Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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»Hm, ein hübsches Stück«, sagte er dabei, »wie seid Ihr dazu gekommen, Mate, wenn Euch die Frage nicht etwa geniert? Matrosen führen sonst nicht so leicht solche Flinten.«

»Ich habe sie einmal billig von einem Franzosen gekauft«, sagte Tolmer gleichgültig, »weiß aber jetzt nicht recht, was ich damit anfangen soll, denn ich bin kein besonderer Schütze. Wenn ich das halbwegs dafür wiederbekomme, was sie mich gekostet hat, schlag ich sie los.«

»Und wieviel war das?«

»Dreißig Schilling, ein Spottgeld für die Flinte, aber Geld kann man hier im Busch eher gebrauchen als das Gewehr.«

»Für den Preis nehm ich sie Euch ab«, sagte der Buschranger schnell, »das ist ein Handel.«

»Meinetwegen.«

»Und Ihr nehmt Noten dagegen von den Siedlern in der Nachbarschaft?«

»Noten? – Was ist das?«

»Nun, Anweisungen, so gut wie bar Geld. Jeder nimmt sie Euch ab.« Er blinzelte dabei seinen Kameraden hinter dem Rücken des Fremden zu, und diese lachten still und höhnisch vor sich hin. Tolmer tat aber, als ob er es nicht bemerke, und sagte treuherzig:

»Wenn sie so gut wie bar Geld sind, wär ich ein Narr, wenn ich was dawider hätte. Gott sei Dank, jetzt brauch ich doch das alte Schießeisen nicht mehr mit herumzuschleppen. Heute im Busch hatte ich zwei- oder dreimal gar nicht so übel Lust, es in das erste beste Wasserloch zu werfen.«

»Das wäre schade drum gewesen«, meinte der Buschranger, indem er die Flinte zu den übrigen lehnte und sich jetzt auch mit ans Feuer setzte. Er war vortrefflicher Laune. – Wißt Ihr wohl, Mate«, fuhr er nach einer Weile fort, indem er ein großes Stück Damper und Schaffleisch auf die Knie nahm, »daß mir Euer Gesicht verdammt bekannt vorkommt, und ich habe mir schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, wo ich Euch einmal gesehen haben könnte?«

»Hier noch nicht«, sagte Tolmer, ruhig von dem Damper zulangend und sich dem Feuer zukehrend. Dieses brannte jetzt ziemlich düster, und der Hut, den er trug, beschattete sein Gesicht ebenfalls. »Drüben am Lande könnt's aber gewesen sein; freilich auch nicht in den letzten Jahren. Früher war ich oft drüben.«

»Das wäre möglich!« nickte jener. »Habt Ihr Eure Passage nach Australien bezahlt?«

»Werde nicht so dumm sein.« Der vermeintliche Matrose lachte. »Wo sich's die Regierung soviel kosten läßt, tüchtige Ansiedler herüberzubekommen, soll man ihr nicht ins Handwerk pfuschen.«

»Gescheiter Gedanke, Mate, verdammt gescheiter Gedanke«, sagte der Buschranger schmunzelnd. »Aber was zum Henker hat denn die Schwarzhaut da zu horchen? – Na, was gibt's, Schneeball?«

Tolmers Herz schlug, daß es ihm die Brust zu zersprengen drohte. Er wußte, daß seine Leute jetzt dicht am Lager waren, und jedenfalls hatte der dunkelhäutige Bursche mit seinen viel schärferen Sinnen etwas von ihnen gehört oder gesehen.

»Me, make a light, flourbag«, sagte der Australier in seinem kaum noch zu erkennenden Englisch.

Tolmer stand langsam auf und trat zum Feuer, um es ein wenig zusammenzustoßen. Er stand jetzt nur zwei Schritte von den Gewehren.

»So? – Du hast was Weißes gesehen?« fragte der Buschranger, mit den Augen der Richtung folgend, in die der Arm des Australiers deutete.

»Ich werde einmal hinschießen«, sagte jetzt Tolmer und drehte sich um, griff sein Gewehr und spannte zugleich geräuschlos die Hähne.

»Bah, mach keinen Unsinn, Mate«, sagte der Buschranger, der keine Ahnung hatte, daß ihnen hier Gefahr drohen könne. »Wer weiß, was der Bursche gesehen hat.«

»Vielleicht war's ein Opossum«, meinte Tolmer.

