Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Tolmer sah sich entdeckt, und wenn ihm auch die Hand im ersten Augenblick nach den Pistolen zuckte, fühlte er doch auch zugleich, daß er mit seinen verklommenen Armen nicht imstande sein würde, sein Ziel sicher zu treffen, und dann war er verloren. Außerdem konnte der Schuß die übrige, noch nicht so ferne Schar herbeirufen. Die List blieb noch seine einzige Hilfe.

»Hallo, Mate«, rief er deshalb, gute Miene zum bösen Spiel machend, »nehmt das vertrackte Schießeisen weg, es könnte Euch aus Versehen in der Hand losgehen, und Ihr wollt doch wahrhaftig nicht einen Kameraden wie einen Papagei vom Baum herunterschießen.«

»Kameraden?« wiederholte Rotkopf, ohne jedoch seine drohende Stellung zu verändern, »den müssen wir uns erst einmal in der Nähe betrachten. Kommt Ihr?«

»Ei gewiß«, lautete die Antwort, »bedenkt nur, daß mir Arme und Beine ganz verquollen sind. Ich habe da oben in keinem Lehnstuhl gesessen.«

Er rutschte, während er sprach, vorsichtig an der glatten Rinde nieder und sah sich gleich darauf dem Buschranger und dessen auf ihn gerichtetem Gewehr gegenüber.

»Nun«, sagte er, als er den Boden berührte und sich zu dem Buschranger umdrehte, »ist das ein Empfang? Ihr habt doch von mir wahrhaftig nichts zu fürchten. Seht Ihr denn nicht, daß ich unbewaffnet bin?«

»Auswendig, ja« sagte Rotkopf lachend, »doch das andere wollen wir nachher untersuchen. Jetzt vor allen Dingen, wie kommt Ihr auf den Baum, und was habt Ihr da oben gesucht? – Etwa Vogelnester ausgenommen?«

Tolmer blieb nur eine einzige Ausflucht. Natürlich trug er keine Uniform, sondern seine alten Buschkleider, die durch die Känguruh-Dornen überdies arg mitgenommen worden waren. So glich er denn allerdings eher einem Buschranger als einem Polizeibeamten, und das wollte er jetzt ausnutzen.

»Wenn Ihr das von mir erfahren wollt«, erwiderte er deshalb mit angenommener Ruhe, »so gebt mir erst etwas zu essen, denn wenn ein Mensch wie ich tagelang in dem verdammten Busch da drüben am festen Land umhergehetzt und dann in See beinahe verhungert und verdurstet ist, nur um die Insel zu erreichen, hat er nicht viel Kräfte mehr übrig und braucht eine Stärkung. Habt Ihr einen Schluck Brandy?«

»Nicht einen Tropfen. Aber wer hat Euch gehetzt, mein Bursche?« setzte Rotkopf hinzu und betrachtete sich den Fremden aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen. »Ich dächte doch, die Buschranger sind drüben ziemlich dünn geworden, seit wir fort sind.«

»Wer? – Nun, die verdammte Polizei!« sagte Tolmer ärgerlich.

»Oh, die habt Ihr hinter Euch gehabt? Ja, das kann ich mir denken«, sagte der Buschranger lachend. Mr. Tolmer soll ein trefflicher Führer sein.«

»Wer?« sagte Tolmer mit angenommenem Erstaunen.

»Oh, Ihr kennt den Mann wohl nicht«, meinte Rotkopf trocken, »schade, daß ich keinen Spiegel hier habe, ich könnte Euch sonst eine vortreffliche Beschreibung seiner Person geben.«

»Einen Spiegel?« fragte Tolmer, und fast unwillkürlich suchte seine Hand das versteckte Pistol, denn einmal erkannt, wußte er sich auch verloren.

