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Die Festung in den Pyrenäen

Eileen Beade saß am Fenster und sah auf den winterlichen Platz hinaus. Das dämmernde Zimmer war behaglich und warm, das Feuer flackerte im Kamin; sie aber saß, das Kinn in die Hände gestützt, fröstelnd am Fenster und zog den Shawl um sich; in den dunklen Augen unter dem glänzenden blonden Haar war Trostlosigkeit. Draußen standen die entlaubten Bäume im Nebel; und jetzt begann leiser Schnee zu fallen. Nur sehr wenige Leute gingen über den Platz; in ihre Mäntel gehüllt, glitten sie wie Schatten durch den Schnee, der dichter und dichter fiel; Eileen sah sie kaum. Ein Wagen fuhr leise vorüber; ein Gesicht drängte sich an die Scheibe des Fensters.

Eileen fuhr auf; ein Zittern ging über sie. »Es kann nicht sein«, sagte sie laut. Da hielt der Wagen. Der Klopfer schlug an die Haustüre in einer gemessenen Folge, die sie kannte. Sie flog durch das Zimmer in den Flur hinaus und die Stufen hinab und öffnete selbst. »Norman!« rief sie, »es ist ja nicht möglich!«

»Eileen! – – Gib acht, du wirst naß!« fügte er sogleich hinzu, den hohen Kragen öffnend und den dunkeln Uniformmantel auseinanderschlagend, um den Schnee abzuschütteln. »Es ist ja nicht möglich!« wiederholte sie, ihn umarmend.

Hinter ihm war der Diener mit seinem Koffer eingetreten, und von oben kam das Stubenmädchen in weißer Schürze und knixte und grüßte.

»Ich habe nur wenige Stunden, Eileen,« sagte er, den schweren pelzbezogenen Tschako abnehmend, »ich habe keinen Urlaub, ich bin dienstlich hier. Ich komme vom Kriegsamt und muß wieder hin, und um zehn Uhr geht der Postwagen nach Dover.«

»Also schnell ein Bad und Essen?«

Er nickte, und sie eilte selbst alle Anordnungen zu treffen und die Vorbereitungen in Gang zu bringen. Dann kehrte sie ins Zimmer zurück. »Daß du nur da bist!« wiederholte sie. »Gerade in diesem Augenblick! Es ist ein vollkommenes Wunder!«

»Hast du so sehr an mich gedacht?«

»Wenn du kämest, so oft ich an dich denke, müßtest du täglich hier sein. Aber gerade diese letzten Tage war ich in beständiger Angst, und eben sah ich dich irgendwo ... frierend ... verwundet ... in Gefahr ...!«

»Es ist nicht sehr kalt in Südfrankreich, und verwundet bin ich nicht, war auch nicht sehr in Gefahr. Auch die Überfahrt war rasch und gut ...«

Sie sah fragend nach seinen Augen, als sähe sie dort etwas, aber er breitete die Arme aus: »Eileen!«

»Und Florence?« fragte er, sie küssend.

»Sie schläft. Komm!«

Das ganze Haus bewegte sich in verhaltenem Geräusch. Unten wurden Kessel gewärmt, Speisen zugesetzt; die Mädchen eilten die Treppen auf und ab, knixten, wenn sie dem Herrn begegneten und sahen ihm mit frohem aufgeregtem Staunen nach.

Sie standen vor dem Bett des Kindes, das Eileen in ihr Schlafzimmer hatte stellen lassen. Es erwachte, als er es leise küßte, sagte, die Augen öffnend: »Oh! Mama!« und erkannte ihn nicht, warf sich nach der andern Seite, den Kopf in die Händchen vergrabend, und entschlief wieder.

»Das bist du!« sagte er, sie ansehend.

»Ja, sie wird eine O'Donnell!« erwiderte sie, und beide schwiegen.

Allein gelassen, ging Eileen tief erregt im Zimmer auf und ab, dankbar gelöste Empfindungen in der Seele. Dann streifte sie rasch ihr dunkles Hauskleid ab, und Norman fand sie im hellen, unter der Brust gebundenen Seidenkleid im Speisezimmer an dem mit verspäteten Weihnachtszweigen geschmückten Tisch stehend, als er erfrischt vom Bade und in bequemerem Anzug eintrat.

»Bist du nicht todmüde?« fragte sie.

»Ja und nein! Ich spüre Müdigkeit nicht mehr. Und ich fühle mich wohl, weil ich dich sehe!« Aber während er sie ansah, trat in die Stirn über seinen Augen der Ausdruck einer Ermattung und einer Sorge; eine Falte zwischen seinen Augen, die ihr neu war, wurde tiefer, und sie hielt gleichfalls inne, um ihn forschend zu betrachten. Da griff er lächelnd nach einem Brot. Er aß hungrig und trank wiederholt von dem hellen Wein, und sie half und bediente ihn glücklich, ohne selbst viel zu nehmen.

Das Kind wurde von der Wärterin heruntergebracht, es kam scheu heran und wehrte sich, als er es nahm und küßte. Eileen nahm es in die Arme und wies ihm den Vater. Normans Blicke gingen unruhig von dem Kinde zu ihr. Als er plötzlich aufstand, begann es zu schreien, und Eileen ließ es wieder hinaufführen.

