Friedrich Gerstäcker
Alle jagen John Mulligan
Friedrich Gerstäcker

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4. Kapitel

Es war im Monat Juli, als die letzten Streiftruppen von Militär und Polizei nach Adelaide zurückkehrten, die im April die Buschranger-Bande des Gentleman John teils getötet und gefangen, teils zerstreut hatten.

Trotz aller Energie ihres Führers und trotz der wirklich unvergleichlichen Ausdauer der Leute war es ihnen nicht gelungen, des Gefährlichsten der Schar, des berüchtigten Gentleman John, habhaft zu werden. Selbst in See ausgesandte Kutter, die an den Küsten kreuzten und weite Strecken hinaus den Ozean absuchten, konnten nichts von jenem Boot, das man zuletzt an der Mündung des Murray gesehen hatte, entdecken, und es blieb kaum mehr einem Zweifel unterworfen, daß die verwegenen Räuber, die damals dem Arm der strafenden Gerechtigkeit entkommen waren, ihren Tod in der an der Einfahrt der Encounter-Bay stehenden Brandung gefunden hatten.

Was dieser Vermutung noch mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß man gerade in jener Zeit die Trümmer eines zerschellten Bootes unfern jener Stelle an der Küste entdeckt hatte. Jedenfalls mußte es dasselbe sein, das den Buschrangern gehört hatte. Und wenn sie auch den Galgen also um sein Recht betrogen hatten, war doch wenigstens die Kolonie von ihnen befreit, und die einzelnen Stationshalter draußen im wilden Busch konnten freier atmen.

Das war die allgemeine Ansicht der Kolonie, die noch mehr dadurch gefestigt wurde, daß man selbst wochenlang nach der Rückkehr der Expedition nichts mehr von einem neuen Überfall einzelner Reisenden oder Stationen hörte. Die Wege im Busch waren so sicher wie die Straßen von Adelaide im hellen Sonnenschein, so schien nichts wahrscheinlicher, als daß sie in der trostlosen, wasserarmen Wildnis umgekommen waren.

Nur einer der Polizeibeamten, die sich damals dem Zug angeschlossen hatten, teilte nicht die Meinung der anderen, daß nämlich Gentleman John sein Ende in den Wogen gefunden hätte, und das war Tolmer, der Chef jenes gegen die Buschranger ausgesandten Trupps. Er hatte das Boot gesehen, er kannte auch die Gefahr der Brandung an der Viktoriasee-Mündung, aber er wußte ebenfalls, daß eine Ausfahrt zuzeiten möglich sei, und traute dem tollkühnen Räuber recht gut zu, die Schwierigkeiten und Gefahren an der Mündung besiegt zu haben.

Die noch auf seinem Kopf stehenden zweihundert Pfund Sterling lockten ihn dabei weit weniger als die Ehre, den gefährlichen und berüchtigten Räuber trotz aller Kreuz- und Quersprünge noch einmal zu überlisten und einzubringen, und mit unermüdlicher Ausdauer, mit einer Zähigkeit, die sich durch nichts entmutigen und abschrecken ließ, durchritt er das halbe Murraytal und die Wildnis bis zu den besiedelten Distrikten der Nachbarkolonie, umsegelte die Küsten, die sich nach rechts und links von Adelaide ausstreckten, die mögliche Spur von dort gelandeten Fremden zu entdecken.

Umsonst – nirgends war auch nur das Geringste von den entkommenen Räubern zu entdecken, und als letzte Möglichkeit fuhr er zur Känguruh-Insel hinüber. Er wußte recht gut, daß Gentleman John von seinem ersten Debüt als Buschranger her die Schlupfwinkel jener Insel genau kannte, und war es ihm nicht gelungen, in See ein Schiff anzurufen und Australien ganz zu verlassen, so blieb nichts wahrscheinlicher, als daß er sich wieder dorthin geflüchtet habe.

Aber ohne das geringste glückliche Resultat durchstreifte er die ganze Wildnis drüben, kroch durch die ihm nur zu wohlbekannten Känguruh-Dornen, dem flüchtigen Räuber nur erst einmal wieder zu begegnen. Auf den Stationen erhielt er – das alte Leiden – nur ungenügende, ausweichende Nachrichten. Niemand wollte die Buschranger gesehen haben, niemand etwas von ihnen wissen, und er sah sich endlich genötigt, so ungern er es tat, seine weitere Verfolgung aufzugeben. – Gentleman John mußte auf ein Schiff entkommen sein, und dann freilich hätten sie ihn hier wohl vergeblich gesucht.

