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Die Verlobte

Ich erinnere mich eines fernen Morgens am Meer. Ich saß in der Tiefe des Zimmers, ein Buch in der Hand, und durch die offene Balkontüre fiel mein Blick auf das blaue Wasser, da der schmale dunkle Steinboden den Strand verbarg. Die Sonne stand hinter dem Hause und warf ihre Strahlen aufs Meer. Der eindringende Wind war herbstlich kühl. In einem Lehnstuhl nahe der andern Balkontüre saß Großmama in ihrem grauen Kleid, und ihr weißes Gesicht unter der Spitzenhaube sah auf Grazia, die ihr gegenüberstand.

Auch ich sah auf Grazia. Sie trug einen gefältelten fußfreien Rock aus gelblich weißem Flanell, eine weiße Seidenbluse und weiße Schuhe; in der einen Hand hielt sie ein in grünes Leder gebundenes Buch mit einer Messingschließe.

»All meine Gedanken!« sagte sie mit einer Heiterkeit, die mir gezwungen schien.

»Und Mark hat den Schlüssel dazu?« fragte Großmama.

»Er hat ja gewünscht, daß ich sie für ihn aufschreibe.«

Großmama erwiderte nichts. Ich stand auf und verließ unter dem Vorwand, daß ich meine Zigaretten holen müßte, das Zimmer. Als ich nach einer Weile zurückkam, hörte ich Großmama sagen: »Zu meiner Zeit verlangte man nichts anderes. Aber eines wußten wir ...« Sie unterbrach sich, da sie mich sah. Grazia trat auf den Balkon, dessen Boden sich, fast schwarz im Schatten, von den hellblauen Wassern abhob.

Ich sah, daß Großmama unzufrieden war, und darüber dachte ich nach. Man konnte sich nichts vornehmeres denken als Großmama, wie sie schmal, aufrecht und schweigend, aber mit leise zitternden Lippen im Lehnstuhl saß.

»Da sind Boreels,« rief Grazia von draußen und führte ein Gespräch zur Straße hinab; dann kam sie ins Zimmer herein und holte ihren Hut. »Kommst du mit, Adrian?« sagte sie zu mir.

Wir verabschiedeten uns von Großmama und versprachen zum Mittagessen pünktlich zu sein.

Wir gingen zur Stadt, Grazia mit Harry Boreel voraus; ich folgte mit seiner Frau. Wir blickten beide auf Grazia und sprachen über die Anmut ihres Ganges.

»Wann kommt der Herr Inspekteur?« fragte Lisa Boreel.

»Solange der Streik dauert, wird er schwerlich kommen können«, gab ich zur Antwort.

»So haben wir sie noch für uns«, erwiderte sie. Ich nickte. »Wir müssen einen Plan machen«, fuhr sie fort.

Wir hatten die Straßen der Stadt erreicht. Vor fern kam ein rauher, aufgeregter und aufregender Gesang, in dem etwas Drohendes lag; dann hörten wir das unregelmäßige Geräusch vieler Schritte, und sehr bald mußten wir stehen bleiben: ein Zug Streikender kam vorüber. Sie trugen meist dunkle Jacken oder blaue Blusen, manche waren in Hemdärmeln; ihre Füße staken in großen groben mit Lehm oder Ziegelstaub bedeckten Holzschuhen; die Gesichter waren finster oder gleichgültig. Zwischen ihnen gingen Frauen und Mädchen mit blassen abgehärmten, andre mit bösen Gesichtern und wilden Augen; wieder andre sahen wie in ein starres Elend in die Ferne.

Wir standen in einer schmalen, zum Teil mit Gras bewachsenen Seitengasse, da der Zug die ganze Breite der Straße einnahm, und sahen zu. Lisa Boreel Hatte ihren schwarzen Sonnenschirm über die Schulter zurückgelegt und sah gespannt und halb erschreckt auf die Vorüberziehenden. Harry und ich trugen weiße Flanellanzüge; wir erhielten keine freundlichen Blicke, und hie und da fiel eine Bemerkung im Zug, die zweifellos uns galt und deren Feindseligkeit wir fühlten, wenn wir die Worte auch meist nicht verstanden. Harry Boreels Gesicht blieb gleichgültig und hochmütig; als ich mich nach Grazia umwendete, sah ich, daß ihre Augen voll von Tränen waren. Der aufreizende Gesang begann von neuem, und jetzt war der Zug vorüber.

»O, die armen, armen Leute!« sagte Grazia.

»Warum arbeiten sie nicht?« erwiderte Boreel hart.

Grazia warf ihm einen betroffenen Blick zu. »Haben Sie die Schuhe gesehen und die Füße?« fragte sie.

Harry wollte lachen, aber vor dem flehenden Ausdruck in Grazias Gesicht vermochte er es nicht.

Zwei Reiter der Maréchausée kamen die Straße heraufgeritten, in leichtem Trab, dem Zuge nach. Wir gingen weiter durch die leeren Gassen, bis wir wieder auf den hellen Strand unter wohlgekleidete Spaziergänger hinaustraten. Vom Kasino tönte eine schmetternde Musik, und wir hatten die Arbeiter vergessen.

Für den Abend hatten wir Grazia beredet, auf den Kasinoball mitzukommen. Bisher hatte sie es immer abgelehnt. Es war der letzte Ball; viele Badegäste waren abgereist, der Saal war halb leer. Ich forderte Grazia zum Tanzen auf, aber sie sagte, sie sei müde, und ich tanzte mit Lisa Boreel. Andere Herren kamen sie aufzufordern, aber sie tanzte nicht. »Er erlaubt es ihr nicht!« sagte Lisa empört zu mir. Wir setzten uns an einen Tisch; Harry bestellte Sekt; wir versuchten scherzhaft zu sein, aber die Stimmung blieb gezwungen, und wir brachen früh auf.

Da wir, um die weite Krümmung des Strandes abzuschneiden, durch die nur von wenigen Laternen erleuchteten Gassen der Stadt gingen, hörten wir aus den niederen Fenstern eines Wirtshauses den gleichen trotzigen Gesang wie am Vormittag. Wir gingen schweigend vorüber. Irgendwie kam mir unsere Abendkleidung und unser Tanzen seltsam vor.

