Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Kapitän Howitt – Rodwell griff bei dem Namen fest und krampfhaft in die Lehne des Sofas – war während seiner Abwesenheit oft – ja alle Tage im Haus gewesen, zu früher und später Stunde, und hatte viel und heimlich mit »Mistreß« gesprochen. Wenn er fort war, hatte Mrs. Rodwell manchmal geweint, aber er sei immer wiedergekommen, und gestern abend seien sie miteinander im Garten spazierengegangen. Gestern abend sei auch der Kapitän zum erstenmal in einem Boot gekommen, und Mrs. Rodwell habe gesagt, sie wolle ein wenig damit in die Bay hinausfahren. Sie – Betsey – habe das nicht zugeben wollen und gemeint, es sei schon zu spät, Mistreß aber hätte darauf bestanden und wäre mit dem Kind im Arm und Kapitän Howitt an der Seite in das Boot gestiegen. Wie sie darin gewesen, habe die Mistreß noch eine Flasche Milch für das Kind verlangt, wenn es etwas unruhig werden sollte, dann seien sie mit Mr. Rodwells Knecht, der sonst die Pferde besorgt hat, hinaus in die See gefahren – immer weiter, bis es dunkel geworden und sie das Boot nicht mehr habe erkennen können. Dann sei sie aufgeblieben und habe bis zwölf Uhr in der Nacht gewartet, daß sie zurückkehren sollten – aber sie kamen nicht – weder Frau hoch Kind kehrten zurück, und als sie im Zimmer das Briefchen an den Herrn da auf dem Tische gesehen, da habe sie auch das Schlimmste schon gewußt und sich die Augen fast aus dem Kopf geweint vor Scham und Weh.

»Es ist gut, Betsey«, sagte Rodwell und winkte ihr mit der Hand, hinauszugehen. »Zünde das Licht dort drüben an und laß uns dann allein.«

»Welche Richtung nahm das Boot?« fragte Tolmer, während das Mädchen dem Befehl gehorchte.

»Gerade dem Festland zu«, lautete die Antwort, und froh, keine weitere Rede mehr stehen zu müssen, verließ das Mädchen rasch das Zimmer, riegelte die Haustür wieder zu und stieg in ihre eigene Kammer hinauf.

Rodwell stand indessen von seinem Sitz wieder auf, erbrach den Brief, trat damit zum Licht und überflog mit stierem Blick die Zeilen.

»Da nehmt und lest«, sagte er endlich, als er wieder und wieder hineingesehen und immer noch das verhängnisvolle Blatt nicht aus der Hand legen wollte. »Nehmt nur, Kamerad, und seht meine Schande da schwarz auf weiß. Das Schlimmste wißt Ihr doch, und da Euch Gott einmal in dieser schweren Stunde zu meinem Vertrauten gemacht hat, erfahrt auch das andere. Vielleicht gebrauch ich ohnedies Euren Rat – Eure Hilfe.«

Tolmer nahm den Brief und las:

»Charles, verzeihe Deinem treulosen Weib. Ein dunkles Verhängnis zwingt mich, den Frieden Deiner Schwelle, deren Segen ich nicht mehr verdiene, zu meiden. Ich bin namenlos unglücklich und doch nicht imstande, von dem Mann zu lassen, der meine Seele mit magischer Gewalt umstrickt hat. Du siehst mich nie wieder. Versuch nicht, uns zu folgen. Vom Festland aus schiffen wir uns nach Europa ein. Versage Deinem unglücklichen Kinde den väterlichen Segen nicht, und möge die Zeit einst kommen, wo Du nicht mehr mit Haß und Bitterkeit derer gedenkst, die sich einst so glücklich an Deiner Seite fühlte -

    Deiner unglücklichen Jenny.«

Tolmer reichte den Brief schweigend zurück, den Rodwell fast bewußtlos nahm und in seiner Hand zusammendrückte.

»Sie sind nach Adelaide hinüber«, sagte er mit so leiser Stimme, als ob er sich vor den eigenen Lauten fürchtete.

Tolmer schüttelte den Kopf und meinte ruhig:

»Sie sind noch auf der Insel, so gut wie wir.«

»Ihr glaubt?« fuhr Rodwell rasch empor.