Am Kap Borda, der Nordwestspitze der Insel, blieb er eine Nacht auf einer von einem Mr. Bloome angelegten Station. Er wollte von hier aus nach Adelaide zurückkehren, wurde aber in diesem Vorsatz durch ein Gespräch mit Mr. Bloome wankend gemacht. Bloome nämlich erzählte ihm von einem sehr reichen Engländer, mit dem zusammen er in nächster Zeit einen Schoner ausrüsten wolle, um an den australischen Küsten und nach Neuseeland hin Handel zu treiben. Ein Bruder von ihm, früher einmal Steuermann auf einem Ostindienfahrer, war zu dem Zweck schon nach Sydney abgegangen, ein passendes Fahrzeug anzukaufen, und er erwartete diesen mit jedem Tag zurück.

Stutzig machte ihn zuerst die Nachricht, daß der Fremde als ein Schiffbrüchiger auf die Insel gekommen sei, an deren Küste er, wie Bloome sagte, sein eigenes Fahrzeug verloren habe, und sein Verdacht wurde zur Gewißheit, als er im Laufe des von ihm äußerst vorsichtig geführten Gesprächs erfuhr, daß unter den wenigen, die sich mit ihm gerettet, auch eine Australierin gewesen sei.

Kapitän Howitt, wie er sich nannte, sollte übrigens dem Bericht des Siedlers zufolge erst gestern zu Land nach Point Marsden an der Nordseite der Insel gegangen sein, wo er noch Geschäfte abzuschließen hätte. Mr. Bloome erwartete ihn nicht vor der nächsten Woche zurück.

Tolmers Entschluß war rasch gefaßt. Es war dies überhaupt seine letzte Hoffnung, den flüchtigen Räuber noch aufzufinden, und wenn er auch jetzt allein und ohne Unterstützung nichts Entscheidendes gegen ihn unternehmen konnte, so wollte er ihn doch wenigstens erst einmal sehen, wollte sich überzeugen, daß es wirklich der vogelfreie Verbrecher sei, und dann so rasch wie möglich nach Adelaide zurückkehren, Hilfe von dort herbeizuholen.

Mr. Bloome hatte, wie Tolmer bald im Gespräch bemerkte, keine Ahnung davon, was für ein gefährlicher Mensch sein zukünftiger Kompagnon war, und Tolmer war viel zu vorsichtig, ihn auch nur das Geringste davon merken zu lassen, welchen Verdacht er geschöpft habe. Ein unbedachtes Wort des Siedlers hätte während seiner Abwesenheit den schlauen Verbrecher nur zu leicht warnen und all seine Mühe vergeblich machen können. Die Nacht blieb er übrigens bei seinem gastfreien Wirt, der ihn überdies vor dem nächsten Morgen gar nicht fortgelassen hätte, und versuchte Näheres von ihm über die früheren Kameraden des Schiffbrüchigen zu erfahren. Diese befanden sich, Mr. Bloomes Meinung nach, am anderen Ende der Insel, vielleicht gerade dort, wohin jener Mr. Howitt gegangen war, wenigstens hatte er hier nichts weiter von ihnen gesehen und kümmerte sich auch, wie er mit einem Seitenblick auf Tolmer bemerkte, wenig oder gar nicht um das, was im Innern der Insel vorging. Es sei das in Australien eine gar schlimme Sache, da man nie wisse, mit wem man es eigentlich zu tun bekomme und inwiefern die Bekanntschaft vorteilhaft und angenehm sein könne.

Am anderen Morgen brach Tolmer noch vor dem Frühstück mit dem dämmernden Tag auf und wanderte, so rasch ihn seine Füße trugen, dem ziemlich fernen Point Marsden zu. Aber erst am vierten Morgen, durch Dornen, Dickicht und vom Regen erweichte Wege aufgehalten, erreichte er etwa um neun oder zehn Uhr die ersten Umzäunungen des Platzes, der ihm von der letzten Station als Eigentum eines gewissen Rodwell – derselbe, bei dem sich jener Kapitän Howitt aufhalten sollte – bezeichnet worden war.

