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Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Geheimnisvolle

Es wurde ganz still im Zimmer, als Asbjörn Krag eintrat. Er schaut sich forschend um, und als er den mit einem Revolver bewaffneten Verwalter erblickte, lächelte er unwillkürlich. Er deutete auf die Schießwaffe und fragte:

»Ist etwas vorgefallen?«

»Nein, nichts als dies«, erwiderte der Rittmeister.

»Ah, ich sehe, das Fenster ist eingeschlagen. Aber was soll das heißen, daß du und deine Leute bis an die Zähne bewaffnet seid?«

»Wenn du auf die Uhr siehst, so wirst du bemerken, daß es ein paar Minuten über zwölf ist. Wir waren eben im Begriff, deinen ausdrücklichen Befehlen nachzukommen. Das ist das Ganze.«

»Ja, natürlich«, sagte er. »Deshalb habe ich ja auch dafür gesorgt, daß ich genau zur rechten Zeit hier war. Ich wollte nicht noch einen Jagdzug durchs Gelände haben.«

»Noch einen Jagdzug?« fragte der Rittmeister in mißbilligendem Tone.

»Ja, vor einer Stunde ungefähr zog eine johlende Schar aus dem Hofe und zerstreute sich über Wiesen und Felder. Diese Menschen haben mir meinen ganzen Plan verdorben.«

Der Rittmeister deutete abermals auf das zerschmetterte Fenster.

»Hier hat jemand eindringen wollen«, sagte er.

»Auf diese Weise?«

»Ja, wie du siehst, hat er das Fenster eingeschlagen. Sogar einige von den Rähmchen sind zerschmettert.«

»Wenn jemand herein wollte, warum in aller Welt ist er dann nicht durch die Türe gegangen?« fragte Krag.

Der Detektiv sprach ruhig und mit halb ironischem Lächeln, aber etwas in seiner Art deutete an, daß er nicht ganz bei der Sache sei und daß seine Gedanken mit andern Dingen beschäftigt waren.

»Ich nehme an, daß er durchs Fenster eindringen wollte, um die Aufmerksamkeit meiner Leute nicht zu wecken und den im Zimmer überrumpeln zu können«, sagte der Rittmeister.

»Wer war im Zimmer?«

»Niemand. Ich war nebenan.«

»Allein?«

»Ganz allein.«

»Und um recht unbemerkt eintreten zu können, machte der Betreffende einen solchen Lärm, daß das ganze Haus aufwachen mußte?«

Der Rittmeister zuckte die Achseln.

»Wir haben nur deine Befehle befolgt«, sagte er dann noch einmal. Er wußte nicht, was er sagen sollte.

Asbjörn Krag stand auf, ging auf seinen Freund zu und drückte ihm die Hand.

»Mißversteh mich nicht«, sagte er. »Ich bin dir dankbar, weil ich mich auf dich verlassen kann. Das wußte ich vorher schon. Aber ich denke an ganz andere Dinge. Diese Sache hat wirtlich gar zu viele Seiten. Ich war draußen auf dem Felde, als deine Leute darüber hinzogen.«

»Warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?«

»Lieber Freund, denke doch einmal nach. Da sehe ich ein paar Leute mit baumelnden Laternen übers Feld laufen. Du weißt doch, daß ich draußen war, um auf das geheimnisvolle Wesen zu passen, das hier das Dasein unsicher macht. Was sollte ich denken, als ich diesen sonderbaren Aufzug wahrnahm? Ich legte mich ruhig nieder und ließ den Aufzug vorbeibrausen. Einen Augenblick dachte ich, vielleicht stehst du jetzt vor der Lösung des Rätsels. Die Leute kamen dicht an mir vorbei, und ich sah, daß sie mit Heugabeln bewaffnet waren, und aus ihren Reden konnte ich entnehmen, daß sie jemand suchten. Ich sah, daß es die Dienstleute deines Hofes waren. Kurze Zeit darauf schlichen sich noch ein paar vorbei. Ich meinte fest und sicher, du hättest nicht Geduld genug gehabt zu warten, und die Leute seien ausgeschickt, mich zu suchen. »Was!« dachte ich. »Sollte mein Freund, der Tigerjäger Ivar Rye, nicht einmal mehr so viel Kaltblütigkeit haben?« Ich blieb ruhig liegen, bis die Leute wieder heimgegangen waren. Und dann wartete ich noch eine Weile, denn ich wollte dich dadurch strafen, daß ich erst genau zur angegebenen Zeit zurückkam. Nun sehe ich indessen, daß ich mich geirrt habe. Die Jagd hat einen andern Zweck gehabt. Kannst du mir vergeben?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging Krag an das zertrümmerte Fenster, um es genauer zu untersuchen. Er berührte die Glassplitter unendlich sorgsam, beinahe zärtlich, als ob er bange wäre, eines von den kleinen Dingern aus ihrer Lage zu bringen. Dann nahm er einige von den losen Fensterrähmchen in die Hand und betrachtete sie aufmerksam.

