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3. In Hengchow.

Märtyrerland. – Besuch im Götzentempel. – Des Bonzen Einnahmequelle. – Die Hoffnungssaat der Kirche in China. – Teekränzchen bei den chinesischen Jungfrauen. – Fleiß und Kunstsinn im chinesischen Mädchenheim. – Bei den braven Alten. – Im schwimmenden Hühnerhof einquartiert.


Gegen Abend des dritten Tages legten wir an vor Hengchow. Der Bischof hieß uns warten und eilte in seine Residenz, wo er, wie wir es deutlich hörten, von einer Unzahl Feuerkrackers bewillkommt wurde.

Nach kurzer Zeit kam ein Pater, stellte sich in gebrochenem Französisch als Pfarrer und Prokurator vor und nahm uns mit zur Mission, wo wir die Gastfreundschaft des Hochwürdigsten Herrn annehmen mußten und gleich mit einem guten Kaffee erfrischt wurden. Als Wohnung diente uns eine für die weißen Franziskanerinnen bereitgestellte chinesische Villa, das Vermächtnis eines Christen an die Mission.

Märtyrerland!

Der Ort, wo wir landeten ist heiliges Land. Dort am Flussufer starb am 6. Juli 1900 der Franziskanerbischof Fantosatti mit seinem Begleiter P. Jos. Gambaro.

Es war die Zeit des von der Mandschukaiserin geschürten fremden- und christenfeindlichen Boxeraufstandes, der besonders in den nördlichen Provinzen viele Tausende von Opfern forderte. Die Zentral- und Südprovinzen leisteten den geheimen Verfolgungsdekreten keine Folge, ausgenommen Hunan!

Am 4. Juli wurde die Mission vom Pöbel gestürmt und verbrannt, und der jugendliche P. Cesidio ermordet.

Der Bischof, der eben auf Firmungsreise war, hätte sich leicht verbergen und retten können, aber er war kein Mietling, der seine verfolgte Herde im Stiche ließ. Im Gegenteil, auf die erste Kunde ruderte er eilends den Fluß herab und gelangte bis in die Stadt. Kaum war sein Kommen bekannt, so überfiel ihn eine wütende Menge und drängte seinen Nachen ans Ufer. All seiner Habseligkeiten beraubt, konnte er den Bootsmann nicht bezahlen und gab ihm seinen bischöflichen Ring. Dann wurde er mit seinem Begleiter niedergeschlagen, mit einer zugespitzten Bambusstange zweimal grausam durchbohrt, bis er unter furchtbaren Qualen seine Heldenseele aushauchte.

Die Fanatiker verbrannten die beiden Märtyrerleichen und warfen die Reliquien in den Fluß, um sie sogar der Ehre des Begräbnisses zu berauben. Der Seligsprechungsprozeß ist seit Jahren in Rom anhängig.

Wie sind doch die Zeiten und Schicksale der Menschen so verschieden! Wo sind nach kaum 30 Jahren die blutigen Verfolger? – «Ihre Opfer aber sind im Frieden,» um mit dem Heiligen Geist zu sprechen Weish. 3, 3., ohne dem Urteil der Kirche vorgreifen zu wollen.

Welche Gedanken erfüllen da unsern Geist, welche Gefühle machen das Herz erbeben! Wir hätten diesen heiligen Boden küssen mögen!–

Auch hier wirkte das Bekennerblut befruchtend. In und um die Stadt sind die blühendsten Christengemeinden. Sogar die Fronleichnamsprozession kann öffentlich und mit aller Prachtentfaltung gehalten werden. Vorübergehend haben freilich die bolschewistischen Hetzer auch hier wieder einmal ihre Orgien gefeiert.

Wir wurden von der italienischen Mission mit der herzlichsten, ungezwungensten Freundlichkeit behandelt als Schwestern im hl. Vater Franziskus. Der gute Pater Innocenzo tat alles, unsern Aufenthalt angenehm und lehrreich zu gestalten.

Die Missionswerke, Seminarien und Waisenhäuser liegen auf zwei benachbarten Hügeln mit wunderschöner Aussicht auf Stadt und Tal.

Besuch im Götzentempel.

