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Iversen

Die Stadt, in der diese Ereignisse sich zutrugen, soll nicht genannt werden; es ist eine Stadt in einem fernen Erdteil, wo die Luft schwül und von Düften erfüllt ist, wochenlang Wasser vom Himmel stürzen, Stürme das Werk der Menschen bedrohen und Flammen den Grund unterwühlen, auf dem sie wohnen. Bunte Vögel und große Insekten fliegen unter großblättrigen Bäumen, Affen schreien in den Ästen, dicke Schlangen lassen sich in das träge Wasser der Flüsse hinab, und in den Wäldern leben noch gefährliche Tiere, wenn auch weit genug von der Stadt zurückgedrängt, daß die Menschen in ihren Häusern sicher vor ihnen leben und ihre Ausflüge in die Umgebung machen können. Viele schlecht gepflasterte, unraterfüllte Straßen ziehen durch die Stadt mit niedern Häusern aus Stein oder Lehm, und wenige glänzende Straßen, in denen Steinpaläste mit riesigen dunklen Fensteröffnungen und breiten mit Sonnendächern überspannten Balkonen stehen. Und inmitten jener engen kotigen Gassen erhebt sich an der höchsten Stelle der Stadt die großartige Kathedrale, im Barockstil erbaut, aber mit seltsamen schnörkelhaften Pfeilern und Zierleisten, die an uralte Indianerkunst erinnern.

In dieser Stadt lebte als deutscher Konsul ein Herr von Gampp; er war schlank mit gelbem Gesicht und müden Bewegungen; die Tropen hatten ihn krank gemacht; in den Amtstunden saß er in seinem verdunkelten Zimmer; wenn er sich wohl genug fühlte, spielte er in den Morgenstunden Tennis oder ritt aus. Er hatte eine kluge elegante Frau mit Hellem blonden Haar; in ihren Augen war eine lächelnde Traurigkeit; sie hatte ihr einziges Kind, ein Mädchen, zu Verwandten nach Europa schicken müssen, weil es sonst dem Klima erlegen wäre. Man sah sie des Abends spazierenfahren, manchmal mit ihrem Mann, öfter allein; bei den wenigen Empfängen war sie eine liebenswürdige Hausfrau. Tennis spielte sie schon lange nicht mehr.

Die deutsche Kolonie bestand zumeist aus Handwerkern und kleinen Geschäftsleuten, die die Not aus der Heimat getrieben hatte, einigen Ingenieuren und einem Arzte. Hie und da kam ein Reisender von Rang oder ein großer Kaufmann durch die Stadt und sprach auf dem Konsulat vor.

Eines Tages kam Ivo Iversen in der Stadt an. Auch er war Ingenieur und kam in Geschäften; er wurde vom Sennor Iriarte, dem Direktor der Bank in dem weißen Steingebäude auf der Plaza, mit großer Höflichkeit empfangen und stieg im ersten Hotel der Stadt ab. Er kam auf das Konsulat wegen verschiedener Auskünfte und Papiere und reiste dann sofort ins Innere des Landes.

Nach einigen Wochen kam er zurück und mietete eine Wohnung, in der er ein Büro einrichtete; dann kaufte er Wagen und Pferde, nahm einen chinesischen Koch und mehrere farbige Diener.

Jetzt erschien er wieder im Konsulat und erhielt einige Tage darauf eine Einladung zum Abendessen. Iversen war der einzige Deutsche in der Stadt, der zweifellos, und in weit höherem Maß als der Arzt, zur Gesellschaft gehörte. Der Konsul führte ihn in seinem Klub ein. Er ritt mit ihm aus, und auch die Konsulin begann wieder Tennis zu spielen und auszureiten. Iversen hatte ihr vorgestellt, daß es falsch sei, sich dem erschlaffenden Klima zu sehr hinzugeben, daß man mit Maß widerstehen und in Form bleiben müsse.

Es kam auch vor, daß Iversen mit ihr allein ausritt, wenn ihr Mann beschäftigt oder zu müde war. Frau von Gampp ritt auf einer schönen braunen Stute, der Reitknecht folgte in gebührendem Abstand auf einem Schimmel.

Iversen kaufte ein schwarzes junges Pferd mit kurzem Kopf und mit einem großen weißen Flecken über den Hals, ein scheues wildes Ding, das noch wenig geritten war; es warf ihn wiederholt ab, schließlich bezwang er es. Er ritt wie ein Gaucho; in weiten Hosen, weißem Hemd, den breiten Hut auf dem Kopf.

Der Konsul wünschte das Pferd zu versuchen. »Nein,« sagte Iversen, »das könnte ich nicht verantworten.«

Der Konsul hielt sich für einen guten Reiter und Iversens Vorsicht verdroß ihn.

»Gut reiten und ein Pferd bändigen können ist nicht dasselbe, Herr von Gampp,« sagte Iversen.

Eines Tages kamen zwei Männer aus dem Innern des Landes, in Ponchos und landesüblicher Kleidung, die jedoch Deutsche waren, zu Iversen. Er bewirtete sie im Hotel und ging dann mit ihnen in bedenkliche Wirtschaften am Hafen. Am Morgen kam er blaß und übernächtig nach Hause; sein lockiges schwarzes Haar klebte feucht und verwirrt um seine Schläfen, und er legte sich sofort zu Bett. Am Abend ging er aus, frisch und elegant wie sonst. Er ging zu Herrn von Gampp, den er auf der Gartenterrasse im Liegestuhl fand. Der englische Konsul, Mr. Tower, ein hagerer Mann mit schmalem bartlosen Gesicht und weißen Haaren, saß bei ihm. Eine Flasche mit Whisky und eine mit Sodawasser, sowie die nötigen Gläser, standen auf einem Tischchen.

»Ich komme, Sie um eine Auskunft über zwei Landsleute zu bitten,« sagte Iversen. Der Engländer stand auf; er sei fertig und wolle nicht stören.

»Sind Sie ein Verwandter von Sir William Gower?« fragte Iversen.

»Woher kennen Sie Sir William Gower?« erwiderte der andere.

»Ich habe ihn bei der Herzogin von Portsmouth kennengelernt.«

»Nein, wir sind nicht verwandt.«

»Mein Freund Iversen ist in England aufgewachsen«, bemerkte Herr von Gampp.

»I see«, sagte Mr. Gower. In der Tat sprach Iversen Englisch, als ob er im Lande geboren wäre.

Eine Woche später erfuhr man, daß Iversen ein glänzendes Geschäft gemacht und eine große Estancia im Innern des Landes um ein Spottgeld gekauft hatte. Er hatte eine lange Besprechung mit Sennor Iriarte in dem weißen Bankgebäude auf der Plaza und brachte dann Papiere aufs Konsulat.

Der Konsul beglückwünschte ihn. »Unsereins kann so etwas nicht machen«, sagte er mit gezwungenem Lächeln.

»Man muß Kaufmann sein«, sagte Iversen. Er verreiste wieder für mehrere Wochen ins Innere des Landes.

In der kühleren Jahreszeit kam das Töchterchen des Konsuls mit ihrer englischen Erzieherin aus Europa zurück. Die Wangen der Konsulin röteten sich ein wenig, und auch das müde gelbe Gesicht ihres Mannes belebte sich. Iversen scherzte mit dem Kind und brachte ihm eine Puppe aus dem ersten Laden der Stadt. Einmal hob er es zu sich aufs Pferd. Der Konsul trat eben aus dem Hause. Sein Gesicht wurde dunkel. »Auf dieses Pferd, Iversen!« rief er.

»Wenn ich es halte, ist keine Gefahr«, antwortete Iversen; aber er parierte das Pferd und setzte das Kind ab.

Dann bekam Grete ein Pony und ritt selbst.

Miß Chandler, die Erzieherin, war ein schönes blondes Mädchen, groß und üppig. Sie wollte gleichfalls reiten lernen, und Iversen erbot sich, es sie zu lehren. Frau von Gampp hob ein wenig den Kopf, hatte aber nichts dagegen. Sie sah manchmal zu, wenn Iversen auf dem Rasen stand und das Pferd, auf dem Miß Kate saß, im Kreise gehen oder traben ließ und ihren Sitz verbesserte, aber sie wurde bald ungeduldig und ging wieder. Das Kind freute sich und ward nicht müde, zuzusehen.

Eines Tages war man in der Stadt und auf dem Konsulat in Aufregung. In einem Rancho in der Umgegend war die Tochter eines Deutschen und einer Spanierin in der Nacht entführt worden. Den Vater fand man tot in der Nähe des Hauses, das Gewehr in der Hand. Er war den Räubern nachgeeilt, und sie hatten ihn niedergeschossen. Als die berittene Polizei die Verfolgung aufnahm, schloß Iversen sich an.

