Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Unterredung

Das Haus stand in einem düstern Garten. Ein Rasenviereck lag zwischen hohen geschnittenen Baumwänden; dahinter erhob sich das Gebäude aus grauem Stein mit sehr hohen Fenstern, schwer unter einem mächtigen Turm. Die Dämmerung lag lichtlos darüber.

»Ich komme vom Abbé Perchères«, sagte der Fremde, der so lange am Gittertor geschellt hatte. Der Pförtner öffnete. Der eintrat, war ein noch junger Mann in grauem Reitanzug, mit einem ernsten und bestimmten Ausdruck in den Zügen. Der Reitknecht, der ihn begleitet hatte, war nicht abgestiegen; er hielt das ledige Pferd am Zügel, das ihm jetzt, von der geöffneten Türe erschreckt, den Kopf hochnehmend, zu schaffen machte. Auf eine Handbewegung des andern nahm er beide Tiere herum und ritt davon.

Der Fremde schritt über den Kiesweg dem Hause zu und suchte nach dem Eingang; dann pochte er, und wieder sagte er zu dem öffnenden alten Diener: »Ich komme vom Abbé Perchères.« Der Diener nickte und verschwand, kam zurück und führte ihn über die Steinfliesen des Ganges zu einer hohen weißen Türe und öffnete den einen Flügel. Das Zimmer war erleuchtet, aber ein Schirm, der vor der Lampe stand, warf einen Schatten über den größten Teil des Raumes.

Aus einem Lehnstuhl vor einem langen Tisch stand ein alter Mann auf. Er war riesenhaft groß, obwohl sein Rücken gebeugt war, und er sah noch riesiger aus, weil er eine Art weißer Kutte trug, die um die Mitte des Leibes von einer braunen Schnur gehalten ward. Aus dieser Kutte hob sich ein ebenso mächtiger Kopf mit weißem Haar und weißem Bart, und ein Gesicht beugte sich vor, das den Besucher betrachtete, nicht willkommen hieß. Dicke, breite Lippen lagen über verdorbenen und mangelnden Zähnen, die Brauen über den Augen waren weiß und buschig, die Augen selbst groß, dunkelgrau und um sie tiefe dunkle Ringe. So glanzlos sie waren, so furchtbar war ihr Blick.

»Was bringen Sie vom Herrn Abbé?« fragte der Hausherr. Seine Stimme war heiser, aber tief und wohlklingend.

»Der Auftrag, den der Herr Abbé mir gegeben,« begann der Fremde, von der Erscheinung betroffen, mit nicht ganz sicherer Zunge, »wird nicht so schnell zu erledigen sein ... ich habe ...«

Der Blick des alten Mannes ließ ihn verstummen; doch schien dieser nur nachgedacht zu haben; indem er ihn mit einer Handbewegung zum Sitzen einlud und sich selber wieder schwer in den Lehnstuhl niederließ, sagte er: »Sie müssen hungrig und müde sein; meine Leute werden Ihnen erst ein Abendbrot vorsetzen ...« und er zog an einem Glockenzuge, der mitten im Raum neben ihm von der Decke herabhing. Irgendwo in der Ferne läutete es.

»Ich danke,« sagte der Fremde, »aber ich habe in Quateras gegessen, ehe ich heraufritt ...«

»Dann bitte ich Sie, zu sprechen.«

Aber der andere wurde plötzlich blutrot. »Mein Auftrag ist nicht bequem ...« sagte er.

