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Quiproquo

Der regierende Herr lächelte; er beugte den Kopf herablassend ein wenig vor und sein volles Gesicht unter den weißgepuderten Haaren sah jünger aus.

»Unsere kleine Thedehoff hat eine Eroberung gemacht!«

»Ja, die Thedehoff hat eine Eroberung gemacht«, sagte die Prinzessin langsam.

»Es ist zwar nur Roture,« fuhr der Herzog fort, »aber der Zauber der Musik ... nehmen Sie sich in acht, liebe Thedehoff!«

»Der Musikus Lauthe ist ein hübscher Mann«, sagte die Hofdame; ihre Stimme schlug über.

Die Prinzessin lachte: »Ja, ja, Amelie!« sagte sie.

Fräulein von Thedehoff sprach kein Wort. Nur ein leichtes Rot war auf ihren Wangen, und ein unbestimmbares Gefühl spannte ihre Mundwinkel. Der Herzog hatte die eine Hand in die Brust seines grünen Fracks gesteckt und war ans Fenster getreten: »Heute abend eine Tokkata von Meister Lauthe,« sagte er, »wer aber wird die Tokkata sein?«

Er lachte fröhlich über seinen Witz, winkte den Damen, die aufstanden und tief einknixten, freundlich mit der Hand und verließ das Zimmer.

Ein Schweigen, so daß man eine Fliege über dem Blumentischchen summen hören konnte. Die Hofdame schien in ihrem geblümten Lehnstuhl eingeschlafen; die Sonne beleuchtete grell die eine Seite ihres welken Gesichts, so daß man eine Pustel sah, von der das Pflästerchen herabgeglitten war.

»Ich gratuliere, Amelie«, sagte die Prinzessin, und ihre Mundwinkel zuckten ironisch.

»Woraus schließen Hoheit, daß der ... Herr Musikus Lauthe gerade an meiner Person solchen Gefallen findet?«

»Ein Blinder müßte das sehen. Er wird rot, er kommt aus der Kontenance, wenn Sie eintreten, Amelie.«

»Ich weiß nicht, ob ich es bin, die ihn aus der Kontenance bringt.«

Die Prinzessin wechselte die Haltung, ihr Korsage knackte, die Hofdame wachte auf.

»Liebe Thieben,« sagte die Prinzessin, »wieviel Uhr ist es?«

»Mon dieu!« sagte die Hofdame und suchte nach ihrer Taschenuhr.

Fräulein von Thedehoff hatte das Kinn auf die Hand gestützt, der Ellenbogen ruhte auf der Stuhllehne, und sie sah verstimmt vor sich hin. Sie fuhr auf und nahm eine höflichere Haltung ein, als die Prinzessin sich wieder zu ihr wendete.

»Was meinten Sie soeben, Thedehoff?« fragte sie herb.

»Ich ... nichts, Hoheit ...!«

»Sie machen Eroberungen, Thedehoff,« sagte die Prinzessin bestimmt, »und Sie sollten es nicht leugnen. Es ist ja auch nichts daran. Cela ne tire pas à conséquence; on rit de telles choses! Erlauben Sie also gütigst, daß auch wir darüber scherzen!«

Fräulein von Thedehoff neigte den Kopf. Die Prinzessin war aufgestanden, die Hofdame öffnete ihr die Türe; ihre Schleppe glitt noch wie etwas Lebendiges über die Parketten, als sie selbst bereits im andern Zimmer war. Fräulein von Thedehoff stand knixend, wie in ihren Reifröcken versunken.

Als die Türe sich geschlossen hatte, richtete sie sich auf und seufzte; aber sogleich sah sie sich erschrocken um und trat vor den Spiegel, und da sie in ihren Augen Tränen gewahrte, befeuchtete sie ihr Tüchlein mit Eau de Cologne und wusch sich Augen und Schläfen.

 

Im kleinen Musikzimmer brannten die Kerzen in den Kandelabern; die Decke des Flügels stand offen, ein Bedienter legte die Noten auf einem Tischchen zurecht und verschwand.

Der Musikus ging im Zimmer auf und ab. Robert Sigismund Lauthe war wirklich ein hübscher Mann. Er war schlank und gerade; der graue Frack, die weißen Strümpfe, die nicht kleinen, aber wohlgeformten Schuhe, alles kleidete ihn; auch seine Hände waren groß und lebendig; sie griffen nicht ohne Nervosität nach dem Jabot und den Spitzenmanschetten, und um seine Lippen spielte ein erregtes Lächeln.