»Ich weiß es gewiß.«

»Ihr? – und woher?«

»Weil dieser Bursche – Howitt oder wie er sonst heißt – bei Nacht und Nebel, mit einer Flasche Milch statt Proviant und einer Frau mit ihrem Kind nie im Leben die Backstairs Passage passiert hätte. Er sowenig wie der Bursche, der mit ihm fort ist, sind Seeleute.«

»Ihr kennt ihn?«

»Ich denke ja, aber mehr noch als das, ich hoffe, seine Bekanntschaft in den nächsten Tagen zu erneuern.«

»Ich begreife Euch nicht.«

»Und doch ist alles mit wenigen Worten erklärt«, sagte der Polizeibeamte lächelnd. »Mein Name ist nicht Barner, sondern Tolmer.«

»Der Chef der südaustralischen Polizei?« rief Rodwell rasch und erstaunt.

»Derselbe, und dieser Kapitän Howitt, wie er sich hier genannt hat, ist der gefährlichste Buschranger, der unsere Wälder unsicher gemacht, das Leben und Eigentum unserer Bürger gefährdet hat. – Es ist der berüchtigte Gentleman John.«

Rodwell sah dem Sprechenden starr und entsetzt ins Auge, dann aber, als jener schwieg, barg er das Antlitz in den Händen und stöhnte:

»Mein armes, armes Weib – mein armes Kind.«

Tolmer übrigens, so leid ihm der Schmerz des Unglücklichen tat, kannte zu gut den Wert seiner Zeit, als daß er diese mit leeren Klagen vergeudet hätte.

Mit kurzen, aber klaren Worten schilderte er deshalb dem ihm mit steigender Aufmerksamkeit Zuhörenden die Begebnisse der letzten Zeit, die Flucht des Buschrangers und seine Verfolgung, bis er hier auf der Insel endlich seine Spur gefunden und den flüchtigen Sträfling selbst gesehen habe. Ebenso unbeschönigt erzählte er auch die von ihm belauschte Szene zwischen dem Verbrecher und der jungen Frau. Warum er diese damals nicht gewarnt? – Ihm lag alles daran, den Entflohenen einzufangen, und wie die beiden Leute zueinander standen, war es mehr als wahrscheinlich, daß sie Gentleman John die Gefahr verraten haben würde, in der er, einmal entdeckt, schwebte. Zugleich gestand Tolmer dem jungen Mann, daß er seine Bekanntschaft nicht zufällig gefunden, sondern diese, als er einmal seinen Namen gehört hatte, gesucht habe und daß seine beiden von Bewaffneten besetzten Boote noch in dieser Nacht an der Westküste der Insel landeten, dem Räuber die Flucht auf dem Schoner abzuschneiden.

Rodwell wollte freilich noch immer nicht glauben, daß die Flüchtigen auf der Insel geblieben wären; noch dazu, da das Mädchen gesehen haben wollte, wie sie bis tief in die Nacht vom Lande weggefahren wären. Tolmer jedoch, seit Jahren daran gewöhnt, nicht jeder Aussage Glauben beizumessen, schüttelte mit dem Kopf. Wer wußte denn, ob Betsey nicht mit im Geheimnis steckte? Und wenn nicht, hatte ihre Aussage doch, soweit sie die wirkliche Richtung eines Fahrzeuges betraf, nur wenig Wert. Gestern abend hatte außerdem Nordost bis Nordnordostwind vorgeherrscht, mit dem ein kleines Boot, das nicht recht gut am Wind lag, Kap Spencer nicht einmal erreichen konnte, während es, selbst ein Stück draußen in der See, mit Leichtigkeit abfallen und vor dem Wind irgendeinen Teil der Nordküste der Känguruh-Insel erreichen konnte. Außerdem lag flüchtigen Personen gewöhnlich daran, mögliche Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, nicht ihnen die wirklich genommene Richtung anzugeben, und demnach sprach denn alles nur dafür, daß Gentleman John, überdies des neugekauften Schoners ziemlich sicher, mit seiner schönen Beute noch auf der Insel weilte.