Tolmer machte hier halt, sich auf alle möglichen Fälle, wenn er da wirklich mit dem Buschranger zusammenträfe, vorzubereiten. Allerdings war er dabei im Vorteil, denn er kannte Gentleman John von Ansehen, hatte aber selbst jede nur mögliche Vorkehrung getroffen, nicht von ihm erkannt zu werden – und Gentleman John konnte ihn hier auch nicht vermuten. Nichtsdestoweniger mußte er dem schlauen und abgefeimten Räuber gegenüber jede Vorsicht gebrauchen, sich nicht zu verraten. Bei dem geringsten Verdacht, besonders wenn John seine Helfershelfer in der Nähe hatte, war er verloren oder der Verbrecher doch jedenfalls gewarnt, ehe sich Tolmer seiner bemächtigen konnte, und Mann gegen Mann blieb ihm auch nur geringe Hoffnung, seiner Herr zu werden. Tolmer, wenn auch von kräftigem und durch Strapazen gestähltem, zähem Körper, war doch dem riesigen, schon seiner Stärke wegen berühmten Räuber nicht gewachsen, und die List war für ihn der einzige Ausweg. Ehe er also auf das Haus, dessen Dach er schon von ferne durch die Büsche schimmern sah, zuging, setzte er sich erst einmal auf einen umgestürzten, unfern von dem schmalen Pfad liegenden Baumstamm und überlegte vor allen Dingen, auf welche Art er sich am glaubwürdigsten bei jenem Mr. Rodwell einführen könne.

Noch war er hierüber zu keinem festen Resultat gekommen, als er Stimmen im Busch hörte, die allem Anscheine nach vom Haus her kamen. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, glitt er hinter den ziemlich starken Gumbaum, auf dem er bis jetzt gesessen hatte, und erkannte wenige Minuten später einen Mann und eine Frau, die zusammen langsam auf dem Pfad hinschritten. Ehe sie ihn übrigens erreichten, blieben sie auf einer etwas lichten Stelle stehen und sprachen leise miteinander. Tolmer horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, war aber nicht imstande, alles zu verstehen, denn nur einzelne Worte und kurze Sätze drangen bis zu ihm herüber.

»Es geht nicht«, sagte die Frau, »es geht wahrhaftig nicht – was soll aus dem Kinde werden?«

Dann wieder schien sie der Mann zu etwas überreden zu wollen, denn sie sah vor sich nieder und schüttelte langsam, wie zweifelnd, den Kopf.

Es war eine junge, bildschöne Frau, in der einfachen Tracht der australischen Siedlerfrauen gekleidet. Ihre Haube trug sie in der Hand, und die vollen, lichtblonden Locken fielen ihr voll und reich um die weiße, fast zu bleiche Stirn. Nur das Antlitz des Mannes, der ihr den Rücken zukehrte, konnte Tolmer noch nicht erkennen. Der Mann beugte sich jetzt zu der Frau vor und hielt eine ihrer Hände zwischen den seinen.

»Mach nur alles bereit«, sagte da endlich der Mann mit lauterer Stimme, »ich komme jedenfalls, und du sollst es nicht bereuen.« Nun wandte er sich rasch von ihr ab und schritt den Pfad entlang, den Tolmer kurz vorher gekreuzt hatte.

Die Frau blieb an der Stelle, wo er sie verlassen hatte, noch eine Weile stehen, Tolmers Augen aber hafteten auf dem jetzt an ihm vorüberschreitenden Manne, den er auf den ersten Blick als den gesuchten Räuber erkannte.

Gentleman John hatte sich allerdings seit jener Zeit, wo er ihn zuletzt gesehen, sehr zu seinem Vorteil verändert. Er trug statt der früheren Buschtracht gute Tuchkleider, einen schwarzen Hut und einen Spazierstock in der Hand, den Tolmer als Degenstock erkannte. Auch sein Gesicht sah voll und blühend aus und gab den Beweis, daß er von dem geraubten Geld vortrefflichen Gebrauch gemacht hatte. Es schien sich aber seiner eine ganz besondere Aufregung bemächtigt zu haben, seine Augen, mit denen er rasch die Bahn vor sich überflog, leuchteten, und sein Schritt war leicht und elastisch geworden. So eilte er, ohne den versteckten Feind zu bemerken, schnell an Tolmer vorüber und war, ehe dieser nur zu einem Entschluß kommen konnte, ob er ihm folgen solle oder nicht, bald in dem dichten Busch verschwunden.