Jetzt öffneten sich die Türen, mit einem gnädigen »Bonsoir, Monsieur!« trat die Prinzessin ein, Frau von Thieben folgte. Lauche verbeugte sich tief. Ein prüfender Blick der Prinzessin glitt über seine Person, und ihr Mund schien etwas zu sagen, obgleich sie nichts sprach. Lauche blätterte in den Noten, bis die Prinzessin mit einem »Excusez mon cher, – er findet sich heute nicht zurecht!« ihm das Heft aus der Hand nahm.

Ein paar Takte. »Nein, troppo presto, Hoheit!« sagte der Lehrer, »Recommençons!«

Einige Minuten lang spielte die Prinzessin, der Lehrer korrigierte höflich und leise. Frau von Thieben schlief bereits. Ein monotones schlechtes Spiel. Auf einmal Stille. Die Prinzessin hatte das Spiel eingestellt. Die Hofdame wachte auf.

Die Prinzessin lächelte und spielte weiter. Frau von Thieben schlief bereits wieder; die Prinzessin wies mit einer Kopfbewegung auf die Schlafende.

Ein monotones schlechtes Spiel, aber ein beständiges Flüstern zwischen Lehrer und Schülerin. »Nein, nein, Sie machen das nicht gut!« Nicht der Lehrer sprach diese Worte. »Sie müssen anders sein gegen die kleine Thedehoff! – nicht so! Sie sind zu schüchtern und zu deutlich zugleich ... Wie? ... Aber nein!«

»Wie Hoheit befehlen!«

»Wie ich befehle? ... Was ist das? Befehle ich? oder ja, ich befehle, Lauthe, ich befehle ... wo ist er, Lauthe? Träumt er?«

Der kleine grauseidene Schuh stieß an seinen Fuß, nicht ohne Heftigkeit, und nun nochmals zärtlicher; und nun schmiegte er sich an seinen Schuh.

»Träumt er, Lauthe? Träumt er?«

So hoch oben brannten die Kerzen, so heiß war der Juniabend; so schwül kam es aus dem Garten gehaucht, wie ein Seufzer der Erde.

Wenn andere dieses schlechte Spiel hörten, was mußten sie denken? Eine hörte es nicht, denn sie schlief. Sie schlief immer, wenn sie nicht am Kartentisch saß, und sie träumte von L'Hombre. Hörbar sprach sie das Wort »Atout«. Wieder wies die Prinzessin auf sie, und Lauthe mußte lachen.

Die Hofdame schlief mit offenem Mund; ihre breite Unterlippe hing herab, sie atmete hörbar; auf ihrer Stirn standen Schweißtropfen, und die Schminke schmolz auf ihren Wangen; oben aber schmolz im leisen Zugwind das Wachs der Kerzen, und Tropfen auf Tropfen fiel auf den kunstreichen Haarbau, verklebte und erstarrte in dem gepuderten Haar; immer mehr, und einmal mußte das heiße Wachs unten ankommen und auf den welken Hals tropfen; dann würde sie mit einem Schrei erwachen.

Wie die Kinder warteten beide auf diesen Augenblick. Da bewegte sich die Türe, und Frau von Thieben wachte auf. Fräulein von Thedehoff trat ein; ihr Blick streifte das Paar am Klavier, dann sagte sie einige leise Worte der alten Dame ins Ohr: im Spielzimmer vermißte man eine Partnerin. Die Hofdame ging unter tausend Beteuerungen, und Fräulein von Thedehoff nahm ihren Platz ein.

Jetzt begann ein seltsames Trio; kein musikalisches, sondern ein seltsames Spiel flutender und kämpfender Nervenströme. Sie kreisten um das Klavier und von ihm zurück, und jeder wechselnde Ton der Musik sagte den Hörern andere Dinge. Was Fräulein von Thedehoff hörte! Sie schien absichtlich fortzusetzen, und dennoch, so oft die Prinzessin ihre grauen Augen hob, mußte sie in die braunen ihres Fräuleins schauen, und jedesmal trafen sich zwei Frauenblicke, die die Hofsitte mühsam bewahrten.

»Wohin blickt sie, cette petits personne?«

Eine Bewegung; es ist als ob eine Saite spränge. Robert Sigismund Lauthe greift an seine Stirn.

»Monsieur, was ist Ihnen?«

So gespannt quält sich jeder von den dreien, zu wissen, was die beiden andern wissen und denken. Und wissen doch alle zuviel. Jetzt wird wirklich gespielt, denn die Prinzessin spielt schön. Und jetzt begleitet Lauthe sie mit seinem sanften Bariton.

