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Hugh

Ich saß im Restaurant mit einem Freunde in lebhafter Unterhaltung, als nach der Theaterzeit neue Besucher von der Straße hereinkamen, Tische besetzt und in dem still gewordenen Saal wieder geräuschvoll bestellt, gespeist und geplaudert wurde. Von einem Tisch, an dem mehrere Herren und Damen Platz genommen hatten, grüßte ein junger Mann herüber, und mein Freund dankte. Dann lehnte er den dunkelbärtigen Kopf, den er beim Sprechen gerne lebhaft vorbeugte, an die Wand, die Augengläser, die das Funkeln seiner Augen noch zu steigern schienen, nachdenklich zur Decke gerichtet, während er den Rauch der Zigarre von sich blies. Wie er so dasaß, fiel im Abendanzug die Breite seiner Brust auf; er war, wenn er stand, nicht groß, aber sehr breit und kraftvoll. Als er das Gespräch wieder aufnahm, schien er innerlich beschäftigt und blickte wiederholt nach dem andern Tisch hinüber.

Nach einer Weile stand der junge Mann auf und kam zu uns. Er war auf den ersten Blick als Angelsachse zu erkennen. Beide, mein Freund und er, konnten eine gewisse Erregung nicht völlig verbergen. Und selten hatte ich einen so auffallend schönen jungen Mann gesehen. Schlank, groß, wohlgebaut, mit rotblondem Haar, einem gewinnenden Lächeln in den feingeschnittenen Zügen, wundervollen kleinen Händen, die doch nicht weibisch waren; dabei von jener Unbefangenheit, die wohlerzogenen Engländern so gut steht.

»Immer noch allein unterwegs?« fragte mein Freund. »Gibt es noch immer keine Mrs. Hallgrave?«

»Sie würden es bestimmt erfahren haben, Doktor Lanz.«

Beide schwiegen einen Augenblick; dann sprachen sie von andern Dingen.

Nach einer Weile brach die Gesellschaft am Tisch drüben wieder auf. »Man vermißt Sie«, sagte ich.

Der junge Mann erhob sich. »Wann sehen wir uns wieder, Doktor?« fragte er.

» Insch' Allah, bukra!« erwiderte der Doktor.

»Dann will Allah es nicht; denn ich reise morgen früh.«

»Läßt sich das nicht aufschieben?«

»Es tut mir so leid; aber es ist unmöglich. Ich wußte ja nicht, daß Sie in Berlin sind, Doktor Lanz.«

Es tat beiden sichtlich leid, und sie besprachen irgendein späteres Zusammentreffen an irgendeinem Ort der Erde. Hallgrave reichte mir die Hand und lächelte mir zu, als wären wir alte Freunde.

Ein Schatten war über uns und der Saal schien leer geworden, als der schöne Junge mit den andern hinausging und die Türe sich hinter ihm schloß.

Ich verhehlte meinen Eindruck nicht.

»Sie hätten ihn erst in türkischer oder in tscherkessischer Tracht sehen sollen, die graue Lammfellmütze auf dem Kopf, im langen bunten Rock mit den aufgenähten Patronen, und Sporenstiefeln. Er hat manches Unheil angerichtet durch seine Schönheit, und ich habe ihn leider daran erinnert.«

»Woher kennen Sie ihn?«

»Wir kennen uns schon lange. Er ist nicht so jung, wie er scheint. Ich traf ihn in England im Haus einer älteren Dame, seiner Tante oder einer Freundin seiner Mutter, die sich für ihn interessierte. Er gefiel mir sogleich. Und wenige Tage später sah ich ihn unter merkwürdigen Umständen wieder.

Ich hatte eine Bekanntschaft zweifelhafter Art gemacht, die mich sehr anzog, und durch die ich in noch zweifelhaftere Gesellschaft geriet. Sie kennen meine Vorliebe für ethnologische Studien dieser Art: Apachen, Zigeuner, seltsame Sekten, zweideutige Menschengattungen; und ich habe mich oft im Leben weiter gewagt, als die Vorsicht erlaubte. Damals war es ein merkwürdiges Lokal in den »Seven Deils«, einem Slum zwischen Coventgarden und Oxfordstreet: kleine Zimmer mit weißen Gardinen und geblümten Sofas, Blumen auf den Fensterbrettern, und darinnen die sonderbarste und gefährlichste Gesellschaft. Dort geriet ich in Unannehmlichkeiten. Der Inhaber trat dazwischen, und ich kam die Treppe hinunter und in die leere nächtliche Gasse hinaus. Aber zwei oder drei kamen mir nach, Drohungen gegen den » bloody German« durch die Zähne ausstoßend. Ich stand gegen die Häuserwand; durch den weißlichen Nebel sah ich eine Laterne über einem Gitterfenster an der gelbgrauen Mauer gegenüber. Sie waren in der Überzahl; da tauchte Hugh Hallgrave aus dem Nebel auf; woher er in diesem Augenblick kam, weiß ich nicht. Sie ahnen nicht, was dieser zarte mädchenhafte Junge für Kräfte hat; zu zweien wurden wir mit den andern rasch fertig und gingen noch in eine jener langen schmalen Bars in London, die einzigen, die um diese Zeit noch offen waren, und ließen uns zwei- oder dreimal einschenken. Sie begreifen, daß meine Zuneigung zu ihm nicht geringer wurde.