»Möglich«, sagte der andere, »setzt Euer Gewehr hin.«

»Habt Ihr schon gehört, wie man ein Opossum lockt?« fragte Tolmer jetzt. – Er war totenbleich geworden, denn er wußte, daß der nächste Augenblick entscheiden mußte.

»Ein Opossum? – Was zum Donnerwetter hat denn nur der schwarze Bursche? Etwas muß im Winde sein.« Und unwillkürlich machte er einen Schritt auf die Gewehre zu, während der Australier seine Lanze aufgriff und scheu und vorsichtig vom Feuer zurückglitt.

»Ich will's euch zeigen, Mate«, sagte Tolmer, und in dem Moment gellte ein schriller Pfiff durch den Wald.

»Verrat!« schrie der Buschranger und sprang zu den Gewehren.

»Wer sich bewegt, ist eine Leiche!« rief Tolmer mit Donnerstimme, die eigene Waffe an die Backe reißend, und von allen Seiten sprangen die Seinen auch schon herbei, während die Buschranger, förmlich überrumpelt, im ersten Schrecken nicht wußten, ob sie fliehen oder sich verteidigen sollten.

Tolmer, um soviel unnötiges Blutvergießen wie möglich zu vermeiden, schoß nicht, und nur als der Anführer der Schar an ihm vorbei wollte, um seine Waffe zu greifen, hielt er ihm sein Bein vor, und der Buschranger stürzte wie im Fluge nach vorn, alle vier Gewehre mit sich zu Boden reißend. Im nächsten Augenblick saß ihm aber schon Borris auf dem Nacken, und während diesen der Matrose unterstützte, den wütend um sich Schlagenden zu binden und unschädlich zu machen, fanden sich die anderen drei von Bewaffneten umstellt, die ihnen jede Flucht abschnitten. – Was auch hätten sie im Busch ohne Gewehre anfangen wollen?

Der Australier war gleich bei dem ersten Anprall der Polizei – vielleicht auch schon vorher – spurlos im Busch verschwunden.

Zehn Minuten später steckten die Buschranger in Handschellen. Es war aber zu gewagt, sie in dunkler Nacht durch den Busch zu transportieren, wo doch einer oder der andere Gelegenheit gefunden hätte zu entkommen. Tolmer beschloß also, die Nacht dort mit aufgestellten Wachen im Lager zu bleiben und die Gefangenen erst am nächsten Morgen hinüber zum Schoner zu transportieren.

»Jetzt weiß ich auch, Mate, wo ich Euer blutiges Gesicht schon einmal gesehen habe«, zischte der alte Buschranger durch die zusammengebissenen Zähne, als er eine Stunde später neben seinen Kameraden und unter einer Aufsicht, die jeder Flucht spottete, am Feuer lag.

»Denk's auch, Tomlins«, sagte Tolmer lachend, »ich hatte aber gleich von Anfang an ein besseres Gedächtnis. Weil ich jetzt keinen Bart trage, seid Ihr irr geworden.«

»Hol Euch der Teufel«, brummte der Gefangene und warf sich auf die andere Seite.

Mit Tagesanbruch war die kleine Truppe marschfertig und erreichte etwa dreieinhalb Stunden später den Schoner, in dem die Gefangenen einquartiert wurden. Tolmer aber, jetzt fest entschlossen, sein Äußerstes zu versuchen, auch den noch flüchtigen Mulligan wieder einzubringen, wollte sich doch nicht der Gefahr aussetzen, daß bei einem längeren Aufenthalt auf der Insel die bisher gemachten Gefangenen vielleicht Gelegenheit fanden, ihre Freiheit wiederzuerlangen.

Derartige Menschen, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben, hatten sich schon aus schwierigeren Lagen befreit, und er befahl dem Schoner deshalb, mit zwei von seinen Leuten als Wache an Bord, ohne weiteres wieder unter Segel zu gehen und diese kostbare Ladung erst einmal an das County-Gefängnis abzuliefern. Dann sollte er ohne Zögern wieder umkehren, sie selber abholen oder vor Anker bleiben, bis sie an Bord kämen.

