Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Er war in die gewöhnliche rauhe Buschtracht gekleidet, jetzt aber in seinen Bewegungen behindert, da er das schon geschlachtete Schaf auf den Schultern trug und dabei mit der rechten Hand seine Muskete festhielt.

»Holla, Bill!« rief er, indem er, dicht vor der Tür, mit dem einen Fuß dagegentrat. »Zum Teufel auch, mach einem den Deckel auf – oder schläft die Kanaille schon wieder?«

Tolmer sagte kein Wort, aber wie er dem Matrosen winkte, die Tür zu öffnen, zeigte er ihm ein gespanntes Pistol als Warnung, was ihm selber drohe, wenn er sie verraten wolle. Bill dachte jedoch an nichts Derartiges, denn, selber ein ehrlicher Kerl, hätte er schon lange die Gesellschaft dieser Burschen, die ihn gewissermaßen als Diener behandelten, gemieden, würde er nur gewußt haben, wohin er sich wenden sollte. Jetzt, da es sich herausstellte, daß seine bisherigen Gefährten das wirklich waren, wofür er sie seit den letzten Tagen heimlich gehalten, wäre er der letzte gewesen, mit ihnen »in einen Topf zu springen«. Ruhig öffnete er die Tür für den ›Lahmen Tom‹, wie der Buschranger von seinen Kameraden genannt wurde, weil er ein klein wenig hinkte.

»Hier«, sagte dieser noch vor der Tür, »nimm mir einmal das Schaf ab – na, wird's bald? Soll ich's etwa noch eine Stunde auf dem Buckel haben?«

Tolmer winkte dem Matrosen, den Ankommenden in die Hütte zu rufen, denn war sein Kamerad in der Nähe, so wurde er durch einen Lärm vor der Hütte gewarnt.

»So kommt doch herein damit«, sagte Bill, »oder habt Ihr Angst, daß Ihr den Fußboden schmutzig macht?«

»Damit man nachher die Decken im Blut herumschmiert, nicht wahr?« sagte der Buschranger, der schon lange die Geduld verloren hatte. »Hölle und Verdammnis, da holt's Euch selbst.« Und mit einem Ruck warf er das Schaf vom Rücken ab und auf den Boden nieder. Jetzt war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und ehe er nur seine Muskete ordentlich fassen konnte, stand Tolmer draußen neben ihm, packte ihn um den Leib und schleuderte ihn zu Boden.

»Hilfe, John! Teu–.« Mehr konnte er nicht sagen, denn Borris hatte ihm mit großer Geschicklichkeit ein Tuch in den Mund geschoben, jeden weiteren Aufschrei zu ersticken – aber zu spät. Tolmers rasch umherschweifender Blick erkannte eine dunkle Gestalt in den Büschen, die, wie sie erschienen war, ebenso auch wieder verschwand, und ärgerlich mit dem Fuße den Boden stampfend, rief er aus:

»Das haben wir schlau gemacht – da geht der Hauptfuchs zum Teufel, und jetzt können wir den ganzen Busch von einem Ende zum anderen umdrehen, ehe wir ihn wiederfinden.«

»Habt Ihr ihn gesehen?« rief Borris rasch.

»Wie eine Erscheinung, gerade hinter jener Kasuarine«, sagte Tolmer. »Aber nehmt den Vogel wenigstens einmal in die Hütte hinein, daß wir sehen, was wir aus ihm herausbringen können.«

Das geschah. Der Lahme Tom machte aber, wenn sie auf seine Hilfe gerechnet hatten, ihre Hoffnungen zuschanden, denn er beantwortete keine ihrer Fragen.

»Hol Euch der Böse«, knirschte er zwischen den Zähnen, als man ihm das Tuch wieder aus dem Munde nahm. »Ihr seid alle über einen hergefallen wie ein Rudel feiger Dingos über ein einzelnes Schaf, das ich war – jetzt macht mit mir, was ihr wollt, aber laßt mich ungeschoren, denn verdammt will ich sein, wenn ich Euch auf weitere Sprünge helfe.«

Aus dem Burschen war in der Tat nichts weiter herauszubringen, und Tolmer schickte ihn, mit Handschellen und von zweien seiner Leute bewacht, zum Schoner hinunter. Die ihn transportierten, sollten dann so rasch wie möglich wieder zurück zu der Rindenhütte kommen, hier die weiteren Anordnungen zu hören.