Ich konnte ihm den Dienst erwidern, fünf Jahre später, in Homs, wo er krank liegen geblieben war. Er hatte ein paar Syrer in Dienst genommen, aber es waren »Lutis«, die ihn, als er bewußtlos lag, und sie ihn verloren glaubten, verlassen und alles mitgenommen hatten. Zum Glück hatte er mir vorher geschrieben; ich war auf dem Weg nach Damaskus, und so fand ich ihn noch. Wunders genug, daß ich ihn fand. Ich irrte lange durch die öde, heiße, totenstille Stadt, eine Steinwüste finsterer Mauern mit winzigen dunkeln Fensterlöchern, flachen Dächern in einer zitternden glühenden Luft, auf die die Hitze sich von einem unerbittlichen milchweißen Himmel niedersenkt. Nie wäre ich um diese Tageszeit ausgegangen, wenn ich nicht um den Jungen so in Sorge gewesen wäre. Vor dem verfallenen Haus, das mein Führer erfragt hatte, hing ein dicker Färber mit grellblauen Händen seine feuchten frischgefärbten Tücher in die Sonne. Er starrte den Europäer im Tropenhelm an und wies uns dann in einen engen dunklen Torweg; über den in weißer Glut liegenden Hof kam ich durch einen türlosen Eingang in einen unsauberen Raum mit nackten Seitenwänden, wo Hallgrave fiebernd auf einer Wolldecke auf dem Lehmboden lag. In der Nähe des Eingangs saß ein alter weißbärtiger Mann mit gekreuzten Beinen rauchend auf der Erde. Zwei braune Burschen standen an die Wand gelehnt.

Ich begrüßte sie auf arabisch, und sie erwiderten höflich. Die Leute von Homs zeigten sich besser als ihr Ruf. »Diesem jungen Franken,« sagte der alte Mann, »fehlt, so Gott will, nichts als die Gesundheit.« Das war nun nicht wahr, denn es fehlte ihm zur Zeit auch fast alles andre; aber der Alte hatte sich seiner angenommen und ihn mit Jogurt und Wasser zu nähren und zu heilen gesucht. Er sagte mir, er habe auch den Hakim Scheik Sa'ad Dschemal »im Namen Allahs, des Mitleidsvollen und Gnädigen« gebeten, zu dem Kranken zu kommen, und der gelehrte Mann habe es auch versprochen, sei aber bis jetzt nicht dagewesen. Ich sagte ihm, daß ich selbst ein Hakim und der Freund dieses jungen Mannes sei und ihn, so Gott wolle, heilen würde. Er lag stöhnend, mit geschlossenen Augen, und wenn er sie öffnete, erkannte er mich nicht. Ich flößte ihm sogleich etwas Chinin ein, das er, wenn auch mit unwilliger Kopfbewegung nahm. »Gepriesen sei Allah, der Helfer und Heiler!« sagten die Umstehenden. Es waren brave Leute, und wenn sie ein Geschenk auch gerne nahmen, so lehnten sie es doch erst eine ganze Weile ab. Sobald es möglich war, brachten wir Hugh in mein Quartier. Genug, er wurde gesund gepflegt, und als er so weit war, reisten wir zusammen weiter nach Damaskus.

In dieser Stadt des Wassers und der Blüten, in einer Landschaft, die der Prophet das irdische Paradies genannt hat, erholte er sich vollends. Der reineren Luft wegen mietete ich ein Landhaus am Wasser vor den Toren. Im Garten wogten die Rosenbüsche zwischen Myrten, Oliven- und Zitronenbäumen. Als wir ankamen, ritt ein Drusenscheik, in schimmernde Seide gekleidet, von Dirnen und Pfeifenträgern gefolgt, aus dem Stadttor, unter der alten Zitadelle; es war merkwürdig, die dunkle Schönheit des Orientalen neben der hellen meines jungen Begleiters zu sehen, nur daß der Drusenfürst wohl die Augen langsam nach uns wendete, aber sonst kein Zeichen einer Bewegung gab, während Hugh ihn mit lächelnder Bewunderung ansah.

In der Stadt hatte ich viele Bekannte. Wir waren beim deutschen und beim englischen Konsul in Gesellschaft, beim Wali und bei Kürdag Pascha, dem türkischen Divisionär. Auch da gefiel der Junge allen, wie er heute abend Ihnen gefiel. Alle die nicht mehr jungen Männer in ihren Würden fühlten sich zu ihm hingezogen, behandelten ihn sogleich mit Wärme wie einen jungen Freund. Ein kaukasischer Fürst, den wir bei Kürdag Pascha trafen, lud ihn ein, mit ihm zu kommen; ich glaube, er hätte ihn adoptiert, wenn Hugh zum Islam übergetreten wäre.

»Bist du unbeweibt?« fragte ihn Abu Mohammed, unser freundlicher Nachbar. »Wahrlich, o Jüngling, du mußt ein Weib nehmen. Sonst werden die Leute sagen: sehet ihn, sein Mund wässert nach den Frauen der Rechtgläubigen.«

»Fürchte Allah, o Mann!« sagte ich, während Hugh errötete wie ein Mädchen.

Damaskus ist die Stadt aller Verdorbenheit und aller Laster des Orients, und die Blicke der Männer waren nicht immer angenehm.

Meine Reise galt der Erkundung gewisser Erzlager. Als Deutscher fand ich bei den türkischen Behörden jedes Entgegenkommen; nur daß die Auskünfte, die ich erhielt, unverläßlich waren, weil sie selber keineswegs Bescheid wußten; und die orientalische Langsamkeit bringt den Europäer, auch wenn er sie kennt und sich darauf eingestellt hat, zur Verzweiflung.