Sie saßen Hand in Hand vor dem Feuer und seinen Arm um sich ziehend, sagte sie: »Und nun erzähle! Ist deine Sendung hierher eine ehrenvolle?«

»Meine Sendung hierher ...? Ja ... immerhin. Sie ist jedenfalls ein Beweis von Vertrauen.«

»Jedenfalls freue ich mich, daß sie dich herbringt.«

»Es ist wirklich ein Wunder,« sagte er, »daß ich hier sitze, mit dir am Kamin in diesem behaglichen kosigen Zimmer ... und vor wenigen Tagen noch an den grauen Wassern des Adour, auf der einen Seite wie Wolken das Gebirge, vor mir endloser Sand und Sümpfe und kahles Gesträuch, über uns im Nebel die Mauern von Bayonne, dahinter das winterliche düstere Meer, und dazwischen Zelte, Gräben, Schanzen, Wachtfeuer, Fluchen und Schüsse ... Und in vier Tagen wieder!« Er fühlte, wie ein Zittern über die Glieder seiner Frau lief, hörte ein verhaltenes Schluchzen. »So aufgeregt, Liebste?« fragte er, und streichelte beruhigend ihr Haar.

»In wenigen Stunden bist du wieder fort!« rief sie klagend. »Wird dieser ewige Krieg nie enden? Wie wenig hab ich in all den Jahren von dir gehabt? Und nicht nur getrennt sein, dich unaufhörlich in Gefahr wissen, unaufhörlich zittern müssen!..

»Das ist unnötig. Seit ich dem Stab im Hauptquartier zugeteilt bin, bin ich wirklich nicht mehr in Gefahr. Seit zweieinhalb Monaten war ich dreimal auf Rekognoszierung und nur in einem Gefecht ...« Er versank in Schweigen.

»Sprich mehr!« bat sie. »Sag, wie du lebst! Bist du sehr angestrengt?«

»Zu tun ist genug. Der Chef verlangt viel.«

»Ist er dir wohlgesinnt?«

»Das wäre bei ihm schwer zu sagen ... Es liegt auch so viel auf ihm. Der beständige Ärger mit den Spaniern; der schwere Vormarsch auf den grundlosen Straßen ...« Wieder sah er schweigend ins Feuer, und sie in sein männliches, gebräuntes, vom Krieg hart gewordenes Gesicht, das sie so weich und jugendlich in Erinnerung hatte. Jetzt stand er auf, sah auf die Uhr, machte ein paar Schritte durchs Zimmer und blieb stehen. Ihre Blicke folgten jeder Bewegung. Er war vor dem Tische stehen geblieben, auf dem sich unter anderen Miniaturen sein Bild befand, das ihn so darstellte, wie er vor wenigen Jahren noch gewesen, wie sie ihn im Geiste eben gesehen hatte. Und er sah nieder auf die Miniaturen, als wäre der gleiche Gedanke in ihm. Dann wendete er sich wieder ihr zu. »Aber nun geht es zu Ende! Zu Ende!« rief er, »und vielleicht bin ich bald für immer hier bei dir ...!« Wieder brach er jäh ab. Und etwas in seinem Ton ließ sie aufhorchen. Er warf ihr einen raschen Blick zu und sprach weiter: »Wir siegen, Eileen. Mit Bonaparte geht es zu Ende. Soult zieht sich immer weiter zurück!«

»Ja, das lesen und hören wir alle Tage. Gestern war deine Schwester hier und triumphierte.«

»Und du kannst dich nicht freuen?«

»Daß der Krieg endet, Norman, freut mich! wie sehr! Und daß du zurückkommst! ... Ich freue mich, wenn du siegreich bist!« schloß sie nachgebend.

»Ich verstehe dich, Eileen. Ich verstehe dich sehr gut!«

»Du weißt es«, antwortete sie leise. »Ich habe dir's oft gesagt: ich habe einen Mann geheiratet, nicht eine Nation! Dich, nicht dein Volk. Ich bin keine Engländerin geworden!«

»Ich weiß es«, erwiderte er und trat ganz nahe an sie heran und beugte sich über sie. Die Hände auf ihren Schultern, sah er ihr tief in die Augen. »Ich frage mich manchmal, Eileen, ob du auch nur den Mann wirklich geheiratet hast ... ob du wirklich völlig zu mir gehörst ... über alles, alles hin, was trennen könnte ...!«

»Das fragst du dich noch,« rief sie aufspringend, »du, der du alles weißt! Meinen Vater Sheumas O'Donnell hat Lake gemordet, meinen Bruder Rob hat er foltern und hängen lassen, mein Bruder Aleel ist verschollen, Cathleen, meine Schwester, ist in Orre-Castle verbrannt, mein Vetter Roos ist verschollen, meiner Mutter Bruder Tom Burke ist verschollen; sie sind auf dem Meer zugrund gegangen oder in den Heiden und Sümpfen, bei Nacht in den Wäldern erschossen und verfault oder verscharrt. Ich weiß nicht, wie sie gestorben sind, und ich bin froh, daß ich es nicht weiß ... manchmal, wenn ich davon träume ...« Sie fuhr mit beiden Händen an die Schläfen. Er wollte nach ihren Händen greifen, aber sie wich zurück. »Ich allein«, rief sie, »bin übrig. Du weißt, welche Greuel ich als Kind gesehen, aus denen du mich gerettet hast. Du hast mich gerettet, und doch, du weißt es, würden mein Vater Sheumas und meine Brüder Aleel und Robert mich verfluchen und mein Vetter und meiner Mutter Bruder, wenn sie lebten und wüßten, daß ich einen Engländer zum Mann genommen!«

»Eileen!« rief er.