Nach vier Tagen brachten sie das Mädchen, das Rosita hieß, zurück und einen der Räuber; zwei andere waren erschossen worden. Beim Konsul erzählte Iversen, wie er die Polizisten auf die Spur geführt hatte, indem er ihnen vorstellte, daß die Räuber Bekannte des Ermordeten, zum mindesten des Mädchens sein mußten; vorher hätten sie ganz unklug und planlos im Kreise gesucht; am Fuß der Berge, in einer kürzlich durch ein Erdbeben zerstörten Ortschaft, hatten sie die Flüchtigen erreicht; im gefährlichsten Augenblick hatte er den einen, der eben auf den Polizeileutnant anlegte, mit dem Lasso vom Pferde gerissen.

Der englische Konsul, der gleichfalls gekommen war, den Bericht zu hören, lächelte. Frau von Gampp, die neben ihm saß, fragte, wo das Mädchen jetzt sei.

»Ich habe sie bei anständigen Leuten auf meiner Estancia untergebracht«, erwiderte Iversen. »Aber es ist hohe Zeit, daß ich nach meinen Angelegenheiten sehe«, fügte er hinzu. –

»Caballeros!«, sagte er und verbeugte sich lächelnd. Die andern sahen ihm nach, wie er schlank, groß, mit anmutiger Bewegung aus der Türe ging.

Der Konsul bekam wieder Fieberanfälle. Iversen kam, ihn zu besuchen; der junge Arzt Dr. Martin, der fast täglich kam, ging eben fort. Er war ein unauffälliger blaßblonder Mensch mit kurzgeschnittenem Haar und Schnurrbart, und trug eine Brille.

»Ich kann diesen Dr. Martin nicht ertragen«, sagte Iversen, als der Arzt ihm die Hand gereicht und ohne Druck wieder zurückgezogen hatte.

»Er ist gewissenhaft und tüchtig,« sagte der Konsul, »was haben Sie gegen ihn?«

»Ich weiß nicht. Es ist eine Art horror sanguinis. Ich könnte ihm nie vertrauen.«

»Kennen Sie Herrn Iversen näher?« fragte der Konsul den Arzt am nächsten Tag.

»Nein«, sagte dieser und hielt die Pipette gegen das Licht, mit der er dem Kranken eben ein Tröpfchen Blut abgenommen hatte.

Ein paar Tage später kam Iversen, Frau von Gampp zum Ausreiten abzuholen. Im Zimmer saßen Miß Kate und die kleine Gretie. Ein Schreiber des Konsulats stand mit seiner Aktentasche da und wartete darauf, ins Schlafzimmer des Konsuls gerufen zu werden. Das Mädchen kam und sagte, Frau von Gampp werde gleich herunterkommen. Iversen stand im hellen Reitanzug an einem Tischchen und zog seine Handschuhe an.

»Wie geht es Ihnen, Miß Chandler?« fragte er, »wann setzen wir unsre Reitstunden fort?«

»Sobald Sie wieder Zeit haben werden, Mr. Iversen«, antwortete sie und wurde rot.

»Wir wollen sehen«, sagte er. Die Stunden waren aufgegeben worden, weil Iversen zu beschäftigt gewesen war.

»Oh, bitte, ich will Ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen«, sagte sie; es zuckte um ihre Mundwinkel.

Iversen lächelte. Frau von Gampp, gleichfalls im hellen Reitanzug, trat ein. Sie sprach ein paar Worte zu Miß Chandler und küßte das Kind.

»Mama, ich will mitreiten!« rief Gretie. »Kann ich?«

»Heute nicht, mein Herz.«

»Warum nicht?« Sie warf die Lippen auf; in den Augen standen dicke Tränen.

» Come, darling,« sagte Miß Kate.

»Ich fange ein Äffchen für dich und bring dir's mit – willst du?« lachte Iversen, der Kleinen einen Kuß zuwerfend, dann öffnete er die Glastüre für Frau von Gampp und folgte ihr ins Freie.

José, der Reitknecht, stand, je eine Hand an den Zügeln, zwischen beiden Pferden. Das schwarze Tier Iversens mit dem weißen Flecken über den Hals, drehte sich, bis es dem andern gegenüberstand; es warf den Kopf, spitzte die Ohren und legte sie zurück. Iversen trat rasch hinzu, nahm dem Reitknecht die Zügel aus der Hand und sprang in den Sattel. Das Pferd ging gegen die Wand zurück; Iversen gab ihm die Sporen; den Kopf tief, fast bis zur Erde senkend, schlug es mit den Hinterbeinen hoch aus. Aber Iversen hatte sich weit zurückgelegt und jagte es mit den Schenkeln und mit einem schweren Hieb der Reitgerte vorwärts. Er galoppierte die Straße hinab.

Miß Kate und Gretie waren aus dem Hause auf die Türstufen getreten; der Konsulatschreiber stand drinnen am Fenster und sah zu.

Als Iversen zurückkam, saß Frau von Gampp im Sattel; auch ihre schöne braune Stute war ein wenig unruhig geworden. Er parierte sein Pferd, dem die Schaumflocken auf die dunkelglänzende Brust troffen, wendete es und zwang das unruhig zitternde, auf die Kandare beißende Tier, im Schritt zu gehen.

»Ich war beinahe besorgt um Sie«, sagte Frau von Gampp. Sie suchte es lächelnd zu sagen, aber in ihrer Stimme zitterte eine gewisse Erregung.

»Er muß nachgeben«, sagte Iversen und sah ihr einen Augenblick ins Gesicht. Sie wendete das ihre ab.

Sie setzten die Pferde in leichten Trab, ritten über die Brücke, die über den weiten trägen gelben Fluß führte, an dem Hügel vorüber, auf dem die Villa des Senator Rosales mit ihren griechischen, rosenumrankten Säulen stand, und trabten unter den Mimosenbäumen hin. In den Zweigen kreischten die Papageien.

»Der Unterschied zwischen Ihrer Haltung zu Pferde und dem der armen Miß Chandler,« sagte Iversen, »ist nicht zu beschreiben. Sie sitzt wie in der Badewanne.«

Helene von Gampp mußte lächeln.

José Olleas, der Reitknecht, erzählte nachher, sie hätten eine Strecke schweigend weitergetrabt, hätten dann, im Schritt reitend, miteinander gesprochen; plötzlich habe die Sennora sich von ihrem Begleiter getrennt und sei losgeritten; Sennor Iversen habe ihr einen Augenblick nachgesehen, dann sei er ihr gefolgt; er, der Reitknecht, natürlich gleichfalls. Als er sie erreichte, hielten sie im Schatten eines Ombubaumes; der Sennora war von dem Ritt das Haar aufgegangen; sie habe es mit beiden Händen gerichtet und aufgesteckt, während Sennor Iversen die Zügel ihres Pferdes hielt. Dann seien sie umgekehrt und Sennor Iversen habe immerfort gesprochen und einmal habe er die Hand auf ihren Arm gelegt ...

»Die Perfección wird durchgegangen sein«, sagte Tamara, die Zofe, der er die Sache mitteilte.

»Die Perfección geht nicht durch; sie geht auch von einem andern Roß nicht weg, wenn man sie nicht treibt. Und warum war die Sennora erst blutrot im Gesicht und dann totenbleich ... warum?«

Die beiden ritten in der nächsten Zeit nicht wieder miteinander aus. Frau von Gampp fühlte sich matt und unlustig; Iversen kam ins Haus wie vorher; aber sie war zumeist nicht sichtbar; er saß dann mit dem Konsul, dem es besser ging, und trank und rauchte mit ihm.

Dafür nahm er die Reitstunden mit Miß Kate wieder auf. Diesmal war es Tamara, die halbblütige Zofe, die bemerkte, daß eines Abends, als er Miß Kate vom Pferde half, das schöne Mädchen wie von selbst in seine Arme glitt und er sie küßte, Sie hatten sich auf der dämmernden Wiese allein geglaubt, aber Tamara hatte sie von einem Fenster aus beobachtet. Dann hatte Iversen Jose gerufen und dieser das Pferd nach dem Stalle geführt, während die beiden andern nach dem Hause gingen; Miß Chandler voran, Iversen folgte, bis die Büsche des Gartens sie den Blicken entzogen. Auch Tamara verschwieg ihre Beobachtungen nicht.

Auf dem Gartenweg vor der großen Bougainvillea mit ihren rosenroten Blütenhüllen war die Engländerin stehengeblieben. »Wen lieben Sie eigentlich, Mr. Iversen, mich oder Mrs. von Gampp?« hatte sie halb lachend, halb bitter gefragt.

»Kind!« antwortete Iversen, »vergleichen Sie sich und diese kränkliche Person!«

Das hatte Tamara freilich nicht hören können.

Allen im Hause fiel es auf, daß Frau von Gampp die Erzieherin ihrer Tochter immer kälter und abweisender behandelte. Eines Abends saßen alle um den Tisch unter der Lampe; die Netzvorhänge in den Fenstern gegen Mosquitos und Nachtschmetterlinge waren zugezogen; der Konsul hatte die Zeitung vor sich, seine Frau las in einem Buch; Miß Kate nähte. Gretie, die Bilder ausgemalt hatte, sollte eben schlafen gehen. Tamara, die im Zimmer stand, klagte, daß sie kein Feiertagskleid für den folgenden Tag für die Sennorita hätte. Die Konsulin und Miß Kate sahen auf. Greties Kleider wurden durchgesprochen. Nein, sagte Tamara, das letzte hätte das Kind heute, im Pferdestall herumkletternd, beschmutzt und zerrissen, und auf das weiße, das sie jetzt anhatte, eben Farbflecke gemacht.

