Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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2. Kapitel

In Lyndock Valley, nördlich von Adelaide, arbeitete eine Gruppe von Sträflingen in Ketten.

Rechts an der Straße, wenn man dem damals noch wenig begangenen Weg von Adelaide aus folgte, stand ein hoher Palisadenzaun, fest eingerammt, mit scharfen Spitzen und oben noch mit drohend umgeschlagenen Nägeln bewehrt, über den nur hier und da einzelne aus unbehauenen Steinen zusammengesetzte Schornsteine emporragten. Diese gehörten zu gewöhnlichen Rindenhütten, in denen die Deportierten, wenn sie ihr Tagewerk vollbracht und abends ihr Mahl gekocht und verzehrt hatten, nachts unter strenger Wacht gehalten wurden, bis sie die Sonne zu neuer Arbeit rief.

Es war das eine Abteilung von Leuten, die unter verschärfter Strafe stand. Teils hatten sie sich Widersetzlichkeit, teils andere Vergehen zuschulden kommen lassen, teils waren sie sogar entwichen und wieder eingefangen worden, und die letzteren besonders büßten ihr Verlangen nach Freiheit durch massive Ketten, an denen sie schwere Kugeln bei jedem Schritt nachschleppen mußten.

Wüstes verwildertes Volk waren die meisten; in Sünden und Verbrechen aufgewachsen und seit ihrer Strafzeit noch außerdem dem Abschaum der Menschheit beigesellt, in dem allein sie sich wohl und behaglich fühlten. Jetzt freilich war der alte Trotz gebrochen, und so zügelloser Sprache sie sich auch untereinander bedienen mochten, sobald ihnen einer der Wächter nahe kam, krochen sie scheu in sich zusammen und ließen ihren Grimm höchstens an dem harten Erdboden aus, den sie mit Schaufel und Spitzhacke angreifen und ebnen mußten.

Und wahrlich, sie wußten, daß sie ihren Wächtern keine Ursache zu Strafe geben durften, denn erbarmungslos wäre die Peitsche auf ihre Rücken herabgekommen, bis ihnen das blutige Fleisch in Streifen niederhing. Wenig genug Rücksicht wurde in jener Zeit auf die Deportierten schlechthin genommen, womit sie sich auch im alten Vaterland vergangen haben mochten. Wehe aber den Unglücklichen, die unter verschärfter Strafe standen, denn diese waren der Willkür ihrer rohen Wächter vollständig preisgegeben, und nur in höchst seltenen Fällen drang eine Klage zu höheren Beamten, um irgendeine ungerecht vollzogene Strafe zu untersuchen.

Solche Strafgänger wurden dabei (und waren es auch eigentlich meist) als zum Tod verurteilte und nur halb begnadigte Verbrecher betrachtet. Der Tod drohte ihnen noch aus jedem Gewehrlauf der Wachen, die sie umstellten, denn diese hatten ausgedehnte Vollmacht, bei der geringsten verdächtigen Bewegung eines der Gefangenen von ihren Feuerwaffen beliebigen Gebrauch zu machen.

Dabei ließ fast jedes Vergehen, was sie sich erneut zuschulden kommen ließen, verschärfte und doppelt verschärfte Strafen erwarten, und auf Widersetzlichkeit gegen die Wächter oder erneute Flucht stand der Tod.

Daß sie aber auch gar nicht an erneute Flucht denken durften, dafür sorgte schon die vortrefflich eingerichtete und bewaffnete Polizeimannschaft, die mit der blanken und scharfgeschliffenen Wehr an der Seite die mit Ketten beladenen Verbrecher schon im Zaum halten konnte. Nachts blieb dazu der ganze, mit festen Palisaden eingeschlossene Platz von Militär umstellt, und die einzelnen Trupps wiederum hatten ihre besonderen Wächter; Flucht war von dort mit einem Wort unmöglich.

Unter den Gefangenen befand sich einer, der sich nicht allein durch seine reinlicher gehaltene Kleidung, sondern auch durch sein ganzes Benehmen vor den übrigen auszuzeichnen versuchte.

Es war ein muskulös gebauter, kräftiger und breitschultriger Gesell, der sich nicht so hatte gehenlassen wie die übrigen. In seinem ganzen Wesen hatte er überhaupt etwas, das für ihn interessierte, denn es schien fast, als ob er nicht in diese traurige Umgebung, in der er sich befand, gehöre. Möglich vielleicht, daß dazu gerade diese traurige Umgebung die Schuld trug, aus der er sich, soviel dies anging, zurückzog. Man sagt ja: Im Lande der Blinden ist der Einäugige König, und es bedurfte hier allerdings nur einer sehr geringen Anstrengung, sich über diese Masse emporzuarbeiten.

