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31.

Es war der Doctorin peinlich, daß die Wittwe kein Ende finden konnte, die Großmuth ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu rühmen; aber wie viel sie auch bat und ablenkte, immer kam die Rede darauf zurück. – Ich hätte, sagte die Doctorin endlich, so gern über meinen Bruder mit Ihnen gesprochen, aber wie ich wol sehe – –

In dem Augenblick schloß sich der Mund der Wittwe, und desto offner stand nun ihr Ohr. –

Sie glauben wol nicht, daß hinter der scheinbaren Heiterkeit, womit ich zu Ihnen kam, sich ein sehr bitterer Verdruß versteckte? Gleichwol ist es nicht anders. Ich habe über meinen Bruder zu klagen, recht sehr zu klagen.

Unmöglich! Ueber so einen Bruder?

Ja ja! Ueber so einen: – Eben daß er so einer ist – –

Liebe Frau Doctorin! – Sie war ganz sichtbar gekränkt.

Ich kann mir nicht helfen; ich trage mein Herz auf der Zunge. – Sehen Sie, Freundin! Nichts in der Welt thut mir weher, als wenn man mir meine guten Gesinnungen nicht erwidert, wenn man mich für meine Offenheit mit Verschlossenheit, für mein herzliches Zutrauen mit kaltem Mißtrauen belohnt. – Sagen Sie, was Sie wollen: so etwas ist ärgerlich, ist abscheulich.

Will ich es denn vertheidigen? Aber daß Ihr würdiger Bruder – –

O, ich sehe schon: Sie werden auf ihn Nichts kommen lassen; Sie sind zu sehr seine Freundin.

Wenn ich's nicht wäre! – Sie hatte Thränen im Auge.

Indessen sind Sie doch auch Freundin von mir, und Sie werden gerecht sein. – Ich will das Aergste setzen, was doch sicher nicht ist: daß mein Bruder eine Sache auf dem Herzen trüge, die ihm eben nicht Ehre machte; kennt er denn nicht seine Schwester, seine liebreiche Schwester, die Alles in der Welt eher thun würde, als ihn verrathen?

Kennt er nicht seinen redlichen Schwager, der von jeher so innig Theil an ihm nahm, und der ihn auch jetzt mit Rath und That so gern unterstützen würde? Muß er auf tausend Fragen, auf tausend Bitten, daß er sich öffnen wolle, noch immer verschlossen bleiben?

Aber darf ich denn hören –?

Da ist sehr wenig zu hören. Leider weiß ich oder errathe ich nur das ganz Allgemeine: Er liebt!

Er – liebt? – fragte die Wittwe, nicht ohne Stocken; denn in dem Augenblick sah sie ihn vor sich, den biedern, den edlen Freund, wie er beim Abschiede die Hand ihr so glühend küßte, daß auch sie sich im Herzen sagte: Er liebt!

Alle Anzeichen sind wenigstens da: ein unablässiges Seufzen; ein stieres Hinblicken auf einerlei Fleck; eine weiche, kränkliche Sprache; ein feuchtes, schmachtendes Auge. – Aber wen er liebt, wen? – mit keinem Bitten, keinem Zureden ist das herauszubringen. – Es wird doch wol in Ewigkeit keine Person sein, die nicht mehr frei wäre? die ihr Herz schon verschenkt hätte?

O gewiß nicht! gewiß nicht! sagte die Wittwe – und gerieth über dieses rasche, ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit, eine Verwirrung –

Also Sie wissen? – indem sie ihr näher rückte.

Nichts, liebe Freundin. Ich weiß davon Nichts; aber – – ich schließe aus seiner Denkungsart, seinem Charakter, daß – wenn er so etwas merkte – –

Nun, dann rathe ich nicht länger. Denn daß er eine Person lieben sollte, die er zu nennen mit Recht Bedenken trüge, die seiner unwürdig wäre: – nein, das will und das mag ich nicht rathen.