»Ich könnte wirklich erwarten, daß Sie darauf achten, Miß Chandler,« sagte Frau von Gampp, »aber wenn man ...«

Sie sprach nicht zu Ende. Miß Chandler schlug die Augen nieder und schwieg. Tamara lauschte und wartete; die weißen Augen in ihrem bräunlichen Gesicht schienen durch das Fenster nach dem Monde zu sehen.

Dem Konsul war es unbehaglich. Er wußte, daß seine Frau zu Zeiten nervös war; dann ließ er sie gewähren und zog sich zurück.

Miß Chandler stand auf: »Ich werde ein Kleid für Gretie zurechtmachen«, sagte sie, und sie ging mit müden Schritten aus dem Zimmer.

»Miß Chandler weint so viel«, sagte Gretie, als die Engländerin die Türe hinter sich geschlossen hatte.

»Ich weiß nicht, was mit meinem Hause los ist,« sagte der Konsul, seine Frau flüchtig ansehend, »das verfluchte Klima!«

Frau von Gampp erwiderte nichts.

Die Reitstunden hatten wieder aufgehört; aber Tamara und José und andere aus der Dienerschaft hatten noch viel heimlich zu reden.

Auch der Konsul sah in diesen Tagen schlecht aus und war verdrießlicher als je. Wagen, mit Pferden oder Maultieren bespannt, fuhren am Konsulat vor; dicke Herren stiegen aus und traten in seine Schreibstube, und auch er fuhr häufiger durch die Stadt. Seine Frau fand jetzt ihn erregt und nervös.

Eines Nachmittage saß er in Iversens Bureau. Die drückende Hitze hatte noch kaum nachgelassen; unter dem Sonnendach des Balkons flammte ein Streifen grellen Lichts. Iversen, in weißem Hemd und Hosen, die bloßen Füße in hellen Schuhen, lehnte, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, im Liegestuhl; der Konsul in einem rohseidenen Anzug saß hinter dem Schreibtisch, zog die Zigaretten, die Iversen ihm gewiesen hatte, zu sich herüber und zündete sich eine davon an. Die Augen in seinem kleinen scharfgeschnittenen Gesicht sahen nach Iversen. Auf dem Schreibtisch stand ein Strauß mit herrlichen Blumen.

»Wenn ich Geld hätte,« sagte der Konsul, »wäre ich nicht in dieser Karriere; dann wäre ich heute an einer Botschaft oder einer Gesandtschaft und säße nicht in diesem elenden Klima, an dem man zugrunde geht!«

Es klopfte, einer der farbigen Diener trat ein, brachte Iversen einen Brief und ging wieder. Iversen riß den Umschlag auf, warf ihn in den Papierkorb, überflog den Brief und schob ihn dann unter andere, die auf dem Schreibtisch lagen.

» Muy Sennor mio,,« sagte er zu seinem Besucher gewendet, »man muß Fatalist sein. Aber ich tue das gerne. Sie werden doch die Perfección nicht verkaufen. Es wäre schade, wenn Ihre Frau nicht mehr ausreiten könnte!«

Der Konsul atmete hörbar. »Kann ich es von Ihnen annehmen?« fragte er.

»Sie können es. Ich habe glänzende Geschäfte gemacht. Im Vertrauen: ich arbeite jetzt mit dem Senator Rosales ...«

»So?!« sagte Gampp.

»Also, wie Sie wollen!« Beide schwiegen; dann erhob Iversen sich und setzte sich an den Schreibtisch. »Ich werde Ihnen einen Scheck ausschreiben«, sagte er.

Der Konsul folgte seinen Bewegungen; dabei fiel sein Blick auf den Brief, der unter den Papieren hervorsah; die Schrift kam ihm bekannt vor; aber seine Gedanken waren von der Angelegenheit, die ihn beschäftigte, zu sehr hingenommen, als daß er weiter darauf geachtet hätte. Iversen hielt im Schreiben inne. »Oder nein,« sagte er, »das wäre vielleicht für Sie nicht angenehm; ich werde das Geld selbst holen; ich habe morgen vormittag ohnedies bei Iriarte zu tun und komme dann bei Ihnen vorbei.«

Wie mit einer zufälligen Bewegung schob er die Papiere auf dem Schreibtisch durcheinander, so daß der Brief nicht mehr zu sehen war. Dann zerriß er den Scheck und warf die Stücke in den Papierkorb.

»Sie erweisen mir einen sehr großen Dienst«, sagte der Konsul.

»Not at all«, erwiderte Iversen. Sie sprachen noch einen Augenblick von anderen Dingen; dann drückte Gampp ihm die Hand und verabschiedete sich.

Als er gegangen war, stand Iversen auf und trat auf den Balkon. Er wartete, bis er den Wagen des Konsuls, der gerade unter dem Balkon hielt, sehen konnte, und blickte dem Fortfahrenden nach. Er hörte nicht, daß im Zimmer an die Türe geklopft wurde. Der farbige Diener öffnete lautlos und trat ein. Iversen, der sich eben umgewendet hatte, bemerkte ihn: »Was willst du?« rief er, »ich bin hier!«

»Eine Dame, Herr!« sagte der Diener.

Iversen ging selbst zur Türe. »Sie sind es, Miß Chandler? womit kann ich Ihnen dienen?« sagte er mit einer Verbeugung und ließ sie vorangehen. »Wie können Sie so unvorsichtig sein, Kitty?!« fuhr er fort, als die Türe geschlossen war, und küßte ihr die Hand. »Eben ist der Konsul dagewesen!«

»Ich habe ihn gesehen«, erwiderte sie.

»Sit down, Kitty,« sagte Iversen freundlich, »was gibt es?«

»Ich war bei Mr. Tower: er weiß keine andere Stelle für mich. Das kann lange dauern, sagt er, bis eine annehmbare sich findet. Und dort kann ich nicht bleiben ...!«

»Ist es so schlimm? ich dachte, Sie wären ganz gerne dort?«

»Es geht nicht mehr,« sagte sie zitternd, »aber ich will auch nicht nach Europa zurück; ich will nicht fort von hier ...«

»Um meiner Wenigkeit willen, Kitty?« fragte er lächelnd. »Aber was dann? Wollen Sie eine Stellung bei mir annehmen?« Sie mußte lachen, obwohl sie Tränen in den Augen hatte. »Man würde darüber reden. Aber es ginge vielleicht ... Man könnte es maskieren ...«

Nun weinte sie wirklich. »Was soll daraus werden?« schluchzte sie. »Werden Sie mich heiraten? Sie werden es nicht tun! Ich kenne Sie gut, Mr. Iversen! ... Und ich bin verloren! ...«

»Kitty!« sagte Iversen, »wollen Sie das kleine Mädchen vom Lande spielen? Ist das Ihrer würdig? Ich denke überhaupt nicht daran, zu heiraten! Niemals! Aber ich werde Sie auch nie im Stich lassen! – Kitty!« sagte er, faßte ihre beiden Hände, beugte sich über sie und sah ihr lachend ins Gesicht. »Wir sind jung, und du bist schön, Kitty! unglaublich schön!« Er zog sie mit sich und führte sie durch die Türe vor den hohen Spiegel in seinem Schlafzimmer. Das große blonde Mädchen und seine hohe schlanke Gestalt mit dem dunkeln Haar und den dichten schwarzen Brauen sahen nebeneinander so prächtig aus, daß sie von dem eigenen Anblick und dem seinen froh wurde. Iversen umschlang sie und küßte sie. »Und nun geh, Kitty!« sagte er. »Können wir uns heute abend treffen? – Ja? Dann fabelhaft elegant! ... Und sei nicht nochmals so unvorsichtig! Die Leute schwatzen!«

Er schickte den Diener um einen Wagen und begleitete sie ebenso förmlich hinaus, wie er sie hereingeführt hatte. Als er wieder allein war, schenkte er sich ein Glas Whisky ein und lächelte. Dann sah er auf die Uhr und ging in sein Schlafzimmer, um sich anzukleiden.

Bald darauf verreiste Iversen, wie er öfters tat, ins Innere des Landes.