Auf unserm Wege dorthin kamen wir an einem Bonzenkloster vorbei. Ganz ungeniert, als ob er dort zu Hause wäre, rüttelte der Pater am Tor, bis ein Mönch endlich öffnete; es war ein alter Bekannter von ihm, er ließ uns gerne eintreten.

Der Tempelkomplex ist von rotgestrichenen Mauern umgeben. Das Hauptgebäude selbst macht einen imposanten Eindruck, ist aber plump und schwerfällig. Das massive Dach, mit gelben Hohlziegeln bedeckt, wird getragen von einem grell gemalten Gebälk und hat weitgeschweifte Firsten, die mit kleinen Statuen besetzt sind. An den geschnörkelten Spitzen hängen eherne Schellen und Glöcklein mit fliegenden Bändern an den Schwengeln, die bei Windeswehen zum Gebetsläuten angeregt werden: Geisterstimmen! –

Ins Innere tritt man durch einen geräumigen Hof und ein bunt gestrichenes Tor. Die Tempelhalle, mit einem auf Holzsäulen ruhenden Vorbau, ist nicht als Versammlungsort der Gläubigen, sondern als Wohnung der Götter gedacht.

Den Eintretenden umfängt ein mystisches Halbdunkel. Der fromme Schauder des Geheimnisvollen wird noch gesteigert durch den leichten, wohlriechenden Rauch der Glimmstäbchen, die, in einem steinernen oder bronzenen Becken stehend, als Opferspende langsam verglühen.

Des Bonzen Einnahmequelle.

Allmählich unterscheiden wir die überlebensgroßen Götzenstatuen, die auf Wandaltären herumstehen. Ihr mehr kalt, steif, starr, zum Teil sogar abschreckendes Aussehen ist wenig vertrauenerweckend, sondern vielmehr grinsend. Sie tragen alte Trachten, lange herabhängende Barthaare und ganz gewaltige Brauen über den geschlitzten Augen. Durchweg sind sie aus Lehm, bunt bemalt, oft sogar mit Goldlack bestrichen, und scheinen einst frömmere Zeiten gesehen zu haben. Jetzt ist alles verstaubt, zerlöchert, verwahrlost, wohl weil der Staat atheistisch ist und die Einkommen spärlicher fließen.

Aber gläubige, hilfesuchende Heiden gibt es immer noch. Davon zeugen die Weihrauchstengel. Kommt solch ein leidgedrückter Pilgrim hergewallt, so schlägt er an die große eherne Glocke, die auf einem niedern Gestelle hängt, um sich anzumelden und die Aufmerksamkeit des Götzen zu erregen.

Dann wirft er sich nieder und macht Kotou, d. h. berührt mit der Stirne den Boden, so oft, bis er sich den Götzen genehm glaubt. Der diensttuende Bonze, dem er sein Anliegen vorträgt, schüttelt eine Anzahl numerierter Stäbchen in einer armdicken Bambusröhre durcheinander und läßt dann das Los ziehen, das die Antwort des Götzen enthält. Sie ist natürlich sehr vieldeutig und verschwommen. Sollte sie aber doch keine gute Auslegung zulassen, nun, so zahlt der arme Bittsteller eine reichere Spende und läßt sich eine günstigere Nummer ziehen, bis er, und noch mehr der Tempelhüter, endlich zufrieden ist.

Das ist das Haupteinkommen der Bonzen, die in einem geräumigen anstoßenden Zellenbau, den wir aber nicht betraten, eine Art gemeinschaftliches Leben führen und zu bestimmten Zeiten große Gongs schlagen und die buddhistischen Gebetsformeln leiern. Eine Anzahl ihrer Zöglinge kamen in den Tempel, sich die ungewohnten Pilger anzusehen.

Das Herz tut einem weh, wenn man sieht, wie soviele wohlgesinnte Menschen vom Götzenwahn umstrickt sind. Der Pater meinte allerdings, die meisten Bonzen glaubten selber nicht an diesen Kram, wie man schon aus dem Mangel an Ehrfurcht erkenne, es sei aber für sie ein Broterwerb.