»Aber warum, warum, warum, Norman,« fuhr sie fort, »erneuerst du das alles heute, heute, da wir so wenige Stunden haben ...?!«

»Warum, Eileen?« fragte er und sah schmerzlich auf sie, und das Feuer im Kamin flammte auf und warf einen schnellen Schein über ihn, und die Falte zwischen seinen Augen war tiefer und sein Gesicht schien noch älter und gefurchter, und dann versank die Flamme wieder, und es war fast dunkel, als er sie an sich zog.

»Was hast du auf der Seele, Norman?« rief sie, »was willst du mir sagen?«

»Ja!« sagte er, »aber um Gottes willen, Eileen ...«, er unterbrach sich und faßte ihre Hände, sie wieder an sich ziehend. »Ob du mich verstehen wirst?«

»So sprich doch!«

Sie sah, wie sein Gesicht arbeitete. Er zog die Uhr aus der Tasche. »Zwei Stunden!« rief er.

»Hast du noch?« rief sie, erschreckend.

»Nein, bin ich schon hier!«

»Schon zwei Stunden!«

Noch einmal ging er durchs Zimmer und zurück, dann blieb er stehen und sah zur Erde. »Es hängt mit meinem Auftrag zusammen«, begann er. Sie sah rasch auf.

»Es war so«, fuhr er fort. »Wir kommen schwer vorwärts; Soult schlägt sich sehr gut, die Franzosen wehren sich wie die Teufel; wie lang liegen wir nun schon vor Bayonne, und jedes Dorf, jedes Schloß muß belagert und gestürmt werden. Wie wir herunter in die Ebene an den Adour und an die Gave de Pau stiegen, war da ein Kastell in den Hügeln, das hatte der Mann, der dort befahl, so befestigt und verteidigte es so, daß wir eine Abteilung zurückließen, die es eingeschlossen halten und womöglich nehmen sollte, während das Korps weiter vorrückte, wie wir es jetzt mit Bayonne selbst machen werden. Wir hatten überhaupt zu wenig Artillerie, und die wurde vor Bayonne gebraucht. So weit war alles gut. Da kam jener verfluchte Fehler, den Gade an der Front beging, so daß wir alles heranziehen mußten, um keine Lücke zu lassen, wo Soult uns gepackt hätte. Und da bekam der Mann in jenem Kastell wieder Luft; er machte einen Ausfall und hieb die paar Leute zusammen, die noch dort standen, um ihn zu beobachten, dann überfiel er unsere Verbindungen und nahm unsere Wagenzüge weg. Das Kastell lag an einer unserer Zufuhrstraßen und der Franzose darin hatte seine paar Kanonen in einer Weise gestellt, daß die ganze Gebirgsstraße gesperrt war. Unter den spanischen Guerillas, die auf unserer Seite waren, gab es fürchterliche Leute, aber einen so kühnen und geschickten Offizier wie den, habe ich lange nicht gesehen. Nun, sobald es wieder ging, wurde Weymon mit einem starken Bataillon und etwas Geschütz hingeschickt, das Kastell zu nehmen. Es schien eine Kleinigkeit, aber er brachte es nicht zustande. Ich müßte dir zuviel erklären, um dir ganz begreiflich zu machen, wie unangenehm es für uns war, wie diese Beule im Rücken uns behinderte. Es sind jetzt gerade zehn Tage her, da schickte Lord Wellington mich hin, ich sollte doch sehen, daß Weymon vorwärts komme und den Platz nehme; denn der lag da und griff an nach allen Regeln, tapfer, aber ohne Initiative, und der andere hatte immer neue Ideen. Als ich hinkam, fand ich Oberstleutnant Weymon schwer verwundet, im Fieber, Hauptmann Brice beim Sturm durch die Brust geschossen, Chelmsford lag irgendwo unter den Schanzen begraben; Pouley führte das Bataillon und konnte gar nichts ausrichten. Er war vollkommen übermüdet. Ich bin im Rang älter als er und Adjutant, und da ich einmal da war und den Auftrag hatte, so übernahm ich das Kommando ... Lord Wellington hatte nachher die Güte zu sagen, ich würde vielleicht kein schlechter Truppenführer werden. Ich ließ die Geschütze anders auffahren und änderte den ganzen Angriff, ich schoß ihm seine Basteien zusammen und nahm zwei Vorwerke. Er machte neue Schanzen aus allem, was es gab, aber es war klar, daß es zu Ende ging. Wir hatten keine Zeit; ich mußte zurück ins Hauptquartier, und so schickte ich einen Parlamentär und ließ ihn zur Übergabe auffordern. Darauf verlangte er eine Unterredung. Wir kamen auf den zerschossenen Werken zusammen, am Nachmittag unter tiefen Wolken, da und dort lag Schnee und überall Tote und Verwundete an den Schanzkörben. Ein langer schlanker Bursch, gerade, gelenkig, sehr elegant in seiner Chasseur-Uniform, mit ihm zwei ganz junge Offiziere, Kinder noch. Er kommt auf mich zu, lächelt ein wenig, verbeugt sich sehr höflich, sehr französisch, die hohe Mütze abnehmend, daß ich seine gelockten dunkelblonden Haare sehe. Ich nenne mich: ›Hauptmann Beade‹, er lächelt wieder und sagt: ›Oberst Fitz-James‹ ...! Ich begriff sofort ... ein Irländer! Eileen!«