»Wollen Sie davon sprechen oder nicht?« erwiderte der alte Mann ungeduldig. »Wein!« rief er dem eintretenden Diener zu. »Übrigens, wer sind Sie eigentlich?«

»Ich heiße Duval,« sagte der andere zögernd, »Ernest Duval ...«

So forschend lagen die glanzlosen Augen auf ihm, daß er ein körperliches Unbehagen empfand; als ob ein kalter und trauriger Dunstkreis, der den alten Mann umgab, peinlich auf ihn überströmte. Und dennoch ward ihm sogleich irgendwie bewußt, daß er für dieses zerstörte und doch so mächtige Gesicht und noch mehr für diese tiefe heisere Stimme eine Art schmerzlicher Zuneigung empfand. Er hatte das Gefühl, als säße er seit langem hier und beide hätten eine unberechenbare Zeit geschwiegen, als der Diener wieder eintrat, eine Karaffe mit rotem Wein und ein Glas auf ein Tischchen neben ihm stellte und ging.

Er trank auch sogleich ein volles Glas des schweren Weines leer. Dann sagte er: »Der Abbé hat mit mir über eine Angelegenheit gesprochen, die das Fräulein von Bellecour betrifft ...«

Sowie der Name fiel, schien in dem alten Mann etwas Schreckliches vorzugehen – sein Gesicht sank herab, der Mund war verzerrt. »Mit Ihnen?« rief er.

»Halten Sie das nicht für eine Dreistigkeit, Herr Marquis«, sagte der junge Mann aufgeregt. »Die Sache wird Ihnen sofort erklärlich sein: ich bin mit Herrn von Campion befreundet und hatte in seinem Auftrag mit dem Herrn Abbé gesprochen ...«

Der alte Mann stand auf und wies nach der Türe. »Ich weiß nicht,« sagte er, »mit welchem Recht Sie sich in die Angelegenheiten anderer mischen. Meine Entschlüsse sind ausgesprochen, und der Abbé Perchères hat nicht den Einfluß, sie zu ändern. Ich glaube auch nicht ...« er hielt inne; seine Blicke überflogen Gesicht und Erscheinung des anderen. »Sie sind Herr von Campion?!« rief er.

»Ja, Monsieur«, sagte der junge Mann.

»Und Sie kommen nicht vom Abbé Perchères?!«

»Ich komme von ihm, aber – ungesendet ...«

Wieder wies der Hausherr in sprachlosem Zorn nach der Türe. Da der Fremde nicht von der Stelle wich, ging sein Blick und seine Bewegung nach der Wand; der andere, mit den Augen folgend, sah, daß dort Jagdgewehre hingen ...

»Darf ich Ihnen eines bringen?« fragte er, jetzt völlig gelassen, »vielleicht hören Sie mich, die Waffe in der Hand, an?«

Während der alte Mann einen Augenblick unentschieden stand, fuhr er fort: »Es wird vielleicht doch besser sein, Herr Marquis, Sie hören mich an! Ich könnte durch die Wand brechen, wenn Sie mir die Türe verschließen, ohne mich den Grund wissen zu lassen. Ich könnte durch die Wand brechen ... ich brauche nur dem Beispiel zu folgen, das ... Sie in Ihrer Jugend gegeben haben ...«

Der riesige Mann in der Kutte griff mit beiden Händen an die Schläfen, so daß die Finger sich über der Stirn schlossen; die wulstigen Lippen bewegten sich greisenhaft, ohne zu sprechen; und als er die Hände wieder senkte, zitterten sie.

»Was sagen Sie?« fragte er zuletzt, wie erwachend.

»Mögen Sie mich verstehen, Herr Marquis! Es gibt Sitten, es gibt Gesetze, die gewiß sehr gut und nötig sind, die man aber doch durchbrechen kann!«

Der alte Mann stand noch immer gebeugt da; der jüngere fuhr fort: »Frankreich ist groß! die Welt ist sehr groß! Menschen, die wollen, können viel ...! Wissen Sie überhaupt, wo Fräulein von Bellecour jetzt ist?«

Schreck und Wut wechselten im Gesicht des Mannes, der in den Stuhl gesunken vor ihm saß, und plötzlich, die zitternde Hand hebend, am Glockenstrang zog.