Gretie vertrug das Klima diesmal auffällig gut, so daß die Eltern versuchen wollten, sie ein Jahr zu behalten, um so mehr als sie, da Miß Chandler gekündigt hatte, im Augenblick nicht wußten, mit wem sie sie nach Europa schicken sollten. Frau von Gampp rief Miß Chandler in ihr Zimmer und sprach freundlich mit ihr; sie fühlte, trotz ihrer Abneigung, ein unbestimmtes Mitleid. Sie erreichte nichts. »Ich danke, Gnädige Frau,« sagte die Engländerin kalt, »aber ich habe meinen Entschluß gefaßt.«

»Wir sind Ihnen sehr verpflichtet, Miß Chandler,« sagte der Konsul zu ihr, als sie sich von ihm verabschiedete, »es tut mir aufrichtig leid, daß Sie mein Haus verlassen.«

Als er einige Minuten später durch den Vorsaal ging, sah er ein Papier liegen, auf dem Miß Chandler aufgeschrieben hatte, wohin man ihr Briefe nachschicken sollte. Da kam ihm die Erinnerung: es war die Schrift, die er auf Iversens Schreibtisch gesehen hatte und die ihm bekannt vorgekommen war. Er hatte plötzlich einen bittern Geschmack im Munde.

Die Koffer wurden auf den Wagen gelegt, in dem Miß Chandler zum Bahnhof fuhr. Gretie schluchzte und war nicht loszureißen. Der Konsul, seine Frau und ein Teil der Dienerschaft stand auf den Torstufen; auf allen Gesichtern war ein betroffener Ausdruck. Endlich nahm der Konsul Gretie an die Hand, zog sie sanft zurück, und der Wagen setzte sich in Bewegung. Miß Chandler hatte ihr Taschentuch an den Augen.

Eine Viertelstunde später brachte Tamara Frau von Gampp ein Päckchen in Seidenpapier, das sie auf dem Tisch im Zimmer der Engländerin gefunden hatte. Es war eine Brosche, die die Frau des Konsuls ihr als Abschiedsgeschenk gegeben hatte.

»Hat sie das vergessen?« sagte Frau von Gampp, »das muß man ihr nachschicken.«

Tamara schüttelte den Kopf. »Sie ist lange vor dem Tisch gestanden; ich habe es gesehen. Sie hat nicht vergessen.«

Über das Gesicht der Dame flog eine Röte. »Dann kannst du es behalten, Tamara«, sagte sie.

Tamara erschöpfte sich in Dankesbeteuerungen. »So schön!« sagte sie. Als das Mädchen gegangen war und die Türe hinter sich geschlossen hatte, sprang Frau von Gampp auf und ging im Zimmer auf und ab.

Ihr Mann trat ein. »Dieses Fortgehen von Miß Chandler,« begann er, »ist doch recht sonderbar. Es war, als ob sie von etwas gejagt würde.«

»Die Menschen sind alle gejagte Geschöpfe«, antwortete sie. Ihre Stimme klang erregt. »Wenn man katholisch wäre ...« fügte sie, unwillkürlich laut denkend, hinzu.

»Wie fällt dir das ein? was meinst du damit?« fragte der Konsul.

»... der Mensch könnte vielleicht einen Halt finden ...«

»Meinst du Miß Chandler? oder brauchst du einen Halt, Helene?«

»Alle Menschen brauchen ihn. Aber das nützt ja nichts. Wir müssen uns um Gretie kümmern.«

»Sie spielt unten.«

Frau von Gampp ging. In der Türe wendete sie sich um: »Lange halte auch ich es in diesem Lande nicht mehr aus, Bernd«, sagte sie.

Ihr Mann sah ihr nach; dann ging er müde nach seinem Bureau.

Zwei Wochen später verreiste der Konsul mit seiner Familie zur Erholung in die Berge. Vorher gab er ein kleines Abendessen, an dem der Polizeipräfekt, der Bankdirektor Don Ramon Iriarte, ein deutscher Pflanzer aus dem Innern des Landes, namens Baumann, und der englische Konsul teilnahmen.

Es war der Bankdirektor, der die Rede auf Iversen brachte.

»Ach, der Sennor Iversen,« sagte der Polizeipräfekt, »der damals mit dem Leutnant Cuesta geritten ist, um das Mädchen zu suchen? Wo ist er jetzt?«

»Am obern Fluß«, sagte der Konsul, der einen Brief von Iversen erhalten hatte. »Er jagt, er hat zwei Jaguare erlegt.«

»Zwei Jaguare?« wiederholte Herr Baumann.

»Er muß ein sehr sicherer Schütze sein«, meinte Iriarte, zu ihm gewendet.

»Cuesta ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen«, hörten sie den Polizeipräfekten sagen, der mit dem Konsul redete.

»Er hat ihm doch das Leben gerettet!« warf Mr. Gower ein.

»Glauben Sie alles, was Iversen erzählt?« sagte Herr Baumann lachend. »Ich bin nämlich sein Nachbar. Auf vier Stunden Entfernung.«

»Oh, glauben!« erwiderte Gower, »wenn jemand der Held all seiner Erzählungen ist, kann man schwer Zweifel äußern.«

Alle lächelten; der Konsul schien ein wenig verstimmt.

»Da Sie sein Nachbar sind,« sagte Frau von Gampp zu Herrn Baumann, dem zu Ehren das Essen gegeben wurde und der neben ihr saß, »so wissen Sie vielleicht, was aus jenem Mädchen geworden ist?«

»Der Rosita? die ist noch immer auf seiner Estancia. Für die sorgt er väterlich.«

»Da brauchtest du nur mich zu fragen,« sagte der Konsul, »ich bekomme regelmäßig Bericht über sie.«

Man erhob sich vom Tische, und Frau von Gampp zog sich zurück. Die Herren tranken und rauchten und erzählten Anekdoten. Herr Baumann erzählte eine Geschichte von Iversen, einen Streich, den man ihm mit angeblich wilden Indianern gespielt hatte. »Damals wußte er noch nicht Bescheid, tat aber, als kenne niemand das Land als er.«

Mr. Gower lachte bis zu Tränen. »Ein Häuptling, zwei Jaguare und wieviel Herzoginnen?« stammelte er.

Herr Baumann, der groß und breit war, saß ihm gegenüber und lachte übers ganze Gesicht, ohne sich zu rühren.

»Ich werde Ihnen etwas sagen, meine Herren,« tönte die Stimme des Bankdirektors durch den Rauch; er lehnte bequem im Klubsessel, die dicke Zigarre im Mund, und wendete den Kopf mit dem schwarzen Haar und Schnurrbart nach ihrer Seite, »ich werde Ihnen etwas sagen: Herr Iversen ist jedenfalls ein vorzüglicher Geschäftsmann.«

»Sicher!« sagte Herr Baumann, »die Art, wie er dem armen Roth die Estancia abgekauft und ihn als Verwalter eingesetzt hat, war großartig!«

»Er reitet auch gut«, sagte Mr. Gower trocken. Er schob die kurze Pfeife in den Mundwinkel, und sie redeten von anderem.

Als die Gäste fort waren und der Konsul schlafen ging, sah er, daß seine Frau noch Licht hatte. »Das Gespräch über Iversen war recht merkwürdig«, sagte er, in ihr Zimmer tretend.

»Ja«, erwiderte sie.

»Er ist jedenfalls interessant,« fügte er gähnend hinzu, »und ich glaube, er ist ein Gentleman.«

»Du glaubst? das hieße ja, du zweifelst?«

»Heute bin ich zu schläfrig, das zu entscheiden,« sagte er, »Gute Nacht!« Er kam bis zur Türe; dort machte er eine sonderbare Bewegung, lehnte sich an die Türfüllung und griff nach der Klinke.

»Was war das?« rief seine Frau mit aufgerissenen Augen. »Hast du es auch gespürt?« Ein leises Rieseln war in der Wand.

»Erdbeben!« sagte er, »mir ist ganz übel!«

Sie sprang aus dem Bett und stürzte, wie sie war, zur Türe. »Wohin?« rief er und faßte ihren Arm.

»Das Kind holen! ins Freie!«

»Es scheint vorbei! warte!« sagte er. »Es war nur ganz leicht!«

»Ich will Gretie bei mir haben!« rief sie. Sie warf etwas um und eilte zu dem Kind hinüber, das sie schlafend fand. Es kam auch nichts mehr. Seit achtzig Jahren war in der Stadt kein Erdbeben gewesen und die meisten Menschen hatten in dieser Nacht nichts gefühlt; andere, die die Gefahr kannten, waren wie sinnlos aus den Häusern gestürzt. Der Konsul und seine Frau hatten noch keines erlebt und sie vergaßen es wieder.

Auf der Rückreise aus den Bergen, nachdem sie vier Wochen von reinen Lüften umwogt, in einer Stadt der Rosen verbracht, besuchten sie Iversen, der sie dringend eingeladen hatte, auf seiner Besitzung. Am Abend sahen sie aus dem Fenster des Zuges, der sie durch weite Hochflächen und öde Felsentäler abwärts getragen und jetzt in die dunkelnde Ebene hinausfuhr, auf die riesige schwarze Gebirgswand zurück, deren Kuppen hoch oben in einen letzten Schimmer zarter Farbenglut emporragten. Am andern Tag hielt der Zug an einem kleinen Bahnhof vor wenigen Lehmhäusern an einer staubigen Straße, die zum Wasser führte. Auf einem kleinen Raddampfer fuhren sie den Fluß hinauf, durch schilfbewachsene Lagunen, an zahllosem bunten Gevögel vorbei; auf den Sandbänken sahen sie riesige Streifen, die sich bewegten, die braungrauen Alligatoren.

