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Dreiundzwanzigstes Kapitel. Eine Wendung

Der Rittmeister fuhr zusammen.

»Du hast sie heute abend gesprochen?« fragte er.

»Ja, vor zwei Stunden.«

Der Rittmeister blickte seinen Freund forschend an.

»Hat sie dir etwas mitgeteilt?«

»Ja, sie hat mir mitgeteilt, was sie wußte, zufällig wußte ich aber mehr als sie. Ich ging zu ihr mit der festen Absicht, sie nun endlich zum Sprechen zu bewegen. Ich hatte sie schon früher darum gebeten, aber sie war mir immer ausgewichen. Armes Mädchen! Sie hat eine entsetzliche Zeit zu durchleben.«

Der Rittmeister ging aufgeregt im Zimmer hin und her.

»Und mir hat sie nichts gesagt!« murmelte er.

»Nein, und das einzig und allein aus Rücksicht auf dich, den sie geliebt hat und noch liebt. Die Ereignisse haben sie zur Verzweiflung gebracht, und sie hat sehr schweren Herzens mit dir gebrochen. Wenn sie sich von dem alten Obersten hätte raten lassen, so wäre die Verlobung nicht aufgehoben worden, aber das Mädchen selbst wollte es so.«

»Sie selbst?« rief der Rittmeister und sperrte die Augen weit auf.

»Ja, sie selbst, und zwar aus Rücksicht auf deine Ehre.«

Der Rittmeister setzte sich seinem Freunde gegenüber. Es war deutlich zu sehen, wie schwer er mit seiner Bewegung zu kämpfen hatte.

»Die Sache wird immer rätselhafter«, sagte er. »Aber nun weißt du also alles, und nun werde auch ich alles erfahren. Die Tür ist verschlossen. Du kommst nicht eher hinaus, bis du mir alles erzählt hast.«

Asbjörn Krag lächelte und deutete auf das zerbrochene Fenster.

»Du bist grausam und spannst mich auf die Folter.«

»Durchaus nicht. Gib mir eine Zigarre.«

Der Rittmeister holte eine Kiste Zigarren. Krag wählte eine aus und zündete sie an. Der Rittmeister krümmte sich förmlich unter des Freundes sicherer Gelassenheit.

»Weißt du jetzt, wer der Mörder ist?«

»Ja.«

»Und er ist immer noch auf freiem Fuße?«

»Ja, das kann man wohl sagen.«

Der Rittmeister schaute seinen Freund an.

»Das kann man wohl sagen? Ich verstehe dich nicht.«

Aber Asbjörn Krag ließ sich nicht aus seiner unerschütterlichen Ruhe bringen. Er nickte bloß und wiederholte:

»Gewiß, man kann wohl sagen, daß der Kerl auf freiem Fuße sei.«

»Und noch immer ebenso gefährlich?«

»Durchaus ebenso gefährlich.«

»Aber warum in aller Welt bietest du dann nicht alle vorhandenen Männer auf, um ihn zu fangen?«

»Das ist in diesem Augenblick nicht notwendig«, erwiderte Krag. »Aber wenn ich es angebracht finde, den Kerl zu überführen, kostet es mich nur einige Schritte und ein einziges Wort, ihn zu fangen.«

»Er ist also hier in der Nähe?«

»In unserer nächsten Nähe.«

Erschreckt schaute der Rittmeister den Detektiv an.

»Du hast doch nicht einen von meinen Leuten im Verdacht?« fragte er.

»Du sollst alles erfahren, wenn ich einmal so weit bin. Vorerst müssen wir ein wenig von Rechtsanwalt Bomann reden. Du bist doch auch überzeugt, daß er ein Schuft gewesen ist?«

»Ja, das habe ich begriffen.«

»Er hat den Lohn für seine Taten erhalten. Er ist es gewesen, der Dagny so bedroht hat, daß sie ihre Verlobung mit dir löste.«

»Großer Gott! Wenn ich das gewußt hätte!« rief der Rittmeister und ballte die Hände. »Sie hat ihn also gekannt?«

»Sie hatte ihn niemals gesehen, ehe er hier in der Gegend auftauchte.«

»Aber wie ging es dann zu, daß ...«

Asbjörn streifte die Asche von seiner Zigarre.

»Lieber Freund«, sagte er, »du weißt, daß es gewisse lichtscheue Wesen gibt, welche mit Mitteln arbeiten, die ehrliche Menschen nicht benützen können, ohne sich aufs gemeinste besudelt zu fühlen. Er war im Besitz einiger Dokumente, und auf Grund dieser Dokumente zwang er Dagny Holger gegen ihres Vaters Willen und gegen ihre eigene starke Neigung zu handeln. Sie war in seiner Macht.«

Der Rittmeister wurde blaß wie der Tod.

»Ein wahres Glück, daß der Mann tot ist«, sagte er.

