, was uns und wohl auch ihr angenehm war.

Bemitleidenswerte Kindheit.

War schon das Aeußere dieses Kinderheims wenig einladend, so ist das Innere erst recht unbehaglich. Es besteht aus langen niedern Hallen mit holperigen Lehmböden und schmutzigen, ungetünchten Wänden. Die Fenstergitter sind mit Papier verklebt, sodaß ein düsteres Halbdunkel entsteht, das im Verein mit der schlechten Lüftung den peinlichen Eindruck noch vermehrt.

Den Lehmwänden entlang stehen hölzerne Kasten, deren jeder zwei Kinder birgt, in Lumpen gehüllt. An der gegenüberliegenden Wand sind die hölzernen Bettschragen für die etwa 40 Ammen, deren jede mindestens zwei Kinder zu besorgen hat. Im Hintergrunde des Saales sieht man das wirre Durcheinander einer Rumpelkammer.

Alles ist so kalt und frostig und düster, nicht nur für die äußern Sinne, sondern noch mehr für Gemüt und Seele.

Die kleinen Himmelsdiebe.

Hunderte armer Geschöpfchen werden hier eingeliefert und von den kärglich besoldeten und noch weniger geschulten Wärterinnen so recht und schlecht betreut, daß kaum eines mit dem Leben davon kommt.

Indes ist deren Los unendlich besser als das so vieler Tausende, die draußen elendiglich zugrunde gehen, als Opfer der Elemente oder herumstreifender Tiere. Denn der göttliche Kinderfreund sendet einen erleuchtenden und erwärmenden Strahl seiner Liebe auch in das eisige Dunkel dieses Asyls: Ungestört und öffentlich gehen die Missionärinnen aus und ein und taufen alle Kinder in Todesgefahr, bisweilen 20 und 30 in einer Woche. Die Pflegerinnen, obwohl Heidinnen, machen sie sogar auf die kranken Kindlein aufmerksam. Uns selbst ward an jenem Tage der Trost zuteil, sechs dieser kleinen Himmelsdiebe mit dem Paß fürs Paradies zu versehen.

Diese Missionsfreude verscheuchte alle betrübenden Eindrücke und bleibt uns zeitlebens eine süße Erinnerung.


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