Am Landungsplatz wartete Iversen mit seinem Wagen, und sie fuhren in die von Baumgruppen, die weite Schatten warfen, unterbrochene Steppe hinaus; vor ihnen im Westen die Sonn«, die in einem reichen kurzen Farbenspiel niederging; unaufhörlich schlugen die Pferde mit den Schweifen nach den quälenden Fliegen. An käuenden Rindern und werdenden Pferden vorbei, die in der fallenden Nacht bewegte Schatten wurden, von denen Hufschlag oder ein dumpfes sattes Brummen herübertönte, kamen sie nach der Estancia und in einen weiten Hof, in dem aus glühenden Dunghaufen scharfer beißender Rauch aufstieg.

In einem weitläufigen niederen Gebäude fanden sie wohleingerichtete Zimmer. Am andern Tag führte Iversen sie zu seinen Herden und durch die begonnenen Pflanzungen. Große Hunde empfingen sie mit Gebell; weiße und braune Arbeiter hielten in ihrer Tätigkeit inne und starrten ihnen nach. Iversen stellte ihnen seinen Verwalter Herrn Roth vor, einen sonngebräunten sehr blonden einfachen Mann, der bald wieder verschwand. »Ich könnte ihn auch meinen Kompagnon nennen,« sagte Iversen, »er ist am Ertrag beteiligt und führt die Sache glänzend. – Das wird alles anders in den nächsten Jahren. Don Gabriel Rosales und ich haben eine Gesellschaft gegründet, die Frachtdampfer baut. Wir holen Holz aus den Wäldern am Fluß, und pflanzen Bananen, Mais und Apfelsinen. Hier liegen Millionen.«

Sie standen in einem unermeßlichen grünen Kreis unter dem brennenden blauen Gewölbe.

»Ihr Nachbar, Herr Baumann, ist zur Zeit in Europa?« sagte der Konsul.

»Der dicke Baumann? Ja. Der wird auch den Vorteil davon haben. Aber den Verstand, es einzurichten, hatte er nicht.«

Sie ritten weiter.

»Ist es nicht unheimlich zu denken,« sagte Helene von Gampp, als sie abends allein waren, zu ihrem Mann, »daß wir soweit weg sind von allem, was Heimat bedeutet oder der Heimat ähnlich ist? Mir ist, als ob mir schwindlig würde.«

Am nächsten Tag begab sich Iversen mit dem Konsul auf die Jagd; sie fuhren im Boot den Fluß hinab, schossen nach Krokodilen und brachten eine Menge Vögel als Beute nach Hause.

Die Konsulin war nicht mitgegangen. Am Nachmittag sah sie von ihrer Veranda aus die Frau des Verwalters mit einem leidlich hübschen jungen Mädchen über den Hof gehen. In einer Ecke spielten ein paar braune Indianerkinder mit einem kleinen Gürteltier. Bald rollten sie es als graue Kugel über den Boden, bald dehnte es sich und versuchte wegzukriechen. Sie rief hinüber und bat, als die Frauen näher kamen, freundlich um frisches Wasser.

»Die Rosita wird Ihnen das Wasser bringen, Sennora«, sagte die Frau.

»Tausend Dank! Sind Sie die Rosita Stein?« fragte Frau von Gampp, als das Mädchen den schweren Tonkrug in ihr Zimmer stellt«.

»Ja, Sennora.« Sie hatte einen schlanken Hals, einen kleinen Kopf mit dichtem dunklen Haar, das geflochten in den Nacken fiel, einen etwas aufgeworfenen Mund.

»Haben Sie noch Verwandte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht in Europa; hier im Lande nicht.«

»Und Sie sind gerne hier? Sennor Iversen hat Ihnen Gutes erwiesen?«

» Que Dios me castigue,« erwiderte das Mädchen leidenschaftlich, »wenn ich es je vergesse!« Sie sprach Spanisch und Deutsch durcheinander. Frau von Gampp stellte noch ein paar gleichgültige Fragen, und Rosita ging wieder.

Am Abend saß Iversen mit seinen Gästen auf der Veranda, die das Haus von allen Seiten umgab. Der Himmel war im Westen flammend rot, dann wurde er golden und zuletzt dunkel veilchenfarben; die Sonne, die eben noch glühend, eine rosenrote Scheibe, über dem Rand der Ebene gestanden, sank schnell hinab, und am Himmel funkelten die Sterne auf. Ein süßer würziger Duft kam von den Wiesen herein. Große Fledermäuse schossen hin und her. Eine weißgekleidete braune Frau kam in geringer Entfernung vorüber, eine zweite folgte, und so noch mehrere; eine nach der andern ging lautlos vorüber.

»Sie gehen in den Mondschein hinaus tanzen«, sagte Iversen.

»Können wir das nicht sehen?« fragte Frau von Gampp.

»Gewiß. Aber es ist noch zu früh. Der Mond geht erst in einer Stunde auf.«

»Dann gehe ich indessen meine Briefe erledigen«, sagte der Konsul, und ließ die beiden allein.

Sie saßen eine Zeitlang schweigend. Iversen rauchte. Frau von Gampp sah, die Hände über dem Knie verschränkt, in die Ferne hinaus.

»Helene ...!« sagte Iversen plötzlich.

Sie zuckte zusammen und sah ihn an. »Nein, Iversen,« sagte sie, als sie sich gefaßt hatte, »machen Sie keinen Versuch!«

Er machte eine Bewegung. »Wie lange soll dieses Spiel noch dauern, das Sie mit mir treiben?« rief er.

»Ich? mit Ihnen? – Wenn Sie das glauben, warum verkehren Sie noch mit mir?«

»So machen Sie es immer! – Nein, hören Sie mich an!« Daß sie leise sprechen mußten, machte die unterdrückte Heftigkeit, mit der sie sprachen, beiden noch fühlbarer. Innig und leidenschaftlich sagte er ihr, daß sie die einzige Frau sei, die er auf seinen Wegen getroffen, die man nicht vergessen könne, die ihn durch Kälte und Güte gleich bezaubere. Er erinnerte sie an den letzten Ritt, den sie miteinander gemacht, was sie damals und vorher gesprochen hatten. In der immer tieferen Dunkelheit sah er nur den Umriß ihres halb abgewendeten Gesichts. Er hielt inne, und sie schwieg; ein schweres Atmen, das fast ein Seufzer war, kam aus ihrer Brust. Nur sein« Stimme drang zu ihr, werbend und triumphierend zugleich: »An jenem Tage, Helene, sagte ich Ihnen: was ich will, das erreiche ich auch. Und ich weiß ...«

Er konnte nicht sehen, wie ihr Gesicht sich veränderte und wie hochmütig es wurde: »Ich fürchte, Iversen,« unterbrach sie ihn, »Sie haben zu viel im Leben erreicht. Sie sind sehr gefährlich, Iversen ...« Sie hörte, sie erriet die Bewegung, die er bei diesen Worten machte, und sie schüttelte den Kopf, »aber ich weiß auch, daß, was Sie in mir anziehen, das ist, was ich in mir nicht aufkommen lassen will. Ich ... will ... nicht! ... Iversen!«

Da stand er auf und trat um den Tisch herum auf sie zu. »Jetzt wollen Sie sich und mich täuschen, Helene ...«

»Nein,« rief sie, »kommen Sie mir nicht näher ... Ich kenne Sie, Iversen, obwohl Sie mich anziehen! Man lebt nicht zehn Jahre von Qual und Erfahrung umsonst!«

»Ich weiß, daß Sie verschmachten, Helene! Ihren Hirngespinsten, Ihrem kalten Protestantismus wollen Sie mein und Ihr Glück opfern ...!«

»Glück! Glück!« antwortete sie bitter. »Sagen Sie, Iversen, haben Sie Kate Chandler Glück gebracht ...?«

Iversen fuhr zurück. »Das war nur Ihre Schuld!« rief er, »Sie glauben doch nicht, daß mir das ernst war! Nur, weil Sie ...«

»Danke!« unterbrach sie ihn. »Also das war meine Schuld! Das genügt! Wir sind alle vogelfrei für euresgleichen! Sie glauben, wir warten alle, daß Sie uns das Taschentuch zuwerfen! ... Wenn Sie mir nahekommen, Iversen, ruf' ich meinen Mann!«

»Bitte!« sagte Iversen, sich auf die Lippen beißend. »Da kommt er ohnedies.«

Der Konsul kam, ein weißer Schatten, über die Veranda. Er kam aus dem erleuchteten Zimmer und sah nur das Streichholz im Dunkel aufflammen, mit dem Iversen sich eine Zigarette anzündete. »Wann tanzen die Indianerinnen?« fragte er.