Für diese Nacht war freilich nichts mehr zu unternehmen, auch war Rodwell so erschöpft und niedergebrochen, daß er kaum seine Glieder zu regen vermochte. Tolmer bat ihn, sich niederzulegen, um für den nächsten Tag Kräfte zu sammeln – würde er sie doch wahrlich brauchen. Daraufhin band er seine wollene Decke, die er stets bei sich führte, auseinander, rollte sich hinein und legte sich ohne weitere Umstände auf das Sofa nieder.

Als Rodwell sein Schlafzimmer betrat und sein Blick auf das leere, ungemachte Bett des Kindes fiel, da brach noch einmal all der Jammer der zuletzt durchlebten Stunde, die Ahnung seines künftigen einsamen Lebens, mit voller Stärke über ihn herein. Neben dem Bett seines Kindes sank er auf einen Stuhl, und das müde, sorgenschwere Haupt auf die kleinen Kissen gelegt, blieb er in der Stellung, bis der Schlaf ihn übermannte.

Es war ein trauriges Erwachen, und mit ängstlicher Hast betrieb Rodwell die nötigen Vorbereitungen zu ihrem in seinem Erfolg so ungewissen Marsch. Aber seine ganze alte Festigkeit hatte er wiedergewonnen, an seinem Ziel war er sich klargeworden, und als ihn Tolmer fragte, was er zu tun gedenke, wenn sie die Flüchtigen wieder eingeholt hätten, erwiderte er mit fester Stimme:

»Ich will mein Kind zurück. Die unglückliche Frau hat sich ihr Los geworfen. Als sie mich verriet, da wählte sie ihre eigene Bahn, und der mag sie folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das Kind, das mir gehört, von ihr zurückzufordern.«

»Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir den Verführer haben?«

»Gott mag sie schützen und ihr verzeihen«, sagte Rodwell ernst.

»Gut denn«, sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Gürtel unter dem weiten Buschrock, den er angetan, bergend, »dann bleibt uns nur noch übrig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr als ein friedliches Dach gebracht hat. Beim ewigen Gott, das Maß des Burschen ist über und über voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung abzuschließen.«

Rodwell, der mit dem Entschluß zur Tat auch seine ganze Festigkeit und Ruhe wiedererlangt hatte, war indes zum Stall gegangen, um seine beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frühstück nahmen sie Proviant hinter sich aufs Pferd und sprengten in westlicher Richtung davon.

 

Die nächste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley, eines früheren Sträflings, der sich hier angesiedelt hatte und jetzt Besitzer ansehnlicher Herden war. Rodwell wollte hier die ersten Erkundigungen einziehen, Tolmer hinderte ihn aber daran. Es war nicht wahrscheinlich, daß die Flüchtigen, wenn sie wirklich in der Nähe gelandet wären, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berührt haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch fraglich, ob Motley ihnen aufrichtige Antwort gab. Je später sie andere wissen ließen, welchem Ziel sie zustrebten, desto besser war es. Ein Geheimnis, das mehr als zwei Personen teilen, ist eben kein Geheimnis mehr.

Diesem Plane nach passierten sie noch zwei Stationen, ohne weitere Erkundigungen über die Flüchtigen einzuziehen, als sie sich durch eigenes Anschauen verschaffen konnten. Das wußten sie außerdem, daß der Räuber mit der Frau und dem Kinde nie in das Innere der Insel dringen konnte, wo die Känguruh-Distel ein Fortkommen oft unmöglich machte. Lag ihm daran, Kap Borda zu erreichen, so würde das sehr wahrscheinlich zu Wasser geschehen, oder der kleine Zug wäre genötigt, sich auf dem am Strand entlangziehenden Weg zu halten. Auf diesem hatten sie aber bis jetzt noch keine Spuren finden können.

So kamen sie bis Kap Trony, unfern des Mount Torrens. Sie hatten die Nacht wieder, wie sie gewöhnlich taten, im Busch geschlafen und hielten hier nur an, ihren Pferden ein ordentliches Futter geben zu lassen.