Selbst aber durch solche geringe Anstrengung fühlte sich diese Masse beleidigt, die nun einmal keinem von ihr gestatten wollte, daß er sich aus dem allgemeinen Schlamm erhob. John Mulligan, dessen Strafe durch Tolmers Fürsprache so gemildert worden war, daß er dieser Abteilung nur auf ein Jahr eingereiht worden war, hieß deshalb auch sehr bald »der Gentleman« oder auch »Gentleman John«; und er hatte sich den Haß einer großen Zahl der Gefangenen zugezogen, weil er an einem trotz aller Gefahren verabredeten Fluchtversuch nicht hatte teilnehmen wollen.

Allerdings hatte er damals den Kameraden vorgestellt, daß sie auf solche Art gar nicht entkommen könnten und ihr Los nur dadurch, ohne das Geringste zu erreichen, verschlimmern würden. Sie nannten ihn dafür einen feigen Patron, der keinen Mut mehr habe, etwas für seine Freiheit zu wagen, und fanden doch in derselben Nacht, daß »Gentleman John« völlig recht gehabt hatte.

Ihr Plan wurde nämlich vereitelt, bevor sie richtig begonnen hatten, ihn auszuführen. Drei fielen dabei durch die Schüsse der Wachen, zwei andere wurden schwer verwundet und zusammen mit einem sechsten, der sich beteiligt hatte, vierzehn Tage später gehängt – als Beispiel für die übrigen.

So verging wieder ein Monat, und John Mulligan, der nur selten mit irgendeinem seiner Kameraden gemeinsame Sache machte, weil er keinen von ihnen kannte, arbeitete fleißiger denn je, betrug sich dabei bescheiden gegen die Wächter und war, mit einem Wort, das Muster eines Kettengefangenen, den man den übrigen fortwährend als Vorbild hinstellte. – Aber hätten sie nur sein Herz sehen, nur die Gedanken lesen können, die Tag und Nacht in seinem Hirn brannten und ihn fast zur Verzweiflung trieben!

Freiheit! – Freiheit! Das war das einzige Gefühl, das ihn noch am Leben hielt, das ihm Herz und Seele erfüllte, und wenn er nicht schon lange einen Versuch gemacht hatte, dies höchste Gut wieder zu erringen, trugen die Schuld nur seine Vorsicht und Schlauheit, die nicht zugaben, daß er sich in ein nur halbwegs unsicheres Unternehmen einließ. Er wußte, welche Strafe seiner diesmal wartete, sobald es mißlang, und selbst der Gefahr durfte er sich nicht aussetzen.

Dadurch übrigens, daß er mit fast allen seinen Mitgefangenen verfeindet war, gewann er sich mehr und mehr das Vertrauen der Aufseher, und es geschah jetzt schon gar nicht selten, daß John Mulligan da oder dort die Aufsicht über die Arbeit irgendeiner kleinen Abteilung der Kameraden übergeben wurde. Allerdings trug er deshalb nicht leichter an Kette und Kugel, und er war ebenso wie alle anderen von den scharfgeladenen Gewehren der Wache bedroht, aber es zeigte doch, daß die Wächter sein Bestreben, sich gut zu betragen, anerkannten, während es die Mitgefangenen nur noch immer mehr von ihm entfernte.

Natürlich spotteten diese über ihn. »Gentleman John«, hieß es, »wird nächstens eine blaue Jacke mit blanken Knöpfen bekommen und lieb Kind beim Leutnant werden. Zum Teufel mit dem Schuft, und uns hat er vorgelogen, daß er auf der Känguruh-Insel der Anführer einer ganzen Bande Buschranger gewesen wäre.«

John Mulligan hörte es und achtete nicht darauf.

Nur ein einziger von allen schien sich mit John befreundet zu haben, und das war ein Irländer, dessen brandrote Haare ihm den Beinamen Rotkopf verschafft hatten. Überhaupt wurde fast keiner der Sträflinge von den Mitgefangenen bei seinem wirklichen Namen genannt, weil sich sonst niemand aus den ewigen Jacks und Johns und Jims herausgefunden hätte.

Rotkopf aß mit Gentleman John aus einer Schüssel, und so häufig ihn sonst die Peitsche der Wächter, besonders seiner bösen Zunge wegen, getroffen hatte, so war jetzt, seit er mit John Mulligan näher befreundet war, eine auffallende Besserung bei ihm eingetreten.

Natürlich schrieben die Beamten das einzig und allein dem wohltätigen Einfluß zu, den John auf ihn ausübte, und dieser stieg dadurch nur noch mehr in ihrer Achtung.

Das ging eine Weile so fort, bis der Oberwächter, unter dessen Aufsicht sie bis jetzt gestanden, abberufen wurde, irgendeine andere Stellung auszufüllen. An seiner Statt trat ein Schotte ein, der, von einer anderen Gruppe hierher versetzt, die Überzeugung mitbrachte, an Kettengefangenen sei jedes Wort verschwendet, und man tue am besten, sich, wie bei eingeschirrten Stieren, nur durch die Peitsche mit ihnen zu unterhalten.

