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Siebzehntes Kapitel. Wer ist der Mörder?

Die Leute wichen scheu zurück, als der Rittmeister näher kam. Das Flüstern hörte vollständig auf.

Der Rittmeister, der sah, daß etwas geschehen sein mußte, beflügelte seine Schritte. Er war im Jagdanzug und hatte sein grünes Hütchen tief ins Gesicht gezogen. Die Hände hatte er in den Taschen seiner Joppe vergraben. Ein Hund lief hinter ihm her. Das Erscheinen des Rittmeisters machte unwillkürlich auf alle einen unheimlichen Eindruck und vermehrte das Entsetzen über den toten Mann.

»Was ist da los?« fragte der Rittmeister.

Asbjörn Krag gab keine Antwort, er deutete nur auf die Leiche. Der Rittmeister blickte nach dem Baume und schauderte.

»Großer Gott!« flüsterte er. »Das ist ja entsetzlich!«

Er beugte sich über die Leiche, erkannte den Toten und warf Krag einen raschen Blick zu.

»Er?«

Krag nickte und nahm den Freund beiseite.

»Wie ist das zugegangen?« fragte Rye.

»Das weiß niemand.«

»Ist er ermordet worden?«

»Sieh selbst!« sagte der Detektiv. »So, wie er da unter dem Baume liegt, ist er gefunden worden. Meinst du, er sei ins Gras gefallen und habe sich dabei so verletzt?«

»Nein. Aber das ist ja fürchterlich. Und wann ist das geschehen?«

»Wann das geschehen ist? Das will ich dir sagen. Das ist gestern abend geschehen.«

Bei diesen Worten betrachtete Krag seinen Freund forschend und kummervoll.

»Um welche Zeit?« fragte der Rittmeister.

Krag rechnete nach.

»Rechtsanwalt Bomann ist gestern abend um halb acht Uhr von zu Hause weggegangen. Das Ereignis muß sich gegen neun Uhr begeben haben.«

»Das Ereignis?« fragte der Rittmeister. »Du betonst dieses Wort so besonders.«

»Ja, das tue ich mit Absicht.«

Der Detektiv deutete auf das Gehölz, dessen Zweigs sich im leichten Frühlingswind regten und bewegten, und führte seinen Freund einige Schritte darauf zu.

»Dort, jenseits dieser dunklen Bäume stand ich gestern abend um neun Uhr, und da hörte ich einen Schrei, der mir durch Mark und Bein ging«, sagte er leise. »Du weißt, daß ich nicht furchtsam bin, aber in diesem Schrei lag eine solche Angst und ein solches Entsetzen, daß ich zusammenfuhr. Dann horchte ich, ob sich der Schrei wiederholen werde, aber ich hörte nichts mehr.«

Der Detektiv deutete auf die schweigenden Menschen, die um den Toten herstanden.

»Von hier kam der Schrei«, sagte er. »Der Rechtsanwalt hat ihn in der höchsten Todesnot ausgestoßen.«

Der Rittmeister fuhr zusammen.

»Um neun Uhr?« murmelte er. »Du bist um halb zehn Uhr nach Hause gekommen. Warum hast du mir nichts von dem Schrei erzählt?«

»Weil ich ihn mit dieser Sache nicht in Verbindung gebracht hatte.«

Plötzlich faßte der Detektiv seinen Freund hart am Arme.

»Hast du den Schrei gehört?«

»Nein.«

»Aber du warst doch um jene Zeit im Freien?«

»So?«

»Ja, du bist spazieren gegangen. Das hat mir dein eigener Verwalter erzählt. Und du hast also nichts gehört?«

»Nein, ich habe nichts gehört«, antwortete der Rittmeister.

»Welchen Weg hast du gemacht?«

Der Rittmeister runzelte die Stirne.

»Das klingt ja wie ein Verhör«, sagte er.

»Lieber Freund, das ist vielleicht auch ein Verhör«, erwiderte Krag sehr freundlich. »Jetzt will ich dir erklären, wie sonderbar dieser Fall liegt.

Du hattest Grund, zwei Männer zu fürchten. Sie beide bist du nun los, den einen für Monate, den andern für immer. Der eine war der alte Oberst Holger. Er wurde überfallen zu einer Zeit, wo du nachweislich in der Nähe warst. Der andere war der Rechtsanwalt Bomann hier, der einen schweren Eid geschworen hatte, dich zur Verurteilung zu bringen. Er ist gestern abend zwischen acht und neun Uhr ermordet worden. Und genau um diese Zeit hast du dich auf einem Spaziergang befunden. Der Ueberfall auf Bomann ist auf dieselbe Weise ausgeführt worden wie der auf den alten Obersten Holger. Du mußt zugeben, daß das sonderbar und unheimlich ist. Meinst du, es sei nicht angebracht, daß ich einige Fragen an dich richte?«

»Ich will dir die Antwort nicht verweigern. Ich ging gestern abend in südlicher Richtung, vielleicht ist das der Grund, daß ich den Schrei nicht gehört habe.«

Plötzlich sah der Rittmeister seinen Freund scharf an.