»Laßt die Waffen nur stecken, Mr. Tolmer«, sagte da Rotkopf, in aller Muße die Hähne seines Gewehres in Ruhe setzend und dem Polizeibeamten fest ins Auge schauend, »ihr seht, ich kenne Euch und schieße Euch weder über den Haufen, noch rufe ich meine Leute, daß sie sich vielleicht einen besonderen Spaß mit Euch machten. Aber – die Wahrheit ist, Ihr kommt mir da wie gerufen, und dem allein habt Ihr's auch zu danken, daß ich Euch nicht gleich, als wir hier ankamen und ich Euch im Baum bemerkte, eine Ladung Posten durch den Leib jagte.«

»Und wenn ich nun nicht jener Tolmer wäre?« sagte dieser.

»Beruhigt Euch darüber, erwiderte ihm der Räuber, »ich habe Euch einmal gesehen, als ich vor vier Jahren, gerade frisch eingefangen, vor Euch gebracht wurde, und ich habe ein verdammt gutes Gedächtnis für alte Bekannte. Doch zur Sache. Ihr seid zur Känguruh-Insel gekommen, um unseren Gentleman John einzufangen, wie?«

»Ja«, sagte Tolmer nach kurzem Zögern mit entschlossener Stimme. »Zum Henker noch einmal, ich sehe jetzt keinen Grund mehr, Euch ein Geheimnis daraus zu machen.«

»Gesprochen wie ein Mann«, sagte der Buschranger lachend, »aber – ich kann mir nicht gut denken, daß Ihr die ›Kleinigkeit‹ allein solltet unternommen haben.«

»Ich habe Hilfe«, erwiderte Tolmer, aber doch nicht ohne einiges Zögern.

»Bei der Hand?«

»Nicht weit.«

»Hm«, sagte der Buschranger, »aber Ihr wißt, wie ungewiß Euer Erfolg ist, wenn John den geringsten Verdacht schöpft.«

»Allerdings«, erwiderte Tolmer, der den Plan des Burschen jetzt leicht durchschaute und freier Atem schöpfte, »aber Ihr wißt auch, welchen Preis die Regierung dem zugedacht hat, der uns den Verbrecher überliefern hälfe. Fort könnt Ihr nicht mehr; der Schoner ist schon beobachtet und kann nicht mehr auslaufen, und die Insel hier ist nicht groß genug, Euch lange Zuflucht zu gewähren.«

»Hm, ja«, erwiderte Rotkopf, »wenn's auch vielleicht noch nicht so schlimm ist, wie Ihr es macht; denn die Geschichte von dem Schoner habt Ihr doch nur erst oben im Baum gehört.«

»Er liegt am Kap Borda«, erwiderte Tolmer ruhig, »ist von einem Bruder Bloomes, der das Fahrzeug navigieren soll, in Adelaide gekauft, und Bloome glaubt, daß er zwischen Sydney, Neuseeland und der Insel Handel treiben soll.«

»Alle Teufel!« rief Rotkopf überrascht, »dann hat die Polizei also doch Wind davon bekommen. Aber das«, fuhr er, die Zähne aufeinanderbeißend, fort, »wißt Ihr nicht, daß Gentleman John, Verräter der er ist, beabsichtigt, uns hier im Stich zu lassen und Hals über Kopf den Schoner in See haben will, um uns loszuwerden.«

»Ich weiß vielleicht noch mehr als das«, sagte Tolmer lächelnd, »aber das sind Nebensachen, die hier mit unserem Geschäft nichts zu tun haben. Wollt Ihr mir beistehen, diesen Gentleman John einzufangen?«

»Ja! – Aber Ihr sichert mir freien Pardon?« fragte der Buschranger, ihn dabei scharf ansehend.

»Den sichere ich Euch, und außerdem den halben Fangpreis, der auf seinen Kopf gesetzt ist. – Seid Ihr damit zufrieden?«

»Die Sache ist abgemacht!« rief Rotkopf, ihm die Hand zum Einschlagen hinhaltend. »Und nun an die Tat. Habt Ihr von Euren Leuten einige bei der Hand?«

»Sie sind alle am Kap Borda.«

»Hm – müssen wir ihn lebendig fangen?«

»Lebendig oder tot«, erwiderte Tolmer.

