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5. Katakombenstunden.

Hiobspost. – Fluchtbereitschaft. – Der göttliche Flüchtling. – Kriegsrat und Trennungsschmerz. – Immakulata-Glanz inmitten dunkler Wolken. – «Für mein ganzes Leben!» – Zwischen Hoffen und Bangen.


Der festliche 4. Dezember, der die Heimkehr eines schmerzlich vermißten Mitbruders brachte, hatte vier Missionäre in Hwangshihkang vereinigt. Er fiel mitten in die Vorbereitungsnovene des bei allen Franziskuskindern von altersher beliebten und alljährlich am 8. Dezember feierlich begangenen Ehrentages der Unbefleckten Jungfrau Maria.

Wohl kein Land auf Gottes weitem Erdenrund bietet einen passendern Hintergrund zu dem biblischen Urbild jener geheimnisvollen Frau, die da erscheint mit Sternen gekrönt, mit der Sonne bekleidet, die höllische Schlange mit Füßen tretend, als gerade China, das zwar den heraldischen Drachen aus seiner Flagge entfernte, aber nichtsdestoweniger mit seiner heidnischen Völkermasse noch immer unter der Herrschaft des Höllendrachen schmachtet.

In unserm ersten Klösterlein auf Chinas Boden sollte das Fest der Drachenbesiegerin heuer noch eine ganz besondere Weihe erhalten durch die ewige Profeß der Schwestern M. Andrea und M. Paul. Anschließend daran sollte dann die Hunan-Expedition, im ganzen sieben Schwestern stark, unter Führung ihrer Generaloberin, geleitet von zwei neuangekommenen Missionären, deren Ziel dieselbe Provinz war, aufbrechen, um eine zweite Missionsstation zu eröffnen. Aus diesem Grunde bereiteten sich sowohl die zwei ersten, als auch die Schwestern der Hunan-Gruppe durch fünftägige geistliche Uebungen unter Gebet und stiller Zurückgezogenheit auf den großen Tag vor.

Indessen so hurtig und ruhig sollte das entworfene Programm sich nicht abwickeln; wir sind ja im Lande der Ueberraschungen, wo der Mensch zwar auch denkt, aber Gott es meist ganz anders lenkt, zum Glück aber immer mit gütiger Vaterhand zum rechten Ziele, wenn man's oft auch erst lange nachher, vielleicht überhaupt erst im Lichte der Ewigkeit, einsieht.

Am Samstag, dem Vorabend des Festes, war die Kirche in ihren schönsten Festschmuck gekleidet und auch im Hause alles in froher Erwartung. Nur fiel es auf, daß im Gegensatz zum Vorjahre, keine auswärtigen Teilnehmer zur Feier strömten, obwohl wie üblich 50 Lager für sie bereitet waren.

Hiobspost!

Doch, es kamen einzelne, von verschiedenen Richtungen, einzelne nur – und doch zuviel! Denn sie brachten Hiobsbotschaften: «Tayeh in die Hände der Banditen gefallen und geplündert! – Der Mandarin geflohen! – Die Milizen überall zersprengt und flüchtig! – das Schicksal anderer Missionen des Hinterlandes ungewiß! – Starke Banden in der Nähe! ... Das nächste Ziel der Kommunisten soll Hwangshihkang sein! ...»

Es war P. Leo, der gegen Abend diese Kunde ins Schwesternhaus brachte, mit möglichster Ruhe und Fassung, die uns jedoch nicht täuschen konnte, denn seine Miene verriet nur zu sehr Kummer und Besorgnis.

Er zog sich bald mit den Oberinnen zurück zu einer eiligen Beratung, denn jede Stunde mußten wir einen Ueberfall mit all seinen Folgen gewärtigen.