Bei einem der Konsuln lernten wir einen Inder, Professor Dara Kudabaksch, kennen, einen Sufi. Diese Mystiker sind zum Teil gefährliche Leute, die alle Bedenken in spitzfindigen Worten zu verflüchtigen wissen. Der unsere war gelehrt, sehr klug, sprach Französisch und Englisch tadellos und ging bis auf einen weißen goldbefransten Turban europäisch gekleidet; er war beleibt, mit bräunlichem Gesicht, großen weißen Augen und einem öligen Lächeln auf den Lippen. Ich traute ihm durchaus nicht, aber irgendwie hatte er von meinen Absichten erfahren und bot mir an, mich mit einem Mann zusammenzubringen, der mir alle Auskünfte über die Gebiete geben würde, die ich bereisen wollte.

Wir standen gerade im Basar zwischen den Teppich- und Seidenläden. In der erhöhten offenen Halle, in der all die buntdunkeln Gewebe hingen, thronte über uns, scheinbar ohne uns zu beachten, der syrische Kaufmann, mit dem er seit einigen Tagen um das gleiche Stück handelte. Sie müssen an die belebten Gassen Venedigs denken, nur in zehnfacher Fremdheit und Buntheit, unter einer glühenderen Sonne und mit tieferen Schatten, aber in ähnlicher Stille, weil das Wagenrollen fehlt, sonst natürlich Straßengeräusche genug: Stimmen, Schritte, der Lärm der Ausrufer und platzfordernder, »Dahrak! Dahrak!« schreiender Diener und Träger, und das Klappern von Hufen auf dem Pflaster, und wenn Sie es nicht beachten, taucht plötzlich der Kopf eines Pferdes oder Maultiers oder die Hängelippe eines Kamels und sein zottiger gelber Hals über Ihrem Kopf auf.

Das Haus sei nicht weit entfernt, sagte der Professor. Ich war mit meiner Geduld zu Ende, es war heiß und die Aussicht, Kühlung zu finden, willkommen. Wir gingen in der Tat nicht weit; das Haus lag wie das unsre am Wasser, von außen leere Mauern; aber innen fanden wir ein wohlig mit kölnischem Wasser durchsprengtes Zimmer, mit kostbaren Decken und reichen Kissen auf den Divans; in dem niederer gelegenen Vorraum stand eine schöne Truhe, über der prächtige Waffen hingen. Hier empfing uns der Hausherr, ein hochgewachsener bärtiger, nicht mehr junger Mann mit einer tiefen vollklingenden Stimme und hieß uns willkommen. Er trug einen hellen Turban, einen Kaftan aus reichgeblümtem Stoff; Hemd und Schärpe waren aus feiner Seide; die Füße staken in gelben Lederpantoffeln. Im Orient ist Rasse und Religion alles; aber weder über die Rasse noch über die Religion dieses Mannes war ich mir klar. Als ich Dara Kudabaksch nach ihm gefragt hatte, da hatte er mit seinem gewohnten Lächeln geantwortet, daß Jakub Temir Bey, so nannte er sich, Muselman sei, jedoch von freien Anschauungen, wie er selbst. Nach der hellgelben Haut und den grauen Augen unter dunklen Brauen hätte ich ihn am ehesten für einen Tscherkessen gehalten. Er hatte uns auf Arabisch begrüßt, aber er sprach, wie sich zeigte, auch Türkisch, Französisch und Italienisch. Sein Wesen war ernst und ruhig, obwohl seine Bewegungen heftig werden konnten und um Mund und Augen manchmal ein nicht immer angenehmes Lächeln spielte.

Kaffee und Zigaretten wurden auf kleinen Tischchen vor uns gestellt, falls der Gast nicht den Nargileh vorzog. Wie üblich wurde lange und höflich über vielerlei gesprochen, ehe wir zu dem kamen, was mich herführte, und aus Jakub Temir Beys Bemerkungen und Erzählungen erfuhr ich, daß er in Stambul und in Kairo und auch in europäischen Ländern gelebt hatte und erst seit kurzem in Damaskus wohnte. Er stellte einige sehr geschickte Fragen, die ich beantwortete, und gab mir schließlich, wenn auch mit gewissen Vorbehalten, Auskünfte, die für mich in der Tat von großem Wert waren.

Ich dankte ihm für seine Belehrung und fragte ihn, ob ich ihm meinerseits irgend dienen könnte, aber er versicherte, daß die Freude, mir durch sein geringes Wissen nützen zu können, ihm reichlich Lohn wäre, und bat mich und den Professor am nächsten Abend seine Gäste zu sein. Ich sagte, daß ich mit einem jungen Freunde in Damaskus sei, worauf er beteuerte, daß mein Gast auch der seine sein müßte.

Es folgte ein milderer Tag, infolge eines leichten Windes, der vom Gebirg her wehte. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang fanden wir uns im Hause Jakub Temir Beys ein. Auch er warf einen wohlgefälligen Blick auf Hugh, als er ihn begrüßte, und sagte: »Gelobt sei Der, der dich geschaffen!«

Die Mahlzeit wurde auf der Erde eingenommen; in der Mitte des weißen Tuches stand ein mit Perlmutter eingelegter Stuhl aus Sandelholz mit den verschiedenen Schüsseln: Lammfleisch mit allerlei Gemüse, Geflügel und Reis; danach Backwerk und Obst, Mandeln, Rosinen und Pistazien, Datteln von Medina und die heimischen Granatäpfel. Dann wurde Kaffee in kleinen Tassen gereicht.

Während des Essens wurde wenig gesprochen; wir saßen im Abendlicht auf dem Boden, und hie und da lächelte Hugh, erfreut über dieses wie über jedes neue Erlebnis. Als wir aufstanden, bewunderte er die Waffen.