Zwei Tage darauf erhielt Grazia ein Telegramm: »Mark kommt heute«, sagte sie.

Ich begleitete sie zum Bahnhof, ging aber noch vor der Ankunft des Zuges weg, um die Verlobten allein zu lassen. Später, im Hause, begegneten wir uns. Er war jetzt über dreißig Jahre alt, sehr männlich, mit schönen regelmäßigen Zügen, sehr gut gekleidet und sehr höflich.

Es wurde sogleich vom Streik gesprochen. Die Arbeiter waren für ihn Menschen einer andern Welt, die die Ordnung störten, wie für Harry Boreel. Grazia hörte angestrengt zu. Er sprach ruhig mit voller tiefer Stimme – ich höre die wohllautende Männerstimme noch, die trotzdem durch die selbst sichere Überlegenheit, mit der er sprach, für mich etwas Aufreizendes hatte.

Eine Weile später sah ich ihn in einem Korbstuhl sitzen und in dem grünen Lederband mit der Messingschließe lesen. Grazia kniete vor einem Schrank, in dem sie etwas suchte; ich sah, wie seine Blicke über das Buch weg gingen und mit einer Leidenschaft auf ihr ruhten, die zu beobachten für mich peinlich war. Er begegnete meinen Augen und, sichtlich unangenehm berührt, senkte er die seinen auf das Buch.

Er war in einem Hotel abgestiegen und als er aufbrach, fragte er mich, ob ich mitkäme.

»Ich wohne hier«, sagte ich.

Er sah mich einen Augenblick an. Es regnete draußen, und Grazia bedauerte ihn. Sie begleitete ihn die Treppe hinab.

Der folgende Tag war warm; wir beschlossen mit Boreels an das Meer zu gehen und zu baden, und wir ließen es Mark sagen, der am Vormittag bei einer Behörde zu tun hatte und noch nicht gekommen war. Großmama, die in den letzten Tagen hatte heizen lassen, setzte sich auf eine Bank und sah uns zu. Der kühlen Tage und des Streiks wegen waren nun fast alle Badegäste abgereist, und der Strand war verlassen. Durch den weiten Bogen des flachen Ufers von uns getrennt, sahen wir nur fern noch andre Leute; einmal kam ein einsamer Reiter vorbei und ein Mann mit einem Hunde, der heftig nach uns bellte.

Grazia sah in ihrem blauen Schwimmkleid, schlank, das blonde Haar unter der blauen Gummikappe verborgen, entzückend aus. Der Strand war so flach, daß man noch weit draußen stehen konnte; da ich in ihre Nähe kam, reichte sie mir die Hand, daß wir in den starken Wellen schaukelten, uns gemeinsam hoben, wenn die Woge kam, und hinter ihr wieder senkten. Im Geist verglich ich ihre kindliche Unbefangenheit und die strengen Züge des Mannes, den ich gestern gesehen hatte. Die Wellen hatten uns, fast ohne daß wir es merkten, zum Ufer zurückgetragen, und ich sah das Gesicht, an das ich eben gedacht hatte, und das jetzt nach uns starrte.

»Mark! Mark! Komm'!« rief Grazia.

Er wollte nicht. Sein Gesicht war finster. Er setzte sich zu Großmama auf die Bank. Sie rief ihn noch wiederholt, aber er schüttelte nur steif den Kopf und kam nicht. Der Wind hatte zugenommen; Harry und Lisa schwammen weit draußen. Ich rief nach ihnen; als ich mich wieder umsah, stand Grazia am Ufer. Ich sah sie unter Marks Blicken blutrot werden; dann ging sie nach der Hütte, sich anzuziehen.

Als wir nach Hause gingen, um zu speisen, kamen beide die Düne entlang; Grazia sah nicht glücklich aus. Van Heyst hatte nicht mehr viel Zeit; der schwarze Kaffee war kaum eingegossen, als er aufbrach. Er war nach dem Ministerium berufen worden, hoffte aber bald wiederkommen zu können, Grazia begleitete ihn auf den Bahnhof.

Als ich sie zwei Stunden später wiedersah, hatte sie verweinte Augen. Großmamas Lippen bewegten sich; das geschah, wenn sie aufgeregt war. Sie war es in dem Maße, daß die sonst so zurückhaltende alte Frau später auch mit mir sprach, so daß ich, ohne daß Grazia es ahnte, und sicherlich sehr gegen ihren Willen ihr Mitwisser wurde. Van Heyst hatte es unpassend gefunden, daß sie mit mir badete, und es war ihm nicht angenehm, daß sie mit mir unter einem Dache wohnte.

Wir waren nah verwandt und früh befreundet; aber nie war ein Liebesspiel zwischen uns gewesen. Das lag nicht in Grazias Art. Als meine Mutter mir ihre Verlobung mitteilte, hatte ich ihr gern und ruhig Glück gewünscht. Meine Mutter hatte mir erzählt, wie die beiden sich in einer Gesellschaft gesehen und gesprochen hatten und wie das sonst so ruhige und beherrschte Mädchen in tiefer stummer Aufregung nach Hause gekommen war, so daß Großmama in den ersten Tagen nicht begriffen hatte, was mit ihr war, bis Mark einen Besuch machte. Da Grazias Eltern nicht mehr am Leben waren, hatte die Verlobungsfeier in Onkel Jeans Haus stattgefunden, der Feste liebte. Ich sehe noch die vielen Chrysanthemen in dem grünen Salon, sehe Onkel Jean mit seinem graublondem Bart, das Sektglas in der Hand, stehen und seine Rede halten, sehe Großmamas ernstes und gerührtes Gesicht. Ich kannte auch das patrizische Haus mit den großen spiegelnden Fenstern, in dem der Bürgermeister van Heyst wohnte; ich hatte ihn bei städtischen Festen mit dem schmalen strengen weißbärtigen Gesicht, im Ornat mit der goldenen Kette gesehen; auch seine stattliche Frau, auch den Sohn als Halberwachsenen, der gleichfalls ernst, viel gelobt, überlegen, uns Kinder nicht sehr beachtete. Von seiner glänzenden Laufbahn wurde bei der Verlobung genug gesprochen. Mir aber kam in Erinnerung, daß einer meiner Freunde von Grazia gesagt hatte: »Kein Mann kann sich etwas Besseres wünschen.« Dieser Mann schien beständig an ihn zu erziehen und zu mäkeln. Seine Eifersucht, die zu verstehen und dennoch sinnlos war, weckte sonderbare Gedanken und Empfindungen in mir.