Sie sah ihn gespannt an, sehr bleich, mit leise zitternden Lippen, sprach aber nicht.

»Ich forderte ihn, da er sich doch nicht mehr halten könne, auf, weiteres Blutvergießen zu ersparen, und uns die Festung zu übergeben.

Er sah sich um und einen Augenblick zur Erde, als dächte er nach: ›Ja,‹ sagte er dann, ›gegen freien Abzug, mit fliegenden Fahnen und Trommelschlag.‹

›Das kann ich nicht bewilligen‹, erwiderte ich. ›Die Ehre haben Sie in jedem Fall gewahrt durch Ihre glänzende Verteidigung ...‹, er verbeugte sich kühl, ›aber ich muß auf Übergabe der Besatzung in Kriegsgefangenschaft bestehen.‹ Er schüttelte den Kopf. ›Nur gegen freien Abzug.‹

›Dazu habe ich keine Vollmacht.‹

›Dann schicken Sie nach dem Hauptquartier.‹

Das würde nichts ändern und wäre zweckloser Zeitverlust. ›Darein kann ich nicht willigen. Ich habe ganz klare Befehle. – Wir gönnen dem Feind einen so vortrefflichen Offizier nicht.‹ ›Schön‹, sagte er und machte Miene zu gehen, ›kommt, Kinder!‹

Ich hielt ihn zurück. ›Sehen Sie doch ein‹, sagte ich und wies ihm seine Lage, die völlig zerschossenen Wälle, ich zeigte ihm in der Ferne unsere Feuer, die in der Ebene und auf den Hügelabhängen im Winternebel sichtbar waren, ›ich kann soviel Leute heranziehen als ich will. In acht Stunden haben wir den Platz gestürmt.‹

›Mir halten uns noch Tage.‹

›Ich glaube nicht. Aber dann?‹

›Was liegt am Sterben?‹

›Sagen Sie das für sich. Aber diese Kinder hier?‹

Er selbst sah jung genug aus. Die beiden Knaben waren blaß, müde, übernächtig, wenn auch ihre Augen brannten und sie zu allem bereit waren. ›Was liegt Ihnen an der Gefangenschaft? In wenigen Wochen ist der Krieg zu Ende und Sie werden ausgetauscht.‹

›Ja, diese hier. Aber ich?! Sie haben es ja längst erkannt: ich bin Irländer. Ich will nicht in Ihre Gefängnisse, an Ihren Galgen kommen, nicht das Schicksal Wolfe Tones teilen, den Sie gegen alles Recht ...‹

›Er war ein verurteilter Rebell!‹ unterbrach ich ihn.« Die am Feuer sitzende, lauschende Frau fuhr empor. Ihr Mann kehrte aus den Gesichten der Pyrenäen, die seine Erinnerung erfüllt hatten, in die Gegenwart ihres Zimmers in London zurück. »Verzeih, Eileen,« sagte er, »als englischer Offizier mußte ich das sagen.«

»Ja, als englischer Offizier«, sagte sie bitter.

»Höre mich zu Ende, Eileen! ›Glauben Sie, ich bin weniger Rebell?‹ erwiderte er. ›Weiß Gott, ich kämpfe mehr gegen England, als für Frankreich und den Kaiser!‹

Wir schwiegen beide. Du mußt dir das Bild vorstellen. Er war noch länger als ich und stand da, blaß und entschlossen, schon wieder lächelnd, nun in halber Nacht; über uns ein ungeheurer Schatten, die Festung. Ich dachte nach. Ich dachte an dich, Eileen. Und der Mann gefiel mir so gut.