»Ich bin bewaffnet«, sagte der junge Mann nachdrücklich, als er diese Bewegung sah. »Ich war wirklich beim Abbé Perchères und habe mit ihm gesprochen,« fuhr er fort, »ich wollte Sie aufsuchen; er riet mir ab. Ich bin dennoch gekommen. Und ich bitte Sie nochmals, mich anzuhören und mir auf wenige Fragen zu antworten. Wollen Sie das?«

Als der Diener jetzt eintrat, winkte der alte Mann ihm ab. »Reden Sie, Meister!« sagte er, mit plötzlicher Ironie. »Aber es ist ganz zwecklos! – es ist zwecklos«, schloß er murmelnd.

»Ich bin ja schon glücklich, Herr Marquis, wenn Sie die Güte haben wollen, mich anzuhören.« Aber sowie die Erregung des Augenblicks vorüber war, fühlte er wieder die trostlose kalte Strahlung, die von dem Alten ausging. Unwillkürlich, um ihr zu entgehen, stand er auf und ging rund um den langen Tisch herum, bis er auf der andern Seite des Zimmers war, und sprach von dort, stehend, hie und da einen Schritt machend, mit energischen Bewegungen und mit einem fast schwärmerischen Ausdruck in dem entschlossenen jungen Gesicht.

»Zur Erklärung:« begann er, »mein Vater und Herr von Pontvert waren Nachbarn; ich bin mit den Mädchen aufgewachsen in anmutigem, nachbarlichem Verkehr. Sie sind reizend, jung und schön wie Rosen, wie reife Früchte: mein Vater wünschte meine Verbindung mit einer dieser liebenswürdigen jungen Damen, er sagte es mir. Herr und Frau von Pontvert, glaube ich, hatten den gleichen Wunsch. Die Natur hat mir ein nicht leicht entflammtes Temperament gegeben, oder war es vielleicht, weil wir geschwisterlich miteinander aufwuchsen, daß sie jenen anderen Reiz für mich verloren hatten – denn ich liebe sie, aber ohne Leidenschaft, wie man Schwestern liebt ... Sie verstehen mich, Herr Marquis? Und Sie verzeihen! ich muß das alles erzählen! ...«

Er sah den alten Mann todesblaß, in qualvoller Ungeduld zuhören und suchte dem unerträglichen Blick dieser glanzlosen Augen zu entgehen, die wie graue Ringe auf weißen Flecken nach ihm sahen. Jetzt aber schob der Marquis den Schirm vor die Lampe, so daß sein eigenes Gesicht im Schatten war, und erleichtert fuhr der junge Campion fort: »Eines Tages traf ich bei meinen Freunden einen Gast. Ich bin Seeoffizier; ich kam von Indien in die Heimat zurück. Diese junge Dame war ganz anders: groß, blaß und dunkel, mondgleich ... nein, ich will ganz kühl sprechen; aber es war für diese Fremde und mich in der ersten Stunde beschlossen, als ich in den Park trat und sie über den Rasen kommen sah ... Ich habe um Fräulein von Bellecour nicht geworben, Herr Marquis! Ich will sagen, meine Werbung wie die Antwort waren entschieden, noch ehe wir gesprochen hatten. Nein, starren Sie mich nicht an,« – der Marquis hatte den Schirm mit einer plötzlichen Bewegung zur Seite geschoben – »ich habe alle Formen gewahrt, die der Stand der Dame, die meine gute Erziehung verlangten ... bitte, mißdeuten Sie meine frühere Anspielung nicht ... noch ist nicht ...« sagte er aufgeregt, »ich bin nur vielleicht entschlossen ... Ich habe um Fräulein von Bellecour geworben, in aller Form: erst bei Frau von Pontvert, dann bei ihr selbst. Ich hörte, daß ein Oheim, den sie nie gesehen, über ihr Schicksal zu entscheiden hätte. Man schreibt an diesen Oheim; Sie kennen die Antwort, Sie wissen, was seither geschehen ist, und Sie werden es begreiflich finden, daß ich alles daran setzte, diesen Oheim zu sprechen, der mir jede Unterredung, jede Begründung seines ›Verbotes‹ verweigerte! Warum, Monsieur? ... Sie wissen, daß meine Familie zu den besten der Normandie gehört ... Und wenn Sie mich persönlich nicht kannten, so bin ich nun hier: ich bin gewiß nicht ohne Fehler, aber ich glaube nicht, daß man mir etwas wirklich Schlimmes nachsagen kann. Ich kann mich nicht sehr reich nennen, aber ich bin nicht arm ... indessen, das alles habe ich Ihnen bereits mitgeteilt ...«