»Soll ich in ein anderes Haus ziehen?« fragte ich.

»Das wäre noch schöner!« sagte Großmama. »Wenn sie sich jetzt vollkommen unterwirft, jetzt, da er noch werben muß, wie soll es erst dann werden?«

Grazia kam nicht mehr mit uns schwimmen ...

Aber sie ging mit mir aus; ich hatte Zeit, mit ihr zu sprechen und an sie zu denken. Wenn wir heimkamen, saß Großmama, in ihren Schal gehüllt, unter der Lampe am Kamin und las. Das flackernde Feuer und das freundliche Licht, während draußen schattenhafte Wälder und das kalte Meer lagen, ließ uns die Behaglichkeit des warmen Hauses am frühen Herbstabend fühlen.

Ich beobachtete Großmamas weißes Gesicht in dem schwarzen Spitzenschal. Dachte sie ihrer fernen Jugend, wenn sie uns sah? Dachte sie daran, wie kurze Zeit sie noch mitleben und sorgen konnte?

Grazia kam aus ihrem Zimmer und schlang den Arm um sie. Großmama legt« die Zeitung weg und nahm die Brille ab. »Mein liebes Kindchen!« sagte sie und streichelte ihre Wange.

Die Verwandten mahnten uns in besorgten Briefen, abzureisen, wie es überall die meisten getan, und nach Hause zu kommen, des Streiks wegen, da niemand wissen könnte, was noch geschehen mochte. Aber weder Großmama noch wir waren ängstlich. Sie hatte uns zwar gerade aus der Zeitung vorgelesen, daß viele Züge nicht mehr verkehrten und die Post ungewiß wurde; die unheilverkündende Ruhe in den großen Hafen- und Fabrikstädten war geschildert; aber es war, als ob all das uns hier nicht berühren könnte.

Indessen sagte uns Harry Boreel, daß auch hier eine gefährliche Spannung herrschte, weil die Bürger über die vorzeitige Abreise der Badegäste und das Leerstehen ihrer Sommerhäuser erbittert waren.

Grazia wollte mehr über den Streik wissen. Sie hörte mich aufmerksam an, redete mir aber entgegen, und ich erkannte die Gedanken van Heysts.

»Heute hat niemand mehr ein Herz für den andern,« sagte Großmama, »meine Mutter hat der Matilda und Rebekka, ihren Mägden, selbst die Hochzeit ausgerichtet; aber sie hätten auch nie gewagt, etwas gegen ihren Befehl zu tun; und die Arbeiter grüßten schon von ferne, wenn mein Vater vorüberging.«

Großmama machte keinen Versuch, die Zeit zu verstehen, und während das Land vor großer Gefahr bebte, bangte sie nur um Grazias Glück.

Am andern Vormittag kamen wir auf unserm Spaziergang an dem stillen Hafen vorüber, in dem ein paar kleine Dampfer und viele Barken in der Sonne lagen. Infolge des Streiks wurde nicht gelöscht und nicht verladen; die Leute saßen in ihren Häusern oder in den Wirtschaften. Nur in ein paar Barken aus der Nachbarschaft sahen wir da und dort einen Burschen in Holzschuhen oder eine Frau in weißer Haube mit blitzendem Schläfenschmuck an den Körben hantieren. Über dem grünen Wasser standen drei Möwen mit erhobenen weißen Schwingen gleichsam regungslos m der Luft. Auf der andern Seite des Hafens lag ein großer schwarz gestrichener Ozeandampfer am Quai; am Ufer zog sich, tiefen Schatten auf das Wasser werfend, ein hohes graublaues Speicherhaus hin; dahinter stieg die Düne mit Resten alter Festungswerke aus der spanischen Zeit auf.

Die Ufergasse war leer gewesen. Aber als wir uns wieder umsahen, stand eine große knochige Frau vor uns, barfuß in Holzschuhen, ein jammervoll aussehendes Kind im Arm, und sah uns schweigend an. Die mit weißen Gardinen verhängten Scheiben und das gemalte Schild eines Milchladens glänzten in der Sonne. Grazia schlug die Hände vors Gesicht. Dann trat sie in den Laden, kam mit einer vollen Milchflasche wieder heraus und reichte sie der Frau, die rasch dankte und forteilte.

Da wir dem Quai entlang nach dem ebenso stillen Bahnhof gingen, sahen wir eine Gruppe von Bahnarbeitern in erregten Gesprächen; die Signalglocke klingelte; eine Glastüre wurde geöffnet und zugeworfen, und ein Beamter trat auf den Perron. Ein Zug fuhr langsam ein. Auf der Lokomotive befanden sich ein Ingenieur und zwei Gendarmen. Nur wenige Leute waren im Zug; aus dem ersten Wagen stieg Mark van Heyst. Er ging zur Lokomotive und sprach mit dem Ingenieur; der Bahnhofsbeamte trat hinzu. Als das Gespräch beendet war, und er sich umwendete, rief Grazia »Mark!« und eilte ihm entgegen, während ich langsamer folgte. Er grüßte, sein Blick streifte uns beide und sein schönes Gesicht blieb strenge. Ein Wagen fuhr eben vor, in dem ein Herr in Uniform saß, der ihn offenbar erwartete. Als er mit den anderen Herren durch die Schranke trat und wir folgten, standen die Arbeiter finster zu beiden Seiten; sein Blick glitt kalt über sie hin. Er sprach einen Augenblick mit Grazia, sagte, er werde uns aufsuchen, falls ihm irgend Zeit bliebe, und fuhr fort.

