Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

10.

Nun? triumphirte die Doctorin, als der Vater hinaus war; hatt' ich nicht Recht, liebe Mutter? War's des Schreckens und des Aufhebens werth? – So ein kleiner Zwist in einer Familie gemahnt mich, wie ein Feuer in einer Brandmauer. Das brennt schon aus, ohne Lärmschlagen.

Und Du glaubst Dich am Ende? sagte der Doctor.

Völlig. Völlig. Der Vater hält Wort.

Er müßte erst mehr versprochen haben. – Aber gesetzt auch, daß Du zu Deinem Zweck kommst, und daß der Bruder für diesmal bleibt – –

Für diesmal? Warum denn nicht immer?

Wird er von seinen Schwachheiten lassen? Wird der Vater von seinem Eigensinn lassen?

Niemals! niemals! seufzte die Mutter.

Schwerlich! stimmte die Tochter mit ein.

Und also! Was sind wir weiter gekommen? – Wir wollten die innern Ursachen der Uneinigkeit heben, wollten die Quellen des Uebels verstopfen; und da uns nun das nicht gelang – da stellen wir uns hin, und pinseln und pflastern an einem Geschwürchen, das, wenn wir es heute heilen, morgen wieder aufbrechen wird. – Das ist falsche Heilart, fuhr er mit Kopfschütteln fort, wovon ich bei Zeiten zurücktrete, und sie Dir allein überlasse.

Klug! klug und gelehrt! sagte die Frau. – Aber auch Pfuscherarbeit wird manchmal gute Arbeit. Laß mich nur machen!

Wie aber, wenn Du ein Meisterstück machen könntest?

Ein Meisterstück? – Nun?

Er ging mit einem Blick voll Mißmuths umher, und rieb sich die Stirne. – Ach, es ist nicht zu machen. Ei? ist ein frommer Wunsch, weiter Nichts. – Heirathen, heirathen müßte der Bruder. Ein kluges, sittsames, zärtliches Weib müßt' er nehmen.

So eins, wie Du hast. Nicht wahr? – Sie sah ihm freundlich lächelnd unter die Augen.

Nun ja! Und wenn auch nur so eins – –

Boshafter! –

Er bot ihr liebreich die Hand, und zog sie in seine Arme. – So ein Weib würd' ihn zu Hause bei seinen Geschäften halten: denn zu Hause wäre ja sie: es würd' ihm alle die Vergnügungen, denen er jetzt nachläuft, verleiden: denn bei ihr fänd' er ja bessere; es würd' ihn von den kleinen Thorheiten des Putzes und der Modesucht abziehen: denn man putzt sich ja nicht für die Seinigen, nur für die Welt. –

Er fand den größten Beifall mit dieser Rede. Die Frau liebkoste ihn, und die Schwiegermutter ertheilte ihm Lobsprüche.

Alle Quellen des Mißvergnügens wären dann auf einmal verstopft. Der Vater und wir alle wären zufrieden

– Ja, wenn es möglich wäre, fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, indem er lebhafter umherging – wenn es möglich' wäre, daß er die Wittwe – die gute Wittwe – –

Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan, und brachten ihm ihre Gesichter so nahe, daß er erschrak und zurücktrat. – Was ist denn? Was hab' ich gesagt? fing er an.

Die Wittwe! riefen sie Beide aus Einem Munde. – Sprachen Sie nicht von einer Wittwe, Herr Sohn? Erwähntest Du nicht einer Wittwe, mein Bester? – – –

Der Doctor war unzufrieden, daß er sich mit seinem Geheimniß so bloß gegeben, und versuchte sein Möglichstes, um es noch festzuhalten. Er war durchaus nicht zu bewegen, daß er es im Ganzen, hätte herausgeben sollen. Indessen riß, durch das ewige Fragen, bald die Frau, und bald die Schwiegermutter, ein Stück davon ab; und so bekamen sie endlich so viel davon in die Hände, daß er nicht absah, warum er den unbedeutenden Rest nicht noch freiwillig dazu geben sollte. Ueberdies hatte man ihm das heiligste Stillschweigen gelobt, und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht inständig darum gebeten.

Jetzt, da die Frauenzimmer ihr Geheimniß zu besichtigen anfingen, fand sich, daß sie sehr wenig daran erbeutet hatten. – Die Wittwe hatte Kinder – war ohne Vermögen – war nicht mehr jung: – ihr vier oder fünf und zwanzigstes Jahr mochte sie immer schon zurückgelegt haben; – der Liebhaber schien noch gar nicht entschieden; – der Vater hatte Vorurtheile gegen die Frau; – ihn von Vorurtheilen zurückzubringen, war immer sehr schwer, fast unmöglich: – alle diese Umstände ließen von der Liebe des Sohns, wie aufrichtig und zärtlich sie übrigens sein mochte, keine Heirath, und noch weniger von so einer Heirath eine feste Grundlage für die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen. Man war also wieder in gleicher Verlegenheit, als zuvor.

Indessen tröstete sich die Doctorin mit dem Gemeinspruche, daß der Mensch nicht zu weit vorausdenken, und wenn mir seine nächste Aussicht nicht trübe und gewitterhaft sei, sich beruhigen müsse. Voller Friede, meinte sie, sei wol freilich das Beste; aber auch Waffenstillstand – und diesen wenigstens glaubte sie für die Familie bewirkt zu haben – sei schon nicht zu verachten.


 << zurück weiter >>