Tolmer fürchtete, daß durch die Flucht Mulligans ihr ganzer Plan vereitelt sei und Mulligan wahrscheinlich den anderen Trupp augenblicklich vor ihnen warnen würde. Dem aber widersprach Borris.

»Haben sich die beiden Parteien miteinander gestritten«, sagte dieser, »so wird Mulligan weit eher glauben, daß ihn jene verraten hätten, um ihn loszuwerden, und sich dann wohl hüten, an ihr Feuer zu laufen. War er das aber, den Ihr im Busch gesehen habt, und ich zweifle keinen Augenblick daran, so fürchte ich, ist es ein hoffnungsloses Unternehmen, ihn mit so wenigen Leuten auf der großen Insel einfangen zu wollen. Von den Stationshaltern dürfen wir nicht die geringste Hilfe erwarten, das haben wir an Lindsay gesehen. Obwohl er selbst viel Geld geben würde, die Schufte aus dem Wege zu haben, will er doch sein eigenes Haus nicht der Gefahr aussetzen, von ihnen in Brand gesteckt zu werden. Und wo sollen wir den schlauen Gesellen jetzt suchen? Am Ende wär es am besten, wir legten ihm hier in der Hütte eine Falle; jedenfalls hat er seine Munition und seine Decke hier, und ohne beides kann er nicht lange im Busch aushalten.«

»Da möchten wir lange warten«, sagte Tolmer lachend, »ehe der alte Fuchs wieder daran denkt, hier zu Bau zu kriechen. Wo er sich die Munition, die er ohne Zweifel jetzt besitzt, verschafft hat, bekommt er auch mehr, und ebenso eine wollene Decke. Übrigens haben wir noch eine Weile Zeit, die Hütte zu untersuchen, und Bill kann uns vielleicht sagen, ob er weiß, wo die Munition versteckt ist.«

Es verstand sich von selbst, daß der Verbrecher etwas so Wertvolles, wie es Pulver ist, nicht frei und offen liegenlassen würde. Bill wußte nichts davon. John Mulligan hatte sich wohl gehütet, ihn zum Vertrauten zu machen, und die Durchsuchung der Hütte blieb ebenfalls erfolglos.

Indessen waren die Leute hungrig geworden, und einer von ihnen holte das Schaf in die Hütte, ihr Frühstück damit zu bereiten. Der Damper war ebenfalls gebacken, und mit Tee und Zucker, beides fanden sie in der Hütte, hielten sie ein vortreffliches Mahl. Auch die zwei mit dem Gefangenen zum Schoner geschickten Polizeisoldaten kamen zurück, und es wurde ein ordentlicher Kriegsrat gehalten, ob sie sich, die ganze Sache als verfehlt betrachtend, wieder einschiffen oder noch einen Versuch unternehmen sollten, den anderen Trupp von vier Mann auszuheben.

Fast alle entschieden sich für das letztere, Tolmer aber wollte sichergehen, jenen Mulligan in ihre Gewalt zu bekommen, und da es doch möglich war, daß er sich noch in der Nähe aufhielt, um die Hütte wieder aufzusuchen, sollten zwei Mann von seinen Leuten hier versteckt bleiben und den Flüchtigen tot oder lebendig in ihre Gewalt zu bekommen suchen. Bill, der Matrose, erbot sich allerdings, mit aufzupassen, Tolmer aber wollte das nicht riskieren, denn er war nicht gewohnt, einem Fremden gleich nach der ersten Stunde Bekanntschaft zu trauen. Dagegen konnte ihnen der handfeste Seemann von trefflichem Nutzen bei dem Fang der übrigen sein, indem er seine kleine Schar ja ohnedies noch durch die Wache in der Rindenhütte schwächen mußte.

Nach Lindsays Beschreibung kannte Borris ganz genau die Stelle, wo jene Buschranger lagerten, aber es schien unmöglich, sie am Tage dort zu überraschen. Erstlich glaubten sie kaum, daß sich die Buschranger tagsüber an ihrem Lagerplatz aufhalten würden, und dann hätte der Trupp auch keinesfalls ungesehen an sie heranschleichen können. Würden sie aber bemerkt, so kam es jedenfalls zu einem Kampf auf Leben und Tod, den Tolmer, so lange es anging, vermeiden wollte. Blieb ihm keine andere Wahl, gut, so mußte selbst das riskiert werden.

