Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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Der Polizeibeamte verfolgte indessen rasch den Pfad, indem er hier und da an weichen Stellen die Fußspuren der Frau erkennen konnte. Ziemlich sicher erwartete er auch, daß dieser Kapitän Howitt die Entführte in das von dem alten Siedler bezeichnete Versteck geführt haben würde, dort vor jeder Verfolgung sicher zu sein. Zu seinem Erstaunen fand er aber, als er die einzelne Kasuarine erreichte, daß nur einer der beiden Männer, und zwar der Kapitän selbst, den Weg dorthinaus eingeschlagen hatte, während die Frau mit dem Träger den Pfad verfolgt zu haben schien.

Tolmer kannte recht gut die Gefahr, der er sich hier aussetzte, wenn er sich allein, nur mit seinen beiden Pistolen bewaffnet, in die Nähe der hier im Hinterhalt liegenden Buschranger wagte. Nichtsdestoweniger drängte es ihn aber dennoch, Gewisses über den Aufenthalt dieser Menschen zu erfahren, ehe er sich mit seinen eigenen Leuten wieder vereinigte. Konnte er diese dann doch weit besser und sicherer dem Feind entgegenführen. Mit derlei Gefahren überdies schon seit langen Jahren vertraut, reizten sie ihn weit eher, solchen tollkühnen Streich zu wagen. Welche Vorsicht er dabei zu beachten hatte, wußte er überdies genau.

Zu diesem Zweck folgte er vor allen Dingen noch eine Strecke lang dem gewöhnlichen, nach Kap Borda führenden Pfad, damit in der lockeren Erde hier seine Spuren nicht die Richtung verrieten, die er genommen hatte, und schlug sich erst dort links in die Büsche, den Hügel hinauf und der Schlucht zu, wo dichtes Gumlaub und Rindenstücke den Boden bedeckten und ein Nachspüren schwieriger machten. Er erreichte bald die Schlucht, an deren ziemlich steilem Hang er hinaufkletterte, bis ihn die nun zu schroff aufsteigenden Wände zwangen, sich wieder mehr der Schlucht zu nähern. Dadurch machte er allerdings nur langsamen Fortschritt, und erst nach etwa halbstündigem Marsch entdeckte er gerade unter sich das Dach einer Rindenhütte.

Dies mußte jedenfalls das von dem alten Siedler bezeichnete erste Haus der Bande sein, gewissermaßen ihr Vorposten in den Bergen, und eine volle Stunde blieb er hier ruhig auf der Lauer liegen, ob er in der Nähe irgendein menschliches Wesen entdecken könne. – Es war nichts zu erkennen. Kein Rauch stieg aus oder neben dem Haus empor; kein Laut unterbrach die Totenstille um ihn her, das Kreischen eines Schwarmes weißer Kakadus abgerechnet, die das Tal herunterkamen und in die Wipfel der höchsten Bäume weiter unten wieder einfielen.

Jedenfalls mußte die Ankunft des Führers die ganze Bande oben in ihrem Lager versammelt haben, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wichtigste ihrer Pläne verhandelt wurde. – Wenn er sich dort als Zeuge hätte einschmuggeln können! – Mit dem Gedanken war auch der kühne Schritt beschlossen, und Tolmer, dem Furcht völlig fremd war, glitt von der steilen Wand herab, umging das Haus und wollte eben am Bach hinauf seinen Weg weiter verfolgen, als er plötzlich dicht vor sich Stimmen hörte.

Ein kleines Gebüsch verdeckte ihn allerdings für den Augenblick, kamen die Männer aber näher, so mußten sie ihn dort, wo er gerade auf einer ziemlich offenen Stelle stand, entdecken. Nur wenige Schritte von sich entfernt bemerkte er eine Kasuarine, deren untere Äste er leicht mit der Hand erreichen konnte. Rasch war sein Entschluß gefaßt – und wenige Sekunden später verbarg ihn der dichte Wipfel des Baumes. Von dort aus konnte er auch, selbst ungesehen, am leichtesten die Bewegungen der Feinde beobachten sowie sich später wieder unbemerkt zurückziehen, wenn das nötig werden sollte.

