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Die Heiligen

Als Tito Zanetti, der Schneider, wegen seiner schmächtigen Figur Titino genannt, die kleine Erminia Piratelli zur Frau bekam, war er vollkommen glücklich. Er hatte lange geworben; Erminia, die zart und schlank war, mit brauner Haut und schönem schwarzem Haar und einem winzigen Fläumchen auf der Oberlippe, hatte, obwohl sie Tito von Kindheit an gut war, durchaus ins Kloster gehen und Nonne werden wollen, und es hatte unendlichen Zuredens von ihren und von Titinos Eltern bedurft, bis sie, bedrückt und unter Tränen, ihr Jawort gegeben hatte.

Bei der Hochzeit war Titino maßlos vergnügt und trank vielleicht etwas mehr von dem dunkelroten Wein, als für ihn gut war. Da er vor den Gästen seiner Braut einen Kuß geben wollte, wich sie zurück und bog aus. »Jetzt ist's erlaubt! jetzt darfst du's!« versicherte Titino eifrig. »Er hat recht!« sagten lachend die Gevatterinnen. Aber Erminia saß blutrot da und starrte ihn ängstlich und etwas böse an. Titino legte den Arm um sie und wollte sie an sich ziehen; sie sträubte sich heftig und begann zu weinen. Da erschrak Titino: »Beruhige dich, meine Teure!« sagte er und ließ sie los, und sie strich sich Haar und Spitzenhemd zurecht.

Die Männer lachten und stießen einander an: »Oh, was für eine Heilige!«

»Armer Titino!« sagte Cesare Sora, der Fleischer, und er flüsterte ein paar Worte in seines Nachbars Ohr. Titino wurde bleich. Dann ward er um so ausgelassener, trank noch mehr, sang und stritt wegen gleichgültiger Dinge und konnte zuletzt nur mit Mühe beruhigt werden.

Aber nach der Hochzeit war Titino nicht glücklich. Daß er still war, blaß und fahrig, das merkten alle, während Erminia gesenkten Kopfes ging und niemanden ansah. Ein Geflüster begann in der Nachbarschaft und zuletzt ein heimliches Gelächter, von dem niemand sagen konnte, wo es seinen Anfang genommen; vielleicht hatte die Erminia vor der Beichte ihre verheiratete Schwester oder eine Freundin zu Rate gezogen.

Die beiden Mütter redeten umsonst. Auch der Pfarrer sprach vergeblich. Und dann glitt es von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr; selbst die Frauen erzählten sichs, auch Titino hatte bis dahin wie ein Heiliger gelebt.

»Darum!« sagten die Gevatterinnen.

Im Dorf sparte man nicht an Witzen. »Ihr wollt also beide Heilige werden?« sagte Cesare Sora, der Fleischer, zu Titino.

»Wenn ich heirate, sollte die Meine einmal solch eine Mode einführen!« bemerkte Tommaso, der Gesell des Fleischers.

Und der Schneider, der sonst auf alles eine Antwort gewußt, wagte keine. Er, der immer sauber und seiner Kunst gemäß gekleidet war, ging mit zerrissenem Hemd, und an seiner Jacke fehlten die Knöpfe. Wenn er etwas zu besorgen hatte, tat er es heimlich so früh und so spät abends, als er konnte, um den Leuten nicht zu begegnen. Auch Erminia ging nur wenig aus und sprach nicht. Am häufigsten ging sie nach dem Kloster, in das sie für immer hatte gehen wollen.

 

Es war voller Sommer geworden. Die Hitze lag schwer und drückend auf Hügeln und Feldern; die Vögel schwiegen; nur die Zikaden zirpten im Laub.

Oben auf einem schmalen Hügelweg ging Titino ums Dorf. Im Schatten eines breiten Ölbaumes setzte er sich um auszuruhen auf die niedere Steinmauer, hinter der die roten Mohnblumen aus dem gelben Korn flammten. Vor ihm stiegen Gärten, Häuser und Weinberge in Terrassen zur Straße hinab. Weit drüben lag sein kleines Haus mit drei steinernen Bogen im Vorbau. Er seufzte.

Jenseits des kleinen Mauerrandes auf der andern Seite des Weges stand eine dichte Hecke; dahinter war ein vernachlässigter Garten. Unter den Mandelbäumen lag ein junges Weib im Gras. Sie sah ihn sehr genau, während er sie nicht sehen konnte. Nachdem er eine Weile traurig dagesessen, stand er wieder auf, um weiterzugehen.

Die im Grase liegende Frau rief: »Titino!«

Er fuhr ein wenig zusammen, sah sich überrascht um und bemerkte niemanden. Die junge Frau lachte; dann erhob sie sich und bog die Zweige auseinander. »Guten Tag, Titino!« sagte sie.

Nun erkannte er sie; es war Lucia Cogni, die Frau des Oreste Mazzarelli, der irgendwo in Südfrankreich auf Maurerarbeit war.

Sie begann ein Gespräch mit ihm. »Ist es wahr, daß deine Frau eine Heilige ist und in deinem Hause die Mode des Himmels einführen will?« fragte sie und lachte. Da er böse wurde und gehen wollte, hielt sie ihn an der Jacke fest. Mit einem ganz eigentümlichen Blick sah sie ihn an. »Es wäre besser für dich, wenn du eine andere Frau hättest!«

»Aber ich mag nun einmal die Erminia!«

»Es müßte anders sein!«

»Wie könnte es anders sein?«

Sie hielt den Kopf geneigt im Laub zwischen den Zweigen; ihre Wangen waren weich, ihre Haare üppig und rotblond, die Lippen groß und schwellend.