Die katholischen Anstalten. Der heiligen Kirche Hoffnungssaat.

Ein viel erfreulicheres Bild boten die katholischen Anstalten droben auf dem Hügel, versteckt inmitten eines immergrünen Wäldchens aus Bambusbüschen und Kiefern.

Im Kleinen Seminar werden 40 Zöglinge auf den geistlichen Beruf vorbereitet. Als wir die allenthalben herrschende Ordnung und Sauberkeit hervorhoben, meinte der P. Direktor, der einzige Europäer hier oben, es sei auch nur zu erreichen, wenn man Tag und Nacht immer und überall dabei sei; aber bildsam seien die Chinesen doch, so gut wie andere.

Der Bischof klagte uns mit bitterem Schmerze, der Mangel an Mitteln nötige ihn, diese seine Lieblingsanstalt, die Hoffnung der Mission, über kurz oder lang zu schließen.

Ein Teekränzchen bei den chinesischen Jungfrauen.

Auf der gegenüberliegenden Anhöhe befinden sich in umfangreichen, ganz chinesisch angelegten Gebäuden, die Kinderheime unter Leitung einheimischer Jungfrauen. Unser Besuch war angemeldet; denn als wir eintraten, empfingen uns die festlichen Salven der Knallfrösche, die Jungfrauen standen bereit zur Begrünung unter großem Zeremoniell, für das wir leider noch nicht genug eingeschult waren, was sie uns sicher verziehen.

Die Oberin selbst geleitet uns in die schön geschmückte Kapelle, wo schon etwa 200 Kinder, festlich gekleidet, die fremden Missionärinnen erwarteten und dann ein Muttergotteslied anstimmten auf die Melodie «Geleite durch die Wellen».

Im Empfangszimmer harrte unser ein mit allerlei einheimischen Leckerbissen besetzter Tisch. Wir wurden bewirtet mit süßem Oelgebäck, Reisbrötchen, Früchten und natürlich duftendem Tee, der aus blumigen Porzellantassen immer möglichst heiß, ohne Zucker und Milch, getrunken oder besser geschlürft wird. Da kamen wir in einige Verlegenheit. Die Gefäße waren schmal und eng. Mit beiden Händen hoben unsere Wirtinnen sie zierlich empor, hielten sie uns einladend lächelnd entgegen, und unter elegantem Drehen und lautem Schlürfen wurde der köstliche Inhalt geleert.

Wir beneideten sie um ihre kleinen platten Nasen, die ihnen ein so behendes und schlürfendes Nippen gestatteten. Das ist hier die feine Sitte. Wir mußten uns mit unserer rückständigen europäischen Trinkweise zu behelfen suchen und kamen uns fast vor wie der Reiher, der beim Fuchs zu Gaste war. Nur herrschte ein herzlicher, aufrichtiger Ton. Es war wohl zum erstenmal, daß Europäerinnen hier empfangen wurden.

Dieses Teekränzchen war keineswegs das Hauptziel unseres Besuches und hätte eigentlich dessen Abschluß bilden sollen, denn wir wollten den rein chinesischen Alltagsbetrieb der Anstalt sehen, um auch da zu lernen.

Der kleinen Chinesinnen Fleiß und Kunstsinn.

Die Kinder waren mittlerweile zu ihrer gewöhnlichen Beschäftigung zurückgekehrt. Groß und klein, etwa 200, werden alle, je nach ihrem Können, beschäftigt. Neben der praktischen Haushaltung, zu der im Hinblick auf ihren späteren Beruf sämtliche Mädchen angeleitet werden, wird hier über den Selbstbedarf hinaus Wolle und insbesondere Baumwolle verarbeitet, und zwar die ganze industrielle Leiter hinauf, vom bodenständigen Rohmaterial bis zu fertigen gefärbten Geweben und Kleidungsstücken, Epongehandtüchern, ja sogar feinem Damast für Tisch- und Altardecken.

Durch diesen allgemein gepflegten Kunstfleiß kann das Werk einen nicht geringen Teil seiner Kosten decken, obgleich es wegen der vielen Kleinen, die nur essen, aber noch nichts verdienen können, immer noch Zuschüsse benötigt.

