Autorenseite

 << zurück weiter >> 

23. Kapitel.

Angenehme Gefangenschaft.

Mallalieu zuckte unter diesem harten Griff zusammen und konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken. Dieser plötzliche Zwischenfall beeindruckte ihn um so stärker, als er im Augenblick nicht sehen konnte, wer ihn festhielt. Aber als er sich umwandte, sah er eine große, hagere Gestalt neben sich. Im nächsten Augenblick wurde ihm etwas zugeflüstert.

»Ruhe! Seien Sie vorsichtig. Dort unten sind Leute. Wahrscheinlich sind sie hinter Ihnen her. Warten Sie einen Augenblick.«

»Wer sind Sie denn?« fragte Mallalieu heiser. Er wollte seine Hand freimachen, aber die sehnigen Finger schlossen sich nur enger um das Gelenk. »Lassen Sie meine Hand los! Können Sie nicht hören?«

»Warten Sie«, sagte die Stimme wieder. »Es ist zu Ihrem eigenen Besten. Ich bin es, Miß Pett. Ich sah Sie über die Lichtung gehen, ich erkannte Sie an Ihrer Gestalt sofort. Also sind Sie doch entwischt? Sie werden aber nicht sehr weit kommen, wenn Sie sich mir nicht anvertrauen. Warten Sie, bis die Leute dort unten weggegangen sind.«

Mallalieu ergab sich in sein Schicksal. Als sich seine Augen mehr an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er Miß Pett in einer Öffnung zwischen den Bäumen. Sie zog ihn aus dem Schatten, als die Stimmen unten allmählich verklangen.

»Sehen Sie hier diesen Weg«, sagte sie kaum hörbar. »Und bleiben Sie dicht hinter mir – mein Haus liegt ganz in der Nähe.«

»Ich will nicht in Ihr Haus gehen«, erwiderte Mallalieu ärgerlich. »Ich will auf die Heide. Wieviel wollen Sie denn haben, damit Sie Ihren Mund halten?«

Miß Pett blieb stehen und trat dicht an ihn heran.

»Es handelt sich gar nicht darum, ob ich meinen Mund halte. Zuerst wird doch die Heide abgesucht, seien Sie doch nicht so dumm! Ihre Flucht ist jetzt schon in der ganzen Stadt bekannt. Kommen Sie mit mir, ich werde Sie sicher vor der Polizei verstecken. Bei mir findet Sie niemand. Sie können natürlich tun, was Sie wollen. Ich habe Sie aber gewarnt. Sie haben nicht die mindeste Aussicht auf Entkommen, wenn Sie jetzt auf die Heide hinausgehen. Die Polizei weiß ganz genau, daß Sie nur nach zwei Plätzen fliehen können, entweder nach Norcaster oder nach Hexendale. Und in beiden Fällen müssen Sie über die Heide. Seien Sie doch vernünftig und kommen Sie mit.«

»Also dann gehen Sie vorwärts«, brummte Mallalieu. Er war schon von Natur aus argwöhnisch und wunderte sich jetzt im höchsten Maße, warum dieser Drachen, wie er Miß Pett nannte, ihn in Schutz nehmen wollte. Er glaubte nicht an Menschenfreundlichkeit. Sicher hatte sie etwas mit ihm vor. Während er weiterging, faßte er mit seiner freien Hand nach der Hüfttasche, wo sein Revolver steckte. Solange er die Waffe hatte, fühlte er sich verhältnismäßig sicher. Aber im Augenblick befand er sich trotz alledem in Miß Petts Gewalt. Er wußte nur zu gut, daß sie sofort ein fürchterliches Geschrei erheben und die Aufmerksamkeit aller Leute in der Umgegend auf ihn lenken würde, wenn er ihr zu entkommen suchen würde. Und so sehr er sich auch nach der Freiheit auf der Heide sehnte, mußte er doch jetzt als Gefangener dieser alten Hexe vorwärtsmarschieren und konnte nur hoffen, daß sie ihm eventuell zur Flucht verhelfen würde.