Sie standen voreinander da. Eine Eidechse huschte über den Weg.

»Ich muß gehen«, sagte er befangen.

»Oh Titino, du bist dumm! ... aber ich habe Mitleid mit dir. Komm, ich will dir einen Rat geben. Ganz nahe ... ich sage ihn dir ins Ohr.«

Und da er sich zu ihr herabbeugte, um den Rat zu hören, umschlang sie ihn mit den Armen, zog ihn an sich und küßte ihn auf den Mund. Und so weich waren ihre Arme und ihre Lippen sogen so fest und süß an den seinen, daß er nicht anders konnte, als sie immer wieder küssen und sich küssen lassen.

»Komm!« sagte sie endlich mit leisem Lachen, »ich muß dir noch besseren Rat geben. Du weißt gar nicht, wie hübsch du bist, Titino!«

Ihre grauen Augen hielten die seinen fest und ihre Stimme veränderte sich. Halb ohne zu wissen, was er tat, stieg er über die niederen Steine und durch die Büsche und folgte ihr durch das weiche Gras zwischen den Mandelbäumen und Jasminstauden.

Lucia Mazzarelli wohnte ganz allein.

Die schwere Hitze lag über den Hügeln und Weinbergen. Das Dorf schlief. Cesare Sora und sein Gesell Tommaso schnarchten auf der weißen Marmorbank im Laden, während die Fliegen um das Fleisch summten. Die Schnitter auf den fernen Feldern hatten den Schatten am Fuß der Felsen aufgesucht. Die weißen Häuser und die Büsche lagen wie im Schlaf. Die Luft zitterte vor Wärme, der Himmel war ein starres Blau, in der Ferne schwebten hohe weißleuchtende Wolken.

 

An Titinos Jacke fehlte kein Knopf mehr, er trug sich sauber; seine Wangen röteten sich, und wenn die andern ihn neckten, lachte er. Oder er sagte: »Laßt meine Frau in Ruhe und mein Haus! Ihr versteht es doch nicht!« Und er machte eine fromme und bedeutsame Miene.

Mit seiner Frau lebte er im besten Einvernehmen.

Sonntags ging er still neben ihr. Einmal, nach dem Gottesdienst, rief Don Colarosa, der Pfarrer, ihn heran und sprach mit ihm. Der Pfarrer war ein großer breiter Mann, und Titino stand vor ihm wie ein Schulknabe. Aber seine Augen sahen fromm zu ihm empor: »Ich habe mich in alles gefügt, Hochwürden,« sagte er, »man kann eine Person nicht zwingen ... Sie wissen wohl ... das Gewissen ... eine heikle Sache ...«

»Hm!« machte der Pfarrer und sah ihn an.

Titino ging davon wie ein Knabe, den der Lehrer entlassen hat. Manchmal wenn Erminia Früchte nach dem Kloster brachte, begleitete er sie eine Strecke und sprach freundlich mit ihr. Am Eingang des Klostergartens blieb er stehen und sah, wie sie auf den Kieswegen zwischen Rosen und Orangenbäumen auf das Gebäude zuschritt und einzelne Nonnen, die im Garten waren, fromm begrüßte, bis sie im Säulengang verschwand. Mancherlei dachte Titino, während er ihr nachsah, und auf dem Rückweg, aber seine Gedanken waren nicht klar.

Im Dorf hatte man sich an das stille Verhalten der beiden gewöhnt, und ließ die »Heiligen« in Ruhe.

Gelegentlich sah man Titino am heißen Mittag einen fertigen Anzug oder einen Stoff überm Arm, auf dem obern Hügelweg gehen. Daß er in dunkeln Nächten, und auch, wenn sie mondhell waren, in den Schatten der Häuser und Gartenmauern geduckt, sich nach dem kleinen Haus oben unter den Mandelbäumen und Jasminstauden schlich, sah niemand.

Eines Abends ging er auf der andern Seite des Tals am Rande des Eichenwalds, der sich über den Hügelrücken zog und sich dann in eine tiefe steinige Schlucht senkte.

Unter den Bäumen hörte er weibliche Stimmen singen und rufen.

Als er näher kam, sah er zwei Mädchen, die eine Last dürrer Zweige zurecht machten. Es waren die Adela und Sandra Tosin, die mit den Piratelli verwandt waren, kecke Mädchen. »Wir rufen nur unserem Bruder, der uns helfen soll«, sagten sie lachend.

Aber kein Bruder kam, und so half er ihnen, die Zweige bündeln, und trug einen Teil, bis der Weg zum Dorf abwärts führte. Ihre braunen Gesichter lachten unter den weißen Kopftüchern, die, oben durch eine Platte zum Tragen gesteift, zu beiden Seiten des Kopfes in rechten Winkeln auf die Schultern fielen.

Als sie nach ihrem Hause gingen und er umkehrte, verlangte er Lohn, und da sie lachend den Kopf schüttelten, hatte er im Augenblick erst die eine, dann die andre geküßt.