Kaum zwei Minuten hatte er seinen versteckten Sitz eingenommen, als die ersten Buschranger auf dem offenen Platz erschienen. Vorn ging Howitt – der berüchtigte Gentleman John – mit Rotkopf, seinem ersten Leutnant, und hinter diesen folgten etwa sechzehn oder achtzehn wild und verzweifelt genug aussehende Gestalten, fast alle mit Musketen, einige sogar mit Doppelflinten und Büchsen bewaffnet. Die beiden ersten waren in eifrigem Gespräch begriffen, das aber nicht eben freundlich geführt schien. So kalt und ruhig Gentleman John dabei blieb, so heftig schien Rotkopf etwas zu bekämpfen, ohne daß Tolmer bis jetzt mehr als einzelne abgerissene Worte davon verstehen konnte.

»Genug – genug, Rotkopf«, sagte da der Führer, gerade als sie die kleine Lichtung unterhalb des Baumes, auf dem Tolmer saß, erreicht hatten. »Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe, und ich glaube, ich habe mich Euch bis jetzt als treuer Freund und Führer genug gezeigt, daß Ihr mir auch in dieser Sache vertrauen könnt. Acht von Euch, die Ihr durch das Los oder durch freie Wahl bestimmen müßt, folgen mir jetzt, die übrigen bleiben unter Rotkopfs Führung noch einige Tage hier, bis die Ausrüstung des Schoners beendet ist. Haben wir alles klar, so mögen sie draußen Verdacht schöpfen, wie sie wollen, es ist dann zu spät. Geschähe das jetzt, so wäre unser aller Leben, unser aller Freiheit gefährdet, und ich will nicht bis jetzt mit allen nur erdenklichen Aufopferungen das Äußerste gewagt haben, um im letzten Augenblick vor der Entscheidung unseren Rettungsplan scheitern zu sehen. Wen von Euch bestimmt Ihr also, mir jetzt gleich zu folgen? Wen bestimmt Ihr dazu, Rotkopf?«

Er war, noch während er sprach, kaum fünf Schritte von der Kasuarine, die seinen gefährlichen Feind versteckt hielt, stehengeblieben, und die Leute, untereinander beratend, sammelten sich um ihn.

»Mir gleich«, rief da Rotkopf, indem er sich, dem Baum gerade gegenüber, auf den Boden und sein Gewehr neben sich auf das Laub warf, »wenn ich meinen Willen nicht haben soll, dann macht's, wie Ihr wollt.«

Sein Blick haftete gedankenlos und mürrisch, wie er so sprach, an dem Wipfel der Kasuarine, und Tolmer durfte kein Glied rühren, wenn er sich nicht verraten wollte.

»Es bleibt sich auch gleich«, sagte da Gentleman John, »denn die übrigen folgen ja doch in wenigen Tagen. Keiner von uns mag zurückbleiben, wo es gilt, dies verwünschte Land auf immer zu verlassen. Ist es Euch also recht, so wähl ich mir die, die ich jetzt bei mir haben will, selbst aus, und Ihr werdet es begreiflich finden, daß ich mir dazu die nehme, die jetzt am anständigsten und am wenigsten verdächtig aussehen. Ich kann Euch nicht als Buschranger, ich muß Euch vorderhand als Arbeiter bei meinen Freunden einführen. Ist einer unter Euch, der das Zimmerhandwerk versteht?«

»Das versteh ich, Kapitän, und der einäugige Henry da drüben«, sagte einer der Burschen, indem er vortrat.

»Vortrefflich – Euch beide kann ich gleich an Bord beschäftigen. Einen Segelmacher haben wir wohl nicht unter uns?«

»Doch, Sir«, lautete die Antwort von der anderen Seite, »wir sind hier unserer drei Seeleute, die alle eine Segelnadel zu führen wissen.«

»Dann tretet Ihr hier auch herüber – aber ein bißchen zustutzen müßt Ihr Euch, ehe wir auf die Station kommen. Wetter noch einmal, Burschen, Euch sieht man den Buschranger gleich an der Stirn an.«

»Ich würde ihnen einen Frack machen lassen«, sagte Rotkopf, indem er sein Messer aus der Scheide zog und die um ihn her liegenden Gumblätter damit aufspießte.