Im ganzen Hause hatte man schon die beängstigenden Gerüchte vernommen. Im Katechumenat, in der Schule, überall standen kleine Gruppen beisammen, überall dieselbe bange Frage: «Werden sie wohl bis hierher kommen? – Was wird aus uns werden? – Werden die Schwestern uns verlassen? –»

Wie war doch die frohe Festerwartung so jählings umgeschlagen! Ging eine Schwester durch die Räume, über den Hof, gleich klammerten sich die Kleinen an ihre Hände, erfaßten ihr Skapulier, hielten sie fest, fest, und sie mußte versprechen und immer wieder dasselbe wiederholen, dreimal, zehnmal, dutzendmale: «Wir verlassen euch nicht, entweder gehen wir alle zusammen fort, oder wir bleiben alle miteinander hier! Doch jetzt geht beten!» Das wirkte, bis sie wieder eine andere Schwester erhaschten, dieselben flehentlichen Bitten wiederholten und dieselbe Antwort erhielten.

Wie fühlte man da, wie sehr diese Kinder – junge und alte – einer Missionärin ans Herz wachsen können.

Die Sitzung des Kriegsrates, der so schwere Entscheidungen zu treffen hatte, die wir alle mit Bangen erwarteten, war rasch zu Ende, mußte rasch enden, denn es hieß: Handeln.

P. Leo erschien zuerst, rief die chinesische Lehrerin beiseite und gab ihr Anweisungen für eine etwaige Flucht mit den Schulkindern ...

«Und wir?» – bestürmten wir unsere gute Schwester Oberin Euphrasia, die langsam auf uns zukam, als bedenke sie sich, wie sie uns einen peinlichen Beschluß, unter dessen Wucht sie selber am meisten litt, möglichst schonend mitteilen könne.

siehe Bildunterschrifr

P. Damaszenus Jesacher Apostol. Administrator von Yungchowfu

«Nun ja, liebe Schwestern, wir sind immer und überall in Gottes Hand; der Pater findet die Lage derart, daß er darauf besteht, alles bereit zu machen für die Flucht ... vielleicht schon heute nacht.»

«Und die Kinder?»

«Die natürlich auch, die müssen zuerst in Sicherheit gebracht werden.»

Das war der kurze Bescheid.

Fluchtbereitschaft!

Und nun ging's ans Rüsten und Packen. Die Wärterinnen und Katechumenen halfen getreulich mit. Alle Schränke und Kisten taten sich auf. Jedem Kind wurden die besten Kleider angezogen, zwei und drei übereinander, damit den Räubern möglichst wenig übrig bliebe.

Die Kleinen strahlten vor Freude, sich so festlich und warm eingehüllt zu sehen ... Sie schienen verwundert zu fragen, was uns einfiele, sie so auf einmal wie Puppen einzupacken.

Die Glücklichen! Sie verstanden die Tränen nicht, die den Schwestern bei dieser Arbeit über die Wangen rollten. In ein paar Stunden vielleicht würden sie obdachlos sein, mitten in einer rauhen Dezembernacht! Die lieben, unschuldigen Kleinen! – –

War es möglich? Sollte der göttliche Kinderfreund das zulassen, zulassen gerade am Hochfest seiner heiligsten Mutter?

Wir konnten es kaum ausdenken. Und doch, es war unsere Pflicht, nach allen Regeln der Klugheit zu handeln.

Stündlich mehrten sich die Anzeichen der Gefahr. Die Christen der Stadt ließen durch Boten bitten, ihnen für die kommende Nacht ein Plätzchen in der Mission einzuräumen, wo sie sich sicherer glaubten, und erhielten gerne den für die auswärtigen – aber ausbleibenden – Festgäste vorgesehenen Saal im Hospiz. Manche kamen noch spät um zu beichten; «denn,» meinte eine junge, christliche Frau, «wenn unsere Herzen rein sind, so können wir besser beten, und der liebe Gott wird uns umso sicherer schützen.» –

Unsere Diener waren nicht zu bewegen, nach Hause zu gehen. In der Mission wollten sie bleiben, wo der Pater bei ausbrechender Gefahr sie segnet, wo die Schwestern die Nacht im Gebete verharren. Ihr Wortführer, der alle treue Koch Lungdse, «der Taube» (Zuname wegen seiner Schwerhörigkeit), sagte es, indem er treuherzig die Gebärde des Segnens nachahmte und bei Erwähnung der Schwestern fromm die Hände faltete.