»Oh, Titino!« sagten sie erstaunt.

 

Die kleine Erminia hatte einen gesunden Kinderschlaf. Sie legte sich abends hin und wachte des Morgens auf. Aber einmal erwachte sie mitten in der Nacht mit einem leichten Schreck. Sie war sicher, daß sie die Türe gehen gehört hatte. Sie sprang auf und warf einen Rock über. Titino hatte ihr das große Bett überlassen und schlief in der Kammer. Die Kammer war leer.

»Titino!« rief sie ängstlich. Aber sie war allein im Haus. Es war ein« windige Nacht; durchs Fenster sah sie die Wolken am Mond vorüberjagen. Sie zündete ein Licht an und setzte sich an den Tisch, um auf Titino zu warten. Am Tisch schlief sie ein. Als sie erwachte, war das Licht niedergebrannt; die Glieder schmerzten sie, und sie ging wieder zu Bett.

Am Morgen fragte sie ihn, wo er gewesen.

»Was soll ich zu Hause?« antwortete er, »und was kümmerts dich?«; freundlicher werdend fügte er hinzu: »Geh nur, meine Kleine, und bring uns das Frühstück!«

Sie brachte Wein, Brot und Wurst; da lag er schlafend auf dem Bett, und sie betrachtete ihn. Spät erwachte er, wusch sich und kämmte sich die Haare.

»Titino,« fragte sie schüchtern im Lauf des Tages, »du bist jetzt zufrieden mit mir?«

»Es ist mir alles recht, meine Teure! was nicht sein kann, kann nicht sein.« Er schnitt den Faden durch, mit dem er nähte, und legte die Schere auf den Tisch. »Bete nur fleißig, meine Erminia, und sorge nicht um mich.«

Alles im Hause war sauber und gut gehalten, wie an Erminia selber alles sauber saß. Immer arbeitete sie, wenn sie nicht zur Andacht ging.

Er stand auf und trat ins Freie. Auch im Garten standen die Gemüsebeete und die roten Nelken in zierlicher Ordnung. An den Steinbogen rankte sich der Wein empor.

In der Türe stand Erminia und sah nach ihm, er lächelte, sagte »Auf Wiedersehen!« und ging pfeifend den Steinweg hinab.

Eine Weile später kam Erminias Mutter, eine schöne verwitterte alte Frau im schwärzen Kopftuch. Sie fand Erminia weinend.

»Was hast du?« fragte sie, »wo ist Titino?«

»Er ist ausgegangen.« Mehr wollte sie nicht sagen.

»Es ist nicht recht, meine Tochter,« sagte die Mutter seufzend, »es ist nicht recht.«

Und dann weinten beide, Mutter und Tochter, auf der Bank unter den Steinbogen.

 

Die Frauen der Nachbarschaft standen oder knieten in dem weiten Flußbett, in dem ein schmaler Wasserstreifen zwischen Geröll und Sand lief, und wuschen. Das schwarzgrüne Wasser, auf dem weißer Seifenschaum schwamm, funkelte in der Abendsonne; die nasse Wäsche, rot, schwarz und bunt, tauchte unter ihren Händen aus dem Wasser oder lag ausgewunden in den Körben. Über die steinerne Brücke weiter unten fuhr ein hoher zweirädriger, mit zwei weißen Ochsen bespannter Karren; der Kutscher ging nebenher und sang ein eintöniges Lied.

Die kleine Erminia war mit ihrer Wäsche fertig; sie zog Schuhe und Strümpfe an und richtete ihr Kopftuch. Da fühlte sie einen Blick auf sich gerichtet und sah auf.

Nicht weit von ihr stand Lucia Mazzarelli, die Frau des Maurers, den einen Arm in die Hüfte gestemmt; ihr fester Fuß stand im Wasser, sie hatte ihre Jacke geöffnet und zurückgeschlagen, das Hemd war ihr auf der einen Seite ein wenig von der üppigen Schulter geglitten; die grauen Augen sahen forschend auf Erminia.

»Was hast du zu schauen?« fragte Erminia.

»Nichts« sagte die andere.

»Lucia,« rief eine der Knienden aufblickend, »mein Mann hat mir aus Frankreich geschrieben. Hat Oreste dir auch geschrieben?«

»Oreste schreibt nicht,« sagte Lucia, »er kann nicht schreiben,« und langsam senkte sie das ausgewundene Wäschestück in ihrer Hand in den Korb.

»Im November kommen sie zurück«, fuhr die Knieende fort, und da ihr Blick auf Erminia fiel, die sich zum Gehen anschickte. »Die Erminia hats gut; hat ihren Mann zu Haus, der muß das Brot nicht im Ausland suchen!«

»Ja, die Erminia hats gut!« sagte die Lucia.

»Was hast du an mir zu schauen?« fragte die kleine Frau des Schneiders gereizt.

»Nichts. Darf man eine Frau nicht anschauen, der's gut geht?« Mit einem höhnischen Lachen wendete sie sich wieder ihrer Wäsche zu.

Die Frauen wurden stille. Erminia griff schweigend nach ihrem Korbe, hob ihn auf den Kopf und ging.

»Sie trägt Schuhe und Strümpfe auch am Werktag!« sagte eine der Knieenden, ihr nachsehend.