›Ich bin Adjutant des Höchstkommandierenden‹, sagte ich endlich. ›Es ist vielleicht gewagt, wenn ich mich verbürge. Aber ich glaube, ich kann es.‹ Er sah mich scharf an. ›Ich habe das Recht, wie Oberstleutnant Weymon und in seinem Namen, die Übergabe der Besatzung in ehrenvolle Kriegsgefangenschaft zu vermitteln. Darin sind Sie eingeschlossen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort für diese Bedingungen. Daran wird man im Hauptquartier nichts ändern.‹

›Wer weiß?‹ sagte er. In diesem Augenblick brach der eine der beiden Leutnants neben ihm zusammen. Sie hatten nichts mehr zu essen und schon tagelang halbe Rationen, wie ich dann erfuhr. Er, Fitz-James, und ich halfen dem Jungen auf. Ich schickte eine Ordonnanz in unsere Stellungen hinab, um Wein und was sich sonst fände, holen zu lassen. Er sprach indessen mit seinen Offizieren und sann wieder nach. ›Was liegt daran?‹ rief er schließlich. ›Kommt Kinder, es sind vielleicht wirklich nur ein paar Wochen für euch!‹ Und zu mir sagte er: ›Es ist gut.‹

Ich sagte: ›Kommen Sie hinunter in die Zelte, die Bedingungen aufzusetzen und zu unterschreiben.‹

›Das können wir auch hier‹, erwiderte er.

Aber es war völlig dunkel geworden, und es hatte sich ein unangenehmer schneidender Wind erhoben, der durch alle Kleider drang, und der uns Papiere und Karten in den Händen umbog und wegwehte. Die Laternen, die er hatte bringen lassen, drohten zu verlöschen. So schickte er einen seiner Begleiter mit Befehlen in die Festung zurück und folgte mir mit dem andern hinab. Ich ließ ihn vorangehen, und ich sah ihn an und beobachtete ihn.

Als ich ihn unseren Offizieren vorstellte, sprach ich seinen Namen absichtlich so rasch aus, daß sie ihn kaum verstanden, und redete ihn immer nur ›Oberst‹ an. Sein Französisch war tadellos. Alle erstaunten nur, wie jung er war. Die nötigen Abmachungen wegen der Übergabe, des Abmarsches, der Verwundeten und was da sonst war, wurden schnell getroffen.

Als er unterschrieb, sah Pouley, der zunächst stand, mich an. Aber ich sprach kein Wort, und er machte keine Bemerkung. Vielleicht hatte er nichts dabei gedacht.

Zwei Stunden später räumten sie die Festung bei Fackellicht; ein Teil unserer Mannschaft war ausgerückt und stand in Reihen; es waren nicht viele, die unter Trommelwirbel herunterkamen, und die meisten verwundet. Die nicht gehen konnten, wurden auf Bahren und Brettern heruntergetragen. Noch einmal tönte ihr › Vive l'empereur!‹ durch die Nacht, dann überreichte Fitz-James mir seinen Degen, und man hörte das Klirren und Aufschlagen der Gewehre, die abgegeben, gezählt und hingelegt wurden.

Eine kleine Abteilung von uns besetzte die Festung, die am andern Tag gesprengt werden sollte.

Ich traf mit Pouley die nötigen Anordnungen und bestimmte, daß Fitz-James und die Offiziere am andern Morgen unter Eskorte mit mir ins Hauptquartier reiten sollten, da es den Feldmarschall interessieren könnte, sie zu sprechen. Ich hatte eine Ordonnanz vorausgeschickt mit der Meldung.

Am Abend bewirtete ich ihn ...« Norman Beade verstummte und sah seine Frau an. Sie kauerte noch immer am Feuer. Jetzt hob sie den Kopf zu ihm. »Warum sprichst du nicht weiter? Erzähle doch!«

»Ja, es ist am besten, ich erzähle dir alles; es kann ja doch nicht anders sein.«

»Nein,« sagte sie aufstehend, »ich will alles wissen.« Und sie lehnte sich groß und weiß mit dem einen Arm auf den Kamin und wartete. Er fuhr fort.

»Wir speisten in einem kleinen Hause, das windgeschützt hinter den Felsen lag. Es waren Hütten und Häuser an den Berg geklebt, und die vor Geschossen gedeckt waren, wurden als Quartiere benützt. Mein Zimmer war zwei Tage vorher das Chelmsfords gewesen, der jetzt tot unter den zerschossenen Schanzen lag; auf der anderen Seite des Ganges lag Weymon im Bett und delirierte. Manchmal hörten wir ihn schreien; manchmal Posten rufen, oder ferne Kanonenschüsse von Bayonne herüber. Wir redeten nicht viel während der Mahlzeit; eine große Anspannung hatte in beiden nachgelassen, und wir fühlten uns matt. Er aß und trank und streckte sich nachher wohlig aus; dann wurde sein Ausdruck wieder gespannt; er stützte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände, und die großen Augen in dem weißen Gesicht sahen ins Dunkel hinaus.

›Wenn ich Sie so ansehe, Mr. Fitz-James,‹ sagte ich plötzlich, ›könnten Sie Aleel O'Donnell sein, der Bruder meiner Frau.‹

Er fuhr herum und starrte mich an. ›Ich bin nicht Aleel O'Donnell,‹ antwortete er, ›aber ich kannte ihn. Aleel O'Donnell ist tot. So ist Cathleen Ihre Frau?‹

›Cathleen ist tot‹, sagte ich, ›meine Frau ist Eileen O'Donnell.‹

›Eileen! ... Sie war noch sehr klein ...‹

Er sah mich lange an und stellte allerlei Fragen, auch, ob wir ein Kind hätten ...«

»Was für ein Fitz-James kann das sein?« hörte Norman Beade seine Frau fragen. »Ich erinnere mich nicht. Wie war sein Vorname?«