Tolmer hatte zwar den Strand abgesucht, ob sie kein Boot irgendwo vor Anker sähen. Sie konnten aber nirgends etwas Ähnliches entdecken und galoppierten eben der nicht mehr fernen Häusergruppe zu, als Tolmer plötzlich Rodwells Arm ergriff und schweigend auf einen dicht am Weg liegenden Gegenstand deutete. – Es waren die Scherben einer Glasflasche, die Milch enthalten hatte, und Rodwell faßte krampfhaft die Zügel seines Tieres und riß es zurück, daß es in sein Gebiß schäumte und knirschend in die Höhe stieg. – Es waren die ersten Spuren, die sie gefunden hatten.

»Jetzt sind wir auf der Fährte«, rief Tolmer, »hier ist der Abdruck von unseres Wildes Schuhen – nein, das muß der Bursche gewesen sein, den sie mit in das Boot genommen haben. Gentleman John hat ihn nach Milch auf die Station gesandt, während die beiden unten im Boot blieben, und der ungeschickte Bursche hat die Flasche zerbrochen. Unser Kapitän Howitt wurde sie nie so leichtsinnig dicht am Pfade haben liegenlassen.«

»Glaubt Ihr, daß wir sie im Hause finden?« fragte Rodwell, und er brachte die Worte kaum über die Lippen.

»Hier? – Gott bewahre«, erwiderte Tolmer. »Sie sind im Boot weitergefahren, und es ist sehr die Frage, ob die auf der Station mehr von ihnen wissen als wir. Jedenfalls müssen wir sehen, was wir von den Leuten herausbekommen, und haben wenigstens die Überzeugung, daß sich das Kind noch wohl und bei gutem Appetit befindet.«

»Gott sei gedankt!« stöhnte Rodwell aus tiefer Brust, und der Seufzer sprach nur zu deutlich die Angst um das kleine, unglückselige Wesen aus, der er weiter keine Worte zu geben wagte.

Was die Spuren betraf, so hatte Tolmer übrigens recht. Nur die Fährten des einen Buschschuhes, die vom Wasser zur Station und wieder genau nach derselben Stelle zurückführten, waren dort zu erkennen, und davon erst einmal überzeugt, sprengten die beiden Reiter rasch den Stationsgebäuden zu.

Ihre Vermutung wurde hier zur Gewißheit. Am gestrigen Morgen hatte ein Mann, der zu einem draußen am Strand auf ihn wartenden Boot gehörte, eine Flasche Milch, eine Flasche Rum und zwei Damper sowie etwas Salz geholt. Der Mann habe vorgegeben, die Milch sei für eine kranke Frau, die sie im Boot hätten, und das bestätigte einer der Viehhalter, dem sie später, ein Kind auf dem Arme tragend, nicht weit vom Torrens-Berg begegnet sei. Sie wurde außer von dem Burschen, der die Milch geholt hatte und jetzt das Gepäck trug, noch von einem fremden Herrn begleitet, den er nicht kannte.

Die beiden Reiter hielten sich nicht länger auf, als nötig war, ihren Pferden einige Ruhe zu gönnen. Dann sattelten sie wieder, derselben Richtung wie bisher zu folgen. Daß sie die richtige Fährte hielten, war überdies gewiß, und Tolmer fand auch bald den Grund, weshalb die Flüchtigen das Boot verlassen und den weit beschwerlicheren Landweg gewählt hatten. Der Wind, der die letzten Tage ziemlich stet von Nordnordost geblasen hatte, war nämlich nach Südwesten umgesprungen. Auch sah das Wetter seit gestern morgen schon so bedrohlich aus, daß jene nicht wagen durften, sich in ihrem schwanken Fahrzeug weit vom Ufer zu entfernen. Jedenfalls lag das Boot irgendwo in einer Bucht versteckt, und wenn sich Gentleman John nicht Pferde zu verschaffen wußte, mußten sie die Flüchtigen vielleicht schon am nächsten Morgen überholen.

Zu Wasser hatten diese übrigens so raschen Fortschritt gemacht, daß sie ihnen noch immer einen Tagesmarsch voraus waren. Jetzt aber blieb den Verfolgern auch dafür die Hoffnung, sie um so rascher einzuholen.


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