»Dafür ist sie auch eine Heilige!« Ein Gelächter entstand. Erminia hörte es noch; sie hatte Luft den Korb zu Boden zu werfen, und in ihre Augen traten Tränen.

»Arme kleine Heilige!« sagte die Cesarina Tosin, eine große stämmige Frau mit mächtigen Armen und Waden; sie sagte es lächelnd, wand einen großen schwarzen Kattunrock aus und warf ihn beiseite.

Die sinkende Sonne funkelte durch die Sträucher am Ufer gegenüber; der Fluß lag im Schatten. Die meisten waren mit ihrer Wäsche fertig; schwatzend machten sie ihre Kleider und Kopftücher zurecht und nahmen ihre Körbe auf.

»So hast du gar nichts von Oreste gehört?« fragte die Frau, die vorher von ihrem Manne erzählt hatte.

Lucia Mazzarelli antwortete nicht.

 

Auf der rauhen Steinwand eines Hauses am Ausgang des Dorfes stand mit schwarzer Farbe »Wein, Getränke« geschrieben, und ein grelles Plakat verhieß Vermuth aus Turin. Vor der engen Türe stand ein beladenes Maultier; es trug an jeder Seite einen geflochtenen Korb, aus dem eine gewaltige mit Stroh umwickelte Weinflasche sah. Auf dem Platz neben dem Hause stand Cesare Sora, der bärtige Fleischer, mit dem Gemeindeschreiber Vittorio Emanuele Bontempi und dem Kaufmann Amadio, alle drei hemdärmelig, und spielten Boccia. Auf einer Steinbank hatten sie eine Flasche Wein und Gläser stehen.

Titino kam vorüber, eine schwarze Uniformhose über dem Arm; sie hielten ihn an, mitzutun; er war einer der geschicktesten, »mit der Kugel wie mit der Nadel«, sagte Bontempi. Er legte die Hose auf die Bank und spielte mit.

Don Colarosa, der Pfarrer kam vorüber, blieb stehen und besprach die Würfe mit ihnen.

Die Frauen mit ihren Waschkörben auf den Köpfen kamen vorüber und erwiderten lachend die Scherzworte und Fragen, die ihnen zugerufen wurden.

Sie waren eben mit einem Spiel zu Ende, als der Maultiertreiber, ein kurzer stämmiger Mann mit tiefbraunem Gesicht, schwarzem Haar und rundem schwarzen Bart, aus der Türe trat und sein Tier losband, das den grauen, mit roten Tuchquasten an der Stirn und einem breiten Messingring über den Nüstern geschmückten Kopf schüttelte. Andere Gäste folgten ihm; alle redeten lebhaft durcheinander. Bontempi trat hinzu.

»Habt ihr gehört?« rief er aufgeregt zu den Spielenden hinüber.

»Was ist?« antwortete der Fleischer, der auf der Bank saß und sich aus der Flasche Wein ins Glas goß, während Amadio am Boden kauerte und mit seinem Stock die Entfernung zwischen zwei Kugeln maß. Titino, eine Kugel in der Hand, sah zu.

»Habt ihr gehört? In Canobbio ist eine Frau getötet worden!«

Im Augenblick standen alle drei an der Straße. »Die des Tito Cueco«, sagte der Maultiertreiber ruhig. »Er war in Südamerika, schon seit zwei Jahren, und die Pierina, seine Frau, fing mit einem andern an. Übers Meer laufen die bösen Gerüchte und kommen bis zu ihm. Er nimmt das Geld aus der Bank, denn er verdiente gut, sagen sie, fährt herüber und landet in Genua und kommt gestern Nacht heim, und heute morgen finden sie die Haustüre offen und eine Blutlache im Zimmer, und die Frau tot im Bett, den Hals durchschnitten und ein Messer im Herzen!«

»Oh Schauder! oh was für ein Sünder!« rief der Pfarrer.

»Er hat seine Ehre gerächt«, sagte Cesare Sora.

»Er hat die Ehre gerächt«, wiederholte Bontempi.

»Es ist die Strafe Gottes ... aber sie wird auch ihn treffen ... oh welch ein Sünder!«

»Hochwürdiger Herr, Sie haben Recht,« sagte Amadio, »aber was wollen Sie? er hatte auch Recht! holla, Titino, was ist denn?«

Die Bocciakugel aus Titinos Hand war dem andern auf den Fuß gefallen. Totenbleich stand Titino da und zitterte.

»Er kann nicht von Blut reden hören ...«

»Das könnte ich bei meinem Gewerbe brauchen!« sagte Cesare Sora.

»Haben sie ihn verhaftet?« fragte der Schreiber.

»Er ist versteckt.«

Sie berieten lebhaft, ob er entkommen oder ob er sich stellen werde.

»Gott erbarme sich seiner,« sagte der Pfarrer, »welch eine Welt, Kinder! welche Strafen Gottes!«

»In unserem Dorf,« sagte der Maultiertreiber, »sind wir alle Ehrenmänner. Meine Sache ist es nicht. Mit dem Schwatzen verdient man kein Geld!«

Mit einem Ruf trieb er sein Tier an, und beide verschwanden im Staub der Straße zwischen Büschen und Häusern.