»Ich sehe, du bist ein Dschigit«, sagte Jakub Temir Bey zu ihm, und das kaukasische Wort für Krieger bestätigte meine Vermutung. »Ich,« fügte er hinzu, »war einer, ich bin es nicht mehr.«

Er ließ uns nicht, wie es im Orient üblich ist, nach der Mahlzeit fortgehen, sondern begab sich mit dem Inder aufs Dach, um vor Sonnenuntergang seine Andacht zu verrichten, und bat uns zu warten. Als er zurückkam, führte er uns über eine schmale Treppe in ein höher gelegenes Gemach mit einem balkonartigen Erker, aus dem man durch drei reichgeschnitzte spitze Fensterbogen auf das Wasser hinabsah, das bereits kühl und dunkel zwischen Häusern und Gärten hinfloß, während oben noch das Abendlicht golden schimmerte.

Im Zimmer wurden die hängenden Lampen angezündet; ein Diener füllte und reichte uns die Pfeifen aus Jasminrohr mit gelben Bernsteinmundstücken; auf kleinen Tischchen stand kostbarer Wein und Raki für uns bereit. Der Sufi lächelte. »Wer zweifelt an Allah und seinem Propheten?« sagte er, »Aber im Gesetz sind viele Widersprüche. Wie sollte das Geschaffene nicht heilsam sein, da doch der Schöpfer der Herr des Heiles ist?«

Nach der Meinung unseres Wirts brauchten wir nicht zu fragen. Aber er stellte mir eine Frage, die er sich gleichfalls aus eigner Erfahrung hätte beantworten können: ob die Gläubigen in meiner Heimat die Gebote ihrer Religion so strenge hielten? Und ich erwiderte:

»Es gibt viererlei Menschen in jedem Lande und Glauben: solche, die die Gebote halten und gut sind, zweitens solche, die weder die Gebote halten noch gut sind, ferner Menschen, die die Gebote nicht halten und dennoch gut sind, und endlich solche, die die Gebote halten und dennoch böse sind.«

»Mögen diese in Dschehennum brennen, wie du recht sprichst, Effendi!« sagte Jakub Temir Bey und trank. Er trank übrigens sehr mäßig.

Größere Überraschungen standen uns bevor.

Während wir über Politik und Reisen sprachen, hatten wir schon mehrmals hinter einem Vorhang, der offenbar in einen andern Raum führte, leichte Schritte, leise Reden und Lachen gehört; jetzt wurde der Vorhang zur Seite geschoben, und eine üppige, nicht mehr junge, aber nicht unschöne Frau trat ein. Sie war kaum verschleiert, und wenn das Stückchen weißen Tuchs, das ihr Kinn verbarg, sich verschob, zog sie es manchmal wieder zurecht und manchmal auch nicht.

Frau Aischa, so hieß sie, war eine erfahrene Frau, die klug und unbefangen mitredete und über die heiteren Geschichten, die ich erzählte, herzlich lachte. Sie sprach Arabisch und Italienisch. »Wir haben lange in Europa gelebt und sind beinahe Europäer geworden«, sagte sie. Daß ihr Blick unter den dichten schwarzen Brauen, die durch Köhl noch tiefer geschwärzt waren, hie und da, wenn auch nur vorsichtig, meinen jungen Freund streifte, konnte ich bemerken. »Ihr Herr«, wie sie ihren Gatten anredete, bemerkte es nicht oder kümmerte sich nicht darum. Sie hatte von unserer bevorstehenden Reise gehört: »Möge Allah euch Gedeihen geben!« sagte sie.

Wir plauderten noch, als der Vorhang sich abermals verschob, und diesmal eine junge schlanke Frau eintrat, von wundervollen Formen und Bewegungen, deren Züge der durchsichtige weiße Jaschmak, den sie trug, nur noch zarter und schöner erscheinen ließ.

Mir war, als ob der Hausherr die Stirn gerunzelt hätte, während Frau Aischa ihr ermutigend zulächelte. War sie die zweite Frau oder die Tochter dieses toleranten Mannes? Sie lachte nur, als sie sein sehr ernst gewordenes Gesicht sah, und streichelte seine Hand, die den Becher hielt. Da lächelte er gleichfalls und bot ihn ihr, und sie trank mit dem Spruch: »Mögen deine Jahre wie seine Tropfen sein, Oheim!« Dann setzte sie sich und nahm Zigaretten aus einem zierlichen hölzernen Büchschen, auf dem tiefblaue arabische Zeichen eingelegt waren, und rauchte eine nach der andern.

Jakub Temir Bey erzählte uns eine Geschichte, die er in Stambul erlebt hatte; sie war nicht ohne Pointe, und er erzählte mit Witz; Hugh lachte sein gewinnendes Lachen.

Die junge Frau sprach kein Wort, aber ihre Blicke unter dem Schleier sahen immer wieder auf Hugh und ruhten manchmal so gebannt und selbstvergessen auf ihm, daß es mir unbehaglich wurde.

Jakub Temir Bey, der gelassen weiter rauchte, wendete sich plötzlich um und sprach mit harter Stimme ein paar Worte zu den Frauen, worauf diese aufstanden und das Zimmer verließen.

Das schien aber einen ganz andern Grund zu haben, denn während er bisher erzählt und geplaudert hatte, kam er jetzt sogleich auf die Geschäfte zurück. Er wollte noch einiges von mir wissen, und immer mehr erkannte ich, daß ich einen ungewöhnlich erfahrenen Geschäftsmann und überlegenen Kaufmann vor mir hatte, der in die Zukunft sah. Er kam wieder auf die Erzlager zu sprechen und auf die Bahnbauten, die nötig sein würden, um sie zu verwerten; ohne daß ich ihm viel gesagt hatte, wußte er, was unsere Ingenieure nach den Karten geplant und vorgeschlagen hatten.

