Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Kaum hatte sich deshalb der zum Erkunden abgeschickte erste Trupp vor dem heftigen Feuer der sich von allen Seiten auf sie werfenden Buschranger zurückgezogen – wobei sie drei Tote auf dem Kampfplatz lassen mußten –, als Tolmer das Zeichen zum allgemeinen Angriff gab und jetzt besonders die reguläre Truppe mit weit mehr Erbitterung über den heißen Empfang als Vorsicht auf die Räuber eindrang. Sie erreichte auch zuerst den Kampfplatz, und die Buschranger, die am Anfang glaubten, daß sie die ganze Macht des Feindes hier vor sich hätten, richteten auf die roten, leicht zu erkennenden und besonders im Buschkampf höchst unzweckmäßigen Uniformen ihr ganzes tödliches Feuer. Selbst die an der rechten Flanke postierten Männer schossen ihre Musketen nach jener Richtung ab und erhoben ein Siegesgeschrei, als sie sahen, welch schlimme Wirkung ihre Kugeln in dem dichtgedrängten kleinen Trupp der Soldaten anrichtete.

Diesen Augenblick, ehe die Räuber imstande waren, ihre Gewehre wieder zu laden, benutzten die Konstabler, denen sich der Siedler und Bill angeschlossen hatten, mit einem lauten Hurra und bei dem Rasseln einer von den Soldaten geborgten Trommel, aus ihrem Hinterhalt zu brechen. Ohne einen Schuß zu feuern, drangen sie bis auf etwa zwanzig Schritt gegen die bestürzten Buschranger vor und hatten, erst jetzt in tödlicher Nähe ihre Musketen und Doppelflinten auf sie entladend, im Nu den Verhau gestürmt, der den Räubern bis dahin Schutz gewährt hatte.

Zu ihrem Beistand war zwar von Gentleman John der ganze Stamm der Australier bestimmt worden, der mit seinen Speeren einen dort angreifenden Feind in der Flanke fassen sollte. Bukkul aber, nicht gesonnen, das Boot außer acht zu lassen, hatte seinen Leuten insgeheim Gegenbefehle gegeben, und während die überraschten Buschranger jetzt in panischem Schreck zu dem Haupttrupp der Ihren flohen, glitten die Australier, von den Frauen und Kindern gefolgt, der Stelle zu, wo das Boot, nur von einigen überhängenden Bäumen verdeckt, flott im Strome lag.

Gentleman John übersah mit einem Blick die über ihn hereinbrechende Gefahr. Rotkopf, den er zum ersten Leutnant seiner Schar gemacht, hatte freilich sogar für diesen von dem schlauen Buschranger vorhergesehenen Fall seine Instruktionen – durfte er aber selbst diesem trauen? Da antwortete eine Musketensalve vom Boot her seinem ängstlichen Zweifel. Die dort gestörte Schar hatte, dem Befehl des Anführers getreu und auch im eigenen Trieb der Selbsterhaltung, ohne weiteres auf die befreundeten Australier Feuer gegeben, und laut aufheulend in Schmerz und Wut wichen diese den wohlgezielten Kugeln der Verräter.

Dies plötzliche Feuer im Rücken aber erfüllte den vorderen Trupp der Buschranger, die von diesem Befehl keine Ahnung hatten und sich von allen Seiten umzingelt glaubten, mit Entsetzen. Und während John, die augenblickliche Verwirrung benutzend, zurück zu dem Boot sprang, warfen sich einige von seinen Leuten voller Verzweiflung und alles verloren glaubend in den Strom, das gegenüberliegende Ufer durch Schwimmen zu gewinnen, während andere neben den Feinden hin in das Dickicht zu entkommen suchten.

Der Siedler sowohl wie Bill, die bei dem siegreichen Flankenangriff beteiligt waren, hatten indessen unter den Räubern beide ihren gemeinsamen Feind erkannt, und ohne sich um die anderen zu kümmern, deren zersprengter Schwarm meist niedergeschossen wurde oder den Konstablern in die Hände fiel, sprangen die beiden Männer hinter der flüchtigen Gestalt des Räubers her, mitten in das Lager hinein.

John wußte recht gut, daß er keinen Augenblick zu versäumen hatte, sich und einige wenige der Seinen in dem Boot in Sicherheit zu bringen. Was kümmerten den Räuber die übrigen; sie hätten an seiner Stelle dasselbe getan. Jetzt gerade war der günstigste Moment, da die Feinde durch das Ausbrechen des überraschten Vortrupps vollauf beschäftigt und aufgehalten wurden. Ohne sich deshalb auch nur nach denen, die er befehligt hatte, umzusehen, und völlig gleichgültig dagegen, was aus ihnen würde, umsprang er die nächste Verschanzung, hinter der noch der letzte Rest ihrer Vorräte aufgeschichtet lag.