Titino saß auf der Steinbank und Bontempi reichte ihm ein Glas mit Wein, das er austrank. Dann stand er auf, nahm die Hose über den Arm und ging.

In einiger Entfernung vor sich sah er die dunkle große Gestalt des Pfarrers in der Dämmerung ausschreiten. Er suchte ihn nicht einzuholen. Zu Hause fand er die Erminia, die ihn still erwartete. Sein Abendbrot stand auf dem Tisch. Sie setzte sich mit ihrer Näharbeit zu ihm, aß aber nicht mit, denn es war der Tag, an dem sie, der Madonna zu Liebe, fastete. Auch Titino hatte keinen Hunger und rührte die Speise kaum an.

»Was hast du, Titino?« begann sie schüchtern.

Aber er sah sie nur böse an und ging, ohne zu antworten, aus der Stube. »Sie hat mich in all das gebracht!« sagte er zu sich selber.

 

Das Haus der Cesarina Tosin stand auf dem Wege, der nach dem Kloster und von dort in einer guten halben Stunde nach San Calisto führte. Die Tosin war eine tüchtige Frau; sie wurde mit ihrem Manne, ihren sechs Kindern und ihrer Arbeit fertig. Vor ihrem Hause war ein steinerner Brunnen im Schatten einer mächtigen Kastanie, und wenn sie am Brunnen beschäftigt war, blieben die Vorüberkommenden stehen, um mit ihr zu plaudern.

An einem dieser Tage sah sie die Nina Piratelli vorüberkommen, Erminias verheiratete Schwester, die Frau Tonio Pezzullis, des Gärtners, die in San Calisto wohnte. Der Tag war heiß, und die Nina trat gerne zu ihr in den Schatten und an die Kühle des plätschernden Wassers. Sie kam, Mutter und Schwester zu besuchen. Die Cesarina wischte die nasse Hand und den Arm ab, um sie zu begrüßen. Nachdem sie sich gegenseitig nach ihren Familien erkundigt und über den Mord in Canobbio gesprochen hatten, kamen sie auf Erminia zu reden.

»Immer das Gleiche, Tante Cesarina!« sagte die Pezzulli, »Armer Titino!«

Aber die Cesarina hatte darüber ihre eignen Gedanken. Vor etwa einer Woche hatte sie den Titino beobachtet, der sich auf dem Wege allein glaubte: er hatte vor sich hingeträllert und dabei ein vergnügt heimliches Gesicht gemacht, und plötzlich hatte er laut vor sich hingelacht. Daraus hatte sie ihre Schlüsse gezogen.

»Wer weiß? wer weiß?« sagte sie jetzt, »ich will der Kleinen wohl; und wenn sie einmal ein Kind zur Taufe tragen, will ich gern die Patin sein.«

Nina schüttelte den Kopf. »Die Erminia ist schrecklich eigensinnig,« sagte sie »wie ein Maultier!«

»Nun, sie hat ihn doch genommen!« meinte die Cesarina.

 

Die Csarina hatte ihre Beobachtung gemacht, ehe die Nachricht aus Canobbio gekommen war. In diesen Tagen sah Titino anders aus. Und weder in jener Nacht, noch in den folgenden brachte er den Mut auf, zur Frau des Mazzarelli zu gehen. Dann aber kam eine wundervolle laue Septembernacht, und trotz seiner Angst schlich er den Hügelweg hinauf.

 

»In sechs Wochen kommt Oreste«, sagte die Lucia.

Titino fuhr empor. »Das sagst du mir so?«

»Warum sollte ich dirs nicht sagen? du weißt es doch!«

»Und dann?« flüsterte er.

»Oreste ist eifersüchtig. Du wirst selten kommen können.«

Lange sprach Titino kein Wort. Lucia gähnte. Plötzlich fuhr Titino zitternd empor. Draußen tönte ein Schritt.

»Still!« sagte leise die Frau. Beide lauschten. Titino fühlte, wie ihm ein kalter Schweiß auf der Stirne ausbrach.

Wieder tönten Schritte. Jemand ging dem Hause entlang.

Als Titino sich wieder rühren konnte, griff er nach seinen Kleidern und stand reglos an der Kammertüre. Die Lucia aber war ans Fenster gegangen und fragte »Wer ist da?«

Es kam keine Antwort. Jemand ging draußen langsam auf und ab. Auf einmal begann Lucia zu lachen. »Der Esel ist es!« sagte sie halblaut, »Ich habe den Stall zu schließen vergessen.«

Sie stieß den Laden auf. Der Mond schien hell. Draußen stand der Esel und graste.

Sie drehte sich lachend um; das Mondlicht fiel voll ins Zimmer und sie sah den totbleichen Titino an der Kammertüre.

»Du hast eine schöne Furcht gehabt, Feigling« sagte sie.

Titino schlug ein Kreuz und murmelte ein paar Worte. »Vergiß du deinen Esel nicht nochmals, Lucia,« sagte er dann, »den andern Esel, der ich bin, flehst du nicht wieder hier!«

»Gehst du zu deiner Heiligen, Titino?« fragte sie höhnend.

»Lasse du meine Frau! spricht nicht von ihr!«

»Danke, Titino! ... geh jetzt, ich will schlafen!«

»Ich gehe.«

Plötzlich faßte sie ihn mit den Armen und küßte ihn auf den Mund. »Oh Titino, du bist dumm!« sagte sie wie beim ersten Mal.