Er kam indessen bereits am frühen Nachmittag. Irgendein bedrohliches Ereignis, das an diesem Abend hier erwartet wurde, eine Versammlung, in der jemand sprechen sollte, der für gefährlich galt, hatte ihn hergeführt; auch hatte er sehen wollen, ob der Zug sicher durchkäme. Es schien jedoch alles nicht so schlimm zu sein. Im übrigen war auch er der Ansicht, daß wir abreisen sollten. In der Hauptstadt gab es so gut wie keine Fabriken und genug Militär. Aber Großmama wollte bleiben und Grazia hier behalten; er verbeugte sich, da er gerade ans Telephon gerufen wurde, mit einem höflichen »Bitte«, wie jemand, der nur seiner Pflicht genügen wollte.

Ich sah ihn dann wieder auf dem Balkon in dem grünen Lederbuche lesen. Ich habe viele Jahre später dieses Buch in die Hände bekommen; ich fand es unter Großmamas Nachlaß. Es war hilflos geschrieben. Man fühlte alle Hemmungen des Mädchens, das weder sich zu beobachten noch sich so preiszugeben gewohnt war. Damals empfand ich sein Lesen peinlich, wie eine beständige Indiskretion.

Ich ging ins Freie. Ich lag in dem nahen Wäldchen auf der Erde, als ich Schritte hörte und gleich darauf van Heysts verhaltene und vorwurfsvolle Stimme. »Mein Wunsch ist,« sagte er, »daß du so wirst, wie die Frau Mark van Heysts sein muß, wie ich dich mir vorstelle. Erinnere dich, was du mir versprachst, als wir uns verlobten!«

»Aber ich tue ja doch alles, Mark!« war ihre bittende Antwort.

Seine Erwiderung konnte ich beim Rauschen des Windes in den Bäumen nicht mehr deutlich hören, aber sie klang ablehnend. Die Schritte verhallten. Ich sprang auf und kam fast gleichzeitig mit ihnen nach dem Hause zurück. Auf den Türstufen stand das Mädchen: man hatte eben wieder telephoniert, und ein Polizist hatte ein Telegramm für den Herrn Inspekteur abgegeben. Van Heyst ging rasch an den Apparat. Grazia wartete, tief in Gedanken; ich setzte mich in einen der großen Rohrstühle, die unten standen, und zündete mir eine Zigarette an. Van Heyst kam sehr bald wieder und bat, daß ein Wagen geholt würde; er mußte sogleich nach der Stadt. »Es scheint irgend etwas im Gang zu sein«, sagte er völlig ruhig auf unsere Fragen. »Ich muß sehen. Wenn möglich, telephoniere ich, und wenn ich kann, komme ich wieder.«

Wir nahmen den Tee mit Großmama, wir hatten nur Vermutungen. Ich rief Boreel an, bekam aber keine Verbindung. Über dem Meer standen Wolken, und das Feuer des Leuchtturms flammte in der Ferne wie ein blasser Stern auf.

Auf dem Balkon einer Villa sah ich Leute, die mit einem Fernglas nach der Mole sahen. Ich tat das gleiche, konnte aber nichts Auffallendes wahrnehmen. Die Wolken nahmen, obgleich kaum ein Wind zu merken war, rasch zu; ein Regenschauer ging nieder, der nach etwa einer halben Stunde wieder aufhörte.

Wir hatten die Balkontüren geschlossen; das Mädchen machte eben Licht, als das Geräusch von vielen Pferdehufen auf feuchtem Boden uns betroffen machte; ich öffnete die Balkontüre, wodurch das Geräusch sogleich sehr laut und nahe wurde, und wir auch das Klirren des Zaumzeugs und das Klappern der Ledertaschen hörten; eine Abteilung Husaren ritt im Trab vorüber, der Stadt zu.

Wir fingen an, besorgt zu werden. Zweifellos hatte Mark die Soldaten kommen lassen, und wir wußten, daß er es nicht leichtfertig und ohne Grund tat.

Grazia stand in der Türe, an den Pfeiler gelehnt, und sah in die Ferne. Sie hatte eine Jacke an und die Hände in den Taschen; ihr Gesicht unter den blond ansteigenden Haaren und ihre Gestalt zeichneten sich regungslos von dem grauen Wasser und Himmel ab, die kaum mehr zu unterscheiden waren.

Ich stand in der Tiefe des Zimmers und sah ihr nach. In diesem Augenblick fühlte ich heftig, daß ich sie liebte.

Auch Großmama, die am Tisch bei der Lampe saß, sah öfter nach ihr; es war kühl, und sie wünschte sicherlich, daß die Türe geschlossen würde, aber sie sagte es nicht.

Die Flut war hereingekommen, und im weiten Halbrund spülten graue Wellen an Dünen und Häuser, in denen nur hier und da Licht schimmerte. Jenseits der Mole und des Leuchtturms in der Richtung des Hafens war ein roter Schein, der rasch röter wurde. Ein Ton drang herüber, bei dem Grazia zusammenfuhr; aber der Wind ging nach der andern Seite, und die Entfernung machte alles ungewiß.

Ich ging ins andre Zimmer und rief nochmals Boreel an; diesmal kam seine Frau ans Telephon und ihre Stimme klang aufgeregt: es müsse etwas geschehen sein, am Hafen würde geschossen; sie höre übrigens gerade Harry kommen. Ich sprach ihn gleichfalls, und er bestätigte, daß es zu Zusammenstößen gekommen war; am Hafen sei ein Brand und Militär sei tätig. Von van Heyst wußte er nichts.

Ich berichtete den Frauen, was ich gehört. »Begleitest du mich, Adrian?« fragte Grazia. »Sei nicht böse,« sagte sie zu Großmama; »es ist solch eine Unruhe in mir! wir kommen bald zurück!

Großmama sah sie an. »Seid vorsichtig, Kinder!« sagte sie, sonst nichts.

