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5.

Während Herr Stark über seinen Streifzug gegen das schöne Geschlecht aller Sorgen vergaß, ging der Sohn, voll der äußersten Erbitterung, auf seinem Zimmer umher. – So mich zu mißhandeln, rief er: seinen einzigen leiblichen Sohn; und das in Gegenwart eines so verächtlichen, eines so nichtswürdigen Menschen!

Eines so unbedeutenden, armen Wichts! hätte er sagen können: der sich mit Bücklingen und Schmeicheleien durch's Leben windet, und der übrigens noch eine ganz gute, ehrliche Haut ist –

Mich der Verachtung, dem Spott, dem bittersten Hohngelächter Preis zu geben; und das auf eine so hämische, so gesuchte, so recht ausgekünstelte Art!

Auf eine freilich ärgerliche, aber dem Alten nun einmal gewöhnliche und hier von selbst sich darbietende Art, woher doch, wie sonst immer, der Ehre und des guten Namens geschont ward. –

Mir in dem Augenblicke, wo ich mich hinsetze und für ihn arbeite, so grundlose, so aus der Luft gegriffene, so abscheuliche Vorwürfe zu machen!

Grundlos nun in der That, wenigstens was Spiel und was Nachtschwärmen betraf; aber darum nicht aus der Luft gegriffen; denn unmöglich konnte der Vater von den jetzigen geheimen Gängen des Sohnes anders als nach Ähnlichkeit der ehemaligen urtheilen; und so waren sie in seinen Gedanken noch immer auf die Kaffeehäuser und zum Spieltisch gerichtet. – Daß jetzt wirklich die müßigen Augenblicke des Sohnes und mitunter auch halbe Nächte zu sehr lobenswürdigen, sehr edlen Handlungen verwandt wurden, das war Niemandem weniger als dem Vater bekannt; und diese lobenswürdigen, edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses Aber, daß sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen bekannt werden lassen. –

Doch zu Bemerkungen, die den Vater hätten entschuldigen oder gar rechtfertigen können, war für jetzt der Sohn nicht gestimmt: er sprach vielmehr sich selbst durch die heftigsten, überspanntesten Ausdrücke immer tiefer in den Verdruß hinein; und endigte zuletzt mit dem Entschluß, seine Lage auf einmal und so ganz zu verändern, daß er schlechterdings außer aller Verbindung mit dem Vater hinausträte, nicht blos das väterliche Haus, sondern auch die väterliche Stadt verließe, und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen, was er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst, glaubte er, billigte nicht nur, sondern beföhle diesen Entschluß; denn seine vollen dreißig Jahre hatte er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem Kummer, in so tödtenden Aergernissen und Sorgen, daß die zweiten dreißig zu hoffen Thorheit war; und warum er eines wunderlichen, grillenhaften, unverbesserlichen Vaters wegen mehr als die erste, schönste Hälfte seines Lebens aufopfern sollte, das konnte er nicht einsehen. Sein Herz sprach dagegen zu laut, und im Gesetz fand er's nirgends geschrieben.

In der That war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft gehegter, und selbst bis zum vollständigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei welchem das Wie? und Wohin? und durch was für Mittel? schon längst beantwortet, und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indeß dieser Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genährt hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem höchst erbitterten Gemüthe des jungen Mannes fester setzte als je, und in Kurzem zum entschiedenen, unwiderruflichen Vorsatze ward, so hatte das einen noch ganz anderen Grund, als die Launen des Vaters; aber einen Grund, womit Herr Stark sich so äußerst geheim hielt, daß er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glänzendsten Partien der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den muthwilligen, hämischen Streich, daß sie ihn mit allen seinen Neigungen zu einer Person hinriß, die von den Vorzügen, welche sonst Liebe entschuldigen, auch nicht einen besaß. Weder war sie von besonderer Schönheit des Gesichts oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Blüthe der Jugend, noch zeichnete sie sich durch große, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin an Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer möchten gefunden haben. Güter hatte diese Person vollends nur wenig außer solchen, die es eigentlich blos für den ersten Besitzer sind, und die auf Andere als Güter nie so recht übergehen können: ein Paar liebenswürdige Kinder. Kurz, es war eben die Madame Lyk, wegen deren Herr Specht so verhaßt war, und über die wir den Vater so streng haben kunstrichtern hören.

Es ist bekannt, daß man in lebhaften Träumen zuweilen sich selbst fragt, ob man denn wache oder nur träume? und daß die Antwort immer das Gegentheil des wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmals, wenn er der Madame Lyk in sehr zärtlichen Empfindungen gegenüber saß, sich ganz ernstlich befragt, ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die Antwort gefallen: frei. Gleichwol war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz wohl zu Muthe; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht unmöglichen, und nur zum Scherz so angenommenen Fall, daß er irre, konnte er alle die bitteren Höhnereien vorausdenken, womit ihn zu Hause der Vater, und außer dem Hause die vielen Familien verfolgen würden, die mit der beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Töchter auf einen so reichen Erben und zugleich so schönen, blühenden Mann, als Herr Stark, trotz allen vom Vater erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben möchten. Das Beste wäre auf diesen Fall gewesen, Madame Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging, so lange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Gründen nicht an: und so ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste dahin näher bestimmt, daß man sich von diesem Orte je eher je lieber müßte loszureißen suchen. – Doch, wie gesagt, mit diesem stärkeren, eigentlich entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewußtsein; Herr Stark hätte Leib und Leben darauf verschworen, daß es blos der wunderliche, unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen einzigen Sohn, welcher so lange Jahre für ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte. Wie gut sein Herz sein müsse, erkannte er hierbei aus dem Kummer, womit er an den übelen Ruf und an die außerordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte unausbleiblich gerathen müßte; aber einmal wollte es dieser nicht anders haben, und der Sohn konnte nicht helfen.


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