Gentleman John antwortete nicht darauf, wählte sich noch drei der bestaussehenden Individuen – die Wahl wurde ihm wirklich dabei schwer – zu seinen Begleitern und gab den übrigen einige gleichgültige Befehle, wie sie sich hier in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes zu betragen hätten, damit sie die Aufmerksamkeit der benachbarten Stationshalter nicht zu sehr auf sich zögen.

»Und wie weit seid Ihr mit Eurem Schiff?« fragte da Rotkopf, als sich Gentleman John zum Aufbruch rüstete.

»Wie uns Hennigs heute gemeldet hat«, lautete die Antwort, »ist es an seinem Ankerplatz eingetroffen. Der nötige Proviant kann recht gut in drei Tagen herbei- und an Bord geschafft werden – vielleicht noch früher, wenn mein Freund Bloome«, er sprach die Worte mit einem hämischen Lächeln, »die mir gegebenen Versprechungen alle gehalten hat. Nur das Einnehmen des nötigen Wassers wird uns noch aufhalten. Wir müssen wenigstens soviel davon an Bord haben, eine der Südseeinseln zu erreichen.«

»Und Munition?«

»Damit sieht's freilich bös aus«, erwiderte Gentleman John, »denn um keinen Verdacht zu erregen, durfte ich nicht solche Aufträge dafür geben, wie ich gewünscht hätte, doch, denk ich, haben wir genug.«

»Genug an Bord«, rief Rotkopf, »das kann ich mir denken, aber nicht hier in den Bergen. Wir alle sitzen hier mit kaum genug Pulver und Blei, unsere Gewehre noch einmal zu laden, wenn wir sie abschießen, und würden wir jetzt von drei Polizeisoldaten mit Musketen angefallen, wären wir verloren. Aus der Gefahr mach ich mir nichts, ich denke, das habe ich bewiesen; aber ich muß wenigstens eine Waffe haben, mich zu verteidigen, und so wie jetzt bleib ich keinen Tag länger in den Bergen, und wenn ich die nächste Station plündern müßte, mir Pulver und Blei zu verschaffen.«

»Das ist nicht ratsam«, entgegnete John, »und würde uns die Leute vor der Zeit auf den Hals hetzen. Doch dem soll abgeholfen werden. Kommt morgen früh mit Tagesanbruch an die leere Rindenhütte, die gleich dort drüben an der Grasbaum-Ebene steht, Rotkopf, und ich will Euch hinreichend Munition für alle Fälle bringen. Seid Ihr damit zufrieden?«

»Meinetwegen«, brummte der Leutnant, »wenn ich nur wieder Futter für meine Flinte bekomme. Die Känguruhs tanzen einem ja ungestraft auf der Nase herum.«

»Gut denn«, sagte der Führer, »also morgen früh an der Rindenhütte. Und nun lebt wohl. Ich muß heut abend noch vor Dunkelwerden am Kap Borda sein. Zur bestimmten Zeit schick ich Euch Bradley, und folgt dem, so rasch Ihr irgend könnt.«

Damit wandte er sich, von den ausgewählten Leuten gefolgt, das Tal hinab, und Rotkopf blieb mit den übrigen unter der Kasuarine zurück.

»Und was nun?« fragte da einer der Leute, »gehen wir zum Lager zurück, oder habt Ihr sonst irgend etwas für uns zu tun?«

»Ich?« sagte Rotkopf, »der Kapitän hat Euch, denk ich, Eure Beschäftigung deutlich genug angewiesen – wiederkäuen, bis er Euch rufen läßt.«

»Aber –.«

»Kümmert Euch um nichts«, unterbrach ihn der Buschranger-Leutnant, »Ihr habt Zeit genug, Eurer Bequemlichkeit nachzugehen, wenigstens noch für achtundvierzig Stunden Proviant und Wasser bis zur nächsten Dürre – was wollt Ihr mehr?«

»Branntwein«, sagte einer der Leute mürrisch.

