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Vierundzwanzigstes Kapitel. Das letzte Glied der Kette

Asbjörn Krags überraschende Erklärung, die er ruhig und gelassen vortrug, schien den Rittmeister vollständig zu lähmen.

»Nicht ihr Vater!« stammelte er und sank in seinen Lehnstuhl zurück. »Dagny ist nicht Oberst Holgers Tochter?«

»Nein«, antwortete der Detektiv. »Sie ist nicht seine Tochter.«

»Das kann ich nicht begreifen!« rief der Rittmeister und stützte den Kopf in die Hand. »Jetzt stürzt alles um mich zusammen. Treibst du auch keinen Scherz mit mir?«

»Wie kannst du so etwas denken?« rief der Detektiv. »Ich habe mich nur entschlossen, daß du heute nacht noch alles erfahren sollst. Du selbst kannst wählen, ob wir uns zuerst auf die Jagd nach dem Mörder machen sollen. Das ist das eine Drama. Oder ob du zuerst die Wahrheit über Fräulein Dagny Holger erfahren willst. Das ist das andere Drama. Und diese beiden Dramen stehen sonderbarerweise tatsächlich in keinerlei Zusammenhang. Und doch haben der Zufall, die Zeit und die Menschen diese zwei Angelegenheiten untereinander gebracht und ein großes Rätsel daraus gemacht. Und jetzt ist das Rätsel gelöst.«

»Erzähle mir zuerst von Dagny!« bat der Rittmeister. Er war sehr blaß geworden, und seine zitternden Lippen verrieten die tiefe Bewegung, in der er sich befand. Die Spannung der letzten Stunden hatte seine gewohnte Ruhe vollständig erschüttert.

»Wie ich dir bereits gesagt habe, ist Oberst Holger nicht Dagnys Vater«, fing Asbjörn Krag an.

»Hat sie das die ganze Zeit über gewußt?«

»Nein, sie hat bis vor wenigen Wochen geglaubt, Holger sei ihr Vater. Sie hatte auch gar keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Wie du weißt, ist Holger Witwer: seine Frau ist vor achtzehn Jahren gestorben. Dagny ist jetzt zwanzig Jahre alt, und so war es selbstverständlich, daß sie sich an ihre Mutter nicht mehr erinnern konnte. Holger nahm das Kind zu sich, als es wenig über ein halbes Jahr alt war. Damals lebte er in Deutschland. Die Jahre vergingen, und der vorzügliche Pflegevater bewahrte das Geheimnis: wahrscheinlich dachte er, er könne es mit ins Grab nehmen. Aber da tauchte eines schönen Tages der Schuft, der Rechtsanwalt Bomann, auf mit einem Bündel Briefe. An jenem Tage begann das Trauerspiel. Lieber Freund, ich sehe, du möchtest etwas fragen.«

»Ich verstehe nur nicht, warum diese Tatsache so ängstlich verborgen werden mußte. Warum sollte der Oberst sie nicht als seine Pflegetochter anerkennen?«

»Unter gewöhnlichen Umständen hätte er das wohl auch von Anfang an getan. Aber es liegen hier besondere Umstände vor, die den Hintergrund für die Tragödie bilden.«

»Warum hat er sie überhaupt zu sich genommen?«

»Weil sie die Tochter seines besten Spielkameraden und Jugendfreundes war.«

»Schön. Aber dies erklärt doch weiter gar nichts.«

»Dieser Mann lebt noch«, sagte Krag gewichtig.

Der Rittmeister stand auf und ging gedankenvoll auf und ab. Er fing an, den Zusammenhang der Dinge zu ahnen.

»Dieser Mann lebt also noch?« sagte er. »Wie heißt er?«

»Das bin ich nicht verpflichtet, dir zu sagen, um so mehr, als er nach den neuesten Nachrichten kaum mehr lange leben wird.«

»Wo lebt er?«

»In Deutschland.«

Der Rittmeister ging zu dem Detektiv hin, sah ihm fest ins Gesicht und sagte:

»Ich bin stark genug, alles zu hören.«

»Ich sehe, du hast erraten, um was es sich handelt.«

»Dagnys Vater hat also sein Kind seither nicht mehr gesehen?«

»Nein, seit achtzehn Jahren nicht. Er selbst wollte es so.«

»Und ihre Mutter?«

»Sie ist gestorben.«

Nun entstand eine Pause, eine unheimliche Pause. Die beiden Männer schauten einander ins Gesicht.

»Bei demselben Anlaß?« fragte der Rittmeister.

»Ja.«

»Hat er sie umgebracht?«

»Ja.«

»Großer Gott! Weshalb?«

Asbjörn Krag zuckte die Achseln.