»Luke, Luke Fitz-James, glaube ich.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich erinnere mich nicht,« wiederholte sie, »bitte, fahre fort!«

»Am andern Morgen brachen wir auf. Ich hatte eine Versuchung gefühlt, ihm eine Möglichkeit zur Flucht zu lassen, aber es gab keine. Die ganze Ebene vor uns und das Gebirge hinter uns war von unseren Truppen besetzt und durchzogen. Überall sah man Rauch und Zelte und dunkle durch das Land sich bewegende Linien. Wir ritten durch den hellen Wintertag. Wir sprachen kaum ein Wort unterwegs, und ich hatte Zeit zu denken. Im Grunde war ich sicher, daß man mich nicht desavouieren würde; es sind nicht mehr die Zeiten Wolfe Tones und Lakes. Dennoch war eine Unruhe in mir.

Wir kamen ins Hauptquartier. Ich mußte dem Feldmarschall berichten; er sagte mir ein paar freundliche Worte über meine Zukunft; das war sehr viel, und ich wurde von allen Seiten beglückwünscht.

Zwei Stunden später wurde ich zu Generalmajor Clyde gerufen. Er saß am Tisch und hatte die Akte der Übergabe vor sich. Fraser, sein Adjutant, saß an der andern Seite des Tisches und schrieb.

›Hier steht Fitz-James‹, sagte der General. ›Ist das nicht ein Irländer?‹

›Vielleicht ist er von irischer Herkunft‹, antwortete ich, als wäre es eine belanglose Sache.

›Das ist die Frage.‹ Er sah scharf auf die Unterschrift.

›Ich hatte nur mit dem Kommandanten der Festung zu tun, mit dem ich abschloß,‹ bemerkte ich, ›mit einem Obersten der französischen Armee.‹

›Ja, ja, das gilt für Sie, aber wir müssen das weiter untersuchen.‹

›Muß es untersucht werden ...?‹ fragte ich.

Fraser hielt im Schreiben inne, lehnte sich im Stuhl zurück und sah mich an. Der General feuchtete seinen Daumen an und blätterte in den Papieren; Oberst Grant und Major Wolverton waren eingetreten. ›Lassen Sie den Mann kommen, Fraser!‹ sagte der General. ›Sie konnten sich damit nicht aufhalten.‹ Dies war zu mir gesprochen.

›Aber ich gab mein Ehrenwort ...‹

Er winkte mir nur mit der Hand, daß ich schweigen sollte.

Der Adjutant war indessen zur Türe gegangen und hatte den Befehl weitergegeben. Niemand sprach. Fitz-James trat ein, die Bärenmütze unterm Arm und grüßte. Man dankte gemessen. Clyde fragte ihn, wo und wann er geboren sei?

Er schwieg einen Augenblick, dann lächelte er und sagte: ›Ich weiß nicht, ob ich verpflichtet bin, Ihnen dieses militärische Geheimnis mitzuteilen. Ich bin naturalisierter Franzose und französischer Offizier.‹

›Das wissen wir‹, sagte der General und wiederholte seine Frage.

›Ich vermute, daß es für Ihre Absichten genügt, wenn ich die Antwort weigere. Ich werde mich nicht wundern, wenn ein englisches Ehrenwort nicht gehalten wird.‹

General Clydes massiges Gesicht unter den krausen weißen Haaren wurde dunkelrot. Ich biß mir die Lippen. ›In der Tat, Sir William, wenn Sie gestatten: es handelt sich hier um mein Ehrenwort ...‹

›Sie sind noch nicht gefragt, Hauptmann Beade; Ihre Reihe wird kommen‹, sagte Clyde heftig. ›Gefangener, ich ersuche Sie, sich zu mäßigen.‹

Fitz-James zuckte die Achseln. Wie er dastand und die Männer ansah, die Lippen zwischen die Zähne gepreßt, daß man das Rote nicht sah, mit einem bösen, aufreizenden Lächeln in dem schönen, sehr weißen Gesicht, erinnerte er mich wieder an dich, Eileen. Und noch mehr, als er sich mit der Hand über die Haare strich und ins Fenster starrte, als sähe er etwas ganz fernes, in das seine Seele tauchte.

›Haben Sie je in der britischen Armee gedient?‹ fragte Sir William Clyde.

Er fuhr herum, als erinnerte er sich, wo er sei. ›Ich habe immer nur gegen England gekämpft‹, sagte er mit Betonung.

Der General hatte wieder in den Akten geblättert und diktierte Fraser ein paar Sätze, die dieser niederschrieb. Dann blickten alle auf Fitz-James. Der, als fühlte er diese Blicke, wendete langsam den Kopf, bis seine Augen meine trafen. ›Ich habe es Ihnen vorausgesagt‹, rief er mir zu, und wieder zum Tisch gewendet: ›Wozu die Sache hinausziehen? Da Sie durchaus hören wollen, was Sie ohnedies wissen, und es so oder so gleichgültig ist. Ich bin in den Bergen von Connemara geboren, an den Ufern des Corrib. Es ist ein grünes und schönes Land, wert, daß man dafür sterbe. Und einer mehr von uns oder weniger ... Genug, meine Herren. Ich wünsche in mein Quartier zurückgebracht zu werden.‹

Er verbeugte sich kurz und ging zu einer Bank im Hintergrund des Zimmers, setzte sich, kreuzte die Arme und sah weit weg.