Als die Nacht einbrach, war das Packen im Katechumenat und Kinderhaus zu Ende, mußte enden. Jede durfte ein «kleines» Bündel von ihren Habseligkeiten mitnehmen, soviel sie bei der Flucht selber mittragen konnte.

Was da alles zusammengerafft wurde! Der Chinese hängt an jeder Kleinigkeit. Weil Wahl Qual macht, hatten manche große Bündel zusammengeknotet, aber ihre kleinen Füßchen waren nicht zum Lastentragen geeignet. Es mußte Schluß gemacht werden.

Eine lange Reihe mit Packen und Bündeln bewegte sich vom Kinderheim herüber zum Klösterlein der Schwestern; den traurigen Zug beschlossen unsere Wärterinnen und Schülerinnen, je ein dickvermummtes Baby auf dem Arm tragend.

Unser Haus war ein wahres Flüchtlingslager, auf allen Gängen stieß man an, mußte sich einen Weg suchen durch und über die vielen aufgestapelten Bündel und Rollen und Körbe; denn auch wir hatten einen Vorrat von Decken und Wäsche zusammengepackt.

Da kommt die kleine «Ilisse» gelaufen, ein Zwerglein von drei Jahren, und stellt sich auf die Zehenspitzen ... Sie hat was Wichtiges mitzuteilen. Die Schwester neigt sich zu ihr ... Mit sorgenvoller Miene zeigt sie auf ihre Habe, die fein in ein Taschentuch geknotet ist ... «Ob da ihr kleines Paketchen mit seinen Schätzen nicht wegen all der großen Sachen ringsum übersehen und vergessen würde?» Trotz des Ernstes der Lage mußte die Schwester herzlich lachen, und die andern lachten mit und sahen den Unsinn all der schweren Lasten. Es wurde manches wieder durchmustert und versteckt.

Nun ging's zur Kirche. So haben sie noch nie gebetet! Wie ergreifend flehten da die Kinderstimmen, Stimmen der Unschuld, die laut schallend sich am Gewölbe brachen. Brachen? Nein, sie drangen hindurch, empor, pochten an das Himmelstor! Gott mußte sie erhören, diese kleinen Himmelsstürmer.

Wie klang es da so sinnig und innig: Unter Deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o hl. Gottesgebärerin! ... Es war, als fühlte man, wie die Himmelskönigin ihren mütterlichen Schutzmantel ausbreitete über ihre Kinder, groß und klein.

Lustig flackerten die Kerzen vor der Statue des hl. Vaters Franziskus. Auch ihm wurde ein Besuch gemacht, damit er die «Brüder Räuber» zurückführe in die Berge, er, der den wilden Wolf von Gubbio gezähmt, den blutigen Banditen Lupo auf Alverna in einen sanften Bruder Agnello (Lämmlein) umgewandelt.

Wir waren der Erhörung unserer Bitten gewiß, und neu gestärkt wollten wir die Kirche verlassen.

Der göttliche Flüchtling!

Da begegnete uns plötzlich P. Basil ... Sein Erscheinen um diese Stunde bedeutete nichts Gutes. Seine Station liegt 2 Stunden von hier ... Der Pater war sehr angegriffen, ernst, in sich gekehrt. Niemanden gab er Antwort, blieb nicht stehen, beachtete keinen der fragenden Blicke ... Geradewegs ins Gotteshaus schritt er, zum Altar. ... Hier öffnete er seinen Mantel: Er barg das hl. Sakrament, das er eilends vor den heranziehenden Banditen in Sicherheit gebracht, und nun in unsern Tabernakel stellte!

O, wie war uns dieser Besuch willkommen! Welchen Trost, welche Zuversicht brachte er uns! Da war wohl keine, die nicht im tiefsten Herzen das Gelöbnis ablegte: Nein, solange eine von uns lebt, soll hier dem Meister kein Leid, keine Verunehrung zugefügt werden. Wir schützen Ihn, – bis zum Tode. – Und mit der von wilden Sarazenen bedrohten hl. Klara flehten wir: «O Herr, überliefere nicht den Unholden deine armen Dienerinnen, die du durch dein kostbares Blut erlöst.»