Als wir aufbrachen und Mas'ud, unser Diener, mit der bunten Paraffinlaterne uns durch die düsteren und schmutzigen Straßen voranleuchtete, überdachte ich, was wir erlebt hatten. Sicherlich ließen Jakub Temirs Frauen sich auf der Straße nur im weißen Isar und im Mendihl sehen, die sie völlig verhüllten, wie das selbst die Christinnen in Damaskus taten, und vor eingeborenen Männern hätten sie sich gewiß nicht gezeigt. Nach außen lebte er als Muselman.

Es war, als hätte der Professor den Weg erraten, den meine Gedanken gingen, denn er sagte unvermittelt: »Sitt Amineh ist Jakub Temir Beys Nichte und wohnt, seitdem sie von ihrem Manne geschieden ist, bei ihm; und ich denke, er wird sie zu seiner zweiten Frau machen.«

»So?« fragte ich, »und hat Sitt Aischa Freude daran?«

Der Professor zuckte die Achseln, dann öffnete er die Lippen über den weißen Zähnen zu seinem gewöhnlichen Lachen und zitierte die hindostanischen Verse:

»Unerwartet zieht zu sich heran
Die junge Frau den alten Mann ...«

»Jakub Temir Bey ist reich und mächtig«, fügte er hinzu.

Hugh schlenderte neben uns hin und trat, unvorsichtig gehend, auf einen der elenden Straßenhunde, die in der Mitte des Weges schliefen; ein jammervolles Geheul tönte aus dem Dunkel, in das bald alle die andern einstimmten, wirklich wie ein Chor unreiner Geister, die die Nacht erfüllten. Fluchend warf Mas'ud Steine nach ihnen. Aber Hugh legte sanft die Hand auf die seine: »Ich habe sie ja gestört«, sagte er.

Dara Kudabaksch verabschiedete sich von uns. Er bewohnte ein winziges Zimmer bei einem Apotheker im gleichen Quartier, und er behalf sich auf dem Wege, moderner als wir, mit einer elektrischen Taschenlampe.

Am andern Tage fragte ich Abu Mohammed, ob er einen Mann namens Jakub Temir Bey kenne. »Allah schütze dich!« antwortete er. »Willst du etwas von ihm? Er ist ein sehr reicher Mann, aber ein Resas, ein Ketzer!« und er spuckte aus.

Nun war mir an Jakub Temirs Rechtgläubigkeit wenig gelegen; ich wollte wissen, woher er komme; aber das wußte auch der alte freundliche Abu Mohammed nicht.

Wir ruhten an diesem Tage, der besonders heiß war. Ich hatte Hugh gelehrt Keef zu machen: rauchend lagen wir während des langen Nachmittags in dem gedeckten Gange auf der Schattenseite des Hauses, bis die Abendsonne die Zitronen- und Aprikosenbäume des Gartens erglühen ließ, und die Blätter der Silberpappeln sich wie rieselndes Wasser in einem leichten Winde zu bewegen begannen, der die Blumendüfte zu uns trug. Hugh hatte während der letzten Stunde, während ich halbliegend dagesessen, auf den Knien Briefe geschrieben; jetzt erhoben wir uns und stiegen zum flachen Dach hinauf. Wir sahen die weiße Stadt mit ihren Minarets im Feuerglanz der sinkenden Sonne liegen, vom Kranz ihrer Gärten umgeben, eine »Perle in Smaragd«.

»Ja, aber darunter ist Schmutz, Unterdrückung und Elend!« sagte Hugh.

Ich war nicht gekommen, den Orient umzuwandeln. Ich sagte es, und Hugh erwiderte: »Die Welt ist traurig.«

Er war so selten in solcher Stimmung, daß ich ihn fragte, was mit ihm sei – da lächelte er und bewegte die Hand, als wiese er etwas von sich. »Ich habe wieder viel zu fragen«, sagte er. Der Garten lag bereits im Schatten, wir stiegen hinunter und gingen plaudernd auf und ab. Im Gespräch kamen wir bis an die niedere Steinmauer, die den Garten vom Wasser trennte, als Hugh plötzlich mit einem leichten Sprung über die Mauer setzte, sich auf dem schmalen Streifen Schwemmlandes, der draußen lag, bückte und etwas aufhob.

Er kam auf die gleiche Weise zurück und reichte mir, was er gefunden hatte: es war, naß und beschmutzt, ein kleines hölzernes Kästchen; als er es mit breiten Blättern, die er abriß, gereinigt hatte, sahen wir einander an: es war das eigentümliche, zierlich eingelegte Kästchen mit den tiefblauen arabischen Buchstaben, aus dem die verschleierte Schöne in Jakub Temirs Haus die Zigaretten genommen hatte.

»Botschaft von Amineh?« fragte ich.

Hugh zuckte die Achseln. Es gab nur eine Erklärung: wir wohnten an dem gleichen Wasserlauf wie unser Wirt vom Abend vorher: irgendwie war das Kästchen ins Wasser gefallen und durch all die Windungen zwischen Häusern und Gärten von der Strömung hierher getragen worden! zwischen faulendem Holz und anderem Abfall hatte Hugh das glänzende braun und blaue Ding gesehen.

Ich hörte Schritte und schob das Kästchen in die Tasche. Mein Diener kam und sagte mir, daß ein Kawasse an der Türe des Hauses sei, der Jakub Temir Beys Besuch anmelde. Ich ging ihm sogleich entgegen; er kam höflich und würdevoll im langärmligen Kumbas aus violettem Stoff, eine breite bunte Seidenschärpe mit goldenen Fransen um die Hüften, den Musselinturban um eine gestickte rote Kappe gewunden. Mit ihm kam, der Hitze wegen diesmal in weißen Musselinkleidern, der indische Professor und begrüßte uns lächelnd.