Damit im reinen, hielten sie sich in der Hütte, bis sich die Sonne gegen den Horizont neigte, denn sie waren sicher, daß die mit John Mulligan verfeindeten Buschranger nicht hierherkommen würden, und draußen hätten sie ihnen leicht zu früh begegnen können. Nur ein Bote wurde hinüber nach Cooleys Station geschickt, Mr. Lindsay von dem bisherigen Resultat in Kenntnis zu setzen, denn Tolmer wußte nicht, ob er seine Hilfe vielleicht morgen in Anspruch nehmen müsse. Lindsay war aber schon wieder nach Hause geritten, und der zu ihm gesandte Polizist mochte ihm dahin nicht folgen, um keinen unnötigen Verdacht zu erregen.

Borris, mit dem Busch vertraut, führte zur bestimmten Zeit die kleine Schar sicher in die Gegend, in der er das Lager der Verbrecher wußte. In dessen Nachbarschaft angelangt, blieb ihnen aber nichts weiter übrig, als erst den vollen Einbruch der Nacht abzuwarten; dann schlichen sie vorsichtig dem Lager der Sträflinge zu, bis sie das Feuer sehen konnten.

Es war aber immer noch nicht dunkel genug, und Tolmer ließ seinen kleinen Trupp in einem Dickicht versteckt, um vorher selbst den Platz einmal zu erkunden.

Auf Händen und Füßen, jeden Strauch und Baumstamm nutzend, die ihn decken konnten, kroch er näher und näher zu dem Feuer, und da er auch die Vorsicht gebraucht hatte, den Wind zu beachten, für den Fall, daß sie Hunde bei sich haben sollten, kam er bald nahe genug, die sich um die Glut her bewegenden Gestalten deutlich zu erkennen. – Es waren aber mehr als vier Männer, die sich dort gelagert hatten, denn von da aus, wo er sich befand, konnte er klar und deutlich fünf Personen unterscheiden, die bald ausgestreckt am Feuer lagen, bald aufstanden und um die Flammen herumgingen. War Mulligan doch zu ihnen gestoßen, sie zu warnen? Aber dann wären sie keinesfalls an ihrem alten Lagerplatz geblieben, und wer konnte der fünfte sein?

»Mit gefangen, mit gehangen«, murmelte Tolmer vor sich hin; und fest entschlossen, sich die schon halb im Netz sitzende Beute nicht wieder entgehen zu lassen, kroch er zu den Seinen zurück und teilte ihnen den Plan mit, den er sich in der Schnelle entworfen hatte.

Die Dämmerung ist in Australien außerordentlich kurz, und fast unmittelbar nach der sinkenden Sonne tritt auch die Nacht ein. Die Polizeileute brauchten deshalb nicht lange im Hinterhalt zu liegen, und Tolmer verließ jetzt seine genau instruierte Mannschaft, das beschlossene Wagnis auszuführen.

Er umschlich das Lager in einem weiten Bogen, bis er es zwischen sich und die Seinen brachte, ging dann noch eine Strecke in den Busch hinein, von den Buschrangern fort, und ließ dort den in Australien gebräuchlichen und von den Australiern übernommenen Waldruf »Ku-ih! – Ku-ih!« erschallen.

Am Anfang war alles ruhig, und niemand antwortete ihm; endlich aber, nachdem die Buschranger wahrscheinlich miteinander beraten hatten, daß jemand, der so laut im Wald herumschrie, ihnen schwerlich gefährlich sein könne, antwortete einer von ihnen mit dem gleichen Laut, und Tolmer brach jetzt, soviel Geräusch wie irgend möglich machend, durch die Büsche dem Lagerplatz zu.

Diesen erreichte er bald und fand hier die kleine Schar von Verbrechern, die Musketen im Anschlag, seiner harrend am Feuer.