Und auch wir vernahmen – im Geiste wenigstens – die tröstliche Antwort, daß uns nichts geschehen würde, und mit diesem festen Vertrauen gingen wir mit unsern Schützlingen ins Haus zurück.

Es folgte noch ein reichliches Mahl; mit den Vorräten an Milch und Zucker und anderer Kindernahrung wurde nicht gespart. Wir mußten ja vielleicht doch alles zurücklassen, und niemand wußte, wann und wo die armen Würmchen die nächste warme Suppe bekommen würden.

Sie folgten willig, als es nun hieß, zu Bette gehen und ruhig zu bleiben, bis sie geweckt würden. Jede sollte ihr Päckchen neben dem Lager bereit halten. Im Sprechzimmer schliefen die Kleinsten, 4 und 5 unter einer Decke. Auf dem Speicher waren Strohsäcke für die größeren.

Schlummert sanft und sicher, Lieblinge Jesu; über euch wachen eure Schutzengel, die himmlischen und die irdischen ...

Bewundernswert waren in jener Nacht, wie überhaupt immer, wenn irgendwelche Gefahr im Anzuge war, die aufopfernde, nimmermüde, man möchte fast beifügen, allgegenwärtige Sorgfalt und Wachsamkeit des P. Leo. Ueberall tauchte er auf, bald da, bald dort, leuchtete in alle Winkel hinein, um zu wissen, ob alles in Ordnung sei.

An Vorsichtsmaßregeln für seine Schutzbefohlenen hatte er es nicht fehlen lassen. In der Stadt und Umgegend waren treue Wächter aufgestellt, um jeder Ueberrumpelung zuvorzukommen.

Sollten die Kommunisten von der anderen Seite herankommen, so hatte er mit dem Japaner in Shihhweiyao ein Warnungssignal vereinbart: ein dreimaliges Pfeifen der Lokomotive.

Am Strande des Stromes lagen etliche wohlbemannte Barken, eigens für die Flüchtlinge der Mission bereit, denn nur in der Flucht war Heil zu hoffen, an bewaffneten Widerstand gegen solche Uebermacht war nicht zu denken.

Man hoffte nach der Plünderung, die nicht allzulange dauern konnte, wieder ans Land zu gehen, oder auf einem durchfahrenden Dampfer Schutz zu suchen.

Wehrlos, waffenlos ist der Missonär am stärksten und sichersten. Durch Leiden und Geduld werden die Lämmer nach Christi Wort die Wölfe besiegen, aber sie werden unterliegen, wenn sie nach Wolfsart mit Waffen kämpfen und kriegen.

Die Nacht hatte sich niedergesenkt, düster und dunkel, und ließ alles viel schreckhafter erscheinen. Was wird sie uns bringen? Wo und wie werden wir den Morgen dämmern sehen? – Bange Fragen. – –

Kriegsrat und Trennungsschmerz.

Doch nun zurück zu den Schwestern. Wir haben erst die Hälfte von dem gehört, was am Abend der Kriegsrat so eilig beschlossen, und es war so weit ausgeführt: die Kinder waren wohlgebettet, fluchtbereit.

Aber auch droben in unserem Klösterlein waren die letzten Stunden nicht müßig verflossen. Schweigend huschten die dunklen Gestalten der Schwestern durch die spärlich erleuchteten Gänge, leise klinkten die Schlösser der Türen – hier wurde Vergessenes eingepackt – dort Ueberflüssiges mit fast unhörbarem Flüstern zurückgewiesen, überall Koffer und Reisesachen: alles im Zeichen des Aufbruchs.

Denn so war es beschlossen worden – und der treu besorgte Missionär, auf dem die Verantwortung für das Wohl und Wehe so vieler lastete, war entschieden und fest in seinen wohldurchdachten Maßnahmen –: «Nur die sechs ältesten Schwestern bleiben hier und halten sich mit ihren Pfleglingen fluchtbereit. Die Generaloberin reist mit den übrigen Schwestern in jedem Falle mit dem ersten Dampfer, der heute nacht Hwangshihkang passiert, nach Hankow-Wuchang.»

Das war eine schwere Entscheidung: jetzt in der Stunde der Gefahr, die klösterliche Familie, die sich so kindlich-zuversichtlich um ihre Mutter scharte, auseinanderzureißen; und in dieser Nacht war die Trennung doppelt schmerzlich ...