Bei den braven Alten!

Der Anstalt angegliedert ist auch ein Greisinnenasyl, wo etwa 40 verlassene, hilflose Frauchen, darunter etliche Blinde, Halbblinde, Taube und andere Ruinen, den Gnadenreis essen und sich auf ein seliges Sterbestündlein vorbereiten. Einige können noch Kinder beaufsichtigen, andere sitzen umher mit einer leichten Handarbeit, ja rauchen sogar gerne ein Pfeifchen: Landessitten!

Welch himmelweiter Unterschied zwischen diesen Armen der Kirche, die einen so glücklichen Lebensabend genießen, und den Armen laizistischer Humanität, die wir in Changsha gesehen!

Wir waren unsern Gastgeberinnen zu großem Danke verpflichtet für alles, was sie uns gezeigt, und besonders für die ermutigende Ueberzeugung, die wir mitnahmen: aus den Chinesen läßt sich etwas Tüchtiges machen.

Beim Abschied gaben sie uns noch einige Geschenke: von ihren selbstgedörrten Fleisch- und Fischvorräten für die Reise und überdies ein paar schön karrierte Taschentücher, die uns stets ein liebes Andenken an diesen Ort und diese chinesischen Schwestern bleiben werden.

Es war bereits dunkel, als wir zur Stadt hinabstiegen, wo wir die Christen scharenweise zur Beichte gehen sahen. Viele baten uns, wir möchten doch uns hier niederlassen und die Kranken und Kleinen betreuen.

Am nächsten Sonntagmorgen erbauten wir uns sehr an der Frömmigkeit der Gläubigen, die laut betend das geräumige Gotteshaus anfüllten und fast vollzählig zum Tische des Herrn traten.

Ein chinesischer Pater Peng brachte uns die frohe Nachricht, es käme noch am Nachmittag ein Dampfer herab, der uns sofort mitnehmen könnte bis Kiyang, einer Hauptstation der Tiroler Präfektur. Wir hielten uns reisefertig.

Jedoch Stunde um Stunde zerrann, der Dampfer kam nicht. Es wurde Nacht, wir warteten und schlummerten zum Teil sogar ein, wie die Jungfrauen im Evangelium.

Im schwimmenden Hühnerhof einquartiert!

Da, nach Mitternacht polterte es an der Türe. P. Innozenz kam mit einer Laterne: «Schnell, schnell, der Dampfer ist da!» Zum Glück war es nicht weit. In der Dunkelheit wurden wir von Barke zu Barke gestoßen, bis wir in der Mitte des Flusses auf den bereits dicht besetzten Dampfer kletterten und dann, ich weiß nicht wie, durch ein kleines Loch in die für uns reservierte Kajüte hinabschlüpften, wo unsere Reisesachen kreuz und quer durcheinanderlagen. Der Pater mußte sich rasch verabschieden, denn der Schiffer hatte es eilig.

Weil das Fahrzeug für diese Strecke extra flach gebaut war, so waren wir noch viel enger, und wegen der durch alle Löcher uns betrachtenden Augen viel unbequemer logiert als auf der Dschunke. Dafür blieb uns die tröstliche Hoffnung, daß diese Reisequalen nur etwa 20 Stunden dauern würden ...

Die barmherzige Nacht deckte manches Unangenehme zu, und auf unserem Gepäck lehnend, schlummerten wir abwechselnd weiter bis tief in den Morgen hinein.

Malija hatte heute Ferien. Wo sollte sie auch ihren Herd aufbauen? Indes gelang es ihr doch, vom Schiffskoch einen Topf kochenden Wassers zu erlangen zum Teemachen, während unser Reisekorb den Küchenschrank ersetzte. Das Auskehren des «Speisesaales» ersparten uns ein paar dienstbeflissene Hühner, die sorgfältig alle Krümchen aufpickten.

Von der Tiefe unseres Kerkers und Hühnerhofes aus konnten wir von der Außenwelt nur wenig sehen, ausgenommen hie und da einen rasch vorüberziehenden Strandtempel oder Felsen. Jedenfalls eilte das Schiff schnell vorwärts, unsere Gedanken aber noch schneller.


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