Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Im Strom

Seit zehn Minuten arbeiteten die Männer mit all ihren Kräften gegen den Wind und die Strömung, und immer noch sahen sie dieselbe Landspitze, dieselben Baumgruppen am Ufer neben sich. Eine Art Erbitterung, beinahe Wut war in ihren Gesichtern. Endlich ließ einer die Ruder fahren und sagte:

»Das muß die Stelle sein!«

Der Steuermann – er war klein und blaß mit dunklem Spitzbart, und hatte den Mantel um sich gewickelt – erwiderte:

»Und wenn es die Stelle ist; daß wir nicht weiter kommen, das macht der Wind. Und wenn du aussetzt, treiben wir nur zurück.«

»Aber die Stelle ist es doch!« sagte der andere.

»Was für eine Stelle? was ist es damit?« fragte betroffen die Frau, die vorn im Boot saß.

»Das werden wir dir ein andermal erzählen, Rose«, erwiderte ihr Gatte. »Los!«

Und sie zogen wieder an.

Die junge Frau saß fröstelnd im Winde, in den dunkeln Lodenmantel ihres Gatten gehüllt, die Kapuze über den Kopf geschlagen. –

Als sie längst heimgekommen waren und das Abendbrot beendet hatten, die Lampe brannte und nur draußen der Wind an den Fenstern zerrte, und von unten das Schlagen und Spritzen der Wasser am Ufer herauftönte, fragte Frau Rose plötzlich wieder.

Ihr Gatte sah von seiner Zeitung auf, der Doktor, der am Steuer gesessen war und jetzt eine Zigarette drehte, hielt inne und sah sie durch seine dunkeln Gläser gespannt an.

»Ihr müßt mich nicht im Ungewissen graulen lassen.« Sie schloß die Augen und sah die tückische Stelle im Strom vor sich.

»Es ist gar nicht zum Graulen,« sagte der Doktor, »durchaus nicht.«

»Theodor kennt die Geschichte am besten«, sagte der Gatte.

Theodor, der dritte Mann, hatte die eine Hand unterm Kinn, mit der andern strich er über die Tischplatte. »Wie Sie befehlen«, sagte er. »Ich weiß sie am besten; und ich hab ja auch heut daran erinnert. Und es war ja wirklich nicht darum, sondern nur der Wind und der Strom, daß wir nicht weitergekommen sind.

Sie sind nicht von hier, gnädige Frau, darum haben Sie die beiden Hiller nicht gekannt. Es waren Freunde von mir. Das heißt, Freunde, wie man so sagt. Jedenfalls waren sie zwei tüchtige Burschen, die sich beim Rudern und Schießen alle Beste geholt haben. Geld war auch im Haus. Gegen die zwei war gar nicht aufzukommen gewesen, wenn sie zusammengehalten hätten. Das heißt, manchmal haben sie schon zusammengehalten und manchmal nicht, wie Brüder sind. Als Buben haben sie miteinander gerauft, wenn sie allein waren, und draußen sind sie zusammengestanden und haben die andern gehauen.

Bis dann der große Streit angefangen hat: der Rudolf als der ältere hätte das Geschäft übernehmen sollen, und der Franz hat wollen Offizier werden. Aber der Rudolf hat zum Geschäft keine Freude gehabt, nur zur Landwirtschaft. Und so hat der Franz ins Geschäft müssen; er war erst ganz wild, aber dann später das Verdienen hat ihm doch gefallen. Es war ja auch ein schönes Geschäft. Dann aber, wie der alte Hiller gestorben ist, hat der Rudolf seinen Teil ausbezahlt verlangt, weil er eine Wirtschaft hat kaufen wollen; denn immer Volontär sein oder Adjunkt auf fremden Gütern, das hat ihm nicht gefallen. Der Franz hat gesagt: ›das kann ich nicht, soviel kann ich nicht; ich kann dir jedes Jahr vom Ertrag den Teil geben, der dir zukommt, nachdem ich meinen Arbeitslohn als Geschäftsführer abgerechnet hab'; aber das halbe Kapital herauszahlen, das heißt mich zugrund richten. Auch ein Drittel, auch ein Viertel nicht!‹ Der Rudolf hat gesagt: ›dann kann ich mein Lebtag die Füße untern fremden Tisch stecken und mich vom Direktor schurigeln lassen; das paßt mir nicht! ich will mit meinem Zeugl fahren und meinen Hafer einführen, nicht fremden.‹ Es hat auch geheißen, er hat damals heiraten wollen; sicher weiß ich's nicht. Er hat ja recht gehabt, aber der Franz auch, man kann doch so ein Geschäft nicht zugrund richten lassen. Sie haben lang hin und her geredet, und die Verwandten auch, und fremde Leute, manche haben gut zugeredet und andere haben gehetzt; aber einig sind sie nicht geworden. Dann haben sie Prozeß geführt.