Von dort aus konnte er das Boot erkennen. Rotkopf stand im Spiegel, das Steuer in der Hand, sechs oder sieben seiner Schar hatten teils Riemen, teils Stangen aufgegriffen, das Fahrzeug, sowie der Befehl gegeben wurde, vom Ufer zu stoßen, und zwei andere waren gerade beschäftigt, eine dünne Ankerkette, die um einen Baum am Ufer geschlungen war, loszuwerfen. Es schien die höchste Zeit, daß er sich seinen Leuten zeigte, fühlte er sich doch nicht einmal ganz sicher, daß selbst Rotkopf auf ihn warten würde, wenn der, Gefahr für sich sehend, das Boot, von allen Hindernissen frei, im Strom hatte.

Kaum noch hundert Schritt war er von diesem entfernt, und er wollte eben einen im Weg liegenden Gumbaum überspringen, als sich ihm dort die drohende Gestalt seines alten Bekannten, des Siedlers, in den Weg warf, der ihm, das Gewehr auf ihn angelegt, ein donnerndes »Halt, verdammte Bestie!« entgegenrief. Zu gleicher Zeit hörte er flüchtige Schritte hinter sich, und, den Kopf scheu zurückwendend, erkannte er Bill, den früheren Postillon der »Royal Mail«, der, sein abgeschossenes Gewehr am Lauf haltend, mit gehobenem Kolben hinter ihm dreinsprang.

»Ergib dich, Kanaille«, donnerte der Siedler dem Buschranger entgegen, »oder, beim ewigen Gott, ich schicke dir eine Ladung Blei durchs Hirn!«

»Schieß und sei verdammt!« knirschte der Buschranger durch die Zähne, denn er hatte nur noch die Wahl zwischen dem Tod auf dem Schlachtfeld oder am Galgen; und mit raschem Ansprung wollte er sich auf den Gegner werfen. Da berührte dessen Finger den Drücker, und um Johns Leben wäre es geschehen gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick jemand dazwischengeworfen.

Es war Lloko, die er mit allen ihres Stammes gerade dem Feind überlassen wollte. Mit der kurzen Kriegskeule in der Hand, die sie zu ihrer Verteidigung aufgegriffen hatte, schmetterte sie das drohend auf ihn gerichtete Rohr zur Seite, als es seine tödliche Ladung gegen ihn entsandte. Der zweite, blitzschnell dem ersten folgende Schlag war gegen das Haupt des Weißen gerichtet, und der ehrliche Siedler brach, von dem harten Holz getroffen, bewußtlos zusammen.

John, der sich jetzt nur noch von einem, und zwar dem am wenigsten gefährlichen Gegner bedroht sah, schöpfte wieder neue Hoffnung.

»Brav, Lloko!« rief er, indem er geschickt dem Kolbenschlag Bills auswich. »Du verstehst es viel besser als der Tölpel hier.« Im gleichen Moment unterlief er den im Buschkampf weniger geübten Rosselenker, und Bill fühlte nur noch ein paar unbestimmte dumpfe Schläge, die ihm der geübte Boxer auf Stirn und Schläfe gab, als er, wie von einem Schmiedehammer getroffen, zusammenknickte.

Drei, vier Schüsse wurden jetzt von einzelnen der Konstabler, die den Kampf aus der Ferne gesehen hatten, herübergefeuert, und die Kugeln schlugen links und rechts in die Bäume ein. Unversehrt aber sprang John, von Lloko dicht gefolgt, dem Boote zu, das in diesem Augenblick seine Kette freibekommen hatte.

»Höchste Zeit, daß Ihr kommt, Johnny!« rief diesem Rotkopf entgegen, »Teufel noch einmal, es wird Zeit, daß wir abschieben – an Bord, sag ich – an Bord, oder wir haben die Rotjacken am Hals, ehe wir's denken. – Soll denn die Schwarze mit?«

John blickte, noch wägend, zu Lloko hinüber, die sich aber, ohne auf die Frage zu achten, in den Strom warf und zu dem Boot schwamm und an Bord kletterte. Zeit zum Überlegen blieb überhaupt nicht, und Gentleman John mußte ihrem Beispiel folgen, wollte er nicht selbst zurückgelassen werden. Seine Brieftasche zwischen den Zähnen, stieg er in den Strom und hatte kaum eine ihm zugereichte Stange ergriffen, sich hinüberziehen zu lassen, als die ersten der Feinde schon auf der Uferbank erschienen und rannten, das Boot am Abfahren zu hindern. In wenigen Sekunden war der Führer der Buschranger an Bord, und mit Stangen und Riemen arbeitete die kleine Schar, die Mitte des hier ziemlich breiten und tiefen Stromes zu gewinnen.