Im Garten graste der Esel im Mondschein unter den Mandelbäumen und spitzte die Ohren, als er Titino vorüberschleichen hörte.

In den Nächten bisher war er glücklich und in sichrem Gefühl durch das schlummernde Dorf heimgegangen. Heute ging er in Todesangst. Er hatte nur den einen Gedanken, daß alles ungeschehen, alles ein Traum, und er aus aller Gefahr sein möchte. Immer wieder glaubte er Schritte zu hören und duckte sich in die Büsche, ehe er weiter ging. Der Mond stand tief, die Straße war im Dunkeln. Ein Hund bellte. Eine Katze lief über seinen Weg. Und als er zum Fluß hinabkam, sah er wirklich einen großen Schatten sich bewegen. Es schien ein Mensch mit einem breiten Hut, genau wie der Pfarrer damals auf dem Heimgang, nur daß er jetzt auf ihn zukam. Wenn der Pfarrer ihm nachgespürt ... ihn jetzt ertappte ... Die Schatten waren zwei geworden.

Sie mußten ihn bemerkt haben. Sinnlos rannte Titino zurück. Einer kam klirrend hinter ihm her, erreichte ihn und faßte ihn am Kragen. Es war ein Karabiniere in seiner schwarzen Uniform, den Dreispitz aus dem Kopf, Revolver und Seitengewehr umgeschnallt. »Es ist ein anderer Tito,« sagte er, als der zweite herankam, »was zum Teufel treibst du dich bei Nacht herum? sollen wir dich für alle Fälle mitnehmen?«

Kein Wort brachte Titino hervor.

»Auf guten Wegen ist der nicht!« sagte der andere Karabiniere, der ihm fremd war.

»Es ist Titino Zanetti, der Schneider, der den Heiligen macht!«

»Scheint mir ein schöner Heiliger!«

»Warum bleibst du nicht zu Hause und machst mir meine Hose fertig?«

Was wollt ihr?« sagte Titino, der sich gefaßt hatte, »ich habe mich geängstigt! ich bin froh, daß ihr es seid, ihre Herren Karabinieri!«

Von drüben beim Walde oben tönte ein Pfiff. »Auf, wir haben keine Zeit!« sagte der erste wieder, »Gute Nacht, Titino! schlaf gut!«

Sie entfernten sich nach dem Walde zu. Titino aber mußte sich auf die Steinmauer setzen, ehe er weiter ging. Er war aller Dinge und seines Lebens satt.

Als er den engen steinigen Weg von der Brücke aufwärts ging und sich seinem Hause näherte, sah er Licht darin. Das wunderte ihn. Als er eintrat, fand er wieder alles dunkel. Erminia schien zu schlafen; wenn sie auf ihn gewartet hatte, so hatte sie das Licht gelöscht, sobald sie die Türe gehen hörte.

Er warf sich auf seine Bettstatt in der Kammer und konnte lange nicht einschlafen. Dann quälten ihn wüste Träume. Er kam von der Lucia, wie er wirklich gekommen war, aber einen ganz andern Weg: durch die Steinschlucht im Walde, in der Tito Cucco sich versteckt hielt, nur daß es nicht Tito Cucco, sondern der Oreste Mazzarelli war, der seine Frau ermordet hatte und nun auch ihn zu töten suchte. Er lief in großer Angst, kam aber nur schwer vorwärts weil es steil aufwärts ging. Vor sich sah er eine Flammenwand, an der ein großer Schatten drohend entlangschritt und auf ihn zukam. »Es ist der Herr Pfarrer!« dachte Titino. Der stand bereits drohend vor ihm und sagte »Nie habe ich so einen Sünder gesehen, wie dich Titino! so einen Lügner! du machst den Heiligen!« und er griff nach ihm, um ihn in die Flammen zu schleudern. »Aber wenn ich den Heiligen mache, so machen Sie doch nicht das Gewerbe des Teufels, Hochwürden!« rief Titino und staunte über seine eigene Keckheit. »An allen ist nur die Erminia schuld, die die Heilige macht! nur die Weiber sind schuld! die Erminia und die Lucia, die eine so, die andere so! sie haben mich verrückt gemacht! die zwei!« Und es schien ihm, daß er sehr gut und überzeugend redete. In der Tat war er vorläufig nicht im Feuer; er sah gar keine Flammen mehr; er schritt durch die nächtliche Dorfstraße und der Pfarrer ging wieder wie ein Schatten vor ihm, aber er trug den Dreispitz und die Uniform der Karabinieri. Überall um sein Haus standen die Karabinieri. »Den nehmen wir auch mit!« sagte der eine, »er hat meine Hose nicht gemacht!« Den Tito Cucco hatten sie bereits, aber es war wieder der Oreste Mazzarelli, der jetzt zur Türe hereinkam; er ritt auf dem Esel, der seine Hufe auf Titinos Brust setzte, während Oreste sein Messer zog. »Zu Hilfe, ihr Herren Karabinieri! Mörder!« schrie Titino. Er vermochte nicht zu fliehen, er konnte kein Glied rühren. »Nun bin ich tot,« dachte er, »und komme wirklich in die Hölle.«

Er war erwacht, und das Tageslicht schien durchs Fenster der Kammer. Sein Traum erschreckte ihn sehr, aber er konnte nicht umhin zu finden, daß er dem Pfarrer sehr gut geantwortet hatte; auch konnten es unmöglich die Flammen der Hölle, sondern nur die des Fegefeuers gewesen sein.