Ich bitte Sie. Keinen solchen Gedanken! – Sie enthielt sich kaum einer Thräne; denn so möglich es blieb, daß nicht sie diese Person war, so konnte sie doch nicht umhin, sich an deren Stelle zu setzen.

Lassen Sie mich ganz freimüthig herausgehen! Ich wende mich nicht ohne Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit über, da er Ihre Bücher berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. – Natürlich ward er mit Ihnen vertraut.

Die Wittwe zitterte vor Dem, was nun folgen würde. Sie erröthete und erblaßte.

Sollte da in so manchem Gespräche, in so manchem ungezwungenen, unbelauschten Gespräche – denn Sie waren ja wol meistens mit ihm allein – –

Das freilich; aber – –

Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verrathen haben? Sollte nicht irgend ein Wörtchen gefallen sein, das uns Licht geben könnte?

Ich wüßte nicht. Ich müßte zurückdenken, sagte die Wittwe. Doch überhaupt – –

Was überhaupt, liebe Freundin?

Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig gesprochen.

Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem – der Anfang seiner Leidenschaft fällt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis dahin war er noch heiter und munter. Gewiß hat er, neben den Zahlen und Brüchen, noch an etwas Anderes gedacht. – Können Sie sich nicht erinnern, ob Sie einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren?

Ich hatte – niemals Gesellschaft. – Sie wußte sich keinen Rath mehr. Sie pflückte und zupfte an ihren Kleidern.

Nun, so werde ich wol auch hier Nichts erfahren. Ich werde so klug wieder gehen, als ich kam. – Mein Trost muß sein, daß die Zeit endlich Alles an's Licht bringt, und daß auch diese Liebe nicht ewig Geheimniß sein wird. – Indessen glauben Sie nur nicht, daß mich blose Neugier zu Ihnen geführt hat; es war eben so sehr zärtliche Besorgniß um einen Bruder, den ich Thörin noch immer liebe, so wenig er es auch werth ist.

Sie sind hart. – O mein Gott!

Ich sehe ihn blässer, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da ruhig bleiben?

Hinwelken! – Liebe Frau Doctorin!

Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das thut auf die Länge nicht gut; der Bruder muß sich nothwendig erklären.

Die Wittwe gerieth hier in eine Wehmuth, die sie kaum mehr bezwang. Auf Erklärung freilich kam's an: und daß er diese zurückhielt; daß er sich lieber in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus schließen? – Mißbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes Vermögen; standen ihm ihre Kinder im Wege? –

Eigennutz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht läugnen. – Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein Geschöpf, liebe Freundin! – von einer Sanftheit, einer Gefälligkeit, einer Seelengüte! – Wie gern hätte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich immer, daß mein Bruder sie mir zuführen sollte! Wie würde ich sie und um ihretwillen auch meinen Bruder geliebt haben!

Auch ich – sagte die Wittwe – hatte – Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und weinte es so über und über voll, daß sie es wegwerfen und sich ein frisches nehmen mußte.

Gewiß war Madame Lyk, das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerin; und ihre Thränen flossen also ohne Zwang, aus der Hülle des Herzens; aber gewundert würde sich, wenn sie hier hätte zugegen sein können, die kleine Amalie ein wenig haben, daß, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr erwähnt, sie noch jetzt ein so reichliches Thränenopfer erhielt.

Auch die Doctorin zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht; sie verbarg ein Lächeln dahinter. – Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem Gespräche abbrechen; denn wozu einander wehmüthig machen? Wir wollen denken: was hin ist, ist hin, und was im Grabe liegt, kommt nicht wieder.

Das kommt freilich nicht wieder, schluchzte die Wittwe.

Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. – Mein Bruder ist wol auch nicht so hinfällig, als meine Besorgniß ihn macht; wenigstens, wie ich diesen Mittag sah, hat er noch gute Eßlust: und die, denke ich, ist eben kein Zeichen zum Tode. Sie lächelte. – Uebrigens wird er jetzt schwerlich nach Br.. gehen; er wird, denke ich, hier bleiben: und da – –

Er wird hier bleiben? fragte die Wittwe, und schien durch dieses Wort ein wenig getröstet.