Iversen versuchte auf die Uhr zu sehen. In diesem Augenblick begannen große Tropfen zu fallen; ein Blitz erleuchtete die Steppe; der Donner rollte hoch am Gewölbe. Auf dem Hof schlugen die Hunde an, das Vieh begann dumpf zu brüllen. Die Stimme des Verwalters scholl über den Hof und von allen Seiten tönte Hufschlag. »Die Leute müssen das Vieh draußen beruhigen«, sagte Iversen. »Mit dem Mondscheintanz ist's heute nichts. Entschuldigen Sie mich!« Er schritt rasch um die Ecke der Veranda, und sie hörten ihn in spanischer Sprache in den Hof hinab reden. Wenige Minuten darauf hielt er unten im Schein der Blitze, in einem Regenponcho, zu Pferd. »Ich reite mit!« rief er hinauf, »Buenas noches!« Einen Augenblick später sahen sie in dem fahlen Licht Reiter und Pferd, wie ein plötzliches, sogleich wieder von der Finsternis verschlungenes Bild, in die Steppe hinaus galoppieren.

»Die Lebenskraft, die dieser Mensch hat!« sagte der Konsul.

Seine Frau erwiderte nichts. Die Blitze kamen immer schneller: in der Ferne sahen sie die bewegten Massen, und durch das Donnern und das Prasseln des Regens scholl in Augenblicken das eintönige Singen der Hirten herüber, mit dem sie das Vieh leiteten. Und während es dicht neben ihnen goß und der Regen laut auf das Dach prasselte, fiel kein Tropfen auf die Veranda; nicht der leiseste Wind wehte.

Dann wurde es ebenso plötzlich wieder still. Die Wolken zerrissen; der Mond stand über der Steppe. »Wir wollen morgen nach Hause, Bernd«, sagt« Frau von Gampp.

»So schnell?!«

»Ich sagte dir schon, mir ist es hier unheimlich, und ich möchte zu dem Kind zurück.«

Die gelben Wasser stiegen und fielen; die Herden weideten und stampften über die Steppe; die Pflanzungen wuchsen; die Frachtdampfer fuhren den Fluß hinauf und hinab; Iversen hatte vier schreibende Damen an den Maschinen in seinem Bureau sitzen und er war viel unterwegs. Sennor Iriarte in dem Steingebäude auf der Plaza sprach mit immer größerer Hochachtung von ihm.

In das Haus des Konsuls kam er sehr selten. Frau von Gampp war nicht erholt aus den Bergen zurückgekommen. Sie war leidend und nervöser als vorher. Gretie war mit einer befreundeten Familie nach Europa geschickt worden. Frau von Gampp las viel und fuhr allein aus wie einst. Im Spiegel sah sie, wie ein bitterer Zug um ihren Mund sich zu bilden begann. Der Konsul saß im Klub und las die Zeitungen, rauchte und trank Whisky und Soda.

Eines Tags bat der englische Konsul ihn um seinen Besuch. Er war äußerlich ruhig; aber in seinem Gesicht und in seinen Bewegungen war ein unbehaglicher Ernst; er legte Herrn von Gampp Briefe vor und wartete, bis dieser sie gelesen hatte. »Was soll ich den alten Leuten schreiben?« sagte er dann. »Your. Mr. Iversen is a cad!«

Gampp war sichtlich nervös. »Wir wissen nichts,« sagte er, »und schließlich kennen Sie die Welt, lieber Gower. Er ist ein Mann, und sie war großjährig ...«

»Sie war in Ihrem Hause, mein lieber Gampp, und Ihrem Schutz anvertraut. Ihre Gastfreundschaft ist mißbraucht worden!«

Der Konsul schwieg. »Wir wissen nichts,« sagte er dann nochmals, »es war vielleicht nachher ...« Da erinnerte er sich des Briefes, den er auf Iversens Schreibtisch gesehen hatte, und verstummte.

»Ich weiß genug«, sagte Gower. »Er hat ihr eine Wohnung eingerichtet in ...«, er nannte eine Stadt in der Nähe. »Sie ist lange krank gelegen. Fragen Sie Ihren Doktor Martin! ... Was soll ich den alten Leuten schreiben?«

»Was glauben Sie, daß man tun könnte?« fragte Gampp nicht ohne Verlegenheit.

»Ich wollte, ich wüßte es! Iversen is a cad!« wiederholte der andere.

Gampp ging mißmutig fort ... Er hatte wieder den bittern Geschmack im Munde, der jetzt seinem ganzen Leben anzuhaften schien.

Er hatte mit seiner Frau, die einen Besuch gemacht hatte, verabredet, daß er sie abholen würde, und fuhr mit ihr nach Hause. Er überlegte, ob er ihr etwas von dem, was Gower ihm mitgeteilt, sagen sollte; sie schien gleichfalls in Nachdenken versunken. Zwei Reiter kamen ihnen entgegen, Iversen, der sein schwarzes Pferd mit dem weißen Flecken über dem Halse ritt, und eine dunkelhaarige junge Dame im schwarzen Reitkleid auf einem schönen Falben. Von beiden Seiten wurde höflich gegrüßt; Herr und Frau von Gampp blickten den andern nach, wendeten sich aber sofort wieder um, als sie sahen, daß die andern das gleiche taten. Weder der Konsul noch seine Frau kannten die Dame; aber es war zweifellos eine Spanierin. Da der Wagen um eine Ecke bog, begegneten sie einer ganzen Gesellschaft zu Pferde, die offenbar den beiden vorausreitenden nachtrabte; der alte Sennor Rosales war darunter und grüßte.

Der Konsul traf Dr. Martin im Klub. Im Gespräch mit ihm machte er eine Anspielung auf das Schicksal der jungen Engländerin, die so lange in seinem Hause gelebt hatte. »Ich höre, Sie wissen näheres?« fragte er.

»Ich habe nichts zu sagen«, erwiderte der Arzt. »Also Mr. Gower sagte Ihnen, ich wüßte Bescheid?« Er legte die Hand ans Kinn und sah über seine Zeitung weg. »Man hört und erfährt natürlich manches«, meinte er schließlich; und nach einem Zögern fügte er hinzu: »Wenn jemand Geld genug hat, findet er hier Ärzte genug, die alles tun, was er verlangt.«

»So?« sagte Herr von Gampp, den kleinen gelben Kopf mit den fragenden Augen vorbeugend. »Und meinen Sie, daß Herr Iversen in der Lage war, einen Arzt für Miß Chandler zu brauchen, der alles tat, was er verlangte?«

»Darüber,« erwiderte Dr. Martin, »möchte ich nicht sprechen. Übrigens ...«

In diesem Augenblick wurde die Türe des Billardzimmers, das nebenan lag, geöffnet, und Iversen trat heraus. Er begrüßte den Konsul lebhaft und erkundigte sich nach dem Befinden seiner Frau; den Arzt, der am selben Tische saß, ignorierte er vollständig. Dieser hatte sich über seine Zeitung gebeugt und notierte sich etwas. Als Iversen gegangen war, klopfte er mit dem Bleistift mehrmals auf dem Tisch, nicht so sehr in Zerstreutheit, als wie jemand, der seinen eigenen Gedanken bekräftigt. Herr von Gampp beobachtete ihn, und Dr. Martin sah auf. »Sie wissen, daß Herr Iversen heiratet?« fragte er.

»Nein!« rief der Konsul überrascht. »Wen?«

»Es ist noch nicht offiziell: die Sennorita Catalina Rosales. Er wird sehr mächtig werden, der Herr Iversen. Er versteht es, die Leute in seine Hände zu bekommen. Nun, mich hat er nicht bekommen.« Er stand auf und griff nach seinem Strohhut. »Manche Menschen haben Glück; aber sie haben auch Feinde.« Damit ging er.

»Nun ist es soweit«, sagte Helene von Gampp, als ihr Mann ihr die Nachricht mitteilte. »Es ist sicherlich die Dame, die wir gestern mit ihm reiten gesehen.« Sie war ein wenig blaß geworden; sie stand an ihrem kleinen Schreibtisch und ihre Finger griffen nervös unter die Papiere und die vielen Kästchen in der Lade. Sie trat dann noch in den dunkeln Garten hinaus und ging eine Weile auf den Wegen zwischen Palmen und Büschen umher. An der Bougainvillea, die jetzt ein schwarzer Schatten war, zerdrückte sie ein paar Tränen des Zornes, die sie nur noch unwilliger gegen sich selbst machten.

Die Verlobungsanzeige kam wenige Tage später in feingestochener Schrift auf Elfenbeinpapier, und Herr und Frau von Gampp antworteten mit ihren Glückwünschen.