Wir fuhren auf unsern Fahrrädern durch die Stadt dem Hafen zu. Dann konnten wir nicht weiter; Gedränge und Polizisten sperrten uns den Weg. Wir stellten unsere Räder ein und kamen schließlich in eine Gasse, die durch ein Gitter vom Hafenquai abgeschlossen war. Dort stand niemand; man konnte auch nichts als den dunkeln Wasserspiegel sehen. Von irgendwoher tönte Geschrei, und wir wollten eben weiter, als wir einen Funkenregen auf das Wasser fallen sahen. Ein Schiff, an dem Teile des Verdecks und der Mast mit halb verkohlten Stengen noch glimmten und glühten und jedem Luftzug Funken gaben, trieb vorüber. Einen Augenblick später kam hinter uns ein Mann, der das Gitter mit einem Schlüssel öffnete und auf den Quai hinausging. Wir folgten ihm; er sah uns an, sagte aber nichts. Wir kamen an geschlossenen dunkeln Speichern vorbei; alles war leer und finster, nur wenige Laternen brannten; unsere Schritte hallten; aus weiter Ferne drang verworrenes Geräusch. Wir hatten eben eine Brücke betreten, als sie plötzlich mit uns in blendend weißem Lichte lag. Im nächsten Augenblick war die Finsternis noch tiefer: ein Scheinwerfer hatte die Brücke beleuchtet. Der Mann war nicht mehr zu sehen. Wir gingen am andern Ufer weiter und sahen das weiße Licht über hohe Krahne, über den Ozeandampfer und dann über die Wasserfläche gleiten; sahen auf dem andern Ufer abgesessene Husaren, die Karabiner auf dem Rücken, und sahen ein schönes braunes Pferd auf der Erde liegen.

Jetzt lag ein Gewirr dunkler Barken vor uns, die uns die Aussicht versperrten. Ungeduldig sprang ich vom Quai auf eines der Schiffe hinüber und stieg auf das Heck um auszuschauen. Grazia rief mich; ich schob ein Brett ans Ufer und sie folgte mir; in einiger Entfernung konnten wir das lange graue Lagerhaus sehen, das bis an die alten Befestigungen reichte und jetzt halb beleuchtet vor uns lag; Menschen eilten am Ufer entlang; ein paar Feuerspritzen fuhren eben davon. Der Hafen war offenbar geräumt worden, und es schien alles vorüber zu sein. Wir gingen ans Ufer zurück; ich sah wie das Brett unter Grazia schwankte, bot ihr die Hand, und sie kam noch glücklich herüber; ich mußte an das schmale finstre Wasser zwischen Quaimauer und Schiffswand denken. Wir schwiegen beide und wollten eben weiter gehen, als wir ein Geräusch hörten. Irgendwo in unsrer Nähe mußte jemand sich zu schaffen machen. Wir hörten ein Stöhnen. Auf den Zehen ging ich vor; zwischen den Speichern war hier ein schmaler gepflasterter Hof: an einem Brunnenbecken stand ein junger Mensch und preßte ein nasses Tuch an den Kopf, an dem er eine stark blutende Wunde hatte. Er warf uns einen wilden, halb erschreckten, halb drohenden Blick zu, als wir plötzlich vor ihm standen; aber er schien am Umsinken. Grazia hatte bereits ihr Tüchlein am Brunnen befeuchtet und statt seines schmutzigen Lappens auf die Wunde gelegt. Es war offenbar ein Säbelhieb. Mißtrauisch sah er uns an; dann redete er: er wollte nicht verhaftet werden. Nun sahen wir uns an. Endlich sagte ich: wenn er den Weg wüßte, würde ich ihn dahinbringen, wo er wollte. Ich riß unier der Weste einen großen Streifen von meinem Hemde, und damit und mit Grazias Schal machten wir ihm einen festen Verband. Denn den Weg aus dem Hafen wußte er und hatte nur Sorge wegen der Blutspuren; Polizei und Truppen suchten den Hafen ab. Wir stützten ihn beide und gingen mit ihm durch dunkle unbekannte Gassen. Einmal hörten wir Schritte, und standen alle drei erbebend still; wir drückten uns an die Wand hinter einem Pfeiler; die Schritte hallten laut und abgemessen aus einer Quergasse; Blicke fielen in unsre Finsternis, ohne uns zu sehen, und die Patrouille schritt weiter. Nach einer Weile setzten wir unseren seltsamen Weg fort, an Bretterzäunen, hinter denen große Hunde anschlugen, und an Baracken mit wenigen erleuchteten Fenstern vorüber, bis wir wieder in enge Gassen kamen, und unser Schützling an ein Fenster klopfte. Vorsichtig wurde es ein wenig geöffnet und halblaute Worte gewechselt, die wir nicht verstanden. Dann öffnete sich eine Türe, und ein Mann mit finsterem, unrasiertem Gesicht, der eine kleine Laterne hielt, erschien und sah uns ebenso mißtrauisch, wie jener vorher, und verwundert an. Naiv fragten wir, ob wir einen Arzt schicken sollten; ein Fluch des finstern Menschen antwortete; der andre aber drückte uns rasch die Hand und verschwand im Hause; die Türe wurde wieder geschlossen, und wir standen allein.