Ich führte meine Gäste in die offene mit Koransprüchen gezierte Halle, vor deren Bogenpfeilern der mit glatten Steinen gepflasterte Hof lag, nötigte sie auf den erhöhten Sofasitz in der Mitte und ließ Kaffee und Pfeifen bringen. Jakub Temir Bey fragte nach unserem Befinden und hoffte, daß wir mit dem Hause zufrieden wären; dann wünschte er mir Gedeihen für meine Reise; anfangs in großer Ruhe, in kurzen Reden und Gegenreden, allmählich lebhafter werdend, malte er, mit seiner tiefen Männerstimme eindrucksvoll sprechend, sich und mir dieses Gedeihen aus. Ich brauchte all meine Selbstbeherrschung, um ihm ebenso gelassen zuzuhören und meine Überraschung zu bergen, die heute noch größer war als gestern. Dieser Mann im Seidenmantel und Turban, der mir gegenüber saß, hatte alle meine Pläne oder vielmehr die meiner Gesellschaft zu Ende gedacht, nicht anders, als ob ich ihn in alles eingeweiht hätte.

Er sagte mir auch, wer mir helfen, wer mir entgegen sein würde, daß Arif Bey, der Gouverneur des Sandschak, in französischem Einfluß stehe, er, Jakub Temir, jedoch die nötigen Beziehungen habe, um mir die Wege zu öffnen. Dafür zögerte er nicht, eine angemessene Beteiligung zu fordern; das heißt, er forderte sie nicht, er bot sie als einen Dienst an, den er mir erweisen würde; er sprach auch nicht geradeheraus von einer Beteiligung, aber die Meinung war nicht zweifelhaft, und er deutete an, daß wir am besten tun würden, einen Vertrag darüber zu schließen.

Ich meinte, daß wir noch lange nicht so weit wären.

Das wisse er, das sehe er, aber da er mir den Weg zur Durchführung meiner Pläne öffnen wolle, so könnte ich mich für den Fall verbinden, daß ich den Weg erfolgreich beschreiten sollte ... »und da du unsre Stadt in kurzer Zeit zu verlassen gedenkst, Effendi ...«

Ich staunte, daß er auch das wußte.

Er lächelte. »Du hast zu Kürdag Pascha davon gesprochen, und Zia Bey, Kürdag Paschas Adjutant, ist mein Freund.«

Das hieß, daß Zia Bey ihm Geld schuldete.

Die grauen Augen sahen mich erwartend an; aber er rauchte in Ruhe fort, wenn er auch sogleich wieder mit großem Ernst und Nachdruck sprach, um mich die Vorteile seines Angebots erkennen zu lassen. Und wieder fragte ich mich, welcher Rasse gehörte dieser schlaue und energische Asiate an, der die europäischen Methoden genau so gut kannte und anwendete wie die Asiens? Und ich fragte mich auch, welche Rolle Dara Kudabaksch spielen mochte, dessen Gegenwart bei alledem mir nicht angenehm war. Ich konnte ihm nur insofern trauen, als ich wußte, daß er die Engländer, die ich gleichfalls zu scheuen hatte, haßte.

Ich blieb fest und sagte, daß ich meinen Auftraggebern berichten müßte; meine Vollmachten gingen nicht so weit; ich wäre zunächst nur gekommen, um Erkundigungen einzuziehen, und würde bald nach Damaskus zurückkehren.

Die leicht gerunzelten Brauen unseres Wirts verrieten eine gewisse Unzufriedenheit; aber auch das war kaum merklich, und er bat mich und meinen Freund für den nächsten Abend wieder zu Gast, zum Abschied, wie er sagte, da auch er eine Reise würde antreten müssen.

Ehe er ging und ich ihm zum Tor das Geleit gab, überreichte ich ihm das Kästchen und sagte ihm, daß wir es am Ufer gefunden und als seines Hauses Eigentum erkannt hätten.

»Wallah!« sagte er erstaunt und dankte und ließ es an Wünschen und Segenssprüchen nicht fehlen, die ich in gleicher Weise erwiderte.

Ich hatte beschlossen, an Dara Kudabaksch keine weitere Frage zu richten, obschon er es sicherlich erwartete, aber ich erkundigte mich in der Stadt. Ich erfuhr, daß Jakub Temirs Vater ein Jude gewesen, der zum Islam übergetreten war und im Kaukasus eine Stelle bekleidet hatte; seine Mutter war in der Tat eine Cirkassierin. Er selbst war in Kairo bei der Tabakregie und sonst in Geschäften des Kediv tätig gewesen. Er sei reich und schlau, wurde mir gesagt, und nicht ohne Einfluß, als Partner bedenklich, als Gegner gefährlich.

Während ich mir auf unserem Generalkonsulat diese Auskunft geholt hatte, war Hugh der Gast des kaukasischen Fürsten gewesen, der ihm einen herrlichen Tscherkessenanzug und Schwert und Pistolen zum Geschenk gemacht hatte. Diesen Anzug legte er des Abends an, als wir uns nach Jakub Temirs Haus begaben. Er hatte darunter zu leiden, denn die Hitze war noch immer groß, und die Tscherkeßka schnürt wie ein Korsett. Aber es stand ihm prachtvoll, und er hatte eine kindliche Freude daran.