›Es genügt vorläufig‹, sagte auch der General. ›Fraser, bringen Sie den Gefangenen in sein Quartier.‹

Als er das Zimmer verlassen hatte, herrschte einen Augenblick Schweigen. Dann wurde der Fall erörtert. Alle fanden ihn klar: Rebellion und Hochverrat. Ich war hier, bis auf Fraser, der jüngste im Rang unter lauter Vorgesetzten. Und als ich Aubury mit seinem hämischen verbissenen Gesicht eintreten sah, – er hatte nicht gleich kommen können, – wußte ich, daß es aussichtslos war. Er war es, der die Sache entdeckt und aufgegriffen hatte. Er war seinerzeit als Kriegsrichter mit Lake in Irland gewesen. Und auch bei Clyde war nichts zu machen. Er war wütend über die Art, wie Fitz-James mit ihm gesprochen hatte.

Ich ging zu Lord Wellington. Im Vorzimmer saß Colville und versiegelte Depeschen. Der Feldmarschall war allein. Er schien unzufrieden. ›Was wollen Sie, Beade? Ich habe sehr wenig Zeit‹, sagte er, als ich eintrat.

Ich beklagte mich, daß man meine Kapitulation brechen wolle.

›Der Fall liegt anders, als Sie angenommen haben.‹

›Ich bitte Eure Lordschaft um Vergebung: ich wußte genau, was ich tat.‹

›Dann hätten Sie nicht abschließen dürfen.‹

›Dann hätten wir noch drei Tage dort kämpfen können, und Sie wollten den Platz, Mylord, und die Straße. Mir war nur Eines verboten: freien Abzug zu bewilligen. Sonst nichts!‹

›Dann ist auf Ihrer Seite alles in Ordnung. Das Kriegsgericht wird die Sache von einer andern Seite zu betrachten haben.‹

Er wollte mich entlassen. ›Ich bitte Euer Lordschaft um Verzeihung‹, sagte ich nochmals dringend. ›Ich habe mich dem Manne persönlich für seine Sicherheit verbürgt und ihm mein Ehrenwort gegeben; ich bin entehrt, wenn es nicht gehalten wird.‹

Sein Gesicht wurde finsterer, aber er schwieg. ›Mir bleibt dann nichts übrig,‹ fuhr ich fort, ›als ...‹

Er sah mich drohend an: ›Ich will keinen Unsinn hören‹, unterbrach er mich heftig.

Ich schwieg.

Er stand in seinem grauen Rock am Fenster und spielte mit seiner Reitgerte. Draußen dämmerte es bereits wieder, und in der Ferne am Wasser stiegen Raketen auf.

›Es ist eine juristische Frage,‹ sagte er zuletzt, ›und nicht für mich zu lösen. Sie können an Longs Stelle mit den Depeschen nach London fahren. Die Queen Elizabeth geht morgen von St. Jean ab. Sprechen Sie mit dem Generalkriegsrichter und sagen Sie ihm, ich lasse ihn um seine Ansicht über den Fall bitten. Sie haben einen Tag in London, Ihre Sache zu vertreten, und kommen wieder zurück. Guten Abend.‹

Ich dankte und ging.

Und so bin ich hier, Eileen.«

»Und nun?« rief seine Frau, »Du warst bereits im Kriegsamt?«

»Ja, ich habe Sir Thomas Ryley gesprochen.«

»Und nun?«

»Warte ich.«

»Kann das lange dauern?«

»Ich glaube nicht. Wenn Lord Wellington um eine rasche Antwort bittet, wird sie ihm gegeben. Ich bin für halb neun Uhr Abend bestellt.«

»Aber mein Gott! welche Antwort?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was glaubst du?« Sie fragte kurz, in schmerzlichem Ton. Er zuckte die Achseln. »Welchen Eindruck machte dir Ryley?«

»Er war sehr ernst. Er wollte noch mit dem Lordkanzler sprechen. Als ich vom Hauptquartier abreiste, kam Sir Robert Gardiner auf mich zu, sah mich mit seinen großen strahlenden Augen unter dem grauen Haar an und sagte, er wünsche mir Glück zu meinem Vorhaben. Leider stand Aubury dabei und mit seinem unangenehmen Lachen, indem er mir zwei Finger reichte, sagte er, er wünsche mir ebenfalls Glück.«

»Hast du ... ihn ... nochmals gesehen?«

»Ja. Er war unverändert. Er saß in seinem Zimmer und rauchte, und schrieb oder zeichnete, ich weiß nicht was. Ich sollte dich von einem Freunde grüßen, sagte er.«

»Wer kann er nur sein?« rief sie wiederum. »Ich kenne keinen Fitz-James in Connemara ... Norman ...« sie sprach leiser und jedes Wort für sich, »wenn es doch mein Bruder Aleel wäre ...?!«

Norman schwieg.