Als am Abend darauf Frau von Gampp sich zu Bette begab, und Tamara wie gewöhnlich hin und her ging, das Mosquitonetz richtete und ihr beim Auskleiden behilflich war, plauderte sie von der Verlobung, von der die ganze Stadt sprach. »Sie kam aus dem Kloster vom heiligen Herzen Jesu, Sennora,« erzählte sie, »und sie sah den Sennor Iversen und verlor ihr Herz an ihn. ›Mein Töchterchen‹, sagte der Vater, ›du kannst jeden Caballero haben, den du dir wünschest, sobald er ein Christ ist!‹ Ich weiß es von der Feniza, die seit so vielen Jahren dort dient.« Frau von Gampp schwieg. Sie hörte Tamara, die sich so lebhaft ausdrückte, meistens gerne zu. »Er ist schön, der Sennor Iversen,« fuhr das Mädchen fort, »aber wer kann sagen, wieviel Tränen ihre Freude sie kosten wird? ... Nun, sie ist ja reich!«

»Sennora,« begann Tamara einen Augenblick später, »ich habe sie gesehen ... die Englische ... die hier im Hause war. Sie ist nicht mehr schön. Sie sieht krank aus.«

»Wen hast du gesehen? Miß Chandler? Hier? in der Stadt?!«

»Ja, Sennora, sie war es. Sie stand und schaute; wonach sie schaute, weiß ich nicht.

Für Helene von Gampp kam eine der schlaflosen Nächte, wie sie deren schon so viele in dieser Stadt erlebt hatte.

Sie sah die Tochter des Senators bei dem Empfang, den dieser in der Villa auf dem Hügel gab. Catalina Rosales war eine spanische Schönheit mit weißem Gesicht und großen Augen, die spöttisch funkelten. Sie war Kind und Dame zugleich; und Helene von Gampp kam sich neben ihr alt und verbittert vor, obwohl Don Gabriel Rosales, der lang, mager und spitzbärtig war, mit einer Geiernase und dünnen Lippen, ihr feierlich den Hof machte, und seinen Mantel als Teppich für ihre Schönheit über den Steinboden legen wollte. Iversen war elegant und ernst und voll Aufmerksamkeit für seine Verlobte.

Der Zufall wollte, daß er und Frau von Gampp sich in einem kleinen runden Salon trafen, in dessen Mitte eine weiße Steinvase mit hohen farbigen Blumen stand.

»Wie schön man die Kathedrale von hier aus sieht«, sagte Frau von Gampp, auf den Fensterausschnitt weisend, in dem sich die Kirche hoch und mächtig über der Stadt von dem weißblauen Himmel abhob. »Wo wird Ihre Trauung sein?«

»Ebendort, Gnädige Frau«, sagte Iversen.

Als sie wieder zu Hause waren, besprach der Konsul mit ihr, für welchen Tag sie den Senator und das Brautpaar einladen könnten.

»Müssen wir das?« fragte sie.

Es war so selbstverständlich, daß die Frage ihn wunderte. Er sprach von seiner Stellung und von den alten Beziehungen zu Iversen. »Und Rosales ist der reichste Mann in der Provinz ...«

»Darum!« sagte seine Frau.

»Nein, nicht bloß darum,« erwiderte er, sie mißverstehend, »und ich bitte dich, besonders liebenswürdig zu sein. Ich habe Gründe.«

Sie sah ihn an. »Du hast schon öfters solche Anspielungen gemacht, Bernd. Bist du Iversen Geld schuldig?«

»Du bist geradezu hellseherisch gescheit, Helene«, sagte er mit einem Anflug von Arger. »Ja. Ist das so schlimm? Wir haben in diesen Jahren zuviel gebraucht.«

»Und wenn du mein bißchen Vermögen angreifen mußt, das Greties Mitgift ist, wenn du meinen Schmuck verkaufen mußt, Bernd, so wünsche ich, daß diese Schuld gezahlt wird. Ich will nicht. Ich will das alles nicht ...!« sagte sie heftig, und da er ihr Vorstellungen machte, brach sie in unaufhaltsames Weinen aus und eilte aus dem Zimmer.

»Nun, das ist schon hysterisch,« sagte der Konsul zu sich selber, »so geht's wirklich nicht weiter.«

Er war wiederholt um seine Versetzung eingekommen; aber er wußte, daß dies nicht so leicht und nicht so schnell ging, und er fürchtete es fast ebenso sehr, als er es wünschte.

Aber wenige Tage darauf wurde ihm selbst unbehaglich zu Mut, als die Gesellschaft, die Iversen und sein Schwiegervater gegründet hatten, gewisse amtliche Erleichterungen und Empfehlungen für die Ausfuhr ihrer Früchte nach Deutschland begehrte und ein Brieflein Iversens die Gewährung freundschaftlich empfahl.

Zwei Tag« darauf zahlte der Konsul seine Schuld.

»Das hätte ja keine Eile gehabt«, meinte Iversen.

»Doch! Angesichts der Wünsche Ihrer Firma hat es Eile. Ich muß das Gefühl haben, sie unbefangen prüfen zu können«, sagte der Konsul.

»Aber lieber Gampp ...!«

»Ich sprach ja nur von dem Gefühl; ich bin Ihnen nach wie vor verpflichtet,« fuhr der Konsul fort, während Iversen den Schein, den er ihm seinerzeit ausgestellt hatte, zerriß. »Es ist so besser.«

»Wie Sie wollen«, sagte Iversen, und sie sprachen von anderem.

Sie saßen in seinem Bureau wie damals, nur daß draußen der Regen niederströmte, Balkon und Fenster unverhängt waren und ein graues Licht ins Zimmer fiel. Iversen begleitete Herrn von Gampp zur Türe und verabschiedete sich herzlich.

Die Straße war menschenleer. Als der Konsul in seinen Wagen stieg, kam es ihm vor, als hätte er auf der andern Seite der Straße jemanden in einen Torweg flüchten sehen.

Zu Hause ging seine Frau ruhelos in den Zimmern umher; sie las ihre Bücher nicht mehr zu Ende, und sie redeten nur das Notwendigste miteinander. In dem schwülen Dunst und den immer wieder losbrechenden Regengüssen war das Leben noch unerträglicher als sonst; Gower kam selten, Iversen gar nicht mehr; der Konsul verbrachte die Abende im Klub.

Als der regenlose Sommer mit seinen kühlenden Nachtwinden kam, wurden die Vorbereitungen zu Iversens Hochzeit getroffen. Aber es kamen Zwischenfälle, die den Leuten viel zu reden gaben.

Eines Abends wurde auf Iversen, als er spät heimritt, geschossen. Von jemandem, der sich bei den Baracken jenseits des Grabens befand, waren drei Schüsse auf ihn abgegeben worden. Da er allein war, hatte er dem Pferd die Sporen gegeben, und war unverletzt vorübergekommen. Zwar Mr. Gower erklärte, da nur Iversen davon erzählt hatte, sich von dem Attentat noch lange nicht überzeugt. Der Leutnant Cuesta, der die Untersuchung führte, meinte wie Dr. Martin, der Mann habe Feinde. Der Täter wurde jedoch nicht entdeckt.

Nach diesem nächtlichen Angriff erhielt Catalina Rosales zahlreiche Briefe, die keine Unterschrift trugen, und in denen ihr schlimme Dinge über ihren Verlobten gesagt wurden, so daß sie schon jetzt viele Tränen vergoß. Es war Tamara, die ihrer Herrin von diesen Briefen erzählte.

Dann war Iversens Verwalter Roth in die Stadt gekommen. Heuschrecken, groß wie Vögel, waren in wolkengleichen Schwärmen über die Pflanzungen hergefallen und hatten sie kahl gefressen. Es war ein Greuel, wie er ihn noch nicht erlebt hatte. Der blonde stille Mensch war wie gebrochen; er habe kein Glück, sagte er; die ganze Arbeit des Jahres sei verloren; Herr Iversen könne den Schaden verwinden, er nicht. Dem Konsul brachte er die Nachricht, daß die Rosita Stein die Estancia verlassen hatte. Sie war in den letzten Wochen traurig geworden; man hatte ihr zugeredet und sie überwacht, aber eines Morgens war sie verschwunden und war nicht wiedergekommen.

All das wurde schnell wieder vergessen.

Der letzte Abend vor der Hochzeit kam. In vielen Häusern war Licht, obwohl es draußen noch hell genug war; aber in den Zimmern legten Frauen und Mädchen ihre Kleider, ihren Schmuck, ihre seidenen Schuhe zurecht; da und dort bürstete in den Vorzimmern ein Diener an der Paradeuniform eines Offiziers; in den Ställen wurden die Wagen gewaschen, Decken und blankes Geschirr für die Pferde sortiert; bei den Bäckern wurde gearbeitet und bei vielen andern Handwerkern; in der Kathedrale wurden auf Gerüsten und Leitern die roten Festgehänge und der Schmuck aus künstlichen Blumen angeschlagen, der weiß und goldene und violette Ornat der Geistlichen in der Sakristei nochmals durchgesehen.