Sie wissen nicht, gnädige Frau, was das heißt, wenn Leute auf dem Land Prozeß miteinander führen. Das wissen Sie nicht. In der Stadt sehen die Gegner sich nicht, nicht einmal bei den Terminen; da kommen nur die Advokaten zusammen; aber auf dem Land hat jeder den andern immer vor sich, und jeder glaubt, der andere lacht über ihn, und da wächst der Haß. Denn der Rudolf war damals auch wieder hier; eine ganze Zeit lang haben sie im selben Haus gewohnt und nie ein Wort miteinander gesprochen.

Da sind Termine angesetzt worden zum Vergleich, und Inventars aufgenommen und der Ertrag abgeschätzt, und Sachverständige und Verrechnungen – was das gekostet hat, das ist nicht zum sagen. Die Jahre sind vergangen und nichts ist herausgekommen. Und der Rudolf war außer sich und der Franz auch, und jeder hat gesagt, der andere ist der eigensinnige Bockesel, der nicht nachgeben will und an allem schuld ist.

Es waren aber noch andere Sachen. Der Franz war ein schöner Bursch, mit solchen Augen! Alle Mädel hinter ihm her und er hinter den Mädeln. Was sie wollen, haben die Mädel mit ihm gemacht. Merkwürdig war das. Wenn je ein Mann die Weiber hätt' unterm Schuh haben können, war er's: derweil haben immer sie ihn unterm Schuh gehabt; weil er gleich ganz toll war.«

»Er war ein Erotiker«, sagte der Doktor.

»Der Rudolf hat die Frauenzimmer ja auch gern leiden mögen; aber er war lang nicht so hübsch wie der Franz, und auf ihn sind sie nicht so geflogen. Aber er war wie er war, immer ruhig, als wär' ihm nichts an ihnen gelegen. Und das war manchmal merkwürdig mit den Zweien.

Als Buben waren wir alle in die Schlüter-Marie verliebt, die jetzt vom Rosner die Frau ist. Warum, könnt' ich nicht sagen; es war eigentlich nichts an ihr dran. Aber es war so. Einmal, da war ich dabei, steht der Rudolf Hiller und hilft der Marie, ihre Jacke anziehen; der Franzi, der erst zwölf Jahr alt war, steht neben ihm und gibt ihm einen Stoß. Der Rudi glaubt, es ist ein dummer Witz und sagt nur: ›Geh, hör auf, dummer Bub!‹ aber der Franzi hat die Augen gerollt vor Zorn, und wir haben gelacht. Der Rudolf geht mit der Marie nach Haus, und wie er zurückkommt, steht der Franzl auf dem Weg und haut auf ihn los, wie nicht gescheit. Für die Marie waren sie beide zu jung, aber ich glaub', sie hat den Rudolf ganz gern mögen.

Wie der Franz beim Militär war, da hat er eine Geschichte gehabt mit einer Baronin; sie war eine Witfrau, und unter uns gesagt: ich sag, sie war ein Luder. Wo die Baronin war, da war er, und hat Pferde zu Schanden geritten und Schulden gemacht, und ich weiß nicht, was alles, um die Baronin. Und dann war das so. Der Franz und der Rudolf haben immer viel voneinander geredet und erzählt. Und so hat er auch der Baronin vom Rudolf erzählt, und die Baronin hat den Rudolf wollen kennen lernen. Der Rudolf ist auch hingekommen und vorgestellt worden, und manchmal war er da, und manchmal nicht. Ihm war's gleich. Und dann auf einmal war der Franz wie verrückt, und der Rudolf hat nicht recht gewußt, wie ihm geschieht: die Baronin ist dem Rudolf nachgelaufen und hat den Franz stehen lassen.