Ich denk' es, sagt' ich. – Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder zu Kräften helfen. Vernünftig wird er ja auch wol am Ende werden, und wird sich erklären. Meinen Sie nicht? – Sie lächelte wieder.

Die Wittwe gerieth über die plötzliche Veränderung des Tons und der Geberde der Doctorin in nicht geringe Verwirrung. Fast mußte sie glauben, daß nicht des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und daß jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse. Diese Vermuthung bestätigte sich, als die Doctorin mit voller Heiterkeit fortfuhr: ich bekomme denn doch noch wol eine Schwester; o! ich bekomme sie ganz gewiß; eine eben so gute, sanfte, liebreiche Schwester, als die ich verloren habe. Mich däucht, ich sehe die holde Seele schon vor mir. – Sie hatte die Hand der Wittwe genommen, der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab; und die Wittwe, unbewußt, was sie that, und zu spät darüber erschreckend, erwiderte nicht allein diesen Druck, sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein sanftes Lächeln. Sie war böse über die Hinterlist ihrer Freundin, und war's doch auch nicht; sie ärgerte sich über die heitere Miene derselben, und war doch auch froh darüber; sie wußte selbst nicht recht, wie sie gesinnt war. Aber allein wäre sie gern gewesen, um alles Gesprochene noch ein Mal zu überdenken, und bei sich auszumachen, wie viel oder wie wenig sie wol von ihrem Herzen verrathen habe.

Die Doctorin, als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hätte, stand auf, um Abschied zu nehmen. Es wird spät, sagte sie; ich muß fort. Leben Sie wohl, meine gute, sanfte, liebe – – ach mein Gott! ich hätte bei einem Haare gesagt: Schwester! Sie sehen wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit meines Bruders habe. – Was meinen Sie? Soll ich ihm ganz wieder gut sein?

Ach liebe Freundin! Sie waren ihm noch keinen Augenblick böse.

Nicht? Wirklich nicht? – und nun erfolgte eine wärmere, längere Umarmung, als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte.

Auf der Flur fand die weggehende Doctorin den ältesten Sohn der Lyk, den sie aufhob und küßte. Der jüngere lag an einer kleinen Unpäßlichkeit nieder. Sie hatte den schnellen Einfall, die Mutter zu bitten, daß es ihr morgen früh erlaubt sein möchte, den Kleinen holen zu lassen, um ihn einem der größten Kinderfreunde, ihrem guten, alten Vater, zu zeigen, der an der schönen Gestalt und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergötzen würde. – Er kann, sagte sie, mit meinem eigenen Kleinen spielen, und kann bei uns essen. – Die Mutter bewilligte das, und der Knabe hüpfte und sprang vor Freuden. – –

Zu Hause machte die Doctorin ihren Mann, aber noch mehr ihren Bruder, durch die mitgebrachten Nachrichten sehr glücklich. Besonders rührte den Letztern die Unterstützung, die sein Vater der Wittwe hatte angedeihen lassen; er empfand darüber eine Freude und eine Dankbarkeit, wie er sie über die größte, ihm selbst erwiesene Wohlthat nickt würde empfunden haben. Aber unzufrieden war er, daß die Schwester mit dem Inhalte des Gesprächs, welches zwischen ihr und der Wittwe vorgefallen war, so sehr zurückhielt, und daß er mit allem Forschen Nichts weiter herausbrachte, als blos: er werde geliebt; er werde ganz sicher geliebt; und sie, die Schwester, stehe ihm für ein freudiges Ja, sobald er es fordern würde, mit ihrem Leben. Was die Wittwe Alles gesagt, und durch was für Züge sie ihr Herz verrathen habe: das verhüllte auch ihm ob er gleich Bruder und Liebhaber war, der Schleier des weiblichen Zartgefühls; nur dem Ehemanne ward, im vertraulichen Schlafkämmerlein, dieser Schleier ein wenig gelüftet.


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