Er stand auf. Im andern Zimmer hatte Erminia das Frühstück für ihn bereitgestellt. Aber er erwiderte ihren Gruß nicht, sondern warf nur einen bösen Blick auf sie.

Vor ihm hing die schwarze Paradehose des Karabiniere, die längst hätte fertig sein sollen. Auch mit seiner Arbeit ging es zurück. An allem waren die Weiber schuld.

Auf dem Tisch lag ein Zettel: Cesare Sora wollte seine Jacke haben, die er zum Füttern gegeben hatte. Erminia hatte es mit großen Kinderbuchstaben für ihn aufgeschrieben. Sie war in die Küche gegangen; er hörte sie mit den Töpfen hantieren, während er im Schrank vergeblich nach dem Futter suchte. »Erminia!« rief er.

Sie kam, und er fragte nach dem Stoff. »Welchen Stoff?« fragte sie.

»Den Futterstoff, den rotweiß gemusterten, der hier im Schrank war ...«

»Den?!« sagte sie gedehnt. Den hatte sie vorgestern, sie habe ganz vergessen, es ihm zu sagen, ihrer Schwester Nina gegeben, die solch einen Stoff gebraucht hatte, um ihr den Weg nach der Stadt zu ersparen, da es so sehr heiß war ... die Schwester wolle ihn auch gewiß bezahlen, fügte sie vor seinem Zorn erschreckend hinzu.

»Nun kann ich nach der Stadt gehen!« schrie Titino, »denn beim Amadio bekomm' ich den Stoff nicht! wenn ich ihn überhaupt bekomme! Der Stoff gehört mir gar nicht. Der Schlächter hat ihn mir fürs Futter gegeben! jetzt sitz' ich drin! ich hab dir gesagt, du sollst meine Sachen lassen! und deine dummen Eigenmächtigkeiten! ...«

Er stampfte und weinte beinahe vor Wut. »Titino!« sagte sie ängstlich und legte die Hand auf seinen Ärmel. Aber er stieß sie beiseite und warf die Elle auf die Erde und die Schere und das Glas mit den Blumen, daß es in Scherben flog.

»Jesus!« rief Erminia erschrocken.

Aber Titino war jetzt ganz weiß im Gesicht. »Verfluchte!« sagte er gar nicht laut. »Nichts, was du mir nicht zum Schaden tust! dir dank ich das ganze Elend! verflucht der Tag, an dem ich dich genommen! du kannst in dein Kloster gehen! für immer! ich halte dich nicht! mich wirst du nicht mehr sehen! ich gehe nach Amerika!«

Er riß seinen Hut vom Nagel, lief aus dem Hause und schlug die Türe zu.

Sie war allein. Eine ungewöhnliche Stille war im Haus. Das Glas mit den Blumen hatte er zerschlagen; er hatte gar nicht gesehen, daß sie es für ihn hingestellt hatte. Sie bückte sich zunächst und las die Scherben und die Blumen auf, dann holte sie ein Tuch aus der Küche und rieb den Fußboden trocken, legte die Elle und die Schere an ihren Platz.

Nun erst, da alles in Ordnung war, kamen ihr die Tränen. Ihr nächster Gedanke war, nach San Calisto zu laufen und den Stoff wiederzuholen. Aber das hatte ja jetzt keinen Zweck mehr. Auch hatte ihn die Schwester sicherlich längst zugeschnitten.

Es blieb ihr nichts übrig als ins Kloster zu gehen. Unter den Rosen und Orangenbäumen des Gartens, in dem die schwarzweißen Nonnen gingen, war Friede; dort konnte sie all die Quälerei vergessen. Titino hatte ja doch gar nicht gesehen, daß sie Blumen für ihn auf den Tisch gestellt hatte, und sie so gescholten. Sie nahm einen Korb, ging in den Garten und füllte den Korb mit Trauben, die sie von den Weinranken an den Pfeilern des kleinen Vorbaus schnitt, um sie ins Kloster mitzubringen. Dann zog sie einen schwarzen Rock und ihre guten Schuhe an und legte ein seidenes Kopftuch um.

Nochmals ging sie durch den Garten und schnitt weiße Rosen ab, tat sie in ein Glas und stellte es auf den Tisch, sie wußte selbst nicht warum. Auch das Madonnenbild an der Wand bekränzte sie mit Rosen. Und plötzlich warf sie den Kopf auf den Tisch, sie mußte wieder weinen, wie sie damals mit ihrer Mutter geweint hatte.

Endlich raffte sie sich auf, besprengte sich mit Weihwasser aus dem kleinen Gefäß, das an der Türe hing, schlug ein Kreuz und ging. Vom Wege warf sie einen Blick auf das Haus, das still und sehr verlassen in der Sonne lag.

Im Kloster mußte sie Rat finden, aber sie hatte keine frohen Hoffnungen bei dem Gedanken.

Die Hitze war noch immer drückend und der Korb war schwer, und immer wieder mußte sie Tränen abwischen.