»Norman! ... du glaubst es auch, Norman ...! Es ist Aleel!« Sie eilte an den Tisch und griff nach einer der Miniaturen. »Du hast vorhin danach gesehen. Sieht er so aus? ... Ist er das?«

»Er ... könnte es wenigstens sein.«

»Norman, du glaubst es auch!«

Sie warf sich über den niedrigen Stuhl und die Kissen am Feuer, er sah, wie ihr ganzer Körper zitterte. »Er lebt!« schluchzte sie »Noch! jetzt ... noch!« Er strich über ihr Haar. Sie richtete sich auf. »Du nimmst mich mit dir, Norman, wenn Ryleys Meinung gegen ihn ist?«

»Eileen! das ist ja unmöglich.«

»Es muß möglich sein, Norman. Ich muß ihn noch sehen. Du hast ihn gefangen genommen ...«

»Das dachte ich mir ...!« rief er bitter.

»Nein, schweige, ich weiß, du hast getan, was du konntest, was du mußtest. Aber ich muß tun, was ich kann und muß. Er ist der Letzte meiner Familie, der noch lebt, und ich habe den Mann geheiratet, der ihn ans Messer liefert ...«

»Es ist ja noch nicht gewiß, Eileen. Vielleicht hast du den Mann geheiratet, der ihn rettet. Denke, wenn ein anderer die Festung genommen hätte!«

»Und wenn sie ihn nicht losgeben? wenn sie ihn vor ein Kriegsgericht stellen?«

Norman schwieg.

»Warum sind die Menschen so grausam und wahnsinnig?«

»Die Welt ist so«, sagte er.

»Und wir müssen darum zugrunde gehen!«

»Nicht, wenn du mich liebst.«

»O, Norman, das sagst du jetzt!«

»Irgendwo ist ein Dunkles in deiner Seele, das mir fremd ist, Eileen. Da bist du nur Irin und vergißt, daß du mein Weib bist!«

»Ich vergesse es!«

»Sieh in den Spiegel, du bist bleich und zitterst, deine Augen sind groß und starr, und du beißt die Lippen, wie du immer tust, wenn du sagst, daß du mich liebst, und innerlich weit von mir weg bist!«

»Das glaubst du nur ...«

»Nie wirst du vergessen ...! und den Bruder, wenn er es wäre, kennst du kaum! dennoch ist er dir mehr!«

»O du bist ganz Engländer, so hart! Dein Gesicht ist finster und böse, Norman, und sonst war es süß und weich, wie auf dem Bilde dort!«

»Weil ich all dies vorausgesehen, weil ich weiß, was dieser Tag für uns bedeutet!«

»Norman!« Sie ging auf ihn zu und sah in seine Augen, und sie standen voreinander, ohne näher zu kommen, und sein Gesicht blieb finster, und sie bleich und starr.

Er sah auf die Uhr.

»Mußt du schon gehen?«

»Noch nicht!«

»Und so willst du gehen! Und ich soll hier sitzen und warten ...! Hast du denn Hoffnung?«

»O, für ihn? für Fitz-James?! Doch! Der Feldmarschall hat lobende Worte über mich geschrieben; Craig sagte es mir; und daß er mich geschickt hat, beweist, daß er mir und ihm eine Chance geben wollte. – Und wenn das Schlimmste geschieht, wenn sie meine Kapitulation brechen, dann ... komme auch ich nicht wieder. Mehr kann ich dir nicht bieten.«

Sie sah ihn eigentümlich an. »Wann mußt du fort?« fragte sie.

»In einer Stunde.«

»So komm!« Und sie ging ihm voran hinauf, wo das Kind bereits wieder im Schlafe lag. Er folgte ihr verwundert und schweigend. Vor dem kleinen Bette blieb sie stehen. »Wenn sie erwachsen sein wird, wird auch sie entscheiden müssen«, sagte sie.

»Gott möge es ihr ersparen!« gab er zur Antwort. Wieder sah Eileen ihn an. Er ging zu dem Sopha, auf dem seine Uniform bereit lag.

Da fühlte er ihre Hand auf der seinen.

»Komm!« sagte sie, »küsse mich, du Mann, den ich liebe, und dessen Volk ich hasse! Du hast alles getan, was du konntest, und ich liebe dich sehr!«

Da zog er sie an sich.

Als eine Stunde später der Wagen vorfuhr und Norman Beade das Haus verließ, lag der Platz weiß im Mondlicht. Der Schnee lag tief und still, die Räder waren unhörbar und der Hufschlag der Pferde klang gedämpft. Der Diener trug den Koffer heraus. Norman sah auf die Uhr: »In spätestens anderthalb Stunden komme ich wieder vorbei und gebe dir Nachricht.«

»Und ich werde alles bereit haben, um mitfahren zu können.«

»Bete, Eileen, daß es nicht nötig sei!«

Und fortfahrend sah er sie, den Shawl um Kopf und Schultern, auf den Türstufen stehen, sah die dunklen Augen in dem weißen Gesicht ihm nach und in die Ferne sehen, und sah das andre Gesicht im Geist, das ihrem so ähnlich sah.

*


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