»Hast du mich im Verdacht?« fragte er.

»Nein.«

»Du glaubst immer noch fest an meine Unschuld?«

»Ja, jetzt mehr als je.«

»Warum jetzt mehr als je? Ich meine doch, daß dieser letzte Mord –«

»Lieber Freund, ich will aufrichtig gegen dich sein«, sagte Krag. »Wenn du mich vor ein paar Stunden gefragt hättest, ob ich wisse, wer den Ueberfall auf den alten Obersten gemacht habe, so hätte ich ohne Zögern ›Ja!‹ gesagt. Ich bin froh, daß du mich nicht gefragt hast.«

»Du hast gemeint, der dort habe es getan?«

»Ja, ich war fest davon überzeugt. Und ich hatte von dieser Voraussetzung aus eine Hypothese aufgestellt, die in allen Gliedern vollständig stimmte. Ich meinte, es fehlten mir nur noch einige psychologische Züge. Und nun ist plötzlich alles zusammengestürzt. Der Tote dort wird gefunden. Das beweist doch, daß der Advokat genau denselben Feind hat wie der Oberst. Dieser gemeinsame Feind kannst entweder du sein, lieber Ivar, oder auch –«

»Oder?« fragte der Rittmeister gespannt.

»Oder auch ein anderer, ein geheimnisvolles Wesen, von dem ich nicht weiß, wer es ist, das aber die Gegend hier unsicher macht. In diesen beiden Verbrechen sind einzelne Züge von Sinnlosigkeit und Zufall, daneben sehen sie aber auch wieder planmäßig aus. Das Sinnlose könnte andeuten, daß ein Verrückter im Spiele ist, der vor keiner Tat zurückschreckt. Lieber Freund, ich fürchte, daß wir noch auf mehr Rätsel stoßen werden. Es können noch große Dinge geschehen. Aber nun müssen wir zurück und den Toten näher betrachten.«

Als die Freunde zu der Leiche zurückkehrten, bemerkten sie, daß der Menschenschwarm während ihrer Unterredung größer geworden war. Alle starrten mit Neugier und schlecht verhehltem Unwillen den Rittmeister an, der wie gewöhnlich anscheinend kühl und gelassen dastand.

Es war nicht notwendig, besonders aufzupassen, daß niemand die Leiche, berührte, denn die Leute hielten sich in respektvoller Entfernung. Asbjörn Krag knöpfte des Toten Gummimantel über seiner Brust zusammen, und der stellvertretende Amtsrichter befahl, daß der Tote in dessen Zimmer gebracht werden solle, damit die vorläufige Leichenschau beginnen könne. Rasch wurde aus Zweigen eine Art Bahre verfertigt, der Tote daraufgelegt und fortgetragen. Langsam gingen die Menschen hinterher.

Es war ein seltsamer Leichenzug.

Asbjörn Krag blieb noch eine Weile am Tatort zurück, um vielleicht irgendeine Spur zu finden. Er untersuchte den Erdboden sehr genau, lange, beinahe unnötig lange, kam es dem Rittmeister vor, der daneben stand und zusah. Als Krag fertig war, stand er auf und fragte:

»Kannst du dich erinnern, wie der alte Holger gekleidet war, als er gefunden wurde?«

»Nicht genau. Aber ich weiß bestimmt, daß er einen Regenmantel anhatte.«

»Ja, nicht wahr? Einen gelbbraunen Gummimantel?«

»Sehr richtig. Ich habe ihn oft in diesem Mantel gesehen.«

»Einen ganz ähnlichen Mantel wie der von Rechtsanwalt Bomann?«

Der Rittmeister stutzte.

»Du hast recht. Der Rechtsanwalt hat auch einen gelblichen Gummimantel an. Es ist nicht genau derselbe wie der des Obersten. Bomanns Mantel ist neuer und gelber.«

»Das spielt keine Rolle.«

»Sollten wirklich die Gummimäntel bei der Sache von Bedeutung sein?« fragte der Rittmeister.

Der Detektiv hob den Kopf, als ob er etwas wittere, und blickte wie geistesabwesend ins Leere.

»Was denkst du?« fragte der Rittmeister.

»Ich denke – ich denke –« antwortete Krag immer noch wie aus weiter Ferne. »Ach ja, ich denke an die Gummimäntel.«

Aber plötzlich tat er einen Ausruf, der bewies, daß er doch nicht ausschließlich nur an die Gummimäntel gedacht hatte.

»Ei verflucht, das Dokument!« rief er aus.


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