»Du bist ein Dschigit«, sagte Jakub Temir Bey wieder, als er ihn bewundernd und vielleicht mit leisem Spott zugleich betrachtete. Der unvermeidliche Kudabaksch war bereits da und lächelte.

Wir hatten Abschiedsgeschenke mitgebracht, einen Browning, einen schönen Kompaß, und ich insbesondere ein französisches reich illustriertes Werk über Erze und deren Verwertung; ich wünschte es als Hinweis auf eine künftige gemeinsame Tätigkeit gedeutet, denn das war mir klar, daß meine Reise, wenn Jakub Temir Bey unbefriedigt blieb, auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen mußte. Die Frage war, in welchem Licht meine Auftraggeber die Sache sehen würden.

Die Abendmahlzeit hatte eine Spur von Feierlichkeit; Jakub Temir Bey reichte uns ehrend die besten Stücke; sonst verlief alles wie beim erstenmal; nur daß oben in dem Erkerzimmer diesmal Sektflaschen und Gläser auf den niederen eingelegten Tischen standen.

Der Hausherr stieß mit mir auf das Gelingen meiner Pläne an. »Auch die Frauen wollen euch noch sehen,« sagte er, »ein kluger Mann läßt ihnen in Kleinigkeiten den Willen.«

Die Frau kam und brachte die schöne Nichte mit. »Wir sind doch Europäer«, sagte sie. »Warum soll Amineh sich langweilen, und nicht gleichfalls über den Erzähler der Scherze lachen?«

Damit war ich gemeint, aber Sitt Amineh lachte über den Erzähler der Scherze nicht, dem allerdings auch nicht zum scherzen zu Mute war. Sie sprach auch nicht, sondern sah vor sich hin und rauchte wie das letzte Mal. Als sie das hölzern« Etui mit den leuchtenden blauen Buchstaben hervorzog, sah sie Hugh einmal an, dann sah sie wieder zur Erde und saß regungslos, teilnahmlos da, rauchte und sprach kein Wort. Frau Aischa sah ein paarmal nach ihr, Jakub Temir Bey nie. Hugh in seinem flammenden fremdartigen langen Gewand bewegte sich wie ein junger Fürst.

Aber das Gespräch stockte heute unter den Hängelampen, obwohl wir uns bemühten, und wir brachen früh auf. Jakub Temir fragte Hugh, ob auch er nach Damaskus zurückkommen werde.

»Ich weiß nicht,« erwiderte Hallgrave, »nicht so bald wie unser Freund, der Doktor. Ich muß nach meiner Heimat zurück.«

Der Hausherr fragte, wie er reisen werde.

»In fünf Tagen werde ich in Beyrut den Dampfer nehmen«, antwortete Hugh harmlos.

»Mögest du gute Fahrt haben und deine Mutter wiedersehen!« sagte Jakub Temir. Er sah nach den Waffen an der Wand, nahm einen kaukasischen Dolch herab und reichte ihn seinem jungen Gast zum Abschiedsgeschenk, der erfreut dankte.

Ich hatte mich umgewendet und mein Blick glitt an der Gruppe vorbei in das Zimmer zurück. Am Vorhang zum andern Gemach stand Amineh, der Schein einer Lampe fiel auf sie, sehnsüchtig trunken lag ihr Blick auf Hugh ..., dann wurde ihr Gesicht aschfahl; sie sank gleichsam zusammen, und war im nächsten Augenblick hinter dem Vorhang verschwunden.

Der schwere rötliche Teppich, der sich eben noch bewegt hatte, hing wieder still, als ich mich abwendete und den Blicken Sitt Aischas begegnete, die den Vorgang offenbar gleichfalls beobachtet hatte.

Ich atmete auf, als wir aus Jakub Temir Beys Haus in die düsteren nächtlichen Straßen traten. Die Verbindung paßte mir in keiner Weise. Hugh sprach kein Wort. Schweigend gingen wir nach unserer Wohnung, Mas'ud mit der Laterne voran. Der Professor war diesmal noch bei seinem Freunde geblieben.

Am andern Tage, wir saßen eben bei Tische, als Hugh, der wieder seinen gewöhnlichen Anzug trug, in die Tasche griff und ein zerknittertes Papier hervorzog. Er schien sich an etwas zu erinnern. »Ja, Doktor,« sagte er, »das wollte ich Sie fragen. Gestern Nachmittag saß ich in einem der arabischen Kaffees in der Beyrutstraße, als ein Frauenzimmer zweimal an mir vorbeistreifte, und wie mir vorkam, nicht ohne Absicht. Später fand ich diesen Zettel in meiner Tasche. Aber ich vergaß es wieder. Was bedeutet das?«

Er reichte mir das Papier, auf dem arabische Worte geschrieben standen. Ich las:

»Schlank ist dein Wuchs, dein schönes Gesicht verbreitet Licht in der Welt; gepriesen sei Der, der dich geschaffen! Mit meinem Kästchen hast du mein Herz gefischt. Weißt du keinen Trost für die, die vor Sehnsucht vergeht? Komm und frage nicht nach den Reden der Mißgünstigen!«

Der Brief war deutlich genug. Völlig ahnungslos war Hugh gestern nach Jakub Temirs Haus gegangen, und ich fragte mich einen Augenblick, ob ich ihn aufklären sollte. Gut, daß wir abreisen, dachte ich. »Ein Liebesbrief einer Schönen in Damaskus, deren Herz Sie gewonnen haben, Hugh!« sagte ich dann laut.

Er lächelte und wünschte, daß ich ihm den Brief Wort für Wort übersetzte.