Wir hatten nicht daran gedacht, nach unserem Weg zu fragen, und gingen aufs Geratewohl zurück; bald hörten wir Stimmen und die Schritte vieler Menschen. Wir waren in der Stadt beim Hafen, inmitten der Menge, die sich zu zerstreuen schien, gerieten aber schon in einer der nächsten Straßen in einen dicht gedrängten Arbeiterzug. Die Leute sahen finster und niedergeschlagen aus. Wir waren einfach gekleidet, und das Bewußtsein dessen, was wir eben getan, gab uns eine merkwürdige Sicherheit. Übrigens schien sich niemand um uns zu kümmern. An einer Querstraße staute sich der Zug, in den wir eingekeilt waren. Ein Wagen, der hindurchzufahren suchte, wurde mit grimmigen Rufen aufgehalten. Vorne beim Kutscher lag Gepäck; die Leute fuhren offenbar nach dem Bahnhof; wahrscheinlich ging ein Zug. Jemand im Wagen schrie dem Kutscher etwas zu, der mühsam die aufgeregten Pferde festhielt, und jetzt loszufahren suchte. Ein Gebrüll erhob sich. Leute fielen dem Kutscher in die Zügel, ein Mann stand im Wagen auf und drohte. Es war Harry Boreel. »Streikbande, verfluchte!« rief er, während Lisa, die ihn totenblaß umfaßt hielt, ihn zurückzuhalten suchte. Wir waren nur wenige Schritte entfernt, obwohl wir weder vor noch rückwärts konnten. Ich sah nach Grazia, die noch blasser geworden war als ihre Freundin. Jetzt aber tauchten berittene Polizisten neben dem Wagen auf und machten ihm Bahn. Mit ihren Pferden schlossen sie die Straße ab, so daß sie die Leute überall zurückdrängten. Einen Augenblick glaubten wir erdrückt werden zu müssen, da der Zug noch immer von rückwärts nachdrängte. Ich hielt Grazia fest umschlungen, um nicht von ihr getrennt zu werden. Dann wurde Luft, und langsam bewegte sich die Menge zurück. Es dauerte eine Viertelstunde, ehe wir einen kleinen Platz erreicht hatten, der ganz nahe hinter uns lag. Auch er war dicht mit Menschen gefüllt. Auf einer Kiste oder einem Stuhl, wir konnten es nicht sehen, stand ein Mann vor einem Hauseingang und redete. Es war ein kleiner Mann mit dichtem Haar und einem buschigen Schnurrbart unter scharfen leuchtenden Augen. Ich habe seither viele Sozialisten kennen gelernt, die mir wenig gefielen. Aber aus dem Gesicht und den Worten dieses Mannes sprach Empörung und Entschlossenheit und eine sichtbare tiefe Liebe zu den Menschen vor ihm, die an seinem Munde hingen. »Geht nach Hause, Genossen,« schloß er, »geht nach Hause! Es hat keinen Zweck, daß jetzt noch Blut fließe! Das wollen sie ja nur! Unser Recht wird uns werden, und kein Inspekteur mit seinen Husaren kann es niedertreten!«

Der Platz begann sich zu leeren. Ihr trotziges Lied singend, gingen die Leute auseinander. Ich suchte nach dem Mann, der gesprochen hatte; aber er war nicht zu sehen; er war mit den Leuten fort oder in ein Haus gegangen. Ich wußte nun, wer er war; ich hatte seinen Namen nennen hören: es war Jan Berkhout von der zweiten Kammer.

Auf dem Strandweg fanden wir einen Wagen und fuhren nach Hause. Großmama erwartete uns nicht ohne Sorge und hörte gespannt und mit vielen Ausrufen unsere Erzählung. Van Heyst hatte angerufen und war nicht erfreut gewesen zu hören, daß wir nach dem Hafen gefahren waren. Im Lauf des Abends rief er nochmals an, und Grazia ging ans Telephon und sprach mit ihm.

Er kam am nächsten Vormittag. Er war sehr ernst, aber sein ganzes Verhalten vom Bewußtsein seiner Leistung gehoben. »Der Kampf geht zu Ende, und die Ordnung siegt,« sagte er, »aber niemand kann wissen, was sich noch ereignen kann,« und er riet uns nochmals dringend, abzureisen. Auch Großmama hatte die Freude verloren und war nun ungeduldig, nach Hause zu kommen.

Grazia war sehr bleich. Man sah ihr die schlaflose Nacht an. Beide sprachen eine kurze Zeit allein miteinander; dann fuhr er sogleich wieder fort. Ein Herr wartete im Wagen vor dem Hause auf ihn. Auf dem Strandweg sahen wir berittene Posten.

Draußen regnete es unaufhörlich; die Bucht und die Stadt, die ganze Welt unter den Wolken schien immer kleiner, enger und trüber zu werden.

Gegen Nachmittag ging ich einen Augenblick auf die Düne hinaus. Ich sah das Meer und die Wellen unten an den Strand schäumen; über mir jagte der Wind die zerrissenen Wolkenstreifen hin; die Seevögel flogen kreischend über dem Strand. Mein Herz schwoll über in unsagbarer Sehnsucht und in Trauer um mich selber wie um Grazia. Aber ich hielt an mich und sprach nicht; ich wußte, daß es hoffnungslos war.

Ich kehrte ins Haus zurück. Die Koffer waren in die Zimmer gebracht worden; die Türen standen offen, weil alle beständig hin und her gingen. Großmama packte oben mit ihrem Mädchen; Grazia war in ihrem Zimmer. Sie hatte mich nicht eintreten gehört und glaubte allein zu sein, denn ich hörte sie plötzlich nebenan laut sagen: »Was soll ich nur tun?! was soll ich nur tun?!«

Ich rührte mich nicht; aber ihre ganze Qual strömte gleichsam in mich über. Nach einer Weile trat ich ein und fragte, ob ich ihr helfen könnte. Ich packte ihre Bücher, während sie Kleider und Wäsche aus dem Schrank zurechtlegte. Da lag das grüne Buch mit der Messingschließe vor mir; ich zauderte – Grazia sah herüber, nahm es und legte es beiseite.

Die Straßen, durch die der Wind raste, lagen verlassen und öde, als wir zum Bahnhof fuhren. Der Bahnhof war von Miliz besetzt; in jedem Wagen sahen wir Uniformen; längs der ganzen Strecke standen Posten, den Mantel umgeschlagen, das Gewehr auf dem Rücken.

An jeder Haltestelle des Zuges wurden Zeitungen ausgerufen. Großmama las sie mit uns; aber öfter noch ruhten ihre Blicke auf Grazia und mir.

Wir fuhren in die vertraute Stadt ein, in der die Lichter brannten. Sie bedeutete die Trennung für mich, denn ich wohnte nicht bei Großmama.

Nie werde ich diesen Herbst vergessen, die Aufregung, die über den nebligen öden Straßen lag, die immer wieder durchreitenden Truppenabteilungen, die Gruppen und Züge von Arbeitern. Für mich sind diese Bilder für immer mit dem Schicksal des schönen Mädchens verknüpft, das mir so wichtig geworden war, und irgendwie fühlte ich damals und weiß ich heute, daß dies nicht nur äußerlich war. Schließlich besteht die Welt aus einzelnen Menschen, und jeder trägt die Zeit und ist von ihr getragen.