Nach acht Uhr Abend erscholl eine wilde Musik. Berittene Polizisten hielten die Straße frei, und dann kamen in langem prächtigen Aufzug die Gauchos von den Estancias Iversens und des Senator Rosales, mehrere Hundert an der Zahl, mit Musik und brennenden Fackeln aus der Ebene durch die Stadt auf den Hügel geritten, wo die zahlreichen Gäste von Balkonen und Fenstern und von den Gartenterrassen das Schauspiel betrachteten. Vor dem rosenumwachsenen Säulengang saß in der Mitte die Braut in einem schwarzen Seidenkleid neben ihrem Vater, der im Frack war und seine Orden trug; ihr Gesichtchen war streng beherrscht; nur manchmal sah es mit einem Ausdruck, als ob es zwischen Lachen und Weinen zuckte, zu Iversen empor, der schlank und schön hinter ihrem Stuhl stand. Herr von Gampp war unter den Gästen; seine Gattin hatte sich wegen heftiger Kopfschmerzen entschuldigen lassen.

Unter den Rufen » Viva Padron!« ritten die Fackelreiter um das Haus und um den Hügel herum wieder abwärts. Die Gesellschaft folgte über die Gartenwege und Treppenstufen hinab. Unten bildeten die Reiter einen Halbkreis; der älteste Capataz ließ seinen prachtvollen braunen Hengst vortreten und hielt vom Pferd herab eine Rede, auf die Don Gabriel antwortete. Dann warfen sie, im Kreise reitend, die Fackeln hin, worauf alle absaßen, ihre Pferde ankoppelten und in für sie errichteten Zelten bewirtet wurden. Die Gesellschaft strömte wieder den Hügel zur Villa hinauf, um sich zu verabschieden.

Herr von Gampp stand vor Iversen. »Lassen Sie mich Ihnen nochmals Glück wünschen, lieber Freund,« sagte er, »Sie erreichen alles, was Sie wollen!«

Iversen sah ihm einen Augenblick ins Gesicht; »Ja, immer«, sagte er dann und drückt« ihm warm die Hand. »Ihrer Frau gute Besserung! Auf Morgen!«

Als der Konsul sich umwendete, sah er Catalina Rosales, schlank und zierlich in ihrem schwarzen Seidenkleide an einer der Säulen lehnen. Ihr Körper bebt« und ihr Gesicht war blaß und mit einem Ausdruck von Angst auf ihren Verlobten gerichtet.

Zuhause fand er seine Frau an einem Fenster des oberen Zimmers, sie hatte das Spiel der Lichter und Schatten aus der Ferne verfolgt. Ein Teil des Gesindes war noch draußen unter den Zuschauern, die alle Wege und Straßen füllten.

Gampp erzählte seiner Frau, was er beobachtet hatte. »Sie wird die Briefe nicht verwinden können«, meinte Helene.

Tamara glitt vorbei; sie war vom Konsul unbemerkt im andern Fenster gestanden. »Es ist kein gutes Fest, Sennora!« sagte sie. Dann küßte sie ihrer Frau die Hand: »Mögest du immer Glück haben, Herrin!« flüsterte sie, und ging.

»Gehst du nicht auch schlafen, Helene?« fragte der Konsul.

Sie sah ihn verwirrt an. »Ich werde schon gehen«, antwortete sie. Aber als sie allein war, ging sie nicht zu Bett, sondern die Treppe hinab, durch den Gartensaal ins Freie.

Der Himmel war klar und die Nacht ruhig; aus der Ebene jenseits des Flusses drang d«r Lärm der feiernden Gauchos, gedämpft, wie ein fernes Summen oder Brausen herüber. Sie ging um das Haus; in den Ställen stampften die Pferde; irgendwo bellte ein Hund und wurde wieder still. Helene griff an ihr Herz; sie fühlte eine rasende unerklärliche Angst und eine Beklemmung, die unerträglich war. Sie vernahm ein Rieseln, das sie schon einmal gehört hatte. »Bernd! Bernd!« schrie sie, so laut sie vermochte; dann kam es aus der Ferne wie ein Rollen, das schnell und furchtbar brüllend näherkam; schwere Steine prasselten nieder, der Boden bewegte sich, und die weißen Mauern sanken vor ihr zusammen.

Ihr Mann stand, kaum bekleidet, vor ihr; sie sah auch Tamara; beide waren unverletzt; aber in dem Tosen und Krachen der um sie einstürzenden Welt, aus der jetzt wildes Schreien und Stöhnen von allen Seiten scholl, liefen sie alle drei nach der Ebene zu, bis sie von Trümmern gehemmt wurden. Da sie über Schutthaufen wegzuklettern versuchten, sahen sie im Schein der steilen leuchtenden Flammen, die aus der Stadt emporschlugen, die Brücke eingestürzt; der Fluß war ein schäumender Schlammsee, während drüben hunderte erschreckter, losgerissener Pferde umherrasten.

Die Umrisse des Hügels waren völlig verändert; kein Haus war auf ihm zu sehen.

Zur Besinnung gekommen, kehrten sie wieder um. Ein Teil ihres Hauses war stehengeblieben. Als nach einer Stunde keine neue Erschütterung gekommen war, wagten Herr von Gampp und seine Frau sich hinein, um Kleider, Decken und für alle Fälle auch Waffen zu holen. Dann erwarteten sie den Tag.

Flüchtende, halb bekleidete Menschen, die in sinnloser Hast aufgeraffte Sachen schleppten, zum Teil verwundet, blutbedeckt, kamen vorüber, ohne sich um sie zu kümmern; andere blieben jammernd oder schweigend bei ihnen sitzen. Und unaufhörlich, unerträglich ertönte das Schreien von Kindern, das Stöhnen und Brüllen vor Angst und Schmerz halbwahnsinniger Menschen, so daß sie sich die Ohren zuhielten vor Entsetzen. Mehrmals versuchte der Konsul, während die Frauen ihm mechanisch folgten, durch die Trümmer bis zu Verschütteten vorzudringen, aber immer vergeblich. Und so setzten sie sich wieder unter die Büsche ihres zerstörten Gartens und warteten.

Der erste, der am Morgen nach ihnen sah, war Dr. Martin; dann kam Mr. Gower, der sie nach seinem Hause brachte. Vor die Ruinen ihres Hauses stellte der Polizeipräfekt Wachen.

Wie vor achtzig Jahren war der Erdstoß in einer einzigen Richtung und innerhalb bestimmter Grenzen erfolgt, und wie vor achtzig Jahren war, was die Leute als ein Wunder priesen, die Kathedrale unbeschädigt geblieben. Als die Sonne aufging, hatten sie sie im weißen Licht strahlend durch Brand und Rauchwolken erblickt.

Daß so viele Menschen im Freien gewesen waren, um den Fackelritt zu Iversens Hochzeit zu sehen, hatte viele vor dem Tode bewahrt. Andere freilich waren im Gedränge der in wildem Schrecken Flüchtenden erdrückt und zertreten worden.

Die halb eingesunkenen Häuser lagen mit geborstenen Wänden schief, wie zerschlagene Schachteln, in dem eingestürzten Teil der Stadt wirr durcheinander. Wo es ging, wurde nach Verschütteten gegraben und viele gerettet. Zelte und Baracken waren in der Ebene für die Verletzten und Obdachlosen errichtet. Der deutsche Konsul, und am zweiten Tage, da sie einigermaßen erholt war, auch seine Frau, beteiligten sich am Hilfswerk.

Als sie mit Dr. Martin und einer Klosterschwester durch die Zeltreihen ging, faßte der Arzt sie plötzlich am Ärmel: sie blieb erbleichend stehen: vor ihr auf einer Bahre lag Iversen. Er atmete noch, aber er sah niemanden mehr. Über seinen Körper war bis zur Brust eine Decke gebreitet.

Sie wußte, daß niemand aus dem Haus auf dem Hügel gerettet war. Iversen hatte offenbar eben sein Pferd besteigen wollen, vermutlich wollte er nach Hause reiten, als eine der Säulen über ihm niederschlug, dem schwarzen weißgefleckten Tier das Rückgrat zerbrach und ihn zu Boden riß.

Sie war allein; der Arzt und die Klosterschwester waren weitergegangen; hier war nichts mehr zu tun. Um Iversens Stirne klebten die feuchten schwarzen Locken; das Gesicht war völlig bleich; Lippen und Kehle, die sich eben noch schwach bewegt hatten, waren regungslos. Sie beugte sich über ihn und ihre schmale Hand strich mit leichter Zärtlichkeit über die noch warme Stirn: »Leb wohl, du schönes Bild«, sagte sie.

Da fühlte sie, daß jemand sie beobachtete; sie sah sich um: hinter ihr stand grau gekleidet, verwahrlost, bleich, mit großen starren Augen auf sie und den Toten sehend, die Engländerin. Als Frau von Gampp gütig auf sie zutrat, wich sie zurück. Dann sank sie zusammen und begann, die Hände vor dem Gesicht, zu schluchzen.

Dr. Martin kam zurück und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

Helene von Gampp suchte ihren Mann. »Bernd, ich muß heim zu meinem Kind«, sagte sie.

Er reichte ihr ein Telegramm. »Das habe ich eben bekommen, heute statt vorgestern: wir gehen nach Europa zurück.«

»Gott sei Dank!« sagte seine Frau. Und sie eilte fort, um irgendwo, allein, befreiende Tränen zu weinen.


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