»Gut – dann brauchen wir auch niemand weiter. Ihr habt gehört, daß er mir morgen früh an eine bezeichnete Stelle Munition bringen will. Wo liegt Euer Gewehr versteckt?«

»Ich habe nur Pistolen bei mir«, sagte Tolmer.

»Das ist nichts«, rief Rotkopf, »die sind nicht sicher genug, und spaßen dürfen wir nicht mit ihm. Seid Ihr ein guter Schütze mit der Flinte?«

»Ich treffe meinen Mann auf hundert Schritt mit der Kugel.«

»Gut, dann werdet Ihr ihn auf fünfzehn mit Rehposten nicht fehlen und mögt dazu mein Gewehr nehmen. Jetzt geht ins Tal hinunter und lagert irgendwo am Eingang der Schlucht. Mit hinauf darf ich Euch nicht nehmen, denn einer der anderen könnte Euch so leicht erkennen wie ich, aber ich werde dafür sorgen, daß Euch keiner von ihnen in den Weg läuft; und daß Ihr dort auf mich wartet, ist Euer eigener Vorteil – deshalb vertrau ich Euch auch. Morgen früh mit Tagesanbruch bin ich an der einzelnen Kasuarine, die dicht am Pfad steht. Kennt Ihr den Baum?«

»Ich habe ihn heute passiert«, erwiderte Tolmer.

»Gut denn, auf Wiedersehen«, sagte der Buschranger und schritt rasch die Schlucht hinauf, den Polizeibeamten seinem Nachdenken überlassend.

Tolmer wußte aus eigener Erfahrung, wie nützlich ihm dieser Bursche, der sich von seinem Kameraden vielleicht mit gutem Grund verraten glaubte, werden konnte. Die Abfahrt des Schoners mochte er, Tolmer, mit seinen Leuten leicht verhindern können, der Führer der Bande aber, einer der schlauesten Räuber, die je die australischen Wälder unsicher gemacht hatten, war damit noch nicht gefangen und hätte mit einem Boot leicht wieder das feste Land erreichen können. War Gentleman John jedoch erst einmal in seiner Gewalt oder überhaupt unschädlich gemacht, dann durfte er hoffen, die anderen leicht zu überwältigen, und mit der Hilfe seines neugefundenen Freundes hatte er jetzt die beste Hoffnung, dies am nächsten Morgen ins Werk zu setzen.

Verrat brauchte er kaum zu fürchten. Er war schon in der Gewalt des Räubers gewesen, und dessen eigener Vorteil lag mit dem seinen jetzt in einer Schale. Deshalb folgte er auch ohne weiteres der erhaltenen Weisung und lagerte die Nacht an der ihm von Rotkopf bezeichneten Stelle, um am nächsten Morgen bei der Hand zu sein.

Rotkopf ließ nicht auf sich warten. Kaum dämmerte der Tag, als ein leiser Pfiff Tolmer auf seine Nähe aufmerksam machte, und die beiden Männer schritten nach einem rasch eingenommenen Mahl nebeneinander der von Gentleman John angegebenen Hütte zu. Unterwegs machte der Buschranger den Polizeibeamten mit seinem Plan bekannt, und an der Hütte angekommen, legte sich Tolmer mit des Räubers Flinte in den Hinterhalt, während sich dieser, den Rücken gegen die dünne Rindenwand gelehnt, auf einen dort zu einer Art Bank hergerichteten Stamm setzte und ruhig die Ankunft seines verratenen Chefs erwartete.