»Ein gewaltiger Schlag!« murmelte er.

»Ja, es sieht aus, als ob das Fenster mit einer Keule eingeschlagen worden wäre.«

Asbjörn Krag nickte.

»Keule, ja. Oder irgend etwas Aehnliches.«

Plötzlich fiel ihm etwas auf.

»Komme doch einmal mit der Lampe«, bat er.

Der Verwalter brachte ihm die Lampe.

Asbjörn Krag untersuchte das Fenster mit seiner Lupe und murmelte vor sich hin:

»Natürlich, das hatte ich ja wissen können!«

Er nahm vorsichtig ein paar von den Glassplittern auf und wickelte sie in ein Stück Papier. Dieses Päckchen legte er in seine Brieftasche.

»Was hast du gefunden?« fragte der Rittmeister.

»Etwas, was ich sofort hätte wissen können, daß ich es hier finden würde.«

Er führte den Rittmeister ans Fenster hin und deutete mit dem Finger an eine Stelle.

»Siehst du da die kleinen dunkelroten Pünktchen?«

Der Rittmeister fuhr zusammen.

»Das ist Blut«, sagte Asbjörn Krag gelassen.

»Dann hat er also das Fenster mit der Hand eingeschlagen!« rief der Rittmeister.

Asbjörn Krag lächelte.

»Meinst du wirklich, dabei wäre nicht mehr Blut geflossen? Versuch es doch einmal, und schlage das andere Fenster ein, so daß die Rähmchen geknickt werden, und sieh dir dann einmal deine Hand an.«

Der Rittmeister schüttelte den Kopf.

»Das begreife ich nicht«, sagte er.

Wieder lächelte der Detektiv.

»Wir wollen aber dennoch einmal den Gedanken festhalten, daß das Fenster mit einer geballten Hand eingeschlagen sein könnte«, sagte er.

»Aber wer ist der Täter?«

»Darüber bin ich vollständig im reinen.«

»Wer, im Himmels Namen?«

Asbjörn Krag machte eine Handbewegung übers Feld hin. Der Rittmeister schauderte, und die Dienstleute, die sich allmählich ins Zimmer gedrängt hatten, drückten sich unwillkürlich eng aneinander.

»Das geheimnisvolle Wesen von da draußen«, antwortete Krag.

»Der Mörder?« fragte der Rittmeister.

»Ja.«

»Aber was wollte er? Wollte er ins Zimmer eindringen?«

»Nein.«

»Nicht? Was in aller Welt wollte er dann?«

»Wer weiß?« sagte Asbjörn Krag lächelnd. »Wer will wissen, was sich im Gehirn solch eines Wesens regt?« Er wandte sich an den Verwalter. »Sie haben nichts Auffallendes in der Nähe des Hauses im Laufe des Abends bemerkt?«

»Nein, nichts außer dem da.«

»Und auch niemand von Ihren Leuten hat draußen irgend etwas wahrgenommen?«

»Nein, sie haben ja nicht einmal Sie bemerkt, Herr Detektiv.«

»Es ist gut. Lassen Sie mich jetzt mit dem Herrn Rittmeister allein.«

»Können wir zu Bett gehen?«

Asbjörn Krag schüttelte energisch den Kopf.

»Keineswegs. Nicht nur Sie, auch die Leute müssen aufbleiben.«

»Müssen wir vielleicht eine neue Nachforschung vornehmen?«

»Ja, haltet nur die Laternen bereit.«

»Müssen wir wieder hinaus aufs Feld?«

»Nein.«

»Dann geht's vielleicht noch weiter fort?«

»Nein, wir wollen unsere Nachforschungen innerhalb des Hofes anstellen.«

»Meinen Sie denn, das geheimnisvolle Wesen sei hier auf dem Hofe zu finden?« fragte der Verwalter, und Entsetzen malte sich auf seinem Gesicht.

»Ja«, antwortete Krag. »Aber gehen Sie jetzt.«

Langsam entfernten sich die Leute. Mit großer Vorsicht machten sie die Tür auf. Es war, als ob sie sich vor etwas fürchteten, das draußen sein könnte.

Als Krag und der Rittmeister endlich allein waren, sagte der Detektiv:

»So, lieber Freund, wir wollen jetzt schnell zur Sache kommen. Ich habe mit Dagny Holger gesprochen!«


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