John Mulligan oder Gentleman John, wie er jetzt allgemein hieß, arbeitete heute mit Rotkopf zusammen an einem mächtigen Stringybarkbaum, der mitten in dem ausgesteckten Weg stand und deshalb gefällt werden sollte. Sechs oder acht ihrer Kameraden mühten sich ein kleines Stück weiter unten mit Brecheisen ab, einen riesigen Felsblock von der Stelle zu rücken, den sie in der halben Zeit mit Pulver hätten sprengen und beseitigen können.

Um sie her, mit geladenen Gewehren, standen die dazu bestimmten Polizeisoldaten, und der neue Oberwächter, statt des Spazierstocks eine tüchtige Knute von ungegerbtem Leder in der Hand, ging von Gruppe zu Gruppe, um die Lässigen nur durch seine Gegenwart schon zu äußerster Anstrengung anzutreiben.

In diesem Augenblick stand er bei denen, die an dem Stein wühlten, nichtsdestoweniger den Blick nach allen Seiten werfend.

»Du, John, ich halte es jetzt nicht länger aus. Deinem Zureden nach hab ich mich gestellt, als ob ich unterduckte, und von Tag zu Tag hast du mir versprochen, daß wir ausbrechen würden. Ich hab immer noch auf dich gewartet, nun ist's aber vorbei, denn mit dem neuen Burschen als Wächter und Einpeitscher will ich verdammt sein, wenn ich mich länger halten lasse. Sie sollen mich meinetwegen totschießen oder hängen, wenn die Sache schiefgeht, aber für jeden gesegneten Tag totgeschossen und gehängt zu werden, das ist mehr, als Menschennatur ertragen kann.«

»Hast du dich unter deinem Fußring etwas wund gerieben, wie ich dir's gestern abend sagte?« fragte John vorsichtig.

»Das hab ich, aber was soll das nützen?« lautete die mürrische Gegenfrage. »Zum Henker auch, wenn du glaubst, daß sie dadurch Mitleid für einen fühlen, so bist du verdammt auf dem Holzweg.«

»Sowie wir den Baum hier umgeworfen haben«, fuhr John ruhig fort, denn der Wächter wandte sich jetzt und kam auf sie zu, »werden wir oben auf den Hügelkamm geschickt. Dort fang an zu hinken und zu winseln, und tu, als ob du große Schmerzen hättest; das Weitere überlaß mir. Ich will schon dafür sorgen, daß dir der Ring abgenommen wird.«

»Aber deine Kette?« fragte Rotkopf erstaunt, »willst du nicht mit?«

»Es ist ein Hundeleben im Busch«, knirschte John vor sich hin, »und ich kenne es leider schon zu gut, aber – den Teufel auch – es ist doch Freiheit, und diesmal sollen sie mich nicht überlisten wie das letztemal, wo ich ein Esel war und meine Strafe verdiente.«

»Du gehst also mit?«

»Mein Ring ist durchgefeilt«, sagte John rasch, »der geringste Schlag mit einem Stein und ich bin frei.«

»Aber die verfluchten Musketen.«

»Vor denen müssen wir uns schon sichern; aber jetzt still – da kommt unser Aufseher!« Und mit wuchtigen Schlägen hieb er die Axt in die weichen Wurzeln des schon fast unterminierten und vom Boden losgetrennten Gumbaumes hinein, daß dieser bis zum Gipfel hinauf erzitterte.

»Ihr trödelt hier auch eine Ewigkeit mit der Stange«, sagte der Aufseher, der eben zu ihnen trat. »Zwei baumstarke Kerle und einen ganzen Vormittag an einem solchen Schößling herumzuspielen. Ich glaube, ich habe mit meiner Lederhacke gefehlt, euch ein wenig dabei zu helfen. Nun – wird's bald?«

»Aye, aye, Sir«, sagte John demütig, indem er aus Leibeskräften auf die Wurzeln einschlug. Rotkopf unterstützte ihn dabei nach Kräften, und es dauerte nicht lange, so neigte sich der Wipfel des riesigen Baumes – erst langsam, dann immer schneller, bis er zuletzt mit einem gewaltigen Schlage, alle seine Äste fast dabei in Stücke schmetternd, zu Boden krachte.

»So – nun rasch das Holz aus dem Wege«, befahl der Aufseher, »dann die Zacken noch weggeschlagen; ich werde gleich zwei andere von unten heraufschicken, die ihn ein paarmal durchsägen. Kommt ihr nachher alle zusammen, so rollt ihn gleich aus der Bahn. Bis Mittag darf keine Spur mehr davon im Wege sein.«

»Aye, aye, Sir«, klang wieder die einzige Antwort der beiden Leute zurück, als Zeichen, daß der Befehl gehört sei und erfüllt werden solle, und der Wächter stand mit einem finsteren Blick, seine Peitsche wie im Spiel auf und ab schwingend, daneben, als ob es ihm leid sei, daß er bei den beiden Gesellen auch nicht die geringste Ursache zur Strafe hatte; aber er fand nun einmal nichts zu strafen und mußte sich endlich einem anderen Trupp zuwenden, der vielleicht lässiger in seiner Arbeit gewesen war.


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