Am längsten und zähesten wehrte sich das Herz der Mutter selbst gegen eine solche Zumutung; wie sollte sie ihre Töchter verlassen, verlassen in einer solchen Bedrängnis? Es war einfach unfaßbar!

Aber nicht die Gefühle, so edel sie auch waren, durften hier sprechen, sondern der nüchterne Verstand, die kühl berechnende Klugheit, der opferstarke Gehorsam gegenüber einem höheren Willen. Gott allein weiß, welches Ringen, wieviel Tränen dieses «Fiat» gekostet hat.

Und doch war es notwendig: für die Zurückbleibenden war nach menschlichem Ermessen hinreichend gesorgt. Unklug, ja vermessentlich wäre es gewesen, noch andere der Gefahr auszusetzen und dadurch das ganze Hunan-Unternehmen, das schon so lange einer Lösung harrte, mit einem Schlag vernichten zu lassen. –

Und die Exerzitien? – Und die Profeßfeier? –

Es war gewiß ein berechtigter Wunsch der Generaloberin, angesichts der bevorstehenden Abreise und der vielleicht bald folgenden Flucht, diese für das ganze Leben einer Ordensperson so wichtige Feierstunde auf eine ruhigere Zeit aufzuschieben.

Aber P. Leo machte geltend, daß nichts im Wege stünde, sie gleich nach Mitternacht zu halten, falls bis dahin die Räuber nicht kämen; er bliebe ja ohnehin die ganze Zeit auf Wache.

Es war schon 10 Uhr vorbei: die einen fluchtbereit, die andern reisefertig.

Ein leises Klingeln: Die Mutter war's, die ihre Töchter zusammenrief, zum Abschiednehmen, vielleicht zum letztenmal ...

Tränenspuren zeugten von durchlebten Oelbergsstunden. Sie gab uns ihre letzten Mahnungen und Weisungen, langsam, ernst, feierlich: jedes Wort ein Testament, das Testament einer scheidenden Mutter ...

«Ich muß gehen, Gott will es so.» Das war der Schluß jener nächtlichen Konferenz, die wohl keine der Teilnehmerinnen je vergessen wird. Und die stillen Tränen sprachen das Amen! –

Es war 11 Uhr: Schüsse erdröhnten von der Stadt her.

Kommen sie?

Nach einer Weile beruhigte uns P. Leo, es seien die Soldaten der Besatzung, die in den Straßen patrouillierten. Also alles sicher. Das gab uns neuen Mut und Zuversicht.

Wie gut war doch Gott, uns die Wahrheit zu verbergen, die Gefahr zu verschleiern, um die kommende Feier nicht zu stören ... Erst am Spätnachmittag erfuhren wir, daß jene für uns so beruhigenden Schüsse der Garnison das Zeichen zum Abzug gegeben: 500 Mann verließen mit dem Mandarin von Tayeh und der Ortspolizei die Stadt, die nun schutzlos jedem Ueberfall preisgegeben war. Andere Soldaten hatten sich mit den Stadtvätern auf den Fluß gerettet, um ihr teures Leben für bessere Tage zu erhalten.

Aber wir ahnten es im Augenblick nicht, erfuhren aber wieder einmal mehr, daß diejenigen in guter Hut sind, die Gott schützen und erhalten will.

Als wir gegen Mitternacht zur Kirche wollten, erscholl vom Schlafsaal der Kleinen lautes Konzert: sie hatten ihre erste Ruhe beendet. Wir sahen nach, aber unsere Mädchen und Mägde waren so mütterlich um sie besorgt und drängten uns, ruhig zum Gebete zu gehen, sie würden schon selbst die nötigen Wachen stellen.

Wohl selten verrichteten wir das Chorgebet mit solcher Andacht und Innigkeit.

Immakulata-Glanz inmitten dunkler Wolken.

Mitternacht war vorbei: der Siegestag der Unbefleckten hatte begonnen.