Da wurde sie angerufen. An ihrem Brunnentrog im Schatten der Kastanie stand die Cesarina Tosin mit einem Kruge. Erminia fühlte sich so matt, daß sie herankam und, ihren Korb auf dem Haupt, stehen blieb.

»Setze dich doch und stelle den Korb ab, es ist heiß«, sagte die Cesarina. Und Erminia tat es. »Wie geht es bei euch?« fuhr die Frau fort, »ist Titino wohlgelaunt?«

Erminia schwieg.

»Er schien mir doch so?« Erminia gab keine Antwort, die Tränen liefen ihr wieder übers Gesicht. »Was ist denn, Kleine?«

»Er war so böse, Tante Cesarina, und hat mich so gescholten! zum erstenmal! er sagt, ich soll ins Kloster gehen, und er will auswandern!«

»So?!« sagte die Cesarina und sah die andere scharf an. Dann schwieg sie eine Weile, und meinte zuletzt: »Das wundert mich nicht!« Erminia schluchzte. »Schau, meine Kleine, ich mische mich nicht ein. Aber eines sage ich dir: heilig sein ist schön und gut, vor der Zeit oder nach der Zeit, – ich möchte ja lieber nach der Zeit heilig sein, – aber Erde und Himmel zugleich kann man nicht haben. Der Titino ist ein hübscher Junge und fleißig und gutartig.« Erminia nickte. »Alle werden sagen: wenn er auswandert, ist's deine Schuld. Und wenn er hier bleibt, Erminia, dann nehmen die andern Weiber dir ihn weg. Ich glaube, sie haben ihn dir schon genommen!«

Blutrot sah Erminia auf. »Was weißt du?« rief sie.

»Nichts weiß ich ...

»Er geht jede Nacht fort!«

»So?!« sagte die Cesarina und stand in Gedanken verloren. »Darum ...!« sagte sie zuletzt. »Er geht also zur andern!«

Erminia biß sich auf die Lippen. Sie hätte das nicht sagen sollen. »Was weißt du?« rief sie wieder.

»Nichts weiß ich. Ich sagte ja auch nichts; ich rede nur ...«

»Wer ist es?« rief Erminia wieder, ohne auf sie zu hören. Sie war jetzt ganz weiß. Beide sahen einander ernst an, die große breite Frau und das zarte junge Geschöpf. Endlich sagte die Cesarina:

»Sieh nur! sieh nur! ... Komm hinein und schau in den Spiegel: so kannst du nicht auf der Straße weitergehen ... Ihr tut mir leid, beide, und ich will dir einen Rat geben. Komm!«

In diesem Augenblick erschienen zwei braune Gesichter um ' das Haus; sie sahen die Base an. »Guten Tag, Erminia!« sagten sie. »Wie geht's?« und lachend fragte die eine: »Was macht dein Titino?«

»Sei still!« rief die Mutter, »schämt euch, Sandra, Adela! und geht!«

Lachend verschwanden die braunen Gesichter. »Komm!« wiederholte die Cesarina und legte den Arm um Erminia, die noch immer starr dastand, und führte sie ins Haus.

 

Als Titino am andern Morgen erwachte, – er war spät aus der Stadt zurückgekommen, das Paket mit dem rotweiß gemusterten Stoff lag auf dem Tische, – da stand die Erminia zitternd an seinem Lager. »Titino,« sagte sie, »lieber Titino!« und streichelte seine Hände.

Er sah sie ganz erstaunt an, dann kam ein Strahlen in sein Gesicht, und er zog sie an sich und küßte sie.

»O welche Welt! So ein Lügner!« sagte Don Colarosa, der Pfarrer, als Titino ihm gebeichtet hatte. Und er legte ihm eine Buße auf, die nicht zu schwer war. »Geh hin und sündige nicht mehr!« sagte er zum Schlusse, und dann mehr für sich selbst: »Man soll nicht vor der Zeit heilig werden«, wie die Cesarina.

 

Mehrere Wochen später, im Dorf war ein Fest, gegen Mittag war eine Prozession gewesen; in steifen weißen Kleidern mit künstlichen Blumen im Haar waren die Marienkinder hinter dem Kreuz gegangen; auch die Erminia hatte fromm mitgesungen. Jetzt drängten sich Männer, Frauen und Kinder in ihren besten Kleidern, kauften in den Buden, saßen in den Wirtschaften; abends wurde getanzt. Die beiden Carabinieri gingen gemessenen Schritts unter den Bäumen auf und ab oder standen und sahen dem Treiben zu. Titino tanzte mit Erminia.

An einem Tisch saß Oreste Mazzarelli, braun, schwarzhaarig, mit zwei großen Ringen in den Ohren, lächelnd neben seiner Frau. Sie tranken vom besten Wein. Er erzählte, daß er anbauen wolle, solange die Jahreszeit noch gut sei. In seinem Stalle stand neben dem Esel eine junge Kuh. Die Lucia trug ein neues Kleid und eine silberne Kette. Ihr rotblondes Haar sah unter dem Seidentuch hervor.

»Das sind zwei schmucke kleine Leute,« sagte ein Fremder neben ihnen, auf den Schneider und seine Frau weisend, »die sind glücklich miteinander!«

»Ja,« sagte die Lucia nachdenklich, »man muß den Leuten nur guten Rat geben!«

*


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