»Ja,« sagte der alte Mann müde, »es ist ganz zwecklos. Alles, was Sie sagen und noch sagen werden, kann nicht das geringste an dem, was entschieden ist, ändern!«

Schwer und kalt niederdrückend kamen diese Worte aus dem Dunkel, aber heftig erwiderte Campion: »Und Sie wollen uns keine Gründe sagen, Monsieur? Es ist ja, als ob Sie es darauf anlegten, uns zu quälen und zur Verzweiflung zu treiben!«

»Hat Ihnen Fräulein von Bellecour nicht gesagt, daß über ihre Zukunft Bestimmungen getroffen sind?«

»Ja, sie hat mir erzählt, daß diejenigen, die sie erzogen, ihr stets gesagt, daß sie Nonne werden müßte; daß sie es als Kind gern gedacht und sich darauf gefreut; daß sie aber den Beruf nicht in sich fühle. Und Sie begreifen: jetzt weniger denn je!«

Er sah den düsteren und feindseligen Blick des alten Mannes und fuhr fort: »Der Abbé Perchères sagte mir, daß Sie sich an den Wunsch der früh verstorbenen Eltern des Fräulein von Bellecour gebunden hielten. Aber, Herr Marquis, woher wissen Sie, daß diese Eltern nicht heute jenen Wunsch bereuen, daß sie ihn nicht ändern würden? Eltern lieben ihre Kinder und wünschen, ihre Töchter als glückliche Gattinnen und Mütter zu sehen. Wissen Sie das nicht, Herr Marquis? Glauben Sie, daß diese toten Eltern lieblos ihre lebende und blühende Tochter zu begraben wünschen? Denn anders ist es nicht. Wollen Sie Ihre Nichte auch gegen ihren Willen ins Kloster bringen? Das ist ja schon vorgekommen, vielleicht öfter, als man glaubt; aber soviel ich weiß, ist es ein Verbrechen, selbst gegen die Gesetze der Kirche!«

»Ich bin Ihnen über meine Ansichten und Entschließungen keine Rechenschaft schuldig,« sagte der Marquis, »aber ich will Ihnen sagen ...« stockend, mühsam kamen die Worte in heiserem Ton, »ich will Ihnen sagen, daß meine Gründe schwer und zwingend sind, und daß es mir nicht ... gestattet, nicht ... möglich ist, sie Ihnen mitzuteilen. Damit müssen Sie sich begnügen und sich darein finden. Ich habe Sie nicht gebeten, hierherzukommen, Sie sind wider meinen Willen hier eingedrungen. – Ich habe Ihnen nun alles gesagt.«

Er wollte nach dem Glockenzug greifen; der junge Offizier machte eine so beschwörende, so leidenschaftliche Bewegung, daß er innehielt. Da stand er auf und ging selbst zum Kamin und schob ein neues Scheit in die Glut; dann blieb er über die Flammen gebückt stehen und wärmte sich die Hände. Sein Schatten fiel riesengroß auf Wand und Decke. Als er den grauen Kopf wieder aufrichtete und mit großen, unglücklichen Augen nach dem jungen Mann sah, da überkam auch diesen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Er begann an den eigenen Gedanken, an seiner heißen Empfindung irre zu werden und sah bang und forschend nach dem düsteren Menschen, mit dem er an diesem bitteren Herbstabend hier oben allein saß. Die Lichter tanzten, vom Scheit aufschlagend, im Kamin, und die Flamme beleuchtete die kühne Linie des jungen Gesichts, das jetzt gleichsam in sein eigenes Schicksal zu schauen suchte. Er schritt rasch nach dem Tisch, leerte das Glas wieder und füllte es zum drittenmal.