»Holla«, redete ihn einer von ihnen an, »was habt Ihr denn da bei Nacht und Nebel im Wald herumzuschreien?«

»Gott sei Dank«, sagte Tolmer, wie er nun den freien Platz erreichte, »da sind doch wenigstens Menschen mit einem vernünftigen Feuer. Ich glaubte schon, ich müßte die Nacht draußen allein unter einem Baum liegenbleiben. – Wie geht's miteinander?«

»Hm, gut«, antwortete der eine von der Schar, »aber wo kommt Ihr her?«

»Vom Nordufer«, sagte Tolmer, auf alle Fragen vorbereitet. »Ich wollte nach Cooleys Station, habe aber den Weg verfehlt und bin in den verdammten Känguruhdornen beinahe umgekommen. Wie weit ist's noch bis dahin, und führt ein Weg hin?«

»Verwünscht wenig, was Ihr von einem Weg bis dahin finden werdet«, brummte ein anderer. »Wenn Ihr nicht nach den Sternen marschiert, könnt Ihr Euch ein Jahr lang im Busch herumdrehen.«

»Wie weit habe ich wenigstens bis zum Strande?« fragte Tolmer wieder, der mit raschem Blick die Schar überflogen hatte und sich jetzt mit dem Rücken zum Feuer stellte, daß sein Gesicht nicht zu hell beleuchtet wurde. Er fühlte sich doch nicht so recht sicher, ob ihn nicht einer oder der andere von den Burschen kannte. Ebenso hatte er schon bemerkt, daß es nur vier Weiße und ein Australier waren, den sie irgendwo aufgelesen haben mochten.

»Bis zum Ufer«, sagte der erste wieder, »mag es etwa drei Meilen sein, wenn Ihr in gerader Richtung ausschreiten könnt.«

»Am Strande führt ein Weg hin, nicht wahr?«

»Ja; aber Ihr seid doch nicht mitten durch die Insel gekommen?«

»Mittendurch.«

»Da wundert's mich, daß Ihr noch einen Fetzen Zeug auf dem Leibe habt«, sagte der Buschranger, der von dem einzelnen Mann keine Gefahr fürchtete und sein Gewehr neben sich wieder an den Baum lehnte.

»Wenn ihr nichts dagegen habt«, meinte Tolmer, indem er seinem Beispiel folgte und seine Doppelflinte ebenfalls abnahm und neben die des Burschen stellte, »so ruhe ich mich hier bei euch erst ein wenig aus. Kann man für Geld und gute Worte einen Becher Tee und ein Stück Damper bekommen?«

»Für Geld nicht, für gute Worte ja«, sagte der Buschranger, der den Gast aber noch immer aufmerksam betrachtete. »Ihr seid ein Seemann, wie?«

»Ein Stück von einem«, sagte Tolmer lachend.

»Irgendwo ausgekniffen, he?«

»Mit französischem Urlaub, ja; von einem Handelsschoner, der hier anlegte. Hol der Teufel das Wergzupfen an Bord! Findet sich denn wohl einmal Gelegenheit, von hier nach dem festen Land hinüberzukommen?«

»Möglich«, sagte der Buschranger, »habe mich noch verwünscht wenig darum gekümmert.«

»Damper ist fertig«, brummte jetzt einer der anderen, der das Kochgeschäft besorgte. Der, mit dem Tolmer bis jetzt gesprochen, wandte sich wieder zu ihm und sagte:

»Setzt Euch zum Feuer nieder und eßt mit, was wir haben.«

»Dank euch«, meinte Tolmer, »werde mir das nicht zweimal sagen lassen. Wetter noch eins, ich habe den Rheumatismus in den Rücken gekriegt und habe gräßliche Schmerzen; vielleicht daß es die Hitze wieder herauszieht. Mit Eurer Erlaubnis.« Damit kauerte er sich ohne weiteres beim Feuer nieder, aber so, daß er ihm den Rücken zudrehte und die beiseite gestellten Gewehre im Auge behielt. Es war ihm aber auch nicht entgangen, daß der Australier, der etwas abseits vom Feuer saß, schon ein paarmal auf irgendein Geräusch aufmerksam wurde und den Kopf dann jedesmal horchend emporhob. Glücklicherweise nahm aber das gerade fertig gewordene Abendbrot die Aufmerksamkeit der Buschranger für den Augenblick in Anspruch, und alle setzten sich zum Feuer, den Wortführer ausgenommen, der zu dem Gewehr seines Gastes ging, es ohne viele Umstände in die Höhe nahm und genau betrachtete.


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