Durch das Geschrei der Konstabler angelockt, eilte jetzt auch ein kleiner Trupp der bis zu dem verlassenen Hauptlager vorgedrungenen Soldaten herbei, und diese feuerten, als sie das Boot im Wasser sahen, ihre Gewehre darauf ab. Zwei der Buschranger wurden getötet, und John erhielt eine Streifwunde an der Schulter. Das schilfige Ufer verhinderte hier aber, daß ihnen die Feinde rasch folgen konnten, und ehe diese wieder geladen hatten, waren die Fliehenden aus dem Bereich ihrer Kugeln.

Schweren Stand würden die flüchtigen Räuber freilich trotzdem gehabt haben; denn Tolmer führte einen Teil seiner Leute auf einem ihm bekannten Pfad den Strom hinab, wo sie, wenn sie vor dem Fahrzeug eintrafen, den an dieser Stelle wohl sehr tiefen, aber nicht breiten Strom sehr leicht überschießen konnten.

Ein scharf einsetzender Nordwestwind begünstigte aber die Verbrecher. Nachdem sie die beiden Leichen der getöteten Kameraden ohne weitere Zeremonie über Bord geworfen und ihr kleines Boot dadurch wesentlich erleichtert hatten, setzten sie das schon bereitliegende Segel und glitten jetzt, weit schneller, als ihnen das mit Rudern möglich gewesen wäre, den leicht gekräuselten Strom hinab.

Als die Verfolger die erwähnte Stelle erreichten, konnten sie eben noch in der Ferne, gerade dort, wo der Murray breit und sumpfig in den Viktoriasee einmündet, das lichte Segel der Räuber erkennen; an ein weiteres Nachsetzen ohne Boote war nicht zu denken.

Zwar wurden solche so rasch wie möglich vom Ufer des Sees her requiriert, und der Anführer der Polizei hatte immer noch die Hoffnung, die flüchtigen Feinde wieder aufzuspüren, die, wie er glaubte, es nicht wagen würden, die gefährliche Einfahrt in die Encounter-Bay und in die offene See zu versuchen.

Was aber blieb den zur Verzweiflung getriebenen Männern anderes übrig als jetzt, mit den Mitteln ausgestattet, das Land ihrer Knechtschaft, das für sie entsetzliche Australien, zu verlassen, auch das Äußerste dafür zu wagen. Sie alle wußten, daß sie, einmal in die Hände des Gerichts gefallen, rettungslos der Strick des Henkers erwarte, und was war dagegen die tosende Brandung, die ihnen am nächsten Abend ihren weißen Kamm entgegenwälzte.

Rotkopf, ein alter Matrose, der früher wegen versuchter und wahrscheinlich auch schon ehedem ausgeführter Seeräuberei deportiert worden war, übernahm die Führung des kleinen Fahrzeugs, von dem aus er erst eine Zeitlang den Gang der Brandung beobachtete. Dabei fand er bald, daß sie sich in ziemlich hohen und gefährlichen Sturzwellen gegen die einzige Ausfahrt heranwälzte. Zwischen den verschiedenen Sturzwellen aber, und regelmäßig nach der dritten, trat eine kurze Ruhe mit stillem Wasser ein, die ihnen die Möglichkeit ließ, hindurchzukommen. Der Wind war ihnen günstig, und benutzten sie ihre Zeit kaltblütig und geschickt, so war, das sah er bald, die Ausfahrt möglich.

Ohne Zögern wurden deshalb die nötigen Vorbereitungen getroffen. Mit dem scharfen Bug glitt das kleine, schwankende Fahrzeug zitternd der Flut entgegen, als ob es erbebe vor der nahenden Gefahr. Rotkopf aber handhabte das schmucke Boot mit sicherem Blick. Das Segel wurde, als sie die Brandung fast erreicht hatten, eingeholt, nur die Ebbe führte sie jetzt mit starker Strömung der furchtbaren Stelle zu. – Ein Zurück war schon nicht mehr möglich – vor ihnen bäumten sich die gläsernen Mauern und schüttelten ihnen drohend die weißen, sonneblitzenden Mähnen entgegen – es war die dritte Brandungswelle, die fast über ihren Häuptern hing. Jetzt schmolz sie wie ein Hauch in sich zusammen, und rechts und links vom Boot zischte und tanzte der silberblinkende, wirbelnde, kochende Schaum.

»Euer Segel auf!«

Im Nu faßte es der Wind und riß das Boot durch den gärenden Strudel hin. – Schon hob sich die neue Woge wieder bäumend auf, und hinter dem Spiegel des kleinen Fahrzeuges quoll es empor in riesenhafter Größe – noch wenige Sekunden, und es hätte dem Schiff den Wind genommen und es hineingezogen in den Wasserberg – aber die Ebbe half den Räubern über die Gefahr. Zischend schoß das schlank und trefflich gebaute Boot der offenen Flut, der freien See entgegen, und jauchzend, jubelnd begrüßten die Geretteten das Meer!


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