»Es ist wahr, Monsieur,« rief er, »ich bin ein Eindringling in einem fremden Hause ... zum erstenmal in meinem Leben ...« fügte er mit Betonung hinzu, »aber Sie haben mich dazu gezwungen. Sie müssen uns einen Grund sagen, Monsieur, sonst könnte es geschehen, daß ... wir uns nicht fügen. Sie kennen Diane ... Fräulein von Bellecour nicht! Ich habe auf meinen Reisen Inseln gesehen, wo unter Eisschichten Feuer brannten! Und ich wiederhole Ihnen: Frankreich ist groß, die Welt ist noch größer ... eine despotische Laune allein gilt mir nichts!«

Er stand, die Hände auf den Tischrand gestützt, breitbeinig, als stünde er auf der Kommandobrücke seines Schiffes und sähe in die finsteren Wasser hinaus. Der alte Mann sprach kein Wort.

»Herr Marquis, ich appelliere von dem Mann, der heute abend vor mir steht, an den Marquis von Mombas von einst. Ich weiß von Ihnen, Herr Marquis! Sie waren der Freund des Regenten, Sie haben die wildeste, die bandenloseste Zeit des Hofes mitgemacht. Man erzählt Dinge von Ihnen ... Sie haben Feste gefeiert, von denen man nicht sprechen darf ... Sie sind von den Frauen geliebt worden, Sie haben selbst Frauen entführt, Sie haben einen Mann erstochen, um ihm seine Frau zu nehmen, Herr Marquis!«

Mit Staunen sah er, wie der Mann am Kamin die Hände faltete und den Kopf zu Boden senkte. Er fuhr, einen Augenblick unsicher, fort:

»Gewiß, Sie sind ein Held gewesen ... Sie waren den jungen Leuten ein schreckliches und ein bewundertes Beispiel. Ich bin ein einfacher Mann. Ich habe Gefahren erlebt und meine Pflicht getan ... im Dienst ... auf meiner Korvette ... aber ich sehe keinen Glanz hinter mir. Der Glanz meines Lebens begann an dem Tage, an dem ich Fräulein von Bellecour begegnete. Und ich appelliere heute von einem alten Mann, der das nicht mehr fühlt, an den Marquis von Mombas, der durch die Wand brach, der kein Gesetz kannte, der jung, leidenschaftlich, tapfer und übermütig war, und ich frage ihn, wie er an meiner Stelle gehandelt hätte?«

Er verstummte, – solch ein Jammer und solch ein Hohn zugleich sprach aus den Zügen des alten Mannes, der mit seiner tiefen, heiseren Stimme Antwort gab: »Sie haben appelliert ... Sie haben appelliert ... aber der, an den Sie appellieren, lebt nicht mehr, oder was von ihm noch lebt, das lebt, um für seine Untaten zu büßen. Sie appellieren an den Mann, der am allerunwürdigsten ist, irgendeine Sache in dieser Welt zu entscheiden! Nehmen Sie sich ihn nicht zum Beispiel, junger Mann! Sie wissen nichts von ihm! Sein Leben ist eine Hölle gewesen, und wenn ihn Gottes Gnade nicht rettet, wird es die Hölle auch nach dem Tode sein!«

Sein Sprechen war eine Art leisen Schreiens geworden, und jetzt faltete er wieder die Hände und stöhnte. Erschüttert stand der junge Mann da, und als er wieder in die glanzlosen leidenden Augen sah, ergriff ihn ein Schauder vor dem gebrochenen Riesen. Dieser aber ging mit schweren Schritten durch das Zimmer zum Tisch und zog an dem Glockenstrang.