Der Franz hat getobt; drei Flaschen Wein hat er ausgetrunken auf einem Sitz und geschrien, er schießt sich eine Kugel durch den Kopf. Der Rudolf hat gesagt, so dumme Reden mag er gar nicht hören, und ist abgereist. Er hat sich aus der Baronin nichts gemacht.«

»Vielleicht war's auch nicht so«, sagte der Doktor.

»Vielleicht war's auch nicht so. Wer kann denn bei solchen Geschichten wissen, was vorgefallen ist. Aber jedenfalls ist er abgereist. Und ich bin selbst dabei gewesen, wie er zum Franz gesagt hat: ›Ich hab' das Frauenzimmer nicht angerührt, das weißt du.‹

Das war noch vor dem Prozeß, aber damit hat der Haß angefangen und das nicht gut sein wollen zum andern. Es wär' ja zum Verwinden gewesen, denn wer hat denn die Flammen von Franz zählen können? Aber wenn so was sich wiederholt! Ein paar Jahr waren seitdem vergangen; da war ein liebes Mädel hier, von einer Sommerpartei aus Wien die Tochter, nicht so vom Land wie die Schlüter-Marie und nicht überspielt wie die Baronin! Es war eine, die auch Ihnen gefallen hätt', gnädige Frau!« Der Erzähler wurde warm. »Es war so was Feines und Festes an ihr, was andre nicht haben; in sich fest war sie, das heißt, ganz fest nicht, sonst war's nicht so gekommen. Aber wenn sie klar war, daß sie was will, dann hat sie's getan. Sie war ja noch jung, und man irrt sich doch auch, nicht wahr?

Jedenfalls hat sie ein liebes Wesen gehabt, das einem schon hat gefallen können. In dem Sommer damals, bei der Kirchweih, war sie in einem weißen Kleid, das so was Apartes gehabt hat, und alles hat nach ihr gesehen. Der Franz, wie immer, da, in der Uniform, und der getanzt hat wie keiner, hat ihr gewiß gefallen; und wie der Franz schon war, hat er alles vergessen, den Prozeß und alles, und wie sie sich beim Fest getroffen haben, er und der Rudolf, hat er ihm zugetrunken und hat gesagt, es ist ihm alles recht; denn er hat sein Ziel und sein Glück, und sie werden schon einen Weg finden und einig werden; er war wirklich lieb, der Franz, an dem Abend; und wie er mit ihr getanzt hat, es war ein hübsches Paar, wirklich, ich muß sagen, ein hübsches Paar. Nachher ist der Rudolf am Tisch mit ihr gesessen, ganz ruhig und vernünftig, und hat von der Erde gesprochen und ihren Früchten, die er lieb hat, und warum er nicht zum Geschäft hat wollen und auch nicht zum Militär, so wie er sonst nicht gesprochen hat, denn er hat sonst wenig von sich geredet. Dann hat der Franz das Fräulein wieder weggeführt und hat mit ihr getanzt; sie sind aber bald wieder an den Tisch gekommen, und er war nicht mehr lustig und sie auch nicht. Der Rudolf hat auch, nicht mehr viel geredet, er ist dagesessen wie einer, der in sich selber hineinsieht. Wie das Fräulein wieder tanzen geht, steht er auf und sagt: ›Gute Nacht‹, und sie sagt: ›wir müssen ein andres Mal darüber sprechen‹, ... Alle wollen ihn halten, aber er läßt sich nicht halten, sondern geht durch die Felder nach Haus.

Und dann nach drei Wochen hat sich's ergeben, daß das Fräulein und der Rudolf füreinander waren und nicht der Franz; und wie der Sommer um war, da waren der Rudolf und sie verlobt.

Ich seh's noch, wie der Franz hinterm Haus gesessen ist und mit der Axt immer ein Scheit nach dem andern zerhaut hat, ohne Sinn und Vernunft.

Der Rudolf hat jetzt wirklich heiraten wollen und Geld haben, und das Geschäft hat sollen sequestriert werden, und jeder die Hälfte bekommen. Und das war natürlich der Anfang vom Ende; denn ein sequestriertes Geschäft kann doch nicht gehen, besonders so eins nicht, wo alles darauf ankommt, wie einer zur Kundschaft steht.