Die Frau schaute ihm wie sinnend nach, so lange sie ihn sehen konnte, und faltete dann die Hände, senkte das schöne Haupt und sah still und schweigend viele Minuten lang vor sich nieder. Dann drehte sie sich um und schritt mit zögerndem Gang zum Haus zurück.

Tolmer wartete, bis sie es etwa erreicht haben konnte, und wollte dann ebenfalls sein Versteck verlassen, als er vor sich, kaum zwanzig Schritt entfernt, etwas in den Sträuchern rascheln hörte. Es konnte ein Vogel oder auch ein Känguruh sein, von denen es viele dort in der Gegend gab; Tolmer aber war viel zu sehr Buschmann, als daß er auch nur das Geringste unbeachtet gelassen hätte, und in seiner geschützten Stellung bleibend, sah er vorsichtig eine Weile zu der Gegend hinüber, aus der er das Geräusch zuerst gehört hatte.

Am Anfang war alles wieder ruhig, dann erkannte er aber plötzlich, daß sich da drüben ein schlanker Teebuschschößling bewegte, als ob etwas Schweres dagegen drücke, und wenige Sekunden später entdeckte er die dunkle Gestalt einer Australierin, die, in einen langen Opossumfellmantel gehüllt, aus dem gegenüberliegenden Dickicht trat. – Nur einen Blick warf sie zu der Richtung hinüber, in der die Frau verschwunden war, dann folgte sie, die Augen fest auf den Boden geheftet, den Schritten des weißen Mannes – ihres Mannes.

Tolmer war sich völlig klar, daß sie keine Ahnung von seiner Nähe gehabt hatte, denn selbst als sie seine Fährten kreuzte, wandte sie den Kopf weder nach rechts noch nach links, sondern schien nur ihr Ziel im Auge zu behalten. Nichtsdestoweniger blieb er jetzt noch eine geraume Zeit in seinem Versteck, um ganz sicher zu sein, daß er keinen weiteren Lauscher mehr zu fürchten habe, und ging erst dann, als er sich davon überzeugt hatte, dem nicht mehr fernen Hause zu. Jetzt lag ihm vor allen Dingen daran, Genaueres über jenen Burschen zu hören, und die beste Quelle dafür schien ihm jene fremde Dame, die jedenfalls ein näheres Interesse an ihm nahm.

Tolmer hatte erwartet, auf dem nächsten freien Platz eine der gewöhnlichen Schafstationen mit Wohnhaus des Eigentümers und einer Anzahl daranstoßender Gebäude zu finden, und war eigentlich überrascht, hier nur, als er die Lichtung betrat, ein einfaches kleines, aber sauberes und freundliches Häuschen vor sich zu sehen. Seine Aussicht ging auf das offene Meer, die Investigator-Strait, die hier die Insel von dem fernen Lande trennte, und bei klarem Wetter konnte man sogar die fernen Höhen des Festlandes sehen, während hier und da ein weißes Segel auf der dunkelblauen, leicht gekräuselten Flut dem Bilde Leben und Bewegung gab.

Das Haus wurde von einer Wand von Passionsblumen und anderen blühenden Schlingpflanzen umrankt, an denen Australien so reich ist, und blitzend und blank schauten daraus die kleinen Fenster hervor.

Tolmer zögerte fast, den Platz zu betreten, so still und friedlich lag die Wohnung vor ihm da – und da sollte er Mißtrauen und Unheil säen? – Bah – die Gegend wollte er ja gerade von ihrer Pest befreien, die Schlange aus dem Paradiese jagen, und deshalb mußte Tolmer hier eigentlich willkommen sein.

Rasch und entschlossen schritt er deshalb dem Hause zu, an dessen Fenstern er vergebens die Gestalt der vorher im Busch gesehenen Frau zu erspähen suchte, und klopfte, als er die Tür erreichte, leise an. – Niemand antwortete ihm. Er klopfte lauter – alles blieb totenstill im Hause. Nichtsdestoweniger war die Tür nur angelehnt, und er trat endlich hinein, in der Hoffnung, irgend jemanden dort zu finden.

Im Vorraum war niemand, nebenan aber hörte er eine Kinderstimme, und da auch diese Tür nur angelehnt war, öffnete er sie leise und sah hinein.


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