Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Mitten in dem kleinen Gemach stand ein Kinderbettchen, in dem ein vielleicht einjähriges Kind lag, auf dem Sofa aber in der Ecke, das Antlitz in die Kissen gedrückt, die Haube neben sich am Boden, lag die junge Frau regungslos wie eine Tote.

Tolmer trat erschrocken zurück – er hatte nicht indiskret sein wollen und kein Recht, sich dem geheimen Kummer einer Unglücklichen aufzudrängen. Aber er hatte sein Ziel fest im Auge und konnte und durfte das Haus nicht wieder verlassen, ohne Näheres über jenen Mann gehört zu haben, und leise wieder zurücktretend, daß die junge Frau nichts bemerkte, machte er draußen lautes Geräusch an der Haustür, trat dann fest auf, ging den Vorraum entlang und klopfte endlich an die Kammertür.

»Wer ist da?« rief in demselben Augenblick eine ängstlich erschrockene Stimme, und zugleich öffnete sich die Tür, aus der dem Polizeimann das reizendste Wesen entgegentrat, das er je gesehen zu haben glaubte. Er brachte auch im Anfang wirklich nicht ein Wort über die Lippen und fing schon an, sich über sich selbst zu ärgern, als die junge Frau, die sich zuerst gesammelt hatte, ruhig fragte:

»Was steht zu Euren Diensten und wen sucht Ihr?«

»Mr. Rodwell«, erwiderte da Tolmer, rasch gefaßt. »Hab ich vielleicht das Vergnügen, Mrs. Rodwell vor mir zu sehen?«

Die Frau neigte leise ihr Haupt, ohne ein Wort weiter zu erwidern, aber ihr Blick flog indessen forschend über des Fremden Züge. Wer war er, und wo kam er so plötzlich her?

»Und könnt Ihr mir sagen, wo und wann ich vielleicht Mr. Rodwell treffen möchte?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte die Frau, und Tolmer kam es vor, als ob sich die bleichen Wangen etwas röteten, »er ist nach Adelaide gefahren, und ich erwarte ihn erst morgen oder übermorgen wieder zurück.«

»So?« sagte Tolmer, indem er fest dem auf ihm haftenden Blick begegnete, bis die Frau den ihren zu Boden senkte.

»Habt Ihr Geschäfte mit ihm?« fragte diese endlich, die sich gewaltsam zu sammeln schien.

»Ja und nein«, erwiderte der Polizeimann ruhig. »Ich suche eigentlich nur ein paar Stiere, die mir vom Südufer der Insel fortgelaufen und in den Busch geraten sind, und wollte ihn fragen, ob er nichts von ihnen hier gesehen hat. Doch die Frage kann mir jeder andere wohl ebenfalls beantworten, und irgendeiner Eurer Leute oder Nachbarn wird mir gewiß darüber Auskunft geben.«

»Unsere beiden Arbeiter sind im Feld«, erwiderte Mrs. Rodwell, »wenn Ihr Euch vielleicht dorthin bemühen wolltet.«

»Euer nächster Nachbar wohnt wohl nach Westen zu?« fragte Tolmer.

»Nach Westen zu – wieso?«

»Ach, ich meine nur – ich sah die frischen Spuren eines europäischen Stiefels dort im Pfad. Wie weit ist es in der Richtung bis zum nächsten Haus?«

»Eine nicht unbedeutende Strecke«, erwiderte Mrs. Rodwell, und wieder entging es dem scharfen Blick des Polizeibeamten nicht, daß eine leichte Röte ihr Antlitz, wenn auch nur einen Augenblick lang, überflog. »Aber selbst von dorther kommen sie manchmal, verlorengegangenes Vieh zu suchen.«

»Ja – das glaube ich gern«, sagte Tolmer nachdenkend, »hm, da war der, von dem ich die Spuren gesehen habe, wohl gar am Ende auch in solchen Geschäften aus und könnte mir die beste Kunde geben. Kennt Ihr ihn, Madame, und habt Ihr gesehen, wer es war?«

»Ich? – Nein«, sagte die Frau ruhig. »Er war nicht hier im Haus.«

»Dann bitte, entschuldigt, daß ich hier so ohne weiteres eingebrochen bin«, sagte Tolmer, sich leicht verbeugend. Er wußte jetzt genug und war überzeugt, daß die Frau, die sogar ableugnete, den Fremden auch nur gesehen zu haben, ihm nie einen weiteren Aufschluß über jenen geben würde. Wenige Minuten später schritt er langsam durch den kleinen Garten zu einem anderen zu dem Haus gehörenden Gebäude, in dem die Ställe und Vorratskammern untergebracht zu sein schienen und wo er einen Arbeiter beschäftigt sah, einen kleinen Wagen auszubessern.