Der Streik ging zu Ende. Die Kammern waren versammelt; ein neues Gesetz war vorgelegt, das ähnliche Ereignisse unmöglich machen sollte. Ich war bei der entscheidenden Sitzung. Der Hof, um den die alten Gebäude liegen, war von Truppen bewacht, die Menschen standen gedrängt davor und warteten. Als ich meinen Platz auf der Tribüne einnahm, sah ich nicht weit von mir Grazia mit Onkel Hendrik. Wir hörten die heftigen Anklagen der Arbeiterführer, die abgemessene Stimme des Ministers, hörten ihn die Ausschreitungen schildern, die die Streikenden sich zuschulden kommen lassen, hörten ihn den Brand im Hafen unseres Städtchens, die verdienstvolle Energie des Inspekteurs Herrn van Heyst erwähnen. Ich sah Grazia über und über erröten und ihren Schleier herunterlassen. Alle Zeitungen brachten van Heysts Namen.

Am Tage darauf war ich bei Großmama zum Tee; die Anwesenden sprachen über die Sitzung und über die Ereignisse mit jener kalten Leidenschaftlichkeit, mit der Menschen in Parteikämpfen von Menschen sprechen. Und jung, wie ich war, sagte ich, daß mir Berkhouts Rede besonders gefallen, weil er so menschlich gesprochen hätte.

Ein Schweigen entstand; die Verwandten waren starr; obwohl viele Bürgerliche in jenem Streit die Partei der Arbeiter nahmen, unsere Familie war ungeteilt. Die volle männliche Stimme Mark van Heysts brach das Schweigen.

»Hier steht ganz anderes auf dem Spiele,« sagte er, »hier kann man nicht sentimental sein ...«

»Ach,« erwiderte ich ärgerlich, »brauchen Sie doch dieses Wort nicht! Man kann menschlich sein. Als Grazia und ich bei dem Brand im Hafen den verwundeten jungen Arbeiter fanden, da haben wir ihn verbunden und in Sicherheit gebracht: wir handelten einfach menschlich ...«

»Adrian!« rief Grazia.

»Was taten Sie? und Grazia? was ist das?« fragte Mark.

Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß er nichts wußte, und ich hätte innerlich gelacht, da er erfuhr, daß seine Verlobte einen Aufrührer vor ihm und seiner Polizei geschützt hatte. Aber als ich Grazias Gesicht sah, erkannte ich, was ich angerichtet: ich hatte sie preisgegeben. Eine schwere Verstimmung lag über der Gesellschaft; es kam kein Gespräch mehr in Gang; und als die übrigen Gäste gegangen waren und wir zu erklären anfingen, kamen Grazia und ich in eine Art Verhör. Wir und auch Großmama wollten die Sache als etwas Natürliches und, weil es vorüber war, nun auch Gleichgültiges abtun, aber Mark wurde immer ernster.

»Was hätte ich anderes tun können, Mark?« sagte Grazia flehend.

»Das ist doch klar! Dich zum mindesten nicht einmischen! Ich will nicht davon sprechen, daß das, was du und dein Vetter getan, strafgesetzlich verfolgt werden müßte ...«

»Warum tun Sie es nicht?« rief ich. »Es würde großartig wirken, einfach altrömisch ...!«

»St! Adrian!« warf Großmama ein.

Er ignorierte meine Bemerkung und sprach weiter: »... und daß du mich innerlich in einen peinlichen Zwiespalt bringst ...«

»Ja, das verstehe ich,« sagte Grazia, »in einem Zwiespalt war ich auch. Und ich begreife, daß du recht hast; aber du mußt auch begreifen, daß ich nicht anders konnte.«

Mark biß sich auf die Lippen. »Wir werden darüber noch sprechen, Grazia.« Er sah auf die Uhr. »Jetzt muß ich gehen. Ich komme morgen um die gewöhnliche Zeit.«

Er verabschiedete sich, und Grazia, deren Aufregung für uns peinlich zu sehen war, begleitete ihn hinaus. Großmama und ich sahen einander an. »Nun wird das Kind wieder die ganze Nacht nicht schlafen«, sagte Großmama. Es tat mir leid, gesprochen zu haben, obgleich Grazia reizend genug war, es mir nicht übel zu nehmen. Was mich wunderte und mir zu denken gab, war, daß sie offenbar auch in ihr Tagebuch nichts von unserem Erlebnis geschrieben hatte, ob sie es nun nicht vermocht oder nicht gewagt hatte.

Es war in jenen Tagen, den letzten, in denen ich sie noch wie bisher sehen konnte, ein bitteres Glück für mich, das ich auskostete. Eines Abends kam ich zu Großmama zum Essen. Das Mädchen ließ mich ein; im Speisezimmer blieb ich stehen: durch die angelehnte Türe hörte ich die alte Frau im Salon nebenan mit heftiger, fast rauher Stimme sagen: »Wenn dies so weiter geht, so werden Sie sie in wenigen Jahren unter die Erde gebracht haben! Grazia ist viel zarter als sie ahnen! sie ist zart wie ein Rosenblatt!«

Ich weiß nicht, was Mark antwortete, denn in diesem Augenblick tönte im Vorraum der Gong, der zu Tische rief, und als das metallene Dröhnen aufhörte, war es im Salon stille; da ich eintrat, stand Großmama allein in ihrem schwarzen Spitzentuch an einem der Blumentischchen und richtete mit hastigen zitternden Händen etwas an den Tulpen.

Dann saßen wir alle vier unter der Lampe um den Tisch im Speisezimmer, als wäre nichts vorgefallen. Mark sah ruhiger und selbstsicherer aus als je. Grazia war sehr schön in einem schweren ausgeschnittenen Abendkleid. Sie sollte nachher mit ihm ins Theater fahren. Nach dem Essen blieben wir noch eine kurze Zeit im Salon beisammen. Es war ein großes Zimmer mit schweren alten Möbeln und Vorhängen. Großmama saß sehr aufrecht auf dem Sofa und bewegte leise die Lippen; Mark und Grazia betrachteten Photographien unter einer hohen schlanken altmodischen Lampe. Nie war mir Grazia so bräutlich erschienen wie an diesem Abend. Es war eine Minute, in der niemand sprach. Die Fensterscheiben zitterten leise vom Rollen eines Wagens. Plötzlich lauschten wir alle einem Lärm und Ton, der näher kam. Viele Schritte füllten die Straße, und ein trotziger Gesang, das gleiche Lied der Arbeiter wie damals.

