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Donquichoterie

Frau Eva Hazlitt blickte auf und sah den Sprecher an.

Er saß vorgebeugt auf einem kleinen Stuhl ohne Lehne am Fußende ihres Ruhebetts und spielte mit den Fingern zwischen den Knien. Er schwieg jetzt und sah sie erwartend an, dann blickte er zu Boden.

Sie schloß die Augen. Sie war schlank und groß; aber in dem matten blonden Haar, dem Glanz der Wangen, den seinen Händen lag eine nervöse Zartheit.

»Ist Ihnen kalt, gnädige Frau?« fragte er, und vorsichtig breitete er den Plaid, der sie halb bedeckte, besser über sie. Sie betrachtete ihn, während seine Hände das Tuch zurechtlegten.

Aus der offenen Türe zum Spielzimmer fiel ein Lichtstreif in den dämmernden, fast dunklen Raum. Sie konnte das Profil ihres Mannes sehen. Er saß gerade aufrecht wie immer und sah ernst in die Karten. Ihr Vater hatte ihr den Rücken zugekehrt, so daß sie nur das glänzend weiße, enganliegende Haar aus seinem runden Kopf sehen konnte. Der dritte Spieler ihr gegenüber richtete etwas an einer flackernden Kerze.

Wieder sprach der junge Mann leise und eindringlich zu ihr. Sie antwortete nicht, sondern schüttelte nur leicht den Kopf. Da stand er auf und trat ans Fenster, und sah in den Frühlingsabend hinaus, der über den Büschen lag.

Sie fühlte einen Blick auf sich gerichtet: es waren die Augen des dritten Mannes, der im Spielzimmer ihr gegenüber saß. Sie lächelte. »Hans!« rief sie leise.

»Gnädige Frau?« sagte der junge Mann.

»Setzen Sie sich wieder!«

Er gehorchte sogleich, und sie redeten leise fort, während es im Zimmer immer dunkler wurde, und sie nebenan nur das Ausspielen der Karten und hie und da eine kurze Bemerkung hörten. So oft eine Partie endete, flackerte ein lautes Wechselgespräch auf, das mit dem neuen Mischen und Verteilen der Karten wieder in sich zusammensank. Und jedesmal, so oft sie aufblickte, sah sie das unbewegliche Profil ihres Mannes, den weißen Kopf des alten Herrn und die hohe gelichtete Stirn, den wohlgeschnittenen dunklen Bart und die großen, ein wenig traurigen Augen des dritten Partners.

Nur einmal sah der General sich um. »Habt ihr kein Licht?« fragte er.

Seine Tochter erwiderte: »Das Licht tut mir weh!«

Das Spiel ging fort, bis, als die Karten wieder einmal zusammengeworfen wurden, der alte Herr aufstand, in den kleinen Salon trat und mit den Worten: »Du entschuldigst, aber ich möchte dich sehen«, das Licht aufdrehte.

Sie hielt die Hände über die Augen. Der junge Mann erhob sich und machte dem General Platz, der sich neben seine Tochter setzte.

»Du siehst wirklich müde aus, Eva«, sagte dieser, als sie endlich ihre Augen frei ließ. »Ich glaube, wir werden gehen, meine Herren!«

Die beiden jungen Leute brachen in der Tat auf. Der Hausherr bedauerte. Frau Hazlitt streckte ihnen von ihrem Lager die Hand hin, ohne sich aus ihrem Plaid zu wickeln. »Kommen Sie bald wieder!« sagte sie.

Schweigend gingen sie die Straße hinab bis zur Haltestelle. Während sie dort auf einen Wagen warteten, sagte der ältere, der am Spiel teilgenommen, wie mit plötzlicher Sorge: »Bist du nicht unvorsichtig, Hans?«