»Wer weiß?« sagte er. »Es war ein fürchterliches Drama. Der Mann, Dagnys Vater, wurde zum Tode verurteilt, nachher aber zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt. Jetzt liegt er auf dem Totenbette. Aber ehe er lebendig ins Grab ging, trat sein Jugendfreund Holger auf und erleichterte die Last seines Kummers dadurch, daß er das Kind zu sich nahm. Er gelobte seinem Freunde, es als seine eigene Tochter zu erziehen und keinem Menschen von dem entsetzlichen Drama zu erzählen, das sich abgespielt hatte. Der unglückliche Vater dachte wohl, wenn Holger seine Tochter gerichtlich adoptierte, so werde sie doch, wenn sie erwachsen sei, zu wissen verlangen, wer ihre Eltern waren, und dann könne sie nicht hinters Licht geführt werden. Damit kein solch schwarzer Schatten auf die Jugend des unglücklichen jungen Mädchens falle, hat er verlangt, daß es so gemacht werde, wie es gemacht worden ist, und Holger gab sein Wort, das Geheimnis zu bewahren.

Aber nun taucht plötzlich dieser Schuft mit seinen Dokumenten auf. Er war der Sohn eines Sachwalters, mit dem der unglückliche Mann geschäftlich zu tun hatte. Dadurch ist es Bomann gelungen, seine Finger in die Geschichte zu stecken. Er war der Typus eines gewissenlosen Spekulanten und Jobbers. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß er seinerzeit wegen einer skandalösen Wechselgeschichte nach Amerika flüchten mußte. Nach dem Tode seines Vaters kam er wieder zurück. Aber dort, im Lande der großen Möglichkeiten, hat er wahrscheinlich gelernt, welcher Nutzen sich aus solch einer Sammlung von Dokumenten ziehen läßt, die das Wohl und Wehe einer ganzen Familie betreffen.

»Daß ein solcher Schuft nicht hinter Schloß und Riegel gesetzt werden kann wie jeder andere Betrüger!«

»Dazu ist es jetzt jedenfalls zu spät«, meinte der Detektiv. »Im Leben trat er sehr geschmeidig auf. Er band sich die Maske der Gewissenhaftigkeit und Gesetzlichkeit vor und fing seine Verhandlungen mit dem Obersten damit an, zu behaupten, nachdem er einmal in den Besitz dieser Papiere gelangt sei, verlange es die Pflicht und seine eigene Sicherheit, sie dem Gericht vorzulegen. So war die Kugel ins Rollen gebracht, der Mann wurde immer dreister in seinem Auftreten, und ich habe ihn stark im Verdacht, daß er die Heirat mit Dagny anstrebte, um sich dadurch die verlorene gesellschaftliche Stellung wiederzugewinnen.

Oberst Holger hat einen Fehler gemacht Er hätte sich selbstverständlich sofort an dich wenden müssen. Aber er mißdeutete dein schweigsames und strenges Wesen und meinte, den Geboten seines Gewinns zu gehorchen, wenn er der Tochter alles erzählte. Das tat er eines Vormittags, und nun weißt du die Ursache ihres plötzlich veränderten Wesens. Das Resultat ihrer Ueberlegungen war, daß vorläufig einmal die Verlobung mit dir rückgängig gemacht werden müsse, jedenfalls bis sich die Sache auf die eine oder andere Weise geklärt habe. Nun glaube ich bestimmt, daß es eigentlich gar nicht so schwer gewesen wäre, die Angelegenheit zu ordnen. Aber da kamen die beiden Ueberfälle. Lieber Freund, kannst du ihr vergeben, daß sie dich einen Augenblick – nur einen einzigen Augenblick – wegen des Ueberfalles auf Bomann im Verdacht gehabt hat?«

»Ich vergebe ihr alles!« erwiderte der Rittmeister. »Sie muß entsetzlich gelitten haben.«

»Ja. sie hat sehr viel gelitten«, sagte Krag. »Aber sie ist jetzt gefaßter, nachdem ich zuletzt mit ihr gesprochen und ihr auseinandergesetzt habe, daß die beiden Ueberfälle nichts mit der anderen Angelegenheit zu tun haben.«

»Ja, die beiden Ueberfälle!« bemerkte der Rittmeister. »Die werden nach dem, was du mir gesagt hast, immer rätselhafter. Nun sehe ich überhaupt keine Lösung mehr.«

Asbjörn Krag schaute auf die Uhr.

»Nachdem ich dich mit diesen Auseinandersetzungen so lange aufgehalten habe, erlaubst du wohl, daß ich noch einige Minuten warte, ehe ich dir den Mörder zeige«, sagte er.

»Warum nicht gleich? Bist du so sicher, daß er nicht flüchtet?«

»Er flüchtet nicht«, erwiderte Krag.

»Worauf wartest du denn noch?«

»Ich warte auf einen Expreßboten vom Bahnhof. Wie du weißt, kommt um halb zwei Uhr ein Schnellzug hier durch. Er hält zwar für gewöhnlich hier nicht, ich habe aber verlangt, daß er diesmal halten soll.«

»Wer kommt mit dem Zug?«

»Ein Beamter von der Detektivabteilung in Oslo.«

»Was will er?« fragte der Rittmeister. »Dir bei der Verhaftung des Mörders beistehen?«

»Durchaus nicht«, antwortete Krag. »Er soll mir nur ein Dokument überbringen. Und dieses Dokument ist das letzte Glied in der Kette.«


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