»Sie sollen die Antwort auf Ihre Frage haben«, sagte er. Dann setzte er sich nieder, und ein Schweigen entstand, bis der Diener eintrat. »Ist der Père Lefèvre schon zurück?« fragte der Marquis. »Ich lasse ihn bitten, auf mich zu warten.«

Herr von Campion ging erregt auf und ab, daß sein Degen klirrend gegen seine Fersen schlug. Wieder schwiegen beide, bis die Türe sich geschlossen hatte. Das Gesicht des jungen Mannes flammte. Der Marquis aber begann mit langsamer schwerer Stimme, und wieder schob er den Schirm so, daß sein Gesicht beschattet wurde: »Sie haben sich auf meine vergangenen Taten berufen, mein Herr ... nun, meine vergangenen Taten sind der Grund! Sie sollen ihn hören! ... Vielleicht bändigt das Ihre Lust!« Er schob den Schirm wieder zur Seite, er wollte spreche», seine Lippen bewegten sich, die verstörten Augen richteten sich peinigend und gepeinigt auf den angstvoll Lauschenden, – da faßte diesen ein Grauen; ihm war, als müßte er Einhalt tun, als wollte er nicht mehr wissen, was er so heftig zu erfahren drängte ... da hörte er die tiefe heisere Stimme sagen: »Sie haben gehört, daß Fräulein von Bellecour meine Nichte ist?«

»Ja,« antwortete er bebend, »man sagte mir wenigstens, daß sie die Tochter Ihrer verstorbenen Schwester sei.«

»Ja, ja, ja!« schrie der Marquis. »So ist es. Weiter: Sie haben auch von mir gehört, Sie haben gehört, daß ich der Freund des Regenten war; ja, ich habe an seinen wundervollen Festen teilgenommen, unter frechen und schamlosen Menschen war ich der frechste und schamloseste; so wie Sie sagen: ein Gesetz gab es für uns nicht; über die Religion lachten wir; wir hatten ja Sinne zum Genießen und unsere strahlende Intelligenz, um die Fabeln von Gott und seinem ewigen Gericht zu durchschauen. Außerdem verschlossene Türen, und den Rausch unserer Frechheit.

Ich hatte eine schöne Schwester ... ja, ja, Frau von Bellecour. Sie gefiel dem Regenten. Er sagte es mir, ich lachte. Was brauchte er mich? Aber eines Abends speiste ich mit meiner Schwester und deutete es ihr an. Sie sah vor sich hin und fragte allerlei; sie verlangte sich nichts Besseres. Sie hatte ein Amt bei Hof und ihre Zimmer im Schloß. Ihr Mann war bei der Armee. ›Mombas‹ sagte der Regent zu mir, ›haben Sie Bedenken?‹ Das verdroß mich. Eines Abends, – es war alles verabredet, – kam ich sie holen. Sie hatte die schweren Vorhänge ihres Zimmers zugezogen und alle Lichter angezündet. Als ich eintrat, stand sie in Mantel und Maske da, das Hütchen auf den gepuderten Haaren. Wir hatten noch einige Minuten; sie fragte mich, ob ich glaubte, daß sie ihm in ihrem Kostüm gefallen würde? Ich sah sie an: da schlug sie den Mantel auseinander: sie trug nichts als einen schwarzen, golddurchwirkten Schleier darunter, und die kleinen Schuhe an den Füßen. Ich lachte nur; aber sie war schön wie eine Teufelin.

Wir schritten durch die Gänge bis zum Zimmer des Herzogs. Ich pochte, ein Page kam und sagte, man könne nicht hinein. Meine Schwester lachte unter ihrer Maske und sagte: ›Ja, doch!‹ Und ich selbst rief dem Jungen zu: ›Kleiner Narr, Seine königliche Hoheit erwartet uns!‹ Er blieb dabei, es sei ihm verboten; wenn wir nicht gingen, würde er die Wache rufen. Was der Grund war, weiß ich nicht; ob der Herzog betrunken war, ob er schon ein anderes Weib im Zimmer hatte, ob sonst etwas vorgefallen, ich weiß es nicht.