»Und seid Ihr auch sicher, daß er wirklich kommt?« fragte Tolmer endlich, als sie wohl schon eine Stunde regungslos in ihrer Stellung verharrt hatten, aus dem Haus heraus, »hol's der Henker, mir wird die Zeit lang, und ich fürchte fast, Gentleman John war klüger als wir beide zusammen.«

»Nur keine Furcht, Kamerad«, flüsterte Rotkopf zurück, »wenn ich nicht gewiß wüßte, daß unser Vogel auf die Leimrute geht, hätte ich Euch wahrhaftig nicht hierhergeführt. Daß ihm der Böse das Licht halte – tut er es doch nur, mich desto sicherer zu machen. Aber ich kenne ihn, den Halunken«, setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen und wie mit sich selbst redend hinzu, »der Rotkopf ist ihm nach und nach zu klug geworden, und daß er fragen konnte, was aus all dem Geld geworden, hat ihm nicht gefallen. Aber warte, mein Bursche – hast jetzt einen Seemann an Bord, nicht wahr, der etwa ein Schiff in offener See zu halten weiß, und glaubst, du könntest den Rotkopf entbehren. Was dann aus dem hier und den anderen auf der Insel wird, was kümmert's dich. – Willst dasselbe Spiel hier wieder spielen, das du drüben am Murray den armen Teufeln eingebrockt hast. Oh, ich kenne dich, Halunke, vergißt aber, daß der Rotkopf damals mit dabei war und dir in die Karten gesehen hat.«

»Dort kommt jemand den Hang herunter«, flüsterte Tolmer, der durch einen Spalt der Wand, hinter der er versteckt lag, die offene Höhe vor sich übersehen konnte.

»Das ist er«, flüsterte Rotkopf, fast unwillkürlich zusammenfahrend, »geht es, fangen wir ihn lebendig, riecht er aber Lunte, dann haltet ihm nur um Gottes willen sicher auf den Bug, wir sind sonst beide verloren.«

»Fürchtet Ihr ihn?« fragte Tolmer spöttisch.

»Fürchten?« brummte der Buschranger ärgerlich in den Bart, »wenn Ihr, wie ich, Zeuge gewesen wäret, wie der Mann da – doch das ist vorbei«, brach er kurz ab, »und zum Plaudern keine Zeit mehr. Habt jetzt acht – es gibt kaum einen stärkeren und wahrhaftig keinen schlaueren und verwegeneren Burschen in sämtlichen Kolonien als den, der da so sorglos den Hügel herab in sein Verderben geht – und jetzt kein Wort mehr. Er hat ein Auge wie ein Falke und ein Ohr so scharf wie ein Känguruh – macht Euch fertig.«

Rotkopf hatte ganz recht; es gab wohl kaum einen schlaueren und verwegeneren Verbrecher innerhalb wie außerhalb der Kolonien als diesen Gentleman John, der jetzt gerade im Begriff stand, mit einem von seinem Raub angekauften Schiff die Kolonien zu verlassen, um jedenfalls sein Unwesen in irgendeinem anderen Land aufs neue zu beginnen.

So glücklich und erfolgreich er aber bis jetzt – jedes Mittel gutheißend, das ihn seinem Ziel entgegenführte – diesen einen Zweck verfolgt hatte, so sollte er sich plötzlich aus seiner geträumten Sicherheit aufgerüttelt und der früheren Verfolgung preisgegeben sehen. Sein Leutnant Rotkopf hatte ihn allerdings nur zu gut durchschaut; Gentleman John war seiner überdrüssig und wollte mit den Ausgewählten seiner Schar so rasch wie möglich die Känguruh-Insel verlassen. Was aus den Kameraden, von denen sich ein großer Teil erst hier zu ihm gefunden hatte, würde, kümmerte ihn nicht. Auf diesen Abend noch war die Abfahrt bestimmt. Der Schoner lag, mit Proviant und Wasser versehen, vor seinem Wurfanker, und Mr. Bloome, der Siedler, ahnte nicht, welch gefährlichem Kompagnon er einen großen Teil seines Eigentums im Begriff war anzuvertrauen.


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