Der Franz hat mir leid getan, denn ich hab' ihn gern gehabt; denn nobel war er: für einen Freund hat er alles getan und Angst gehabt hat er vor gar nichts, auf dem Pferd nicht und auf den Bergen nicht, und wenn er einem was angetan hat, so war's im Zorn und nicht aus Bosheit. Ich hab' ihn sagen hören, damals, daß er gebetet hat, daß der Rudolf ihm nicht in den Weg kommen soll.

Aber der war damals nicht gescheit und ist hingekommen und hat mit ihm reden wollen, aber der Franz hat ihn zur Tür hinausgejagt, und der Rudolf ist wieder fortgegangen: ›Mit einem Tollen kann man nicht reden‹, hat er gesagt.

Dann war nicht mehr viel ... ein kalter Abend auf dem Wasser; der Rudolf ist hinausgefahren, er hat fischen wollen, das hat er manchmal getan; und wie's dann war, das weiß ich nicht genau: ist der Franz dort auf der Landspitze gestanden und der Rudolf vorbeigefahren, oder war der Franz grad auch auf dem Wasser, das weiß ich nicht mehr, aber sie sind einander begegnet und ins Reden gekommen, und wie der Rudolf angefahren ist, ist der Franz zu ihm ins Boot gesprungen, – so hat der Rudolf erzählt, – und der Franz hat gesagt, daß er ihm jetzt nicht auskommt und er ihm alles sagen will, wie er ihn jedesmal betrogen hat, um seinen Beruf erst, und um sein Gut dann, und ihm ein Weib nach dem andern weggenommen.

Und der Rudolf hat ihm ganz ruhig, – was den andern noch mehr in die Wut bringt, – gesagt, daß das nicht wahr ist, denn er hätt' ja auch tun können, was er wollen hat ...

›Nein, das hab' ich nicht‹, schreit der Franz, ›denn einer hat müssen beim Vater bleiben!‹

Und der Rudolf sagt, daß er ihm die Weiber nicht genommen hat, denn die Schlüter-Marie hat er zuerst gern gehabt und dann erst der Franz, und die Baronin hat er gar nicht mögen und auch nicht angerührt, und daß die Cäcilie ihn haben will, da kann man nichts machen, und die gibt er nicht auf.

Der Franz aber hat getrunken gehabt: ›Ein Schuft bist du, ein Hund!‹ hat er in der Wut geschrien, ›ein Betrüger, ein scheinheiliger ...!‹

Der Rudolf hat immer zum Land gerudert, ganz kalt, und ihm gesagt, er soll aussteigen, und der Franz hat das Schiff immer wieder mit der Hand abgestoßen, und da ist dem Rudolf zuletzt die Geduld gerissen und dort, wo das Wasser seicht war, an der Landspitze, hat er ihn hinauswerfen wollen, wo nichts hätt' geschehen können, wie er sagt; aber der Franz hat ihn am Hals gepackt und sich auf ihn geworfen, und ist im Boot geblieben; er war wie ein Rasender, sagt der Rudolf, und bei dem Ringen ist das Boot bis über den Rand ins Wasser gekommen und umgeschlagen, und beide haben sich daran gehalten und weitergerauft im Wasser, halb im Stehen und halb im Schwimmen, wie der Grund war.

Und der Rudolf, der stark war und ruhiger, hat den Franz, der ihn würgen will, mit dem Kopf unters Wasser gedrückt, bis er wieder heraufgekommen ist, ganz blau im Gesicht, und nach ihm gepackt hat, und so oft er ihn losgelassen hat, weil er ihm zu leid getan hat, hat der ihn wieder angepackt und gewürgt und gebissen, und so, sagt der Rudolf, hat er, wenn er hat leben wollen, nicht aufhören können und ihm den Kopf unters Wasser drücken müssen, bis er sich nicht mehr gewehrt hat ... zuletzt war der Franz erstickt oder ersoffen. Daß er tot war, ist sicher.

Dann ist der Rudolf selber aufs Gericht gegangen und hat die Anzeige erstattet. Man hat ihm geglaubt, weil man ihn gekannt hat und den Franz auch. Acht Monate hat er bekommen wegen Überschreitung der Notwehr.«

»Und dann?«

»Aus war's mit ihm. Immer hat er das Gesicht von seinem Bruder sehen müssen. Die Cäcilie hat er nicht geheiratet; er hat nicht können und sie auch nicht. Aus war's mit ihm. Aus war's.«

*


 << zurück weiter >>