Miß Pett wartete, bis die Stimmen verklangen, obwohl ihr klar war, daß es sich um Landleute handelte, die zur Stadt gegangen waren und nun durch den unteren Weg nach Hause zurückkehrten. Aber es kam ihren Plänen zugute, daß sie Mallalieu eine unmittelbar drohende Gefahr vorspiegeln konnte. Der Bürgermeister hatte sie öfter in der Stadt beobachtet, wenn sie über den Markt ging, und sich immer über ihre dünne Gestalt lustig gemacht. Er wunderte sich jetzt über die ungewöhnliche Kraft, die sie besaß. Diese merkwürdige Frau mußte über die Gabe verfügen, alle Leute ihrer Umgebung in ihren Bann zwingen und beherrschen zu können. In seiner augenblicklichen Gemütsverfassung war er besonders geneigt, an derartige Dinge zu glauben. Unter gewöhnlichen Umständen hätte er sich einfach brutal freigemacht. Aber nun hielten ihn diese stahlharten Finger fest, und er hatte nicht die Macht, sich dagegen zu wehren.

Miß Pett führte ihn vorsichtig zwischen Bäumen und Sträuchern durch, brachte ihn auf einen kleinen Weg und dann wieder durch dichtes Gestrüpp. Schließlich zog sie ihn durch eine Lücke in einer Hecke hindurch, und Mallalieu wußte, daß sie sich jetzt in dem Küchengarten von Kitelys Haus befanden. Sie bewegte sich so ruhig und lautlos, als ob sie auf Samtsohlen ging. Endlich standen sie vor einer Tür. Miß Pett öffnete sie lautlos und schob ihn in das dunkle Innere. Dann trat sie auch ein, schloß die Tür wieder und riegelte sie ab.

»Gehen Sie rechts«, flüsterte Miß Pett. Sie führte ihn durch mehrere Gänge und ließ ihn dann zum erstenmal los.

»Warten Sie hier«, sagte sie. »Ich werde gleich Licht machen.«

Mallalieu blieb ungeduldig und ärgerlich stehen. Er hörte, daß Miß Pett Fensterläden schloß und Vorhänge zuzog, bevor sie Licht machte.

Gleich darauf befand er sich in einem kleinen Raum, der als Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet war. In der einen Ecke sah er ein Feldbett, in der anderen einen altmodischen Sekretär. Ein paar Sessel standen umher, und auf einem Bücherbrett lagen Bücher und Papiere. An den Wänden hingen Bilder und Zeichnungen. Mallalieu war dieser Raum unsympathisch, und er haßte dieses Zimmer, wie er Miß Pett haßte. Die Bilder stellten berühmte Richter in ihren großen Roben dar, auch berühmte Staatsanwälte in ihren Perücken. Über dem Kamin prangte eine alte, eingerahmte Urkunde. Mallalieu las die merkwürdige Überschrift: »Letzte Gespräche und Geständnis des Erzmörders...«

»Dies war Kitelys Zimmer«, erklärte Miß Pett. »Er schlief dort drüben in dem Bett, an dem Schreibtisch hat er gearbeitet, und in dem Stuhl rauchte er seine Pfeife. Es ist ein gemütliches Zimmer, besonders wenn Feuer im Kamin ist. Hier können Sie ganz bequem wohnen, bis Sie fortkommen. Nehmen Sie doch Platz. Wollen Sie nicht einen Schluck Whisky trinken?«

Mallalieu ließ sich nieder und starrte Miß Pett an.