Asbjörn Krag sah seinem Freund forschend ins Gesicht und fuhr dann ebenso gelassen wie vorher fort:

»Am selben Abend, wo der Rechtsanwalt starb, befand sich Dagny Holger in seiner Stube. Nein, sei ganz ruhig, lieber Freund, sie war allein dort. Sie hatte einen Zeitpunkt getroffen, wo er ausgegangen war, und bahnte sich dann den Weg in seine Stube. Ich wähle mit Absicht den Ausdruck sie bahnte sich den Weg! Du kannst daraus entnehmen, zu welchem Grad von Verzweiflung das junge Mädchen gebracht war. Es war ihre Absicht, die gefährlichen Dokumente zu stehlen, die der Rechtsanwalt in seinem Besitz hatte. Aber sie konnte sie nicht finden und mußte sich unverrichteter Sache davon schleichen.«

»Hat sie dir das alles erzählt?«

»Nein«, erwiderte Krag. »Aber ich fand in Bomanns Zimmer einen Ring, der ihr während des Suchens vom Finger geglitten war. Den nahm ich heimlich an mich und zeigte ihn ihr später. Es war ihr Ring. Vielleicht kennst du ihn auch.«

Der Detektiv legte einen schmalen Ring mit einer Perle auf den Tisch. Der Rittmeister griff danach und ein schmerzlicher Zug glitt über sein Gesicht.

»Vor einem Vierteljahr an einem herrlichen Wintermorgen habe ich ihr diesen Ring geschenkt«, flüsterte er vor sich hin. »Aber die Dokumente!« fuhr er dann aus. »Was ist aus den Dokumenten geworden?«

»Die waren, wie gesagt, nicht in der Wohnung zu finden. Wenn ein Schuft im Besitz von solch wichtigen Papieren ist, dann trägt er sie womöglich immer bei sich. Als seine Leiche gefunden wurde, fand ich auch die Papiere.«

»Zeige sie mir!« flehte der Rittmeister erregt.

»Nein«, erwiderte der Detektiv. »Die Papiere gehören Dagny. Sie hat sie von mir ausgehändigt bekommen, und ich nehme an, daß sie sie sofort verbrannt hat.«

»Und durch diese Papiere ist also das Geheimnis enthüllt worden?«

»Zum Teil wenigstens«, antwortete Krag. »Durch diese Papiere habe ich ergründet, warum es Dagny für unmöglich hielt, sich mit dir zu verheiraten. Ich kann dir aber nur so viel sagen, daß sie um keinen Preis den andern, den Schurken geheiratet hätte.«

»War davon wirklich die Rede?«

»Ich vermute, daß der Rechtsanwalt darüber mit dem alten Holger reden wollte, als er ihm den beinahe drohenden Brief schrieb und ihn zu einer Zusammenkunft aufforderte. Ich nehme jedoch an, daß der Rechtsanwalt gar nicht dazu kam, mit dem alten Holger zu reden. Wahrscheinlich war er zur gegebenen Zeit zur Stelle, aber schon vorher hatte den alten Obersten der gefährliche Schlag getroffen.«

»Er war also schon vorher von dem Mörder überfallen worden?«

»Ja, von demselben, der später den Schurken selbst erschlagen hat. Das Schicksal wollte, daß dieser den Lohn für seine Taten ernten sollte.«

»Und der Mörder?« fragte der Rittmeister. »In welchem Zusammenhang steht er mit Dagny und der ganzen Geschichte?«

Asbjörn Krag sperrte in geheucheltem Erstaunen die Augen weit auf.

»In gar keinem«, sagte er. »Dadurch gerade wurde die Sache so sonderbar und war schwierig zu ergründen. Hier handelt es sich nicht um eine einzige Sache, sondern um zwei. Die sind ganz verschieden und haben nichts miteinander zu tun, haben sich aber in sonderbarer Weise ineinander verwickelt. Bisher hatte ich mich selbst gefragt: Wer hat den alten Obersten überfallen, und welche Absicht hatte er dabei? Ich habe versucht, diese Frage auf Grund der vorliegenden Umstände zu beantworten, kam aber zu keinem befriedigenden Resultat. Die andern, die sich dieselbe Frage vorgelegt hatten, kamen zu dem Schluß, du seiest der einzige, der ein Interesse an des alten Mannes Tod haben könne. Ich, der die ganze Zeit über von der Voraussetzung ausgegangen war, daß du dir nichts vorzuwerfen hättest, begegnete diesem Verdacht mit den Enthüllungen über den Brief des Rechtsanwalts und sein ganzes drohendes Auftreten. Auf diese Weise lenkte ich den Verdacht in eine andere Bahn. Aber dann wurde der Rechtsanwalt ermordet, und damit warst du wirklich rettungslos verloren. Wer sonst als du sollte irgendein Interesse daran gehabt haben, ihn aus dem Weg zu räumen? So kam ich auf den Gedanken, die beiden Fälle einmal vollständig auseinander zu halten. Wenn man annimmt, daß die beiden Morde nichts mit der Verlobung und mit den Drohungen des Rechtsanwalts zu tun haben, dann wird das Ganze viel durchsichtiger und erklärlicher.«

»Die beiden Morde!« stieß der Rittmeister hervor. »So ist Dagnys Vater seiner Verletzung erlegen?«

»Dagnys Vater?« fragte der Detektiv. »Der, den du meinst, ist am Leben und befindet sich, wie ich erfuhr, auf dem Wege der Besserung.«

»Der, den du meinst?« wiederholte Rye. »Was soll das heißen?«

»Er ist gar nicht ihr Vater«, antwortete Krag.


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