Der Pater Exerzitienmeister erschien zum letzten Vortrag. Wer schon einmal geistliche Uebungen mitgemacht, der weiß, mit welchem Hochgefühl des Friedens und der Entschlossenheit man da seine guten Vorsätze, im Hinblick auf den kommenden Kampf und die winkende Krone erneuert und befestigt.

Aber nur, wer es selbst erlebt, kann sich einen Begriff davon machen, wie dieser mitternächtliche Exerzitienschluß, bei dem uns der Prediger hinführte auf den Kreuzweg, der Verfolgung, des Opfers, vielleicht eines baldigen, blutigen Todes, alle Fibern des Herzens erbeben machte, daß die Seele frohlockte in heiliger Begeisterung: «Ecce ancilla Domini! Siehe, Herr, hier bin ich, Deine Magd, zu allem bereit, wenn nur Du mir beistehst mit Deiner Gnade!»

Um 1 Uhr wurden die Katechumenen und größeren Schülerinnen geweckt, die um jeden Preis der niegesehenen Feier beiwohnen wollten. Schnell waren sie diesmal bereit.

Auf ihren leisen Sohlen huschten sie hurtig und leicht durch das Dunkel der Nacht. Weihe und Spannung lag über der Schar, lag über dem hellerleuchteten Gotteshaus.

Draußen düstere Finsternis, dräuend lauernde Gefahr; drinnen strahlender Lichtglanz, froher Farbenschmelz, bezaubernder Blumenduft, andachtglühende Herzen: Katakombenstimmung! – – –

Angetan mit dem Chormantel, inmitten zweier kerzentragender Chorknaben, geht der Priester den an der Kirchentür wartenden Gottesbräuten entgegen. Feierlich ziehen sie ein ins Heiligtum, ihre Opfergaben darzubringen – sich selbst – am Fuße des Altares, in Vereinigung mit dem göttlichen Opferlamm, das dort ihrer wartet.

Das Veni Creator wird gesungen und dann den beiden Opferseelen die symbolische, sich selbst verzehrende Kerze überreicht.

Das hl. Opfer beginnt, zwar nur eine Stillmesse, und doch wie erhebend, wie weihevoll im strengen Ernst der Katakombennacht ...

Zwei bange Fragen nur beengen aller Herzen: Wie wird die begonnene Feier enden? Werden die Räuber sie unterbrechen? Wird uns ein Schiff die Mutter und die Hunanschwestern entführen? – –

Doch es blieb alles ungestört.

Leise nur knistern vorne die Kerzen, droben streicht der Wind durch die Sparren, draußen plätschern sachte die Wellen im Kiese des Ufers. Sonst Stille!

Ein langgezogener Sirenenruf, der nächtliche Gruß eines durchfahrenden Dampfers. Ein banges Beben – doch nur einen Augenblick. Niemand regte sich ...

Und wieder Stille.

Endlich ertönt das Glöcklein zur Wandlung; der Heiland steigt auf den Altar hernieder und mit ihm das erlösende Gefühl des Geborgenseins: Gott mit uns! ...

«Für mein ganzes Leben!»

Der feierliche Moment der Gelübdeablegung naht heran. Zweimal klingt es laut und klar durch die heiligen Räume: «Für mein ganzes Leben!»

Zwölfmal hallt es wider aus den Herzen der mitfeiernden Schwestern, welche im Angesichte der himmlischen Hostie ihr Opfer erneuerten, sich selbst als Hostien darbietend, für das ganze Leben.

In dieser Katakombenstunde, da hatte dieses Wort einen so lebendigen, ergreifenden Sinn, wie kaum je bei einer klösterlichen Profeßfeier in der Heimat.

«Für mein ganzes Leben!» – Vielleicht waren es nur noch Stunden, Minuten ... Lauerte nicht der Tod in nächster Nähe? – – –

Das Opfer war vollbracht, das göttliche und das menschliche. In stiller Andacht versunken, sandten alle heiße Dank- und Bittgebete zum Himmel empor. Dann wurden noch einige Lieder gesungen, aber statt des sonst üblichen Te Deum wurde in dieser Nacht den Umständen gemäß das Lied angestimmt:

«Aus des Elends tiefstem Grund»

mit dem Refrain:

«Jungfrau, sündenlos und makelrein,
Laß uns deinem Schutz empfohlen sein;»

ein Lied, das uns in den Hofstaat der Unbefleckten entrückte.