»Unvorsichtig?« erwiderte der andere, »worin wäre ich unvorsichtig, Christl?«

»Ja, dann irre ich mich eben.«

»Ja, Don Quichote, es sind Windmühlen.«

Zwei Tage darauf ging Christoph im hellen Sonnenschein auf der Ringstraße und sah sich die um diese Stunde nicht zahlreichen Spaziergänger an. Da fiel ihm ein kleiner alter Herr auf, der ein paar Schritte vor ihm ging, – das glatte silberweiße Haar ließ ihn nicht zweifeln; er wollte rascher schreitend den General begrüßen; da blieb dieser plötzlich stehen. Unwillkürlich tat Christoph das gleiche. Der alte Herr blickte gespannt über die Straße; Christoph setzte sein Glas auf: vor einem Bilderladen auf der andern Seite standen Eva Hazlitt und Hans, die sich eben getroffen hatten, im Gespräch; sie spielte mit ihrem Schirm und sah zu Boden. Dann gingen beide in gleicher Richtung weiter; sogleich setzte auch der General seinen Weg fort; einige Schritte hinter ihm folgte der lange junge Mann, und beide behielten das Paar drüben scharf im Auge.

Frau Hazlitt und Hans waren beim Stadtparkgitter angekommen und blieben stehen. Das gleiche taten die beiden andern. Dann gingen jene, immer verfolgt, bis zum Schwarzenbergplatz zurück und bogen nach der Brücke ein. Gespannt sah Christoph nach dem General. Sowie dieser sich anschickte, die Straße zu überschreiten und den andern nachzugehen, trat er auf ihn zu, begrüßte ihn und schloß sich ihm an. »Ich suche Hans,« sagte er nach den ersten Worten, »wir wollten uns hier treffen.«

Die scharfen blauen Augen des alten Mannes blitzten mit durchbohrendem Verdacht in die seinen, aber Christoph ging harmlos plaudernd neben ihm. So schritten sie wieder zur Oper zurück. Jeder verbarg seine Aufregung.

Am Nachmittag suchte Christoph den Freund in seinem Atelier auf, und kam, da er ihn nicht antraf, des Abends wieder. Aber Hans war nicht da und niemand öffnete. So ging er in die Wohnung der Eltern; nur die Mutter war zu Hause. Die alte Dame fragte sofort erfreut: »Kommt Hans auch?«

»Ich dachte, ihn hier zu finden.«

»Er war schon drei Abende nicht da, er kommt selten.«

Christoph erwiderte nicht viel. »Essen Sie mit uns?« fragte die Dame.

Auf dem großen Speisetisch waren drei Gedecke bereitet. Einst hatten viele, froh und laut, darum gesessen.

»Hans macht mir zuviel Sorg«, Christl!« sagte die Mutter.

Er suchte sie zu beruhigen.

»Ich verstehe,« sagte sie, »daß er nicht mehr jeden Abend an Mutters Rock sitzt: wir sind alte Leute; obschon ich etwas mehr Rücksicht von ihm erwarten könnte, als dies einfache Wegbleiben!«

Ihr Gatte war bei diesen Worten eingetreten, ein bejahrter und gebeugter, aber immer noch schöner alter Mann, wie auch seine Frau unter grauen Haaren klare schöne Züge trug.

Er nickte Christoph zu und erklärte mit väterlichem Unwillen: »Er sagt sich an und kommt nicht, und nimmt sich nicht einmal die Mühe, sich zu entschuldigen!«

»Er muß doch wissen, wie uns das kränkt«, fügte die Mutter hinzu; »aber das ist nicht das Schlimmste: viel schlimmer ist, daß wir sehen müssen, wie er sich verludert!«

»Oh!« sagte Christoph, da er den Ausdruck stark fand.

»Er treibt sich herum und arbeitet nicht mehr. Seit dem Herbst hat er nicht ein einziges Bild fertig gemalt!«

»Hans ist so begabt«, wendete Christoph ein.

»Das weiß ich, Christl, besser, als irgend wer! Hans ist ein Genie.«

»Aber auch ein Genie muß arbeiten«, sagte der Vater.