»Wir wollen uns doch einmal klar aussprechen, Miß Pett«, sagte er plötzlich. »Sie erwähnten vorhin, daß Sie mich hier sicher unterbringen können, bis ich weiter kann. Woher wissen Sie denn, daß ich hier sicher bin?«

»Weil ich mich um Ihre Sicherheit kümmern werde. Ohne meine Erlaubnis kann niemand ins Haus, und bevor ich jemand einlasse, ganz gleich, ob er mit Haftbefehlen kommt oder das Haus durchsuchen will, sorge ich schon erst dafür, daß Sie in Sicherheit sind, bevor er über die Schwelle kommt. Ich bin schon mit vielen Leuten fertig geworden. Ich weiß, was ich will, Mr. Mallalieu. Wenn Sie sich mir anvertrauen –«

»Es bleibt mir ja keine andere Wahl«, bemerkte er bissig. »Sie haben mich hier einfach eingesperrt. Wieviel wollen Sie nun dafür haben, daß Sie mir weiterhelfen?«

»Nur der Erfolg soll bezahlt werden«, erwiderte Miß Pett. »Warten Sie nur, bis ich die Sache für Sie in Ordnung gebracht habe. Ich weiß schon, wie ich Sie sicher von hier fortbringen kann. Überlassen Sie nur alles mir. Ich schaffe Sie in jede Gegend von Norcaster, die Sie wollen, ohne daß es jemand erfährt. Und wenn Sie mir nachher ein nettes Geschenk machen wollen, habe ich nichts dagegen.«

»Sind Sie denn auch sicher, daß Ihr Plan gelingt?«

Mallalieu war noch argwöhnisch, aber er wagte doch wieder zu hoffen.

»Ich weiß genau, was ich will. Und ich sage nur das, was ich bestimmt weiß.«

»Also gut. Wenn Sie Ihr Versprechen halten, sollen Sie mich nicht undankbar finden. Und jetzt habe ich nichts dagegen, wenn Sie mir etwas Whisky geben.«

Während sich Miß Pett entfernte, sah sich Mallalieu nachdenklich um. Er wußte noch nicht recht, was er zu diesem plötzlichen Umschwung sagen sollte; aber schließlich war es besser, in der Obhut dieser merkwürdigen Frau zu sein, als auf der Heide gefunden und ins Gefängnis transportiert zu werden. Seine Lage kam ihm jetzt nicht mehr so verzweifelt vor, und als Miß Pett ihm gleich darauf ein gutes Glas Whisky brachte und ein helles Feuer im Kamin entzündete, fühlte er sich fast behaglich und ließ sich sogar dazu herbei, ihr seinen Dank auszusprechen.

»Ich werde Ihnen das nicht vergessen, wenn wir uns trennen. Aber nun möchte ich gern noch zweierlei wissen. Erstens, was tun Sie, wenn man mich hier sucht? Es wird natürlich ein Steckbrief hinter mir erlassen.«

Miß Pett sah ihn merkwürdig an. »Glauben Sie denn, daß die Leute auf den Gedanken kommen, Sie hier zu suchen? Das halte ich für ganz ausgeschlossen. Wahrscheinlich werden Sie nur oben den Wald durchstreifen und mich natürlich fragen, ob ich etwas gesehen habe. Nun, die Antwort können Sie schon mir überlassen.«

»Aber vielleicht bestehen sie darauf, dieses Haus zu durchsuchen.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte sie kopfschüttelnd. »Aber selbst wenn sie kommen, kann ich Sie hier so gut verstecken, daß Sie nicht gefunden werden.«

»Und wie wollen Sie mich denn sicher von hier fortbringen? Wie wollen Sie denn das anfangen?«

»Das erzähle ich Ihnen morgen. Machen Sie es sich nur bequem, ich sorge schon dafür, daß es Ihnen hier gut geht. Jetzt koche ich Ihnen noch etwas Feines, denn Sie sind sicher hungrig.«

