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16.

Die Gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfüllen, fand sich für den Doctor gar bald. – Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nächste Mal zu ihm hineintrat: wie stehts? – Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen.

Anstalten, lieber Vater? Wozu?

Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch Fieber? – Ein ihm eigenes flüchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen schien anzudeuten, daß er die Krankheit des Sohns eben nicht für die ernsthafteste halte.

Es steht, wie es steht, sagte der Doctor, der diese Gelegenheit, für den Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten Posttag abgefertigt hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wußte er, war das Herz des Alten für Eindrücke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen; denn die Gegenwart, die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in die Vergangenheit pflegte er immer mit großer Gemüthsruhe zurück, so wie in die Zukunft mit froher Hoffnung vorwärts zu blicken.

Sie reden ja ganz bedenklich, erwiderte er dem Doctor. Es wird doch nichts Schleichendes werden? – Da möcht' es mit der vorhabenden Reise noch langen Anstand haben. – Er lächelte wieder.

Bis jetzt ist es Flußfieber; sonst Nichts. – Daß sich etwas Schlimmeres dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der Fälle.

Aber es läßt sich doch vorbauen? Nicht?

Allerdings. – Auch wüßt' ich nicht leicht, für welchen Kranken, wenn es zum Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen würde, als für den Bruder. Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm verkenne, so weiß ich doch, daß er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu unsern edelsten jungen Bürgern gehört.

Das klingt gar schön; in der That! Und am schönsten wol in dem Ohr eines Vaters.

Sie haben mich fast abgeschreckt, über den Bruder mit Ihnen zu reden.

Wie das? – Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn sie mir Beweise davon zu erzählen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich will hören. – Leider würden solche Dinge für mich nur zu sehr den Reiz der Neuheit haben.

Und woher wollten Sie auch, daß sie Ihnen bekannt sein sollten? – Ihr Sohn ist mit dem Guten, das er gethan hat, nie laut geworden.

Das klingt ja immer noch schöner. – Er beugte sich gegen den Doctor vor, und setzte mit einem kleinen ungläubigen Kopfschütteln hinzu: Sie haben mich ganz neugierig gemacht. Was für Wunderdinge werde ich denn hören?

Der Doctor hatte keine Noth, unter den Beweisen von dem Edelmuthe seines Schwagers zu wählen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem Gedächtniß.– Sie erinnern sich doch, fing er an, des unglücklichen Verhältnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu welchen boshaften, verleumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige Mann durch kaufmännischen Eigennutz hatte verleiten lassen?

Ich weiß das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte, wenn's zu Ihrem Zwecke nicht unumgänglich nöthig ist, so lassen Sie's ruhen! – Als der Mann sich hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran in sein Grab.

Edel! – Und wahrlich! will dort ich sie nicht wieder hervorziehen. – Nur gestehen Sie, daß es noch edler, als bloses Vergessen ist, wenn man so bittere Beleidigungen, die für den Menschen nicht minder kränkend als für den Kaufmann waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, mühsamsten Diensten erwidert. Und wer that das? fragte der Alte begierig.

Ihr Sohn. – Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber so heftig und sein Körper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemüths vereitelt. Ich suchte ihr auf den Grund zu kommen, und es fand sich, daß er die schmerzlichste Sehnsucht fühlte, sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und daß er nicht ruhig glaubte sterben zu können, wenn er nicht durch die aufrichtigste und wehmüthigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert hätte. Ich erbot mich zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglücklichen Mann zu besuchen, so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier oder an einer natürlichen Herzenshärte, sondern blos an seinem allgemeinen Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen könnte. Als er sich endlich entschloß, mir zu folgen, und nun den Unglücklichen ansichtig ward, der ihm unter lautem Schluchzen die zitternden Arme entgegenstreckte, da war auf einmal jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, daß er mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zustürzte, und ihn mit Inbrunst umarmte. Das Menschliche, Edle, Großmüthige seines Benehmens rührte jeden Gegenwärtigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmüthigste bin, bis zu Thränen. Wie viel Mühe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen und ein Bekenntniß zurückzuhalten, das für ihn so beschämend und kränkend sein mußte! Aus wie vollem Herzen strömte ihm das Wort der Versöhnung, als ihm seine innere Erschütterung es endlich auszusprechen erlaubte! »Fordern Sie,« sagte er, »fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn er irgend in meinen Kräften steht, so betheure ich Ihnen vor Gott: ich will ihn mit Freuden geben. Kann ich Ihnen, kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in diesem Augenblicke? kann ich's in Zukunft? Womit? Womit? – Ich erwarte nur Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer sein mag – –«

Der Alte saß in seinem Sessel, vor lauter Zuhören, so still, daß er kein Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zurückzustoßen, und jetzt auf einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper.

Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklärung des Bruders zu einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheueren Arbeit kennen lernte, die ihre Erfüllung kostete. Er gestand, daß seine Handlungsgeschäfte in Verwirrung, seine Bücher in nicht geringer Unordnung wären.

Das will ich glauben, sagte der Alte. –

Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmündigen Kleinen, wenn ihn Gott von der Welt rufen sollte.

Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche.

Der auch wol sicher erfolgt wäre, wenn die unermüdbare Geschäftigkeit Ihres Sohnes nicht gethan hätte.

Wie?

Das Geständniß des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein heiliges Wort gab, daß er auf den Fall seines Todes nicht ruhen wolle, als bis er Alles, so gut er es immer möglich finde, in Ordnung gebracht habe.

Und er hielt's? rief der Alte hitzig.

Mit der pünktlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend, in jenem Hause der Trauer unter den verdrießlichsten Geschäften zu, verglich Brüche, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein lieber Vater, ihn auf Bällen, oder in Concertsälen, oder an Spieltischen glaubten. –

Es wäre besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnöthigen Zusatz unterdrückt hätte; denn ohne dem Schwager damit zu nützen, that er sich selbst damit Schaden. Er brachte sich um ein Fäßchen Weins, oder um irgend ein anderes Geschenk, das er sonst für seine angenehme Erzählung gewiß erhalten hätte.

Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist, sagte der Alte empfindlich. – Die Thorheiten meines Sohns, die mich verdrießen mußten, durft' ich erfahren; aber sein Gutes, das mir hätte können Freude machen – –

Der Doctor entschuldigte sich, wegen seines Geheimhaltens, mit dem abgenöthigten Versprechen, zu schweigen; einem Versprechen, das er vielleicht zu gewissenhaft bis auf den Vater ausgedehnt habe. Die kleine Falschheit, die in dieser Erklärung lag, da vorzüglich um des Vaters willen jenes Versprechen war gefordert worden, glaubte er sich vergeben zu können. – Bald darauf erinnerte er sich einiger Kranken, denen er noch Besuche zu geben hatte, und empfahl sich dem Alten. –

Er war schon mehrere Minuten hinaus, als Herr Stark noch in seinem Sessel, von dem er beide Arme bequem herabhängen ließ, mit feuchtem Blick vor sich hinschmunzelte, und in Gedanken das unbegreifliche Bild seines geputzten und gepuderten Sohnes anstaunte, wie er vor dem Krankenbett eines Feindes edelmüthige Thränen vergoß, und ganze Monate lang alles Vergnügen aufgab, um in das Chaos vernachlässigter Handlungsbücher Licht und Ordnung zu bringen. – Er ward durch den Besuch von ein paar Fremden gestört, die für die abgebrannte Kirche zu L.. und die mit abgebrannten Pfarr- und Schulgebäude milde Beiträge sammelten. Er nahm sie mit vieler Leutseligkeit auf, und statt dreißig oder fünfzig Reichsthaler, die er sonst vielleicht geschrieben hätte, schrieb er jetzt volle hundert. – Der erste Buchhalter, Monsieur Burg, trat herein, und suchte mit verlegener Miene einen Brief vorzubereiten, worin ein Verlust von mehreren Tausenden als höchst warscheinlich vorausgesagt ward. – So etwas fällt in einer Handlung schon vor, sagte der Alte und gab ihm den Brief nach nur flüchtiger Durchsicht mit einer Freundlichkeit wieder, als ob er die angenehmste Nachricht von der Welt enthielte.

Den ganzen Abend hindurch war er über die Entdeckung, die er so unvermuthet gemacht hatte, ungewöhnlich heiter und froh; es war ihm, als ob ihm erst jetzt in seinem hohen Alter ein Sohn wäre geboren worden. Als er in seine Schlafkammer ging, gab er vorher der Alten, die solcher ehelichen Zärtlichkeiten schon seit lieben langen Jahren entwöhnt, und daher nicht wenig, aber auch nicht unangenehm erstaunt war, einen recht herzlichen Kuß. Das Einzige, was ihn noch innerlich ärgerte, war der Umstand, daß an einer Waare, die doch tiefer hinein ein so gutes und seines Gespinnst zeigte, gerade das Schauende so schlecht sein mußte.


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