Den Abschluß bildete die feierliche Hymne an den Seraphischen Heiligen:

«O Franziskus, du Vater der Armen,» mit der kindlich flehenden Bitte: «Hl. Vater, segne uns! Hl. Vater, stärke uns! Hl. Vater, sei mit uns!»

Der hl. Vater Immerfroh, er war gewiß mit uns, als wir jetzt, ohne uns um unsere Brüder Räuber zu kümmern, um halb 4 Uhr morgens zu einem franziskanisch-fröhlichen Festfrühstück uns vereinigten, um unsere teuren Festtagskinder zu feiern. Sie und alle andern strahlten vor Glück, waren wir doch, was gestern abend kaum möglich schien, noch vollzählig beisammen, um unsere Mutter geschart; und, wie eine junge Mitschwester launig bemerkte, hatten wir alle noch unsern Kopf aufsitzen! ...

Die zwei Gefeierten erhielten die Ehrenwache vor dem Allerheiligsten, bis zum Hochamt um 8 Uhr, wenn – ja, wenn unterdessen nichts dazwischen käme. Wir hatten allerdings keine Angst mehr, die zwei Moses vor dem Tabernakel mußten ja ihre Sache gut machen. Mit dem Herannahen des Tages war auch ein Ueberfall weniger zu befürchten.

Aber um 5 Uhr fuhren wir doch noch einmal zusammen. Von Shihhweiyao her ertönte ein langer schriller Pfiff.

Sollten sie doch noch kommen?

Zwischen Hoffen und Bangen!

In banger Erwartung hielten alle den Atem an und lauschten, lauschten, minutenlang: doch es erscholl kein zweites Signale. Sie waren es also nicht!

Um 7 Uhr löste sich der Bann vollends, als ein japanisches Kriegsschiff vorbeifuhr, um vor dem nahen Shihhweiyao zu ankern, sodaß der Tag erstklassig gefeiert werden konnte.

Kinder und Katechumenen wanderten nach dem Hochamt wieder in ihre Räume zurück.

Am Nachmittag jedoch wäre uns beinahe die Festesfreude durch unerwarteten Trennungsschmerz vergällt worden. P. Leo und die andern Missionäre drängten, unsere Mutter solle mit den jüngern Schwestern sofort abreisen mit dem Dampfer, der noch vor Abend vorbeikommen würde; denn angesichts der feindlichen Uebermacht sei die Lage aufs neue sehr kritisch.

Zum Glück wurde schon eine Stunde später gemeldet, es seien soeben tausend gutgedrillte Soldaten von der Provinzhauptstadt herabgekommen, um gegen die Banditen eingesetzt zu werden. Zudem waren die nächtlich abgezogenen Stadtwächter wieder auf ihre Posten zurückgekehrt. So konnten wir alle bleiben.

Da die Lage hinreichend gesichert schien, reiste P. Leo zur Erledigung wichtiger Geschäfte nach Wuchang.

Während seiner Abwesenheit wurden wir noch einmal beunruhigt und durchwachten eine ganze Nacht in der Kirche, stets bereit zur Flucht, zu der uns P. Sixtus aufforderte, denn er hatte gehört, die tausend Regierungssoldaten hätten sich zu den Kommunisten geschlagen, sodaß jetzt statt 3 000 Räuber, 4 000 auf der Lauer lägen.

Um 3 Uhr kommunizierten wir in der hl. Messe und warteten dann betend und vertrauend der Dinge, die da kommen sollten.

Aber mit dem Morgengrauen dampfte ein telegraphisch erbetenes amerikanisches Kanonenboot heran, dem bald ein japanisches folgte, um sich schützend vor die Mission und die Stadt zu legen.

Nach diesen aufregenden Szenen und durchwachten Nächten waren die nun folgenden Tage der Entspannung und Ruhe uns sehr willkommen; denn sie ermöglichten es uns, die Expedition nach Hunan besser vorzubereiten und uns auch auf das nahe Weihnachtsfest zu rüsten.


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