Eine Weile und Fräulein von Thedehoff fällt sotto voce ein. Aber in der Prinzessin wird ein Unbehagen, ihre Brust fliegt. Auf einmal springt sie auf.

»Mille fois pardon, Altesse,« sagt Lauthe, »es war mein Fehler.«

Die Prinzessin sieht ihn an, dann lächelt sie. Und da alle drei gequält schweigen und keinen Ausweg finden, sagt sie: »Ach, ich vergaß, Papa wollte mir noch etwas sagen ... Einen Augenblick, Monsieur ...« und sie verläßt das Zimmer.

Erst dauert das Schweigen fort, dann treten zwei Menschen aufeinander zu, die Blicke des einen sind strahlend, die der andern verzweifelt, verloren. Die weißen Wachstropfen fallen auf die Stuhllehne, zu der Lauthe getreten ist. Er führt eine Hand an seine Lippen und küßt sie heiß, dann die andere. Die beiden Arme schlingen sich um seinen Hals, ziehen ihn herab, und seine Lippen küssen ihren Mund, küssen, küssen immer wieder. Da fällt ein heißer Tropfen auf die weiße Brust in dem tiefen Ausschnitt, und mit einem Schrei fährt Amelie empor. Dann lacht sie über sein Erschrecken, reibt das Wachströpflein fort, auf ihrer Brust bleibt ein linsengroßer roter Fleck. Lauthe küßt die Stelle.

»Amelie,« sagt er, »teure! was soll werden?«

Sie aber steht vorgebeugt und lauscht. »Fort!« flüstert sie: »Fort!«

Lauthe ist am Klavier; die Prinzessin ist wieder eingetreten.

Er sitzt neben der Prinzessin, ganz Respekt, und hört zu. Dann verbessert er mit der Sicherheit des Meisters. »Nein, das muß ganz anders klingen, Hoheit! Recommençons!«

Er spielt vor; eine ganze Weile, dann läßt er die Tasten; er erwartet, daß die Prinzessin spiele, aber sie spielt nicht: ihre Blicke ruhen auf seinen Schultern, wo ein weißer Wachstropfen neben dem andern auf dem grauen Tuche sitzt. Ihre Blickt fliegen nach dem Stuhl, in dem Fräulein von Thedehoff lehnt, den Kopf vorgebeugt, die Hände im Schoße verschlungen, traumverloren, ganz in sich versunken und verschlossen. Der weiche Lufthauch zieht einen Augenblick stärker herein, krümmt die gelben Flammen, und das Wachs perlt nieder auf die Stuhllehne. Das Gesicht der Prinzessin wird weißer als das Wachs. Sie steht auf. Sie will sich beherrschen, aber ihre Blicke irren von ihm zu ihrem Fräulein und wieder zurück zu ihm.

Lauthe begreift nichts; Fräulein von Thedehoff sieht sie fragend an.

Die grauen Augen der Prinzessin sind sehr groß; dann ziehen sie sich zusammen; sie blickt auf ihren Fuß, ihren Schuh. Unwillkürlich folgt Lauthe der Richtung und auch sein Blick haftet an dem kleinen grauen Ding. Er kann nicht sehen, was für ein Lächeln um ihre Mundwinkel spielt, sonst würde er erschrecken. »Das Band ist aufgegangen,« sagt die Prinzessin langsam, »Thedehoff, binden Sie es mir zu.« Sie hebt den Fuß auf die Kante der niedern Truhe, in der die Noten verwahrt sind. Fräulein von Thedehoff bindet mit unsicheren Fingern.

»So werden Sie es nicht zustande bringen; und heben Sie doch erst die Schnalle auf ...!«

Ihre Fußspitze zeigt, und wie Fräulein von Thedehoffs Hand auf der Erde sucht, stützt sich der Fuß in dem kleinen Schuh mit dem ganzen Gewicht der schlanken Frau auf diese Hand. Amelie stößt einen Schrei aus, viel viel lauter und heftiger als vorher.

»Habe ich Ihnen weh getan?« fragt die Prinzessin unschuldig. »Au revoir, Monsieur!« Mit einem Kopfnicken verläßt sie das Zimmer. Fräulein von Thedehoffs Augen sind zum zweitenmal voll von Tränen. Robert Sigismund begreift nicht, was vorgegangen ist. Was können Männer begreifen?

Er will Amelie fragen, ihr zusprechen, – da öffnen sich die Flügeltüren, die hellsten Kerzen scheinen ins Zimmer, Stimmengewirr flutet herein: er steht verlegen vor dem ganzen Hof, der durch die Säle zu den Spielzimmern strömt, und Amelie lehnt weinend am Klavier. Lachend zeigt die Prinzessin dem Herzog die Szene.