Ich führte meine Schwester nach ihrem Zimmer zurück; wir waren beide mißmutig und aufgeregt. Darum ließ sie Wein und Speisen bringen. War sie erst übellaunig gewesen, so wurde sie jetzt wild und ausgelassen. Sie hatte dasselbe verfluchte Blut. Als ihr heiß ward, warf sie den Mantel ab und saß unbekleidet in dem durchscheinenden schwarzen Schleier da. Sie war schön wie ein Dämon, und ich sagte es ihr; sie lachte und, – sie neckte und quälte mich. Die Lust wütete in unseren Leibern, das Unerhörte zu tun, ... und es geschah ...

Fräulein von Bellecour ist nicht nur meine Nichte, sie ist auch meine Tochter!«

Wieder war es ein leises Schreien, das aus seinem Munde kam.

»Wollen Sie sie noch zur Frau? Wollen Sie Kinder aus dem verfluchten Quell zeugen? Wollen Sie das?« Und ehe der todesblasse junge Mensch etwas erwidern konnte, fügte er hinzu: »Noch eines will ich Ihnen sagen: Bisher weiß sie von nichts; wenn Sie von Ihrer Verfolgung nicht ablassen, dann wird sie es erfahren, warum sie ins Kloster muß!

Meine Schwester ist in ihren Sünden gestorben, aber ich lebe noch; ich bin kein Mönch: ich bin es nicht wert; aber ich büße, ich büße, das glauben Sie mir. Und Sie haben heute Ihr Teil zu meiner Buße beigetragen. Ich danke Ihnen.«

Niedergeschmettert, vernichtet, brachte der junge Mann kein Wort hervor. Er wünschte nur, endlich diesen schrecklichen Augen zu entgehen. Der Marquis stand auf.

»Sie bleiben diese Nacht hier, Herr von Campion«, sagte er. Dieser machte entsetzt eine abwehrende Bewegung. »Meine Pferde werden schon am Tore sein«, stammelte er. Da ergriff der alte Mann zum erstenmal seine Hand: »Bleiben Sie!« sagte er; und einen Augenblick später: »Es ist Zeit!« Eine seltsame Glocke tönte. Von irgendwo scholl eine ferne Musik.

Die Türe öffnete sich, ein zweiter alter Mann, lang und hager und dennoch viel kleiner, in schwarzer Jesuitentracht stand aus der Schwelle.

»Das ist Herr von Campion«, sagte der Marquis, auf seinen Gast zeigend.

Der Jesuit trat einen Schritt vor. »Ah!« sagte er.

»Gehen Sie, Père Lefèvre; wir kommen!«

Willenlos folgte der junge Mann ihnen durch einen langen dunklen Gang zu einer Türe, die in eine erleuchtete Kapelle führte. Während von der Orgel das »Nil inultum« tönte, kniete der Marquis am Altar nieder, riß seine weiße Kutte herab und geißelte mit schweren Kugelstricken seine gewaltigen, mit Narben und Striemen bedeckten Schultern, von denen das Blut zu tropfen begann. Der Père Lefèvre war gleichfalls niedergekniet und betete. Von oben tönte es in seltsam starrem Gesang: »Huic peccatori, domine ...!«

Eine Weile blieb Campion in der Kapelle und sah mit Entsetzen zu; dann trat er zurück, öffnete die Türe, eilte wie sinnlos durch einen finsteren Saal auf den Steingang und in den Garten hinaus zum Gittertor, schrie den Pförtner auf und trat in die nächtliche Straße, wo aus dem Schatten der Bäume das Schnauben und dumpfe Schlagen der Pferde tönte.

»Sind Sie es, Monsieur?« fragte der Reitknecht.

Campion saß schon im Sattel. Was er ihm zurief, verstand der Diener nicht. Sein Herr jagte die Waldstraße hinab, und er folgte mit Mühe.

*


 << zurück weiter >>