Sie ging fort und schloß die Tür. Mallalieu war sich nun selbst überlassen. Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und betrachtete dann die Stube wieder. Das Feuer war gemütlich und warm, und er fühlte sich jetzt verhältnismäßig wohl. Er trat ans Fenster und bemerkte, daß alles gut abgedichtet war, so daß kein Lichtstrahl nach außen dringen konnte. Einen Augenblick lauschte er, ob er Geräusche von draußen hören könnte. Aber er vernahm nicht einmal das Heulen des Windes, der sehr stark war, wie er wußte. Diese alten Steinmauern waren also ganz schallsicher. Aber dann wurde er durch Geräusche innerhalb des Hauses abgelenkt. Er hörte, wie die Koteletts in der Pfanne brieten, und als ein angenehmer Duft von gebratenem Fleisch aus der Küche drang, bekam Mallalieu plötzlich Hunger.

Der Abend verlief sehr gemütlich. Miß Pett hatte ihrem Gefangenen ein schmackhaftes Essen bereitet und leistete ihm später Gesellschaft. Sie sprachen von allem Möglichen, bloß nicht von dem, was heute passiert war. Mallalieu gewann immer mehr den Eindruck, daß diese sonderbare Frau eigentlich sehr schlau und intelligent war. Eins behagte ihm allerdings nicht: Sie ließ ihn unter keinen Umständen rauchen. Sie sagte, der Zigarrenrauch könnte nach außen dringen, und niemand würde glauben, daß sie so gute und teure Zigarren rauchte wie er.

»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre«, sagte sie am Schluß einer interessanten Unterhaltung, die die verschiedensten Gegenstände berührt hatte, »würde ich versuchen, mich jetzt gründlich auszuschlafen. Ich will Ihnen einmal einen ordentlichen Schlaftrunk brauen wie ihn Kitely immer genommen hat, und dann lasse ich Sie allein. Das Bett ist bequem und weich, und Sie können schlafen wie in Abrahams Schoß. Ich passe schon auf, daß Sie nicht gestört werden. Ich schlafe wie ein alter Wachthund und habe immer ein Auge und ein Ohr offen.«

Mallalieu trank den dampfenden Punsch, den Miß Pett ihm später hereinbrachte, und legte sich dann nieder. Er fiel auch sofort in tiefen Schlaf und hörte nicht, daß Miß Pett nach einiger Zeit leise in sein Zimmer schlich. Er merkte auch nicht, daß sie die wertvolle Weste mit sich ins Wohnzimmer nahm, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß er fest schlief. Der starke Zitronen- und Zuckergeschmack hatte das Schlafmittel vollständig übertäubt, das sie dem Trank reichlich beigemischt hatte. Mallalieu schlief so fest, daß ihn nicht einmal ein Erdbeben aufgeweckt hätte.

Miß Pett durchsuchte die Weste in aller Ruhe. Ihre dünnen Finger betasteten jede Tasche; sie betrachtete jedes Papier und jedes Schriftstück; sie zählte alle Banknoten. Nachdem sie die Summen zusammengezählt hatte, steckte sie alles so hinein, wie sie es gefunden hatte, und legte die Weste wieder an ihren Platz.

Es war elf Uhr abends, und Miß Pett setzte sich im Wohnzimmer ans Feuer, anstatt sich zur Ruhe zu begeben. Sie trug jetzt wieder den buntfarbigen Turban, und ihr Gesicht sah aus wie Elfenbein, als sie am Kamin saß und in die Flammen sah. Ihre fleischlosen, sehnigen Arme ruhten auf der Seidenschürze; man hätte die ganze Gestalt fast für eine Statue halten können.

Aber als die Uhr beinahe Mitternacht zeigte, erhob sie sich plötzlich, denn ihre scharfen Ohren hatten ein leises Kratzen an dem Fensterladen gehört. Geräuschlos ging sie im Dunkeln den Gang entlang, geräuschlos öffnete sie die vordere Tür, und geräuschlos schloß sie sie wieder hinter ihrem Neffen Christopher.


 << zurück weiter >>