Tolmer behielt, nachdem er zwei von seinen Leuten der Schonermannschaft beigegeben, mit Borris noch sieben Mann und den Matrosen. Der Seemann hatte sich freilich auf dem Schoner mit einschiffen wollen, Tolmer war aber viel zu vorsichtig, das zuzugeben, denn er wußte nicht, ob er vielleicht mit einem oder dem anderen der Gefangenen schon früher Bekanntschaft gemacht hätte, und wollte sich nicht leichtsinnig einen Helfershelfer für die Schar in das Fahrzeug setzen. Er versprach ihm aber freie Passage nach Adelaide, wenn er sie dahin begleiten wolle.

Nun galt es vor allen Dingen, den jetzigen Aufenthaltsort John Mulligans herauszubekommen, und das schien viel schwerer, als es Tolmer erwartet hatte.

Mulligan war mit allen Schleichwegen der Insel genau bekannt, und Lindsay, an den er sich wieder wandte, versicherte ihm von vornherein, daß es ein verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen sei, dem kecken und verwegenen Burschen auf diese Weise nachzustellen. Er schien es dabei nicht einmal gern zu sehen, daß ihn Tolmer auf seiner Station besuchte, denn wie leicht konnte Mulligan das durch irgendeinen seiner Leute erfahren und dann, in dem Glauben, der Stationshalter stecke mit der Polizei unter einer Decke, Rache an ihm nehmen.

Tolmer sah bald, daß mit dem Manne nichts anzufangen war, und doch gewöhnt, fast stets auf eigene Hand zu handeln, schrak er auch vor einer solchen Aufgabe nicht zurück.

Soviel schien gewiß, daß bei Mulligan, nachdem sie die übrige Bande glücklich überlistet hatten, keine weiteren Begleiter waren, auf deren Hilfe er sich verlassen konnte.

In seine alte Hütte war er übrigens nicht wieder zurückgekehrt, und Tolmer, um seine beiden Wachen nicht länger dort unnütz zu verwenden, ließ das Nest in Brand stecken. Hatte der Buschranger dann noch irgend etwas darin versteckt oder vergraben, so sollte es ihm wenigstens schwer werden, es wiederzufinden.

Außerdem entwarf Tolmer einen anderen Plan. Er schickte nämlich seine Mannschaft als Bündelleute vereinzelt auf alle Stationen in der Nachbarschaft, um auf den verschiedenen Stellen die Nachricht zu verbreiten, daß die Polizei gelandet wäre und die Buschranger ausgehoben hätte. Während sie sich natürlich unter die Arbeiter mischten, erfuhren sie dann vielleicht, ob der flüchtige Verbrecher wohl irgendwo gesehen worden wäre.

Am zweiten Tag hatten sich aber alle wieder in der Nähe der verbrannten Hütte einzufinden, um gemeinschaftlich zu operieren.

Der Plan mochte ganz gut sein, erwies sich aber als erfolglos. Allerdings brachten die Leute von drei, vier verschiedenen Seiten die Nachricht mit, Mulligan sei dort in der Nähe gesehen worden. Die wahrscheinlichsten dieser Stellen wurden auch untersucht, doch ohne den geringsten Erfolg. Nicht einmal die Spur des Flüchtigen fand man, und es blieb jetzt außerordentlich schwer zu sagen, ob sich der Buschranger nach dem Osten oder Westen der großen Insel gewandt habe.

Borris war dafür, nach dem Festland zurückzukehren und lieber wieder hierherzukommen, wenn Mulligan aufs neue irgendwo einen bleibenden Aufenthalt genommen hätte. Tolmer aber, starr wie immer den einmal gefaßten Plan im Auge, wollte davon nichts hören und gedachte, einen anderen Versuch zu machen.

Er teilte seine Leute in zwei Trupps – den einen von fünf Mann unter Borris' Führung schickte er nach Osten, und die anderen, wie den Matrosen, der sich freiwillig erboten hatte, ihnen beizustehen, behielt er bei sich, um damit nach Westen hin die Insel abzusuchen. In vier Tagen spätestens sollten alle wieder am Schoner zusammentreffen, und hatten sie den Flüchtigen dann nicht eingefangen, so wollten sie die Jagd für diesmal aufgeben.