»Ja so; an den hatte ich nicht gedacht«, sagte Rotkopf lachend, »aber beruhigt Euch nur; der Kapitän hat versprochen, Euch einen Korb Champagner herüberzuschicken, und dem wird er wohl ein Fäßchen Rum beifügen. Seid Ihr damit zufrieden?«

»Müssen ja wohl!« brummte der Sprecher.

»Nun gut«, sagte Rotkopf, »dann seid so gut und geht jetzt zum Lager hinauf, daß uns das Mittagessen nicht anbrennt. Ich will indessen sehen, ob ich uns bis dahin ein Känguruh schießen kann – verstanden?«

»Gut, Leutnant«, sagte der Bursche, »ihr sprecht jedenfalls deutlich genug, und wenn das Abwarten auch langweilig sein mag, ist es jedenfalls das bequemste.«

Die Leute wandten sich ab und schlenderten langsam den Weg zurück, den sie vor etwa einer halben Stunde gekommen waren. Nur Rotkopf blieb noch, kaum fünfzehn Schritt von der Kasuarine entfernt und das Gesicht dem Baum zugekehrt, sitzen, stieß langsam sein Messer in die Scheide zurück und nahm dann seine Doppelflinte vor sich auf die Knie. Hieran untersuchte er den Zündstift, reinigte sie, schüttete frisches Pulver hinein, setzte trockene Zündhütchen auf und schien sich tatsächlich für die angekündigte Känguruhjagd vorzubereiten. Seine Gefährten waren indessen schon lange das Tal hinaufgestiegen, und Tolmer, der alles erfahren hatte, was er nur gewünscht hatte, hoffte jetzt sehnlichst, daß der Bursche unter dem Baum sein Gewehr endlich instand hätte und ihm ebenfalls Raum gab, seine durch die Länge der Zeit unbequem werdende Stellung verlassen zu können.

Rotkopf schien aber keine derartige Absicht, wenigstens nicht für die nächste Zeit, zu haben; denn er blieb, sein völlig instand gesetztes Gewehr noch immer auf den Knien, ruhig in der vorhin eingenommenen Stellung und nickte nur manchmal, still vor sich hinlächelnd, mit dem Kopf. Tolmers Lage wurde mit jedem Augenblick peinlicher; Arm und Knie schmerzten ihn, und doch wagte er sich nicht zu regen. Da hob der Buschranger langsam den Kopf zu dem Baum empor, in dem jener saß, betrachtete den Wipfel eine Weile und sagte dann, so ruhig, als ob er mit einem seiner Leute redete:

»Nun, Mate, ich denke, Ihr könntet jetzt da oben ausgeschlafen haben. Donnerwetter, andere Vögel streichen mit Tagesanbruch ab, und Ihr bleibt bis zum hellen Mittag in den Zweigen mit dem Kopf unter dem Flügel sitzen.«

Tolmer regte sich nicht – das Herz schlug ihm wie ein Hammer in der Brust. Noch aber blieb ihm immer die Hoffnung, daß der Buschranger mit jemand anderem, nicht mit ihm spreche, und er vielleicht doch noch der Entdeckung entgehen könnte. Rotkopf machte aber seinen Zweifeln bald ein Ende. Er stand auf, nahm sein Gewehr in Anschlag, und den Lauf gerade gegen den Wipfel der Kasuarine richtend, sagte er mit nicht lauterer Stimme als vorher, aber mit trockenem, spöttischem und doch auch wieder drohendem Ton:

»Nun, wird's bald, Kamerad? Oder soll ich Euch etwa Beine machen. Ich habe nicht übermäßig Munition und möchte die Ladung Schrot und die Totengräberkosten gern ersparen. Euch mein ich da oben in dem Baum drin – habt Ihr mich verstanden?«


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