Der Polizeimann hatte von diesem weitere Erkundigungen einziehen wollen, aber das Gesicht des Mannes gefiel ihm nicht. Der Bursche gehörte offensichtlich zu dem Teil der Bevölkerung Australiens, der sich aus entlassenen oder beurlaubten Sträflingen zusammensetzte, und einen solchen durfte er nicht ahnen lassen, was er hier suche. Deshalb seinen Vorwand beibehaltend, sich nach entlaufenem Vieh zu erkundigen, fragte er nur oberflächlich nach der dortigen Nachbarschaft und denen, die den Platz zuzeiten besuchten. Er bekam aber auch hier nur ausweichende Antworten, denn Bradley, so hieß der Bursche, war in der Tat einer der wenigen mit Gentleman John entkommenen Verbrecher, der sich hier als Pferdeknecht verdungen hatte, seine Zeit abzuwarten. Tolmer schöpfte aber erst dann Verdacht gegen ihn, als er die angeblich gesuchten, in Wirklichkeit gar nicht existierenden Zugtiere genauso, wie er sie auf gut Glück beschrieb, vor einigen Tagen an der Ostspitze der Insel gesehen haben wollte. Gentleman John war in westlicher Richtung fortgegangen.

Der schlaue Polizeibeamte ließ sich jedoch nicht das geringste merken, dankte für die Auskunft und verließ, der bezeichneten Richtung folgend, den Platz. Sein Boot lag in der Wegran-Bay, und er war fest entschlossen, ohne hier weiter einen Augenblick Zeit zu versäumen, so rasch wie irgend möglich nach Adelaide zurückzukehren.

 

In der Hauptstadt Süd-Australiens glücklich angelangt, stattete er augenblicklich dem Gouverneur Bericht ab, und dieser war gern bereit, ihm eine Abteilung Militär mitzugeben, die flüchtigen Verbrecher auszuheben. Tolmer dagegen erbat sich Freiwillige, denn er wußte recht gut, mit welchem Feind er es hier zu tun bekam und daß sich der in die Enge getriebene Buschranger wie ein Verzweifelter wehren würde. Außerdem kannte er die Hilfsquellen nicht, die ihm dort zu Gebote standen, und ob sich im Innern der wilden Insel nicht am Ende noch eine größere Zahl von Verbrechern versteckt hielt, als er jetzt vermuten konnte.

Zu groß durfte er seine Schar aber auch nicht wählen, denn immer noch mehr erhoffte er sich von der List als von Gewalt, und als sich zwanzig zuverlässige Leute gemeldet hatten, nahm er noch seinen Sergeanten, einen gewissen Borris, dazu, und ließ die Mannschaft auf zwei ihm von der Regierung überlassenen Booten sich nach der Känguruh-Insel einschiffen.

Tolmer wollte seine Leute südlich von Kap Borda landen lassen und von dort aus dann seine weiteren Anordnungen treffen. Er hatte ihre Abfahrt auch soviel wie möglich beeilt, da er herausbekommen, daß vor einigen Tagen ein Schoner in Adelaide angekauft und, nach Kap Borda bestimmt, abgegangen sei. Das mußte derselbe sein, auf dem Gentleman John seine Flucht bewerkstelligen wollte, und dem zuvorzukommen hatte er keine Minute Zeit mehr zu versäumen.

Die Boote lagen im Adelaide-Port mit Wasser und Proviant versehen, und Tolmer, der eben seine letzten Instruktionen und Vollmachten eingeholt hatte, ging am Kai entlang, wo weiter unten sein Sergeant auf ihn wartete.

Wenig achtete er dabei auf die Menschen umher, denen er begegnete oder die er überholte, er war viel zuviel mit seinen eigenen Gedanken und Plänen beschäftigt, als ihn plötzlich ein laut gerufener Name aufmerksam machte.

»Mr. Rodwell!« rief eine feine Stimme hinter einem dicht vor ihm hinschreitenden Manne her, der, ein langes Fernrohr umgehängt, sich nach dem Ruf umdrehte. Es war eine hohe, männliche Gestalt mit blondem, gelocktem Haar, blauen Augen und unendlich gutmütigen, offenen Zügen. Als Tolmer an ihm vorüberschritt, hatte ihn der kleine, ihm nachgelaufene Bursche erreicht und brachte ihm eine Zigarrentasche, die er im Hotel hatte liegenlassen. Rodwell dankte ihm lächelnd und gab dem darüber sehr vergnügten Burschen eine kleine Münze, steckte die Tasche ein und verfolgte seinen Weg weiter.

Rodwell hieß, wie Tolmer sich recht gut gemerkt hatte, der Mann auf der Känguruh-Insel, dem das freundliche Haus und die schöne Frau gehörten, und er beschloß Näheres von ihm und seinen nächsten Plänen zu hören, ehe er ihn wieder aus den Augen ließ.

Rodwell blieb endlich dicht an einer der schmalen Landungstreppen stehen, und der Polizeibeamte sah, daß dort ein Boot mit zusammengerolltem Segel und eingelegten Rudern auf ihn zu warten schien.