Mark hatte den Kopf erhoben und hörte mit abweisender Miene, gleichsam mit innerlichem Achselzucken, hin. In Grazias Gesicht war derselbe gequälte Ausdruck wie damals; mit einem schmerzlichen Lächeln sah sie auf Mark.

»In unserem Lande werden sie damit nicht weit kommen, wenn alle ihre Pflicht tun«, sagte van Heyst mit seiner ruhigen tiefen Stimme und strich ihr mit überlegener Zärtlichkeit über das Haar.

»Ja, ja, die Pfeiler des Staats und der Gesellschaft sind nicht zu erschüttern«, sagte ich.

Niemand antwortete. Mark zuckte auch äußerlich die Achseln. Ich war es, der mich lächerlich machte. Hatte Mark am Meer durch mich gelitten, so erhielt ich es jetzt reichlich zurück.

Gesang und Schritte in der Straße waren verhallt, und das Mädchen trat ein und meldete, daß der Wagen gekommen sei. Das Brautpaar verabschiedete sich.

»Mein armer Adrian!« sagte Großmama, als ich wieder ins Zimmer trat, nachdem ich die beiden zum Wagen begleitet hatte. Ich küßte ihre Hände.

Drei Wochen später fand, wieder in Onkel Jeans Haue, die Hochzeit statt. Onkel Jean mit den zarten roten Wangen und dem graublonden Bart, im Frack, sprach, das Sektglas in der Hand, von Glück und Liebe und einem Wunderland, in das die beiden eingingen. Viele Reden wurden gehalten unter Rosen, Tulpen und Chrysanthemen. Mark wurde sehr gefeiert. Hingegeben, bewundernd, sah Grazia nach ihm. Großmama saß im Lehnstuhl und nahm die Glückwünsche, die ihr von allen Seiten dargebracht wurden, mit einem erstarrten Lächeln entgegen. Ihr Gesicht unter der hellen Spitzenhaube mit den orangefarbenen Bändern schien mir knochig und gealtert. Als Grazia sich ihr in die Arme warf, schluchzte sie mit ihrer gebrochenen Stimme auf, und Tante Berthe und Onkel Hendrik, die ihr zunächst saßen, hörten sie mit Verwirrung die Worts »Mein armes Kindchen!« wiederholen, während Mark, der daneben stand, stattlich und schön im Frack, mit mehreren kleinen Orden, eine große weiße Blume im Knopfloch, es gleichfalls hören mußte. Er beugte sich herab und zog Großmamas hagere gelbe Hand an die Lippen.

Man war aufgestanden und trank Likör und schwarzen Kaffee; die alten Herren sahen, ihre schweren Zigarren rauchend, zu den Amoretten unter der Decke, die Guirlanden hielten um die Bilder reicher, ernster Vorfahren und die Modelle bewimpelter Schiffe an den Wänden. Selbst Harry und Lisa Boreel sah ich von der allgemeinen Feststimmung mitgerissen, als hätten sie nie anderes gesprochen oder gedacht.

Am Tage darauf fand ich Großmama allein in Grazias halb ausgeräumtem Zimmer, das in einer Lade vergessene Buch in grünem Leder in der Hand. Der Schlüssel fehlte. Und jetzt völlig unbeherrscht, warf sie es auf die Erde und stampfte mit dem Fuß. Ich hob es auf: »Es ist von Grazia!« sagte ich.

»Nein, das ist nicht sie!« rief die alte Frau. »Das ist, was er ihr abquält! Aber man kann ja nichts tun.« Sie nahm mir das Buch wieder aus der Hand und wollte es einschließen. Dabei fiel ein Blatt aus dem Buch: Es waren wenige Zeilen eines angefangenen Briefes: »Mein geliebter Mark, es wird mir so schwer, dir das zu sagen; aber manchmal wird mir bange, wenn du nicht begreifst, was ich fühle. Du bist so klug, und ich weiß, daß du gut bist, aber du glaubst wohl, du darfst es nicht zeigen. Ich aber brauche es; ich vergehe vor Glück, wenn du gut zu mir bist, und du weißt nicht, wie ich leide, wenn du es nicht bist. Die andern Menschen, selbst ...« hier brach die Schrift ab. Großmama hatte mir das Blatt gereicht; wir sahen einander nicht an, und ich schob es schweigend wieder in das Buch zurück.

»Ich war gestern bei dem Begräbnis deiner Cousine«, sagte mir zwei Stunden später ein Freund, der bei der Trauung in der Kirche gewesen war. Es war derselbe, der einst gesagt hatte: »Besseres als sie kann kein Mann sich wünschen!«

 

Großmama hat das, was kommen mußte, nur noch ein Jahr mit angesehen. Dann starb sie. Ich nahm eine Stelle in den Kolonien an. Vier oder fünf Jahre später sah ich Grazia, bei einem Besuch in der Heimat, zum erstenmal, in Onkel Hendriks Haus wieder. Sie war blaß, dunkel gekleidet, noch immer schön, aber mit zwei scharfen Linien im Gesicht. Sie begrüßte mich sehr freundlich, aber doch fremd; wie jemand, der seit langem in einer andern Welt lebt. Ich wußte, daß Mark bereits eine hohe Stellung erreicht hatte. »Ihr Haushalt füllt sie ganz aus«, hatte Tante Berthe gesagt. In der Tat sah Grazia mit einer gewissen Angst nach der Uhr: »Mark kommt aus dem Amt nach Hause; ich muß sehr pünktlich sein«, sagte sie. Als sie aufstand, sah ich, wie mager sie geworden war. Ihre zwei wohlgekleideten, wohlerzogenen kleinen Kinder kamen mit dem Fräulein herein; beide Frauen waren ganz mit dem Anziehen der Mäntel, dem Richten der Hüte und Schuhchen beschäftigt, während Tante Berthe bewunderte. »Grazia hat es sehr gut, wenn auch ihr Mann ein wenig strenge ist,« sagte Tante Berthe, als sie gegangen war.

Grazia ist nun auch schon lange tot. Wie fern diese Tage hinter mir liegen!

*


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