Borris schüttelte den Kopf zu dem ganzen Unternehmen, denn er kannte besser als sein Vorgesetzter das Innere der Insel und die Schwierigkeit, darin von einer Stelle zur anderen zu gelangen. Tolmer aber, Feuer und Flamme für den jetzt entworfenen Plan, ließ keine Einrede gelten, und die beiden Parteien trennten sich noch an demselben Morgen.

Einem schmalen Kuhpfad folgend, wanderte Tolmer mit seinen Leuten ab, geriet aber bald in ein so furchtbares Dickicht von jenen nichtswürdigen Känguruhdornen, von denen das ganze Innere der Insel überwuchert war, daß sie sich nur mit Mühe und Not einen Weg seitwärts hindurch und mehr der Küste zu brechen konnten. Was sollten sie in einem solchen Dickicht, in dem auch Mulligan nicht fortkonnte, sich also wohl hüten würde, es zu betreten?

Ziemlich erschöpft und ohne den ganzen Tag ein lebendes Wesen angetroffen zu haben, erreichten sie abends einen kleinen Bach und lagerten dort, und Tolmer sah jetzt die Unmöglichkeit ein, das eigentliche Innere des Busches, wie er beabsichtigt hatte, abzusuchen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich auf die besiedelten oder doch wenigstens zugänglichen Teile der Küste zu beschränken.

Gegen Morgen hörten sie einen Hund bellen; schon am letzten Abend hatten sie Schafspuren gefunden, und es ließ sich erwarten, daß sie bald eine Schäferhütte und dort auch Trinkwasser finden würden. Darin hatten sie sich auch nicht geirrt. Als sie nach rasch eingenommenem Frühstück dorthin aufbrachen, fanden sie mitten im Busch, aber an einer von Dornen völlig freien Stelle, eine kleine Rindenhütte liegen; Tolmer ließ seine Leute zunächst noch zurück, um erst selbst den Platz zu erkunden.

Der Schäfer war mit seiner Herde schon vor einer Stunde ausgezogen, und den Hutkeeper fand Tolmer damit beschäftigt, Damper zu backen; er ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein.

»Holla, Mate«, sagte er nach einer Weile, als er am Feuer saß und den für ihn rasch warmgestellten Becher Tee trank, »Ihr seid ja hier außerordentlich fleißig mit Brotbacken. Da stehen, wie ich sehe, zwei große fertige Damper, hier unter der Asche liegt noch einer, und Ihr rührt schon wieder frische an. Macht Ihr sie zum Verkauf?«

»Ja, schön zum Verkauf«, sagte der nicht eben besonders appetitlich aussehende Bursche mit einem Kernfluch, »ein prächtiger Platz wär das hier im Busch zum Verkauf, wo man das ganze gesegnete Jahr keinen blanken Schilling zu sehen bekommt. Die Käufer, die hierherkommen, soll überhaupt der Teufel holen, sobald er Lust hat, und wenn meine Zeit um ist, will ich verbrannt werden, wenn ich nur eine Stunde länger an den blutigen Dornen sitzen bleibe.«

»Es treibt sich hier viel Gesindel im Busch herum, wie?« warf Tolmer hin.

Der Hutkeeper sah ihn mißtrauisch von der Seite an und meinte dann:

»Oh, Gott bewahre; es sind lauter Gentlemen und noch dazu Menschen, wie die Kinder; was sie sehen, wollen sie haben.«

»Seid Ihr kürzlich belästigt worden?« fragte Tolmer, der nicht zu Unrecht glaubte, daß er von dem Hutkeeper für nichts Besseres als eben auch für einen Buschranger gehalten würde.

»Ich will Euch was sagen, Fremder«, meinte da der Bursche, indem er sich von seiner Arbeit aufrichtete und die mehlbedeckten Fäuste nach beiden Seiten ausstreckte, »es ist ein altes Gesetz, im Busche sich das Maul nicht zu verbrennen – an heißen Blechbechern mein ich – Ihr versteht mich schon.«

»Nichts für ungut, Freund.«

»Bitte, bemüht Euch nicht«, meinte der Hutkeeper trocken. »Es könnte sein, daß morgen jemand käme und nach Euch fragte, und dann wär's Euch auch vielleicht angenehm, wenn ich ein kurzes Gedächtnis hätte.«


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