»Guter Wind heute für eine Spazierfahrt, Sir«, redete er denn auch ohne weiteres den Fremden an, »muß sich prachtvoll draußen segeln bei der Brise.«

»Denke ja«, erwiderte Rodwell, sich lächelnd zu ihm wendend, »aber ich will nicht spazierenfahren, sondern ich kehre nach Haus zurück.«

»Ah so – habt wohl Eure Station hier irgendwo an der Küste.«

»Auf der Känguruh-Insel.«

»Ah, da drüben – ist ein famoser Platz – war auch vor kurzer Zeit in Geschäften dort und bin ebenfalls wieder im Begriff hinüberzufahren.

»In der Tat? Dann können wir vielleicht zusammen segeln«, sagte Rodwell lachend, »aber – mein kleines Boot ist ein Klipper und springt bei einer frischen Brise nur so über das Wasser. Nicht alle Boote halten Schritt mit ihm.«

»Hm«, sagte Tolmer, dem auf einmal ein neuer Gedanke durchs Hirn zuckte, »ich wollte nur, ich hätte ein Boot, mit Euch um die Wette zu fahren, aber ich weiß noch nicht einmal, wie ich hinüberkommen soll. Bin eben nur am Kai hier heruntergegangen zu sehen, ob ich mir irgendein kleines Fahrzeug mieten könnte. Die Leute wissen aber wahrhaftig gar nicht, was sie fordern sollen, und liegen lieber müßig am Strand, ehe sie einen armen Teufel für einen mäßigen Preis hinüberschafften.«

»Dann fahrt mit mir«, sagte Rodwell gutmütig, »ich habe vollauf Platz im Boot, und Ihr sollt einmal sehen, wie wir hinüberschießen. Nach welcher Stelle der Insel wollt Ihr?«

»Oh, das bleibt sich gleich. Wenn ich nur dort erst einmal festen Boden unter mir habe, komm ich schon, wohin ich will. – Und Ihr würdet mich wirklich mitnehmen?«

»Mit Vergnügen«, lautete die freundliche Antwort, »schafft aber dann so rasch wie möglich Euer Gepäck hier herunter.«

»Das soll bald geschehen sein«, sagte Tolmer, »und schwerer wird es Euer Boot auch nicht machen. Ich habe meine wenigen Sachen gleich dort unten liegen, und wenn Ihr nur ein paar Minuten auf mich warten wollt, bin ich gleich wieder da.«

Rodwell nickte ihm lächelnd zu, und Tolmer eilte jetzt, so rasch ihn seine Füße trugen, den eigenen, schon seiner harrenden Booten zu. Hier gab er Borris die nötigen Befehle, südlich von Kap Borda an einer genau von ihm bezeichneten Stelle zu landen und dort vor allen Dingen auszukundschaften, ob der Schoner angelangt sei und wann er in See gehen würde. Bis er selbst wieder zu ihnen stieß, hatten sie nichts zu tun als dessen Abfahrt zu verhindern; auch mit Gewalt, wenn es nicht anders möglich wäre.

Tolmer hoffte, am Point Marsden auf die Spur des Buschrangers zu kommen, der, wie er vermutete, die Abwesenheit seines jetzigen Reisegefährten wohl nach Kräften für seine eigenen Zwecke nutzen würde. Was lag dem gewissenlosen Räuber an der Ruhe und dem Glück zweier Menschen. War er übrigens auch dort nicht mehr zu finden, konnte er doch mit seinen Zurüstungen für eine längere Seefahrt unmöglich so rasch fertig werden und war leicht an Ort und Stelle zu überholen. Übrigens glaubte Tolmer, daß er den Burschen, nach dem, was er damals belauscht hatte, wohl noch am Point Marsden finden werde, wo er denn seine ferneren Pläne formen mußte. Auf jeden Fall war dem Räuber durch seine Leute die Flucht abgeschnitten, und einmal mußte er ihm wieder begegnen.

Rasch packte er jetzt etwas Wäsche und seine alten Buschkleider mit ein paar guten, doppelläufigen Pistolen in ein Paket und eilte damit zu seinem neuen Reisegefährten zurück. Dieser hatte ihn, langsam dabei am Kai hin und her schlendernd, geduldig erwartet, und erst, als er ihn kommen sah, stieg er, ihm zunickend, die zu seinem Boot führende Treppe nieder.

Außer ihm saß noch ein seemännisch aussehender Bursche im Boot, der das eine Ruder nahm, während Rodwell das andere ergriff.

»Könnt Ihr steuern?« rief Rodwell Tolmer zu, als er herangekommen war.

»Gewiß – aber wollt Ihr mich nicht rudern lassen?«

»Ist nicht nötig; sobald wir ein Stück draußen im Kanal sind, können wir unser Segel setzen. Nehmt nur Euren Platz am Steuer und führt uns hier zwischen all den Fahrzeugen durch. Erst einmal freie See, und wir fliegen nur so hinüber.«


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