»Es ist irgendein Weib, das ihn zugrunde richtet. – Christl, ich habe ja nur noch den einen!«

Christoph kannte die Schicksale, die das Haus verödet hatten. Als wäre sie mit seinen Gedanken, fuhr die Mutter fort: »Ich kenne meine Kinder und weiß, wie sie in der Liebe sind. Maßlos hingegeben. Ich sehe ja, daß Hans leidet. Christl, es gibt eine Liebe, die verzehrt und aushöhlt, und eine Liebe, die beruhigt und stark macht, die Schlaf und Gesundheit gibt!«

»Gibt es das?«

»Ja, ja, es gibt Frauen, die Schutzgeister, und andere, die Vampyre sind. Und Hans ist einem Vampyr in die Hände gefallen.«

»Nein, nein!«

»Wissen Sie es denn, Christl? – Sie wissen etwas! Dann müssen Sie es mir sagen, damit ich meinem Kinde helfen kann!«

»Er wird nichts sagen«, warf der Vater ein. »Aber Christl,« sagte auch er, »wir haben nur ihn. Wir haben unsere letzte Hoffnung in Hans gelegt ...«

»Es ist ein unsichtbarer Strang,« sagte die Mutter, »als ob er noch mit meinem Leibe eins wäre. Und wenn er stirbt, müssen wir verbluten.«

»Hans wird nicht sterben«, sagte Christoph.

Aber die erschütterte Frau weinte heftig und beruhigte sich nicht.

Als Christoph nach zehn Uhr das Haus verlassen, blieb er öfters auf der Straße stehen, und wenn er weiterging, schleifte er den dünnen Stock, den er trug, nachlässig hinter sich her, und ging mit gebeugtem Rücken, den Kopf gesenkt, in Nachdenken verloren, durch die Straßen der Vorstadt.

Er kam an einem der hellen Kaffeehäuser am Ring vorbei; an den Reihen runder gelber Tische, die aus dem breiten Pflaster standen, saßen viele Menschen rauchend und plaudernd in der Frühlingsluft. Drinnen war es leer. Nur an einem Tische saß allein, die verschränkten Arme aufgestützt, sein Freund.

Christoph trat rasch ein. Vor Hans lag ein Papier, das seine bösen Phantasien verriet. Christoph sah auch sein verzerrtes Bild darauf. »Das ist ganz gut,« sagte er, »wenn ich auch vielleicht nicht ganz so jämmerlich aussehe.«

»Das glaubt jeder«, höhnte der Maler.

»Solche Säcke unter den Augen habe ich wenigstens noch nicht.«

»Du könntest sie jedenfalls haben. Deine Seele hat sie!«

»Möglich. Ralph Hazlitt ist auch nicht schlecht – für das Auge des Hasses!«

»Zahlen!« rief Hans.

»Ich komme von deinen Eltern«, sagte Christoph.

»Ich weiß alles, was sie mir sagen lassen. Du brauchst nichts auszurichten. Ich weiß, was für ein herrlicher Sohn ich bin, und was ich meinen wundervollen Eltern alles antue. Aber ich habe sie ja nicht gebeten, meine Eltern zu werden. Sie haben sich zum eigenen Spaß um mich bemüht.«

»Hans!«

Die hübschen Lippen blieben herbe geschlossen, und die Augen sahen nach der Decke.

»Hans!« sagte Christoph, »ich schleppe nur mein langes Gerippe durchs Leben und bin zu nichts gut, als an den Akten zu sitzen, und auch da nichts Besonderes zu leisten. Aber du bist ein Genie ...!«

Mit einer Silbermünze klopfte Hans lärmend auf den Steintisch. Der Kellner kam eilig.

Sie gingen miteinander fort. Hans ging ungemein rasch und dann wieder lächerlich langsam. Er suchte immer unheimlichere Gassen auf. Aus Christophs Reden gab er gar keine oder nur kurze grobe Antworten.

»Kann man dich nicht loswerden, Klette?« rief er endlich.

»Ich bin nicht empfindlich, Hans! übrigens, ich habe heute Eva Hazlitt gesehen.«

»Wo?«

»Im Künstlerhaus. Sie hat sehr nach dir gefragt.«

»So? – Mir liegt gar nichts an ihr! Nicht so viel liegt mir an ihr!«

Er stieß die Türe zu dem elenden kleinen Café auf, vor dem sie standen. Christoph folgte ihm verwirrt. Hans winkte einer Dirne: »Komm Herzerl, setz dich zu uns!«

Das Mädchen kam gefällig lächelnd: sie sagte ihm, daß er hübsch sei und wie gut er ihr gefalle; und sie berührte sein braungelocktes Haar. Aber seine wilden Reden wurden ihr unheimlich. »Was hat denn der?« fragte sie Christoph.

Sie gingen bald wieder fort.

Sie standen im Park an dem stillen Teich, in dem sich die Weidenbäume spiegelten.

»Sie ist wie das Wasser,« sagte Hans plötzlich, »glitzernd und voll Lockung, wenn man sie sieht, eisig kalt, wenn man sie berührt, und zerrinnt, wenn man sie greifen will.«

»So greife sie doch nicht!«

Hans drehte sich um. »Jeder Preis ist phantastisch, Christl! Ich bin nichts wert, und meine Eltern geben mir ihr Herzblut; Eva Hazlitt ist vielleicht auch nichts wert, und ihr gehört meins. Aber du glaubst vielleicht, ich will was Dummes mit mir selber tun? Nein, nein, fürchte dich nicht! Ich geh' nach Haus! Gute Nacht, alter Christl!«

 

Es war eine Woche später; der Frühling war noch kräftiger und wärmer geworden; der Flieder blühte weiß und lilafarben an den Hecken.

Christoph Mendt war der erste Gast, der die Villa Hazlitt betrat. Er wußte, daß er zu früh kam.

In der Halle traf er Ralph Hazlitt vor dem offenen Gewehrschrank, der seine Flinten prüfte und einen Revolver lud. »Es sind Einbrüche in der Nachbarschaft vorgekommen«, sagte er. »Man soll vorsichtig sein; und nachher könnte ich vergessen.«

Eva Hazlitt saß auf einem niederen Stühlchen und sah zu.

In einem besonderen Schrank lag unter Glas, wie die andern Waffen, eine beschädigte Flinte: ein Schaft mit geknicktem Lauf. Christoph bemerkte sie zum erstenmal. »Was ist denn das?« fragte er.

»Ein verdorbener Lauf.«

»Erzähl' es doch!« sagte seine Frau.

Hazlitt zuckte die Achseln. Auf die gespannte Frage in seines Gastes Zügen sagte er endlich: »Ich hab' ihn einmal im Zorn verbogen, und ihn dann zur Warnung aufbewahrt, damit ich mich nie wieder so übermannen lasse.« Und die Wangen des steifen Menschen färbte ein leichtes Rot.

Christoph sah die brutal kräftige und doch so beherrschte Gestalt an. Er hatte noch die boshafte Karikatur vor Augen, die er vor wenigen Abenden gesehen hatte. Jetzt war ihm der Mann irgendwie sympathisch geworden. Aber das vermehrte seine Sorge. Sein Blick fiel auf Eva, die in ihrem Schal dasaß und an einem verknoteten Bändchen mit den Zähnen zog. Alles, das zarte blonde Haar, das über der Stirn nach beiden Seiten aufstand, jede Bewegung ihrer schlanken Hände, die Form und der Ausdruck ihres länglichen Gesichts, die blauen kindlichen Augen, die zu ihm empor sahen, alles an ihr war lockend. Er, der sie nicht liebte, fühlte die Versuchung, sie zu streicheln, sie in seine Arme zu nehmen. Dennoch sah er sie nicht mit guten Blicken an.

»Kommt Ihr Freund?« fragte sie.

»Ich denke, gnädige Frau ...«

Ralph schloß den Waffenschrank ab. Frau Hazlitt war aufgestanden und in die Fensternische getreten. »Warum nennt er Sie Don Quichote?« fragte sie. »Worin besteht Ihre Donquichoterie?«

Christoph wollte antworten, aber es hatte geklingelt, und Hans trat ein. Aus den feingeschnittenen Zügen, den großen leidenschaftlichen Augen, die fast wie Frauenaugen waren, leuchtete das heftige Leben. Eva Hazlitt hatte sich in der Fensternische umgewandt, aber als sie seinem Blick begegnete, zuckte sie ein wenig und kehrte sich wieder dem Fenster zu. Dann erst schritt sie ihm langsam entgegen und reichte ihm die Hand, die er küßte.

Eben trat der General ein, und sein Blick fiel auf die beiden, auf den Handkuß, der Christoph gerade um diese Sekunde zu lange zu dauern schien. Hans begrüßte auch ihn; ein kurzes hervorgestoßenes »Guten Tag!« war die Antwort. Hans achtete nicht darauf.

Mr. Hazlitt hatte den Waffenschrank nochmals aufgesperrt, er wollte seinem Schwiegervater ein neuerworbenes Jagdgewehr zeigen. Christoph sah zu, wie sie die Waffen herausnahmen und darüber redeten, und redete selbst mit.

Es waren noch einige Gäste, Herren und Frauen gekommen. Der Glasschrank wurde abermals verschlossen, und man ging ins Teezimmer. Auf dem gedeckten Tisch standen Blumen; Tee und Süßigkeiten wurden gereicht. Ein leises, nicht sehr lebhaftes Gespräch begann.

Der dichte Garten und die Bäume vor den Fenstern machten die Zimmer dämmrig; zuletzt wurde es dunkel; die Lampen wurden angezündet, die Spieltische zurechtgerückt. Es zeigte sich, daß zu viel Spieler für eine Partie da waren und zu wenige für zwei; daher wechselten sie in bestimmter Folge ab.

Christoph saß neben einer Dame mit gepudertem Haar, die ihm beim Sprechen mit dem Fächer auf den Arm schlug, und hörte ihr geduldig zu. Eva und Hans hatten eine Mappe mit Zeichnungen angesehen. Jetzt waren sie nicht mehr da.

Die Dame mit dem Fächer hatte sich an den Spieltisch gesetzt. Christoph schritt nervös durch die Zimmer. In einem kleinen Salon, in dessen Mitte ein Mahagonitischchen mit geschweiften goldgezierten Füßen stand, sah er Eva. Sie ging mit fliehenden Schritten um das Tischchen und Hans folgte ihr. Der weiche Teppich machte ihre Schritte unhörbar. Jetzt blieben sie einander gegenüber, jeder an einem Ende des Tischchens, stehen, und in der Mitte darüber trafen sich ihre Lippen in einem leidenschaftlichen Kuß.

Ihm war, als sähe er etwas Selbstverständliches, das er so und nicht anders erwartet, und doch brauste es in seinen Ohren. Er stand im Dunkeln, und sie konnten ihn nicht sehen. Er machte keine Bewegung: da hörte er einen schweren Schritt hinter sich. Er wendete sich um, überzeugt, Ralph Hazlitt stünde hinter ihm; aber er sah niemanden. Die Schritte, wenn es dieselben waren, verloren sich im nächsten Zimmer. Auch in dem Boudoir war niemand mehr.

Im Spielzimmer schalt die Dame mit dem gepuderten Haar und dem Fächer, gezwungen lachend, über die Karten. Der Hausherr saß ihr gegenüber und wartete höflich, mit unbewegten Zügen, daß sie ausspielen sollte. Die beiden andern Partner, ein Herr und eine Dame, ordneten ihre Karten und rechneten schweigend. Keiner achtete Christophs, der eingetreten war und seine Zigarette an einem Aschenbecher auf einem Tisch beim Fenster abstreifte. Er sah den General in der andern Tür erscheinen und sich sogleich wieder zurückziehen, und ging ihm unauffällig nach.

In der Halle war niemand. Das Mondlicht fiel durch die Fenster und blitzte auf den Waffen im Glasschrank.

Ein paar Augenblicke ging Christoph rauchend auf und ab und dachte gespannt nach. Die äußere Tür öffnete sich und ward wieder geschlossen: Eva Hazlitt trat ein und ging an ihm vorüber. Sie schien ihn gar nicht zu sehen; ein gieriger und verzückter Ausdruck war in ihrem Gesicht. Christoph ging den Weg, den sie gekommen war.

Er fand Hans im Garten: dort faß er auf einer Bank im Mondlicht, die eine Hand hielt wie liebkosend einen Fliederzweig fest, ohne ihn vom Busch zu brechen.

»Du mußt gleich fort, Hans. Jemand hat euch gesehen. Es ist gerade noch Zeit.«

»Was?!«

»Geh nur fort. Ich entschuldige dich und komme dann zu dir.«

»Ich bleibe da!«

»Willst du Eva zugrunde richten?«

Hans beugte das Haupt. Christoph brachte ihm Hut und Stock aus der Halle; er wartete, bis die Gartentüre sich hinter ihm geschlossen hatte, und kehrte ins Haus zurück. Er ging rasch durch das stille Zimmer, in dem die Spieler am grünen Tisch schweigend fortspielten und die Kerzen leise flackerten.

In dem kleinen Salon sah er in der gleichen Haltung wie zuvor Eva an dem kleinen Mahagonitisch stehen, die Hände auf die Tischdecke gelegt, den Kopf vorgebeugt ...

Er trat auf sie zu, und sie fuhr aus ihrem Traum auf. »Hans läßt sich entschuldigen, gnädige Frau. Er hat fort müssen ...«

Sie begriff nicht gleich: »So? fort? warum?« fragte sie lächelnd, dann schob sie die Lippen unzufrieden schmollend vor ... plötzlich veränderte sich ihr Ausdruck: sie ward blaß und entsetzt.

Von da ab war es Christoph, als überraschte ihn nichts mehr, was geschah, als käme alles notwendig, wie er es schon einmal erlebt und gesehen hatte: das Eintreten des alten Mannes, den gereizten Blick, den er auf ihn, den unbestimmten von Angst, Liebe und Zorn, den er auf seine Tochter warf. Er verstand, was nicht gesprochen ward, was in diesen Seelen vorging, und wußte genau vorher, was kommen mußte.

Eva aber floh vor diesen Blicken, in denen sie sich entdeckt und preisgegeben sah. Als der General ihr folgen wollte, hielt Christoph ihn zurück: »Pardon, bitte, ein Wort,« sagte er, »Hans Scheffer ist fort und wird nicht wieder hierherkommen.«

»Allerdings nicht, Herr!« antwortete der General mit zornigem Lachen.

»Ich werde selbst dafür sorgen, Herr General!«

»Danke! bemühen Sie sich nicht! – Eva!«

»Papa?« Sie kam sogleich zurück.

»Wo wohnt dieser Herr Scheffer?«

»Wo ist nur sein Atelier? ...« fragte sie Christoph. Der schwieg. »Was willst du denn von ihm, Papa?«

Der General antwortete nicht. Neben der Halle war eine Schreibstube, in der an Tagen, in denen Herr Hazlitt nicht im Bureau arbeitete, eine Sekretärin saß. Dort lag ein Adreßbuch.

Christoph folgte ihm dahin und schloß die Türe. »Herr General;« sagte er, zu ihm tretend, mit seiner leisen Stimme, die auch jetzt kaum erregt klang, »bitte, schreiben Sie nicht. Es ist noch nichts geschehen, und das Kriegsspiel hat gar keinen Zweck ...«

»Herr!« sagte der General, »wollen Sie es gefälligst mir überlassen, was ... was ... ich zu tun für gut finde!«

Es klopfte an der Türe. Eva öffnete und sah herein, zog sich aber sofort wieder zurück. Ihr Vater hatte ihr erschrockenes Gesicht gesehen, und in dem seinen arbeitete es. Christoph begriff den in bestimmten Anschauungen erstarrten Mann so gut, dem die Frauennatur seiner Tochter jetzt das bitterste Rätsel aufgab.

»Herr General ...!« begann er, aber der alte Mann blätterte im Adreßbuch und schrieb, als er die Seite gefunden, Namen und Wohnung auf ein Kuvert. Dann nahm er ein Briefpapier. Er überlegte. Christoph überlegte gleichfalls. Er dachte laut, als er sagte: »Seine Eltern haben nur ihn!«

Der General sah ihn entrüstet an: »Ich habe auch nur das eine Kind, das ich schützen muß.«

»Und Sie glauben als naiver Vater: die Arme wird verführt?!«

»Was erlauben Sie sich ...?!«

»Sie haben von Ihrem Mäderl natürlich keine Ahnung! Hans, für den ist Ihre Tochter eine Göttin, und er liegt vor ihr auf den Knien – ich nicht! Ich habe alles mit angesehen: es ist immer Eva, die den Mann verführt, lieber Herr! ... Oh, bitte, ich stehe zur Verfügung ... Morgen! Heute wollen wir beide – um Ihrer Frau Tochter willen – das Aufsehen vermeiden. Ich werde Ihnen selbst einen Vorwand geben, Herr General, verlassen Sie sich auf mich!« Es klopfte wieder. »Herein!« rief Christoph laut.

Das Mädchen trat ein: »Der Herr General und der Herr Doktor werden im Spielzimmer verlangt.«

»Wir kommen schon«, sagte Christoph. »Bitte!« er ließ dem alten Herrn, der sich nur mühsam beherrschte, den Vortritt.

»Es ist dein Turn, Papa!« sagte Ralph Hazlitt. Die Partie war eben zu Ende und der Herr, der mitgespielt hatte, schied aus. Aber auch die Dame erklärte, nicht weiter teilnehmen zu wollen, und bot Christoph mit einem scherzhaften kleinen Schlag mit dem Fächer ihre Stelle an.

Der General hielt seine Karten mit zitternden Händen. Christoph Mendt ordnete die seinen. Dann senkte er das Blatt und sah mit seinen großen grauen Augen nachdenklich die Bilder an der Wand an oder horchte auf die Stimmen im Nebenzimmer, in dem Eva Hazlitt mit ihren Gästen sprach.

Der General spielte aus. Eine Anzahl von Stichen wurde in Schweigen erledigt. Auf einmal legte Christoph Mendt seine Karten nieder: »Ich spiele nicht«, sagte er. Alle sahen ihn an. »Man spielt hier mit bezeichneten Karten«, fuhr er fort.

»Wie? Was?«

»Der General kennt meine Karten.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Christoph zuckte die Achseln. »Sie kennen meine Karten«, wiederholte er ruhig, und wies die mit dem Fingernagel gemachten Zeichen. »Ich habe sie nicht gemacht«, und er sah dem General fest in die Augen.

»Sie lügen!«

» Sie lügen!« gab er gelassen zurück, schob die Karten von sich und stand auf.

Alle erhoben sich. Eva und die beiden Besucher waren bei dem Wortwechsel eingetreten und sahen fassungslos zu.

»Wer immer die Zeichen gemacht hat, der General steht über dem Verdacht. Herr Wendt, Sie werden mein Haus augenblicklich verlassen«, sagte Ralph Hazlitt kalt.

»Selbstverständlich«, erwiderte Christoph. Er verbeugte sich vor den Damen und ging. Im Vorzimmer blieb er einen Augenblick vor dem Glasschrank stehen und betrachtete die Waffen darin mit einem befriedigten Lächeln.

Im Zimmer untersuchten alle die Karten und tauschten erregt ihre Meinungen über den Vorfall aus.

Christoph fuhr indessen zu seinem Freunde und sagte ihm nur, was nötig war, um ihn für die nächsten Tage vom Hazlittschen Hause fernzuhalten. Dafür versprach er ihm bestimmt eine Nachricht von Eva.

Dann ging er in seine eigene Wohnung und schrieb ein paar Briefe; auch einen an Frau Hazlitt und einen an Hans. Später ging er Zigaretten rauchend auf und ab. »Das Leben lohnt ganz gewiß nicht«, sagte er zu sich selbst. »Das andere lohnt vielleicht.«

Am Vormittag ging er noch auf das Amt, erledigte, was er zu tun hatte und entschuldigte sich bei seinem Chef für den nächsten Tag. Der Nachmittag verging mit den Förmlichkeiten und Abmachungen. Er hatte noch eine Nacht. Er schlief nicht viel, aber ruhig, und begann den Morgen, Zigaretten rauchend, wie immer, und saß, rauchend, die lange, nicht unelegante Gestalt zurückgelehnt, mit seinen Freunden im Zug. Gelegentlich machten sie eine Bemerkung über die Gegend oder plauderten von gleichgültigen Dingen.

Er war ganz ruhig und rauchte seine Zigarette, fast bis zum letzten Augenblick, – bis er fiel. Er hatte den Schuß des Gegners erwartet.

»Ich habe die höchste Achtung für Sie!« sagte der General, der zu dem Gefallenen eilte.

»Und Einer wird Ihrer Frau Tochter genügen«, sagte Christoph mit einem letzten Lächeln.

Der General senkte den Kopf und ging mit seinen Sekundanten, gleichfalls älteren Leuten, traurig vom Platz.

Hans ging nach Paris, um dort zu arbeiten. Er sah Frau Hazlitt nicht wieder.

*


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