»Es ist die Eigentümerin des Kästchens«, fügte ich nun hinzu und beobachtete ihn. Er sah wohl einen Augenblick überrascht auf, aber sein Interesse an dem Brieflein schien ein rein sprachliches. Als ich fertig war, zuckte er die Achseln und lächelte wieder. »Arme, kleine Dame!« sagte er. Für Sitt Amineh war keine Hoffnung. Wir scherzten über die Sache und gingen wieder an unser Tagewerk. Ich traf die Vorbereitungen zu unserer Abreise. Als ich den Fluß entlang kam, an den mächtigen Nußbäumen vorüber, um die sich der junge Wein rankte, sah ich vor mir den Professor auf einem Esel halten, offenbar unfreiwillig, denn der Treiber schlug mit vielen Ermahnungen und heftigen Reden auf das Tier los. Diesmal lächelte der Inder nicht; böse und unflätige Worte ohne Zahl kamen aus seinem Munde.

Er beruhigte sich sogleich, als er mich sah. »Jakub Temir Bey verreist heute,« sagte er, »aber er ist nicht erfreut, und es ist Verdruß in seinem Hause.«

Ich bedauerte, es zu hören, und sprach von anderem. Sein Esel hatte sich wieder in Bewegung gesetzt, und wir zogen eine Strecke den gleichen Weg.

Der Tag war schwül und drückend; unfruchtbare, heiße Winde kamen wie Glutströme über die Wüste geweht, wo sie die dünnen gelben Sandwirbel auftreiben, die die Beduinen für Wüstenteufel halten. Ich beneidete keinen, der heute unterwegs war. Die Hitze wurde zuletzt so unerträglich, daß ich mich ins Haus zurückzog. Hugh saß, nur mit einer Flanellhose und einem seidenen Hemde bekleidet, matt und schweißtriefend an die Wand gelehnt; er hatte die Augen geschlossen und redete fast nichts, er seufzte nur.

Gegen Abend wetterleuchtete es ein wenig, aber die Schwüle ließ kaum nach. In der Nacht gingen einige Wolkenstreifen nieder mit großen Tropfen, die auf den heißen Steinen sogleich wieder verdunsteten. Wir schliefen auf dem Dach, das heißt, wir lagen oben, wir schliefen nicht. Bei den zuckenden Blitzen sahen wir die Stadt mit ihren Minarets und die fernen Bergwände grell vor uns, oder, wenn wir an die Brustwehr traten, den Fluß unten zwischen Häusern und Gärten traumhaft beleuchtet.

Wir standen sehr früh wieder auf, um in der Morgenkühle zu packen. Dann nahmen wir ein leichtes Frühstück und gingen in den Garten. Das Wasser des Flusses schlug wie mit leisem schluchzenden Ton ans Ufer, und die Häuser und Bäume, die wir in der Nacht in der Traumbeleuchtung der Blitze gesehen hatten, lagen jetzt still in der Morgenluft.

Ein großer dunkler Vogel krächzte über uns und flog über die Mauer am Flußufer; irgendwo in der Nähe heulte ein Hund.

Wir waren jetzt selber bei der niederen Mauer angekommen; da sah ich Hughs Gesicht sich verfärben; er legte die Hand aus meinen Arm und drehte mich schweigend herum und wies auf den Streifen Schwemmlands hinaus. Die Mauer, über die er bequem hinwegsah, reichte mir bis zur Schulter; ich mußte ganz nahe herantreten, um hinüberschauen zu können. Ein Frauenkopf lag am Ufer; die flutenden Kleider wurden vom Wasser gehoben; der Körper lag unter Wasser, nur eine Hand war zu sehen. Das Gesicht unverschleiert, die Augen erloschen, von der Strömung hergetrieben, lag Jakub Temirs Nichte in dem seichten Wasser vor uns.

Er hatte die Lebende verschmäht, und sie war als Tote zu ihm gekommen. Übernächtigt wie wir waren, glaubten wir noch im Traum zu sein.

Wir wußten nicht, was wir tun sollten, und überlegten noch, als Mas'ud den indischen Professor meldete.

»Sitt Amineh ist seit gestern Abend verschwunden«, sagte er.

»Ja, und wir wissen, wo sie ist«, gab ich zur Antwort.

Er starrte uns an. Wir führten ihn zur Stelle, und er sah, was wir gesehen hatten.

Dann wendete er sich wieder zu uns, und in dem bräunlichen Gesicht war ein tiefer Ernst. Wir sahen, wie seine Züge sich veränderten, wie ein Nachdenken, ein Erstaunen, und ein plötzliches Begreifen sich in ihnen malte: »Sitt Aischa hat erreicht, was sie gewollt hat«, sagte er.

Und da wir ihn fragend ansahen, sagte er noch, auf Hugh weisend: »Sie hat ihr den schönen Lockvogel da gezeigt; sie wußte, was daraus folgen würde! Sie wollte keine zweite Frau im Hause! O, die Wege und Listen der Weiber!« und die dicken Lippen öffneten sich wieder über den weißen Zähnen zu dem gewohnten öligen Lächeln.

Wir blickten zu Boden. Dann gingen wir zu Abu Mohammed hinüber, um Leute zu holen.

Hugh war aufs tiefste betroffen und trüb gestimmt; es war das zweite Mal in seinem Leben, daß ihm dies begegnete. Fünf Tage später trennten wir uns in Beyrut. Seitdem sind vier Jahre vergangen, und ich hatte ihn bis heute abend nicht wieder gesehen.

Aus meinen Geschäften mit Jakub Temir ist nichts geworden, und ich habe die Reise nach Damaskus zu Verlust gebucht.«

Und der Doktor lehnte den breiten Kopf und Rücken an die Wand zurück, blies den Rauch der Zigarre in die Luft und sah ihm nach.

*


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