Lauthe fängt an, etwas zu begreifen: er verbeugt sich sehr ungeschickt und tief vor den Herrschaften, verbeugt sich tief vor Fräulein von Thedehoff, die erschrocken aufgesprungen ist; er fühlt, daß die Stunde beendet ist, daß er im Schlosse nicht bleiben kann, und geht.

Kaum im Vorsaal, könnte er sich prügeln, daß er mit Fräulein von Thedehoff nichts verabredet hat. Wie er aus dem Schlosse kam, weiß er nicht.

Er geht durch die Anlagen zum »Schwan«, aber er kann keinen Bissen essen, mit niemandem reden. Er trinkt eine Flasche Wein, aber seine Erregung betäubt er nicht. Er weiß, daß etwas Verhängnisvolles geschehen ist, er weiß, daß er ein allzu erfolgreicher Musiklehrer ist, der einer Prinzessin nicht mißfiel, er weiß, daß er eine junge Hofdame wahnsinnig lieb hat und sie ihn, das weiß er, und er begreift nicht, wie dies alles plötzlich einen fürchterlichen Aspekt bekommen hat.

Er schläft wenig in dieser Nacht. Am nächsten Morgen gibt ein Hofbedienter eine Rolle mit Goldstücken für ihn ab und eine Mitteilung, daß man seiner Dienste im Schlosse nicht mehr bedarf. Am gleichen Tag erhält der Freiherr von Thedehoff einen Brief des Obersthofmeisteramts, in dem er angewiesen wird, für seine Tochter um Urlaub einzureichen, und gleichzeitig einen vertraulichen Brief, in dem ein alter Freund ihm traurig mitteilt

»que cette pauvre Amélie a fait des bêtises,
qu'elle a failli s'encanailler etc.«

Der Musikus Robert Sigismund Lauche war in berechtigter Verzweiflung. Wird er überhaupt noch Stunden behalten in einer Residenz, in der jedes Hofereignis zwei Tage später in der ganzen Gesellschaft besprochen wird?

Er will bei einem Gönner im Obersthofmeisteramt vorsprechen, wird aber gar nicht vorgelassen. Da bittet er die Prinzessin um eine Audienz, beruft sich auf ihre Huld, macht Andeutungen, ja er droht beinahe.

Am andern Morgen, noch im Bette, wird er durch eine fremde Männerstimme geweckt. Seine Wirtin öffnet die Tür zu seinem Zimmer, ein Herr tritt ein, er trägt Sporen an den Stiefeln und eine Reitpeitsche unter dem Arm. Er ist hochgewachsen, sein Gesicht ist kalt und scharf. Lauthe kennt ihn nicht, aber er empfindet, wie peinlich es ist, im Bette zu sein und zu fühlen, daß man nur mit einem Hemde bekleidet ist, wenn ein Fremder in Sporenstiefeln und mit der Reitpeitsche unterm Arm, mit zweifellos unangenehmen Gesinnungen vor einem steht.

Der andere achtet nicht auf seine Verlegenheit; er zieht ein kleines Portefeuille aus der Brusttasche und entnimmt ihm einige Papier«.

»Hat er das geschrieben?« fragt er und hält Lauthe seinen Brief unter die Augen.

»Ja«, stottert der, halb noch verschlafen, halb erschreckend wach.

»Nun, wenn er schreiben kann, kann er wohl auch lesen«, sagt der andere ruhig. »Sieht er diesen Befehl? Er ist unterschrieben, und wenn er nicht in fünf Stunden über der Grenze ist, so wird der Befehl auch ausgefertigt werden. Nur der besonderen Gnade Sr. Hoheit hat er es zu danken, daß er nicht ...« eine Bewegung mit der Reitpeitsche – »Und wenn er sich anderswo mit seiner Zunge unnütz machen sollte, so wird man ihn zu finden wissen. Seine Antwort?«

»Zu Ihrer Hoheit Befehl«, stotterte Lauthe wieder.

»Seiner Hoheit«, verbesserte der andere scharf und schritt pfeifend aus der Stube.

Lauthe machte später noch einen Versuch, auf dem Schlosse des Freiherrn von Thedehoff vorgelassen zu werden. Er hat nie erzählt, wie er empfangen worden und wie er das Schloß wieder verlassen hat. Er wurde später ein erfolgreicher Musiklehrer in